Was wir als Pädagog:innen über den Krieg in Gaza denken

03.11.2023, Lesezeit 10 Min.
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Bild: Mohammed Shaat // shutterstock

Eine pädagogische Reflexion über den Krieg in Gaza und die Aufgaben der Pädagogik für die Emanzipation.

Die Auswirkungen des Kriegs auf die Kinder

In der pädagogischen Ausbildung oder im Studium wird gelehrt, welche Aufgaben wir haben, um Kindern die bestmöglichen Bedingungen zu geben, sich zu selbstbestimmten Persönlichkeiten entwickeln und lernen zu können. Wir lernen, wie wir die Bedürfnisse und Emotionen der Kinder erkennen und wie wir sie dabei unterstützen können, ihre Bedürfnisse zu erfüllen. Doch die Theorien und Konzepte, die wir lernen, haben bestimmte Grenzen. Besonders deutlich wird das aktuell bei Kindern, die im Freiluftgefängnis Gaza aufwachsen. Die Kinder sind mit einem genozidalen Krieg und einer Blockade von Wasser, Strom und Lebensmitteln konfrontiert. Die Bewohner:innen der besetzten palästinensischen Gebiete, inklusive der Kinder, werden kollektiv von Israel bestraft. Die Kinder können nicht zur Schule gehen, weil die Schulen bombardiert werden. Sie können nicht ohne Angst vor Bombardements mit ihren Geschwistern oder Freund:innen draußen spielen. Viele werden Schlafprobleme haben aufgrund der Angst und der Belastung. Eine Generation wächst heran, die Tag für Tag traumatische Erfahrungen macht (noch traumatischer als die Erfahrungen vor Ausbruch des aktuellen Krieges), die sie ihr ganzes Leben lang belasten werden.

Wir lernen, dass die Kindheit eine unbeschwerte Zeit sein soll. Kinder haben noch nicht die Verantwortungen wie Erwachsene, es wird sich um sie gekümmert, sie haben Raum zu spielen, ihre Neugier zu stillen, die Welt um sich herum zu erkunden. Für viele Kinder entspricht dies nicht der Realität, weil sie zum Beispiel in Armut aufwachsen und nicht genug Essen haben. Oder weil ihre Eltern so viel arbeiten müssen, dass sie keine ausreichende Zeit und Kraft für die Kinder haben. Auch der Tod einer geliebten Person ist ein Anlass dafür, dass Kinder nicht unbeschwert sind. Manchmal ist dies nur eine Phase, die das ungestörte Aufwachsen trübt, und die Kinder können sich danach wieder erholen und es gut verarbeiten. Armut ist jedoch im Kapitalismus meistens keine kurze Phase. Auch für die Kinder in Palästina gibt es keine unbeschwerte Kindheit, und es ist nicht abzusehen, wann es für sie besser werden wird. Sie erleben mit, wie ihre Eltern, Geschwister, Großeltern, Freund:innen und Nachbar:innen nach und nach getötet werden. Viele Kinder haben ihr Zuhause verloren durch die Bombardements, sie haben kein Bett mehr und auch kein Spielzeug. Sie stehen permanent unter Strom, da sie nicht wissen, wo die nächste Bombe einschlägt und wie viel Zeit sie noch mit ihren Familien haben. Selbst Babys merken, dass ihre Bezugspersonen unter Stress stehen, und dass sie Angehörige verlieren. Laut der epigenetischen Forschung sind die Kriegstraumata über mehrere Generationen vererbbar.

Ein wichtiges Prinzip in der Pädagogik ist die Selbstwirksamkeit. Dies bedeutet, dass Kinder erkennen, dass sie eine eigene Persönlichkeit sind, dass ihre Handlungen Auswirkungen auf ihre Umwelt haben und dass sie die Dinge schaffen können, die sie möchten und ein gesundes Vertrauen in sich und ihre eigenen Fähigkeiten entwickeln, wobei sich diese Punkte gegenseitig bedingen. Das Erfahren der Konsequenzen der eigenen Handlungen kann ganz elementar sein, wie „Wenn ich einen Bauklotzturm anstoße, fällt er um“ (bei jüngeren Kindern), aber auch, eine Idee oder einen Wunsch zu äußern und gehört zu werden. Die Kinder lernen, dass sie sich in eine Gemeinschaft einbringen und Dinge verändern können. Wie sollen aber Kinder die Möglichkeit haben, diese Erfahrungen zu machen, wenn nicht einmal ihre Grundbedürfnisse erfüllt sind? Wenn ihre Häuser zerstört werden und ihre Familien auf der Flucht sind, werden sie zunächst andere Sorgen haben. Die palästinensischen Kinder merken auch, dass sie sich aktuell nicht erfolgreich gegen die Gewalt, die ihrem Volk widerfährt, zur Wehr setzen können, dass auch die Erwachsenen dies nicht können. Da liegen die Grenzen der Selbstwirksamkeit. Diese Erfahrungen können dazu führen, dass die Kinder im späteren Leben Schwierigkeiten haben werden, vertrauensvolle Beziehungen zu knüpfen und sich auf andere Menschen zu verlassen.

Resilienz: Muss man sich mit der Unterdrückung zurechtfinden?

In der Pädagogik wird die Resilienz als wichtige Basiskompetenz eingestuft. Resilienz bedeutet, unter schwierigen Bedingungen zurechtzukommen oder sich von erschütternden Erlebnissen zu erholen. Dinge, für deren Verarbeitung man Resilienz braucht, können beispielsweise der Tod eines Familienmitgliedes, eine schwere Krankheit, erlebte Gewalt, oder ein Umzug und damit eine Veränderung des sozialen Umfelds sein. Resilienz kann aber auch als Gradmesser gesehen werden, wie gut Kinder mit Armut oder Unterdrückung umgehen. Meist werden Kinder aus verarmten Verhältnissen, kolonisierten Ländern oder Arbeiter:innenfamilien als Beispiele dafür verwendet, was Menschen auch in schwierigen Situationen leisten können, wenn sie stark genug sind. Die Kinder werden dafür gewürdigt, dass sie die Hürden in ihrem Leben meistern und dennoch selbstwirksam sein können. Damit Kinder Resilienz entwickeln können, brauchen sie in ihrem Leben ebenfalls positive Faktoren und auch Erwachsene, die sie unterstützen.

Wie soll man jetzt die Kinder in Gaza betrachten? Sie haben sich diese Umgebung nicht ausgesucht. Sie würden höchstwahrscheinlich eine konfliktfreie Umgebung bevorzugen, um ihre Kindheit zu genießen. Sie würden spielen, phantasieren, erkunden und Bezugspersonen haben wollen. Das sind nämlich die Primärbedürfnisse der Kinder in diesem Alter. Erwartet die Pädagogik von den palästinensischen Kindern ein resilientes Verhalten und dass sie trotz der Bedingungen des Krieges im Spezifischen und der kolonialen Besatzung im Allgemeinen glücklich aufwachsen? Oder handelt es sich lediglich um die Feststellung, wer sich anpassen kann, und wer nicht?

Werden wir den Kindern, die gerade dem Rassismus deutscher Bundesregierung ausgesetzt sind, an den Schulen schikaniert werden, Resilienz zuschreiben, wenn sie unter diesen restriktiven Bedingungen zurechtkommen? Was passiert aber mit der anderen Seite, die unterdrückt, Kriege führt, ausbeutet und plündert? Müssen sie für immer da sein?

Jedes Kind ist einzigartig in seiner Persönlichkeit, doch die Entwicklung zu selbstbestimmten Menschen ist nichts Individuelles. Die Resilienz entsteht nicht im luftleeren Raum, sondern durch Menschen, die für das Kind eine sichere und positive Umgebung schaffen. In dieser Hinsicht haben wir mit einer kollektiven Verantwortung zu tun. Damit sich also die palästinensischen Kinder zurechtfinden können, müssen wir ihnen die Hand reichen und an ihrer Seite für die Befreiung stehen.

Was schlägt die GEW vor?

Wenn es die Aufgabe der Pädagog:innen ist, den Kindern ein angenehmes Klima zu schaffen, dann fühlen wir uns dafür verantwortlich, uns gegen den Krieg zu positionieren. Pädagog:innen müssen sich gegen den Krieg und für Emanzipation einsetzen.

Wir finden es daher pädagogisch sehr problematisch, wie die Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW) den Lehrkräften empfiehlt, einseitig von dem Krieg zu erzählen. Es ist sicherlich sehr wichtig, die Schüler:innen über den Antisemitismus aufzuklären und sie zu überzeugen, warum der Rassismus gegen die jüdische Bevölkerung abstoßend und ein geschwisterliches und friedliches Zusammenleben hingegen erstrebendes Ideal ist. Doch dieses Ziel kann nicht durch die Dehumanisierung der Palästinenser:innen erreicht werden. Die Bedürfnisse der palästinensischen Jugendlichen wahrzunehmen und sich für ihre Rechte einzusetzen, gehört zu Aufgaben der pädagogischen Fachkräfte.

Welcher Definition des Antisemitismus sollen denn die Lehrkräfte folgen, um die Schüler:innen aufzuklären? Deutschland arbeitet mit der IHRA-Definition, die folgendermaßen erklärt wird:

Antisemitismus ist eine bestimmte Wahrnehmung von Jüdinnen und Juden, die sich als Hass gegenüber Jüdinnen und Juden ausdrücken kann. Der Antisemitismus richtet sich in Wort oder Tat gegen jüdische oder nichtjüdische Einzelpersonen und/oder deren Eigentum sowie gegen jüdische Gemeindeinstitutionen oder religiöse Einrichtungen.

Darin werden elf Beispiele ausgeführt, die mehrheitlich einen Bezug auf den israelischen Staat herstellen. Daraus können wir schlussfolgern, dass eine Opposition gegenüber dem israelischen Staat unerwünscht ist und daher als „antisemitisch“ bezeichnet wird. Wie sollen denn die Palästinenser:innen, die im Zuge der Gründung Israels massenhaft vertrieben wurden, diesen Staat nicht als Besatzerstaat wahrnehmen? Die Gründung des israelischen Staates beruhte nicht auf einer demokratischen Selbstbestimmung, sondern auf Raub, Massaker und Vertreibung von Palästinenser:innen. Der Gründer von Israel, David Ben-Gurion, war lange vor der Gründung von Israel der Anführer einer paramilitärischen Gruppe, die mit Terroranschlägen die palästinensische Bevölkerung massakrierte. Er hielt die Zwangsumsiedlung für unumgänglich. Mithilfe von zionistischen Arbeitsdefinitionen wurde der Inhalt des Begriffs „Antisemitismus“ dermaßen entleert, dass inzwischen die deutsche Bundesregierung selber die Definitionsmacht darüber beansprucht zu bestimmen, wer antisemitisch sei und wer nicht. So wird den anti-zionistischen jüdischen Linken unterstellt, Antisemitismus zu reproduzieren, weil sie betonen, dass der israelische Staat sie nicht repräsentiert. Die jüdische Bevölkerung in Deutschland soll sich demnach auf Seite der israelischen Regierung positionieren.

Eine weitere Definition des Antisemitismus, die Jerusalemer Erklärung, kommt von über 200 Forscher:innen, die sich unter anderem mit dem Holocaust, jüdischer und westasiatischer Geschichte befassten. Die Jerusalemer Erklärung definiert, dass es sich bei Antisemitismus um „Diskriminierung, Vorurteil, Feindseligkeit oder Gewalt gegen Jüdinnen und Juden als Jüdinnen und Juden (oder jüdische Einrichtungen als jüdische)“ handelt. Sie wendet sich gegen die Gleichsetzung von Antizionismus und Antisemitismus und stellt fest, dass das Ziel einer Überwindung des Staates Israels nicht notwendigerweise antisemitisch ist. Auch die Anwendung der Begriffe „Siedlerkolonialismus“ und „Apartheid“ auf den Staat Israel seien nicht per se antisemitisch.

Die reaktionären Kräfte, die das jüdische Leben, jüdische Einrichtungen und Symbole angreifen, begehen den Fehler, Jüd:innen mit der Politik Israels gleichzusetzen. So fundamental es ist, sich gegen den Zionismus zu stellen, genauso zentral ist es, dem Antisemitismus nicht mal den kleinen Finger zu geben. Doch die Bundesregierung nutzt die antisemitischen Vorfälle, um die muslimische und arabische Gemeinschaft unter Generalverdacht zu stellen. Die Palästinenser:innen und Muslime werden kriminalisiert. Es ist daher kein Zufall, dass die Jugendlichen in Deutschland, die Partei für Palästina ergreifen, merken, dass sie nicht gehört werden, dass sie bestraft werden, wie der Schüler, der in Berlin-Neukölln von einem Lehrer geschlagen wurde, weil er auf dem Schulhof mit einer Palästinafahne herumlief. Die arabischen, muslimischen, palästinensischen Jugendlichen werden der Polizei überlassen. Weil anti-muslimische Unterdrückung eine Realität ist, kommen viele Muslim:innen auf die Idee, dass die einzige Gemeinschaft, in der sie Solidarität finden können, die muslimische Gemeinde sei.

Die GEW geht auf diese Kontroverse nicht ein und übernimmt die gängige Definition des Antisemitismus, die Palästinenser:innen per se als „antisemitisch“ verunglimpft. Die Lehrkräfte und Gewerkschaften dürfen diese Ausgrenzung nicht reproduzieren.

Die Pädagogik der Emanzipation

Die pädagogischen Konzepte haben Grenzen im Kapitalismus. Sie können sich nicht frei entfalten, weil die kapitalistischen Gesellschaften ständig Kriege, Krisen, Unterdrückung, Ausbeutung produzieren. Es gibt daher in der bürgerlichen Ethik keine Kategorie von Profit, welcher durch die Ausbeutung der Arbeiter:innen zustande kommt. Mit Konzepten wie Diversität und Mitbestimmung wird versucht, die Pädagogik zu demokratisieren. Doch egal wie freiheitlich die Pädagogik im Kapitalismus zu konzipieren versucht wird, kann sie sich von autoritären Zügen nicht befreien, denn der Kapitalismus und seine Staaten sind autoritär. Den Pädagog:innen kommt also eine Vermittler:innenrolle zu, die sich meistens darin ausdrückt, im Rahmen der Staatsideologie das Wissen weiterzuleiten. Daher ist die bürgerliche Pädagogik unter anderem einer disziplinierenden Rolle inhärent, die darin besteht, die Kinder und Jugendliche auf das spätere Arbeitsleben vorzubereiten (still sein und -sitzen, nicht stören, gehorchen, sich unterordnen, sonst Sanktionen) und bürgerliche Werte dabei zu vermitteln.

Gehören solche Handlungen zum Wesen der Menschennatur? Wir denken, dass all diese Handlungen Produkte der Klassengesellschaft sind und wir von keinem Kind erwarten dürfen, sich darin zurechtfinden zu müssen. Die Pädagog:innen haben im Kapitalismus eine doppelte Funktion: Sie fungieren nicht nur als Vermittler:innen der Staatsideologie, sondern auch als Aufklärer:innen der (zukünftigen) Arbeiter:innenklasse. Keine autoritären Erziehungsstile oder Anpassung an die Klassengesellschaft, sondern die emanzipatorische Pädagogik ist unser Weg. Es ist eine kollektive Aufgabe, eine Welt ohne Krieg, Ausbeutung, Unterdrückung aufzubauen. Wenn es etwas Natürliches gibt, dann das Recht auf emanzipatorisches, selbstbestimmtes und gleichberechtigtes Leben.

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