Unsere Klasse

Weltautismustag – wir sind mehr als nur Arbeitskräfte

Lauter inselbegabte IT-Fachkräfte? Von wegen! Ein Kommentar gegen die Ausbeutung aller Menschen.

Weltautismustag – wir sind mehr als nur Arbeitskräfte

Der heutige Weltautismustag soll dazu dienen, Men­schen, die sich dem autis­tis­chen Spek­trum zuge­hörig fühlen oder diesem zuge­ord­net wer­den, Repräsen­ta­tion zu ver­lei­hen. Doch lei­der wird dieses an sich pro­gres­sive Anliegen gerne dazu benutzt, um unsere Leben den Prof­iten der Bosse unterzuord­nen.

Seit 2008 machen ver­schiedene Organ­i­sa­tio­nen auf die spez­i­fis­chen Bedürfnisse von Men­schen aus dem autis­tis­chen Spek­trum aufmerk­sam. Allzu oft wird unser Bedürf­nis auch einen Teil zur Gesellschaft beizu­tra­gen – statt nur als „Son­der­linge“ am Rand zu ste­hen – miss­braucht, um als fähige Arbeit­skraft bewor­ben zu wer­den, die „pünk­tlich, zuver­läs­sig und kor­rekt“ (Tagess­chau) seinen Dienst tut. Also so wie es die Bosse gerne hätte.

Richtig absurd wird es, wenn uns man­gel­nde soziale Kom­pe­ten­zen als pos­i­tives, aus­beut­bares Attrib­ut aus­gelegt wer­den. Natür­lich hat das Kap­i­tal kein Inter­esse daran, dass wir uns mit unseren Kolleg*innen in der Kaf­feep­ause ver­net­zen. Am lieb­sten hät­ten sie es, wenn wir wie Robot­er – mit denen man manch­mal ver­glichen wird – unser Elend schweigsam hin­nehmen.

Natür­lich find­en wir uns nicht mit dem „zweit­en Arbeits­markt“ ab, wo man uns den Min­dest­lohn ver­wehrt, während die Bosse dieser ange­blich „kar­i­ta­tiv­en Ein­rich­tun­gen“ fette Gewinne machen. Wir find­en uns auch nicht mit dem „ersten Arbeits­markt“ ab, wo uns dauer­hafte Prekarisierung und Befris­tung in out­ge­sourcten Bere­ichen erwarten. Wir wollen gute Arbeits­be­din­gun­gen für alle.

Wohl etwa ein Prozent der Bevölkerung kön­nen dem autis­tis­chen Spek­trum angerech­net wer­den. Das wären in Deutsch­land 800.000 Men­schen. Schätzungsweise 80 Prozent davon sind von Arbeit­slosigkeit betrof­fen, die hier und da durch schlecht bezahlte und befris­tete Beschäf­ti­gung unter­brochen wird. Damit tra­gen 640.000 Men­schen dieses Los. Nur eine kleinere Min­der­heit hochspezial­isiert­er Fachkräfte find­en im IT-Bere­ich eine dauer­hafte und gut bezahlte Beschäf­ti­gung. Doch wed­er kann der deutsche Arbeits­markt 800.000 hochspezial­isierte Fachkräfte aufnehmen, noch besitzt – ent­ge­gen ein­er landläu­fig ver­bre­it­eter Auf­fas­sung – die Mehrzahl autis­tis­ch­er Men­schen eine „Insel­be­gabung“ im Schreiben kom­plex­er Com­put­er­pro­gramme.

Die Lösung beste­ht darin, für eine Wirtschaft zu kämpfen, die nach dem Prinzip funk­tion­iert „jede*r nach seinen*ihren Fähigkeit­en, jede*r nach seinen*ihren Bedürfnis­sen“. Nur in ein­er solchen kön­nen alle Men­schen ihre spez­i­fis­chen Bedürfnisse und Fähigkeit­en in der für alle gewinnbrin­gend­sten Art und Weise ver­wirk­lichen. Denn nicht nur autis­tis­che Men­schen lei­den darunter nur als Teil ein­er Mas­chine der Prof­it­max­imierung einiger weniger zu dienen, son­dern alle Aus­ge­beuteten und Unter­drück­ten.

Daher ist der Kampf aller Aus­ge­beuteten und Unter­drück­ten auch unser Kampf. Wir wollen keinen Tag im Jahr, an dem unsere Arbeit­skraft ange­priesen wird. Was wir wollen ist nicht weniger als eine Welt, in der wir sozial gle­ich, men­schlich ver­schieden und vol­lkom­men frei sein wer­den.

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