Geschichte und Kultur

Vergessene KommunistInnen

GESCHICHTE: Der His­torik­er Mar­cel Bois legt ein Buch über die linke Oppo­si­tion der KPD vor.

Vergessene KommunistInnen

// GESCHICHTE: Der His­torik­er Mar­cel Bois legt ein Buch über die linke Oppo­si­tion der KPD vor. //

Wie kon­nte es passieren? Anfang der 30er Jahre erlebten die Nazis einen ras­an­ten Auf­stieg – tagtäglich grif­f­en braune Schlägertrup­ps Sozial­istIn­nen an. Sie dro­ht­en damit, die mil­lio­nen­starke Arbei­t­erIn­nen­be­we­gung in Deutsch­land zu pul­verisieren. Doch die bei­den Arbei­t­erIn­nen­parteien, die SPD und die KPD, ver­harm­losten die faschis­tis­che Gefahr – in der jew­eils anderen Partei sahen sie ihren Haupt­feind. „Bolschewis­mus und Faschis­mus sind Brüder“, erk­lärte SPD-Mann Otto Wels zu sein­er Ablehnung eines Bünd­niss­es mit den Kom­mu­nistIn­nen gegen die NSDAP. Sozialdemokratie und Faschis­mus seien „keine Antipo­den, son­dern Zwill­inge“, sagte sein­er­seits Josef Stal­in, der seit Mitte der 20er Jahre zum Dik­ta­tor der Sow­je­tu­nion und der Kom­mu­nis­tis­chen Inter­na­tionale aufgestiegen war.

Eine Ein­heits­front der Arbei­t­erIn­nen­be­we­gung – darauf drängte eine kleine Organ­i­sa­tion, die Linke Oppo­si­tion der KPD (Bolschewi­ki-Lenin­is­ten). Die SPD hat­te seit 1914 immer wieder Arbei­t­erIn­nen mas­sakri­ert, um die Herrschaft des deutschen Kap­i­tals zu sich­ern – von ihr war nicht viel zu erwarten. Doch die KPD kon­nte die Arbei­t­erIn­nen im Kampf gegen Hitler vere­ini­gen und anschließend auch die Bour­geoisie stürzen – wenn sie nur die ver­häng­nisvolle The­o­rie des „Sozial­faschis­mus“ abw­er­fen und eine antifaschis­tis­che Ein­heits­front grün­den würde.

Dafür trat die Linke Oppo­si­tion (LO) ein – obwohl ihre knapp 1.000 Mit­glieder aus der Partei aus­geschlossen wor­den waren, kämpfte sie weit­er­hin für eine Kursän­derung. In einzel­nen kleinen Städten kon­nte die LO eine Arbei­t­erInnenein­heits­front tat­säch­lich anstoßen und die Nazis aus der Öffentlichkeit ver­ban­nen. Diese kleinen Beispiele zeigen, was möglich gewe­sen wäre.

Linke Oppositionen

Der junge His­torik­er Mar­cel Bois aus Ham­burg hat nun eine Gesamt­darstel­lung der Linken Oppo­si­tion der KPD vorgelegt. Darin stellt er nicht nur die trotzk­istis­che Gruppe vor, son­dern ins­ge­samt fün­fzehn ver­schiedene kom­mu­nis­tis­che Strö­mungen, die sich im Laufe der 20er Jahre als links von der Parteiführung verorteten und zu unter­schiedlichen Zeit­punk­ten aus­geschlossen wur­den.

Die Kat­e­gorie „linke Kom­mu­nistIn­nen“ ist nicht ohne Schwierigkeit­en, denn sie umfasst teil­weise ent­ge­genge­set­zte Posi­tio­nen. So stellte sich die „Linke Oppo­si­tion“, die 1924 unter Ruth Fis­ch­er, Arka­di Maslow und Wern­er Scholem die Parteiführung über­nahm, bedin­gungs­los gegen jede Ein­heits­front mit der Sozialdemokratie und jede Mitar­beit in Gew­erkschaften. Diese Führung trieb gle­ichzeit­ig die „Bolschewisierung“ der KPD voran – das war ihr Begriff dafür, jede andere Strö­mung mund­tot zu machen oder auszuschließen. Diese KPD-Linke ori­en­tierte sich an Grig­ori Sinow­jew, dem Vor­sitzen­den der Kom­mu­nis­tis­chen Inter­na­tionale, und wurde von der Parteiführung abgelöst, sobald Sinow­jew bei Stal­in in Ung­nade fiel.

Die Linke Oppo­si­tion, die sich Anfang 1930 in Berlin grün­dete, stellte sich aus­drück­lich gegen die frühere KPD-Linke. Sie ori­en­tierte sich an Leo Trotz­ki, der zu diesem Zeit­punkt im Exil auf der türkischen Insel Prinkipo lebte. Die LO trat für eine Wieder­bele­bung der Rät­edemokratie in der Sow­je­tu­nion genau­so wie der Partei­demokratie inner­halb der KPD ein. Vor allem argu­men­tierte sie, dass die KPD die Mil­lio­nen Arbei­t­erIn­nen, die noch der SPD anhin­gen, für einen gemein­samen Kampf gegen die Nazis gewin­nen musste – indem man die Sozialdemokratie per­ma­nent zur Ein­heits­front auf­forderte.

Gewisse per­son­elle Über­schnei­dun­gen gab es zwis­chen diesen bei­den linken Oppo­si­tio­nen, etwa den Neuköll­ner Met­al­lar­beit­er Anton Grylewicz, der im ersten Weltkrieg Mit­glied der rev­o­lu­tionären Obleute, später Mitar­beit­er von Fis­ch­er und Maslow, und noch später eine Führungs­fig­ur des deutschen Trotzk­ismus war. Doch let­ztere Oppo­si­tion ver­trat die Posi­tio­nen der kom­mu­nis­tis­chen Inter­na­tionale unter Lenin und Trotz­ki, vor dem Auf­stieg des Stal­in­is­mus – erstere stand für jene linksradikale „Kinderkrankheit“, die die Kom­mu­nis­tis­chen Parteien in die Bedeu­tungslosigkeit führte und deswe­gen stets von Lenin bekämpft wurde. Die vor­liegende Gesamt­darstel­lung hat jedoch den Vorteil, dass sie deut­lich macht, wie schw­er es für Trotz­ki und die Inter­na­tionale Linksop­po­si­tion der Kom­intern war, eine tat­säch­liche linke Oppo­si­tion in Deutsch­land aufzubauen.

Massive Datenbank

Über manche Strö­mungen, die Bois vorstellt, sind bere­its Büch­er erschienen – doch stellt er auch viele neue Erken­nt­nisse vor, zum Beispiel über die „Wed­dinger Oppo­si­tion“ der KPD (die trotz ihres Namens haupt­säch­lich in der Pfalz ver­ankert war), die in der trotzk­istis­chen Organ­i­sa­tion aufging.

Beson­ders inter­es­sant ist Bois‘ Daten­bank: Biographis­che Dat­en hat er von über 1.000 Linkskom­mu­nistIn­nen der ver­schiede­nen Grup­pen zusam­menge­tra­gen. Damit kann er die Ver­leum­dun­gen der Stal­in­istIn­nen wider­legen: Die Oppo­si­tion bestand nicht etwa aus jun­gen, uner­fahre­nen Intellek­tuellen, son­dern vor allem aus kom­mu­nis­tis­chen Arbei­t­erIn­nen mit jahre­langer Erfahrung in der Partei.

Über einzelne Punk­te in diesem Buch lässt sich debat­tieren (siehe Teil II der Rezen­sion). Aber Kom­mu­nis­ten gegen Hitler und Stal­in bietet eine reich­haltige und sys­tem­a­tis­che Quelle, um solche Debat­ten zu führen. Diese müh­same Arbeit von Bois ver­di­ent Lob von allen Marx­istIn­nen.

Teil II dieser Rezen­sion

Mar­cel Bois: Kom­mu­nis­ten gegen Hitler und Stal­in. Die Linke Oppo­si­tion der KPD in der Weimar­er Repub­lik. Klar­text Ver­lag, Essen 2014. 613 Seit­en.

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