Unsere Klasse

Vivantes: Sterilisation im Streik

Beschäftigte der Krankenhaustochter Vivantes Service GmbH (VSG) fordern eine Angleichung an den Tarifvertrag des Öffentlichen Dienstes.

Vivantes: Sterilisation im Streik

50 Beschäftigte der Vivantes Ser­vice GmbH (VSG) sind am Mittwoch in den Arbeit­skampf getreten. Vor dem Klinikum Neukölln in Buck­ow baut­en sie ein rotes Streikzelt auf, wo sie ihre Streikver­samm­lung abhiel­ten. Sterilisationsassistent*innen, Patientenbegleiter*innen, Textilreiniger*innen, Elektriker*innen, Lkw-Fahrer*innen: Das gesamte Ser­vi­ceper­son­al des lan­de­seige­nen Kranken­hauskonz­ernes Vivantes ist in der hun­dert­prozenti­gen Tochter­fir­ma VSG aus­gegliedert. Sie wollen nach dem Tar­ifver­trag für den Öffentlichen Dienst (TVöD) bezahlt wer­den, der für den Rest des Kranken­haus­es gilt.

Von den rund 900 VSG-Mitar­beit­ern haben 600 einen alten Arbeitsver­trag mit Vivantes und wer­den an die VSG “gestellt” – deswe­gen erhal­ten sie auch TVöD-Löhne. Die übri­gen 300 haben keinen Tar­ifver­trag und ver­di­enen deut­lich weniger. “Wir machen den gle­ichen Job, aber wer­den unter­schiedlich bezahlt”, so Juliane Hielsch­er, die seit zehn Jahren in der Ster­il­i­sa­tion im Klinikum Neukölln arbeit­et. Sie bekommt etwa 500 Euro im Monat weniger als gestellte Kolleg*innen, schätzt sie. Auch bei den Urlaub­sta­gen und Schichtzu­la­gen ist sie schlechter gestellt.

Streik­ende kamen aus den drei größten Vivantes-Kliniken. Aber von den gestell­ten Kolleg*innen waren nur die aus Neukölln zum Streik aufgerufen. Die Teil­nahme war mit 50 Kolleg*innen nicht riesig, aber Gewerkschaftsaktivist*innen hat­ten schlim­meres befürchtet.

Fast ein Jahr ist seit den let­zten Ausstän­den bei der VSG ver­gan­gen, die damals von der Führung der Gew­erkschaft ver.di ergeb­nis­los abge­brochen wur­den. Der Arbeit­skampf muss erst wieder anlaufen.

“Für den ersten Streik­tag ist das per­fekt”, sagt Mario Kun­ze, Elek­trik­er und Mit­glied der Tar­ifkom­mis­sion. Der erste Streikaufruf geht bis Son­ntag – aber das bedeutet nicht, dass der Streik dann aufhört.

Die stärk­ste Beteili­gung kommt, wie schon 2017, aus der Ster­il­i­sa­tion. Sog­ar gestellte Kolleg*innen, die bere­its TVöD-Löhne haben, haben aus Sol­i­dar­ität die Arbeit niedergelegt. “Das Gute am Streik ist, dass viele Men­schen im Kranken­haus, die son­st nicht viel von uns mit­bekom­men, nun sehen, dass wir Steris auch ein wichtiges Räd­chen sind”, so Hielsch­er.

“Vivantes zahlt in seinen Tochterge­sellschaften branchenübliche Ent­gelte”, teilte Konz­ern­sprecherin Kristi­na Tsch­enett mit und ver­wies auf Tar­ifverträge bei Kranken­haustöchtern in anderen Bun­deslän­dern. “Der TVöD für alle ist nicht finanzier­bar.”

Im Koali­tionsver­trag des rot-rot-grü­nen Sen­ats ste­ht, dass die Löhne bei lan­de­seige­nen Tochterun­ternehmen “zügig” an den TVöD angeglichen wer­den sollen. Nichts anderes fordern die VSG-Beschäftigten. Christoph Lang, Sprech­er der Sen­atsver­wal­tung für Gesund­heit, sagte auf Anfrage, dass der Sen­at “selb­stver­ständlich” dieses Ziel ver­folge, aber nicht Tar­if­part­ner sei und er die Ver­hand­lun­gen deswe­gen nicht kom­men­tieren könne.

Tobias Schulze, Mit­glied des Abge­ord­neten­haus­es für die Linkspartei, führte aus, dass die Koali­tion ger­ade Wege prüfe, um die Löhne bei den Tochterun­ternehmen Rich­tung TVöD zu entwick­eln. Doch Prob­leme gäbe es wegen der Kranken­haus­fi­nanzierung über Fall­pauschalen, genau­so wie mit EU-Wet­tbe­werb­srichtlin­ien. “Wir arbeit­en an Lösun­gen auf Lan­desebene”, so Schulze, aber Verän­derun­gen müsse es auch auf der Bun­de­sebene geben.

Die VSG-Beschäftigten rech­nen damit, dass sie den Druck erhöhen müssen, bis jemand die Ver­ant­wor­tung für die Ungle­ich­heit bei den Löh­nen übern­immt. Aus ihrer Sicht wer­den die geplanten Investi­tio­nen vom Land Berlin in seine Kranken­häuser durch ihre Niedriglöhne sub­ven­tion­iert.

In den Diskus­sio­nen über eine Not­di­en­stvere­in­barung ver­sucht die Geschäfts­führung, möglichst viele streik­willige Kolleg*innen zur Arbeit zu verpflicht­en. „Sie kön­nen nicht die Leute aus­gliedern, weil ihre Tätigkeit ange­blich nicht ‘patien­ten­nah’ ist”, so Janine Balder, die zuständi­ge ver.di-Sekretärin, „und dann beim Streik behaupten, dass alle unverzicht­bar sind.”

Am Mittwoch erhiel­ten die VSG-Streik­enden sol­i­darischen Besuch von der Kam­pagne der stu­den­tis­chen Beschäftigten (TVS­tud). In den näch­sten Tagen wollen sie ihrer­seits die Mah­nwache der Berlin­er Feuer­wehr vor dem Roten Rathaus besuchen. Und im Hin­ter­grund läuft die ganze Zeit die bun­desweite Tar­ifrunde für den TVöD – daran wollen die VSG-Kolleg*innen möglichst bald selb­st teil­nehmen.

dieser Artikel im neuen Deutsch­land

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.