Frauen und LGBTI*

USA: LGBTI-Aktivist*in von Polizist getötet

An einer Universität im US-amerikanischen Atlanta gibt es Krawall nach der Ermordung von Scout Schultz, einer nicht-binären Intersex-Person.

USA: LGBTI-Aktivist*in von Polizist getötet

„Erschieß mich!“ rief die Person. In der Hand trug sie ein Multitool mit einem kleinen Messer. Vier Polizisten an der Hochschule „Georgia Tech“ in Atlanta reagierten auf einen Notruf. Kurz nach 23 Uhr hatte jemand die 911 angerufen und gemeldet, dass ein weißer Mann in weißem T-Shirt und Blue Jeans mit Messer und Schusswaffe herumlief, wahrscheinlich betrunken.

Die vier Beamten trafen ein und forderten die Person auf, das Messer fallen zu lassen. Aber stattdessen lief sie langsam auf die Polizei zu. Der Polizist Tyler Beck versuchte mit ihr zu reden aber bekam keine Antwort. Aus aus etwa sechs Metern Entfernung schoss er auf sie und traf ins Herz. Sie wurde kurz danach im Krankenhaus für tot erklärt.

Am 16. September ist Scout Schultz gestorben. Der*die 21jährige Student*in war Vorsitzende*r der „Pride Alliance“, einer Gruppe für Lesben, Schwule, Bi- und Transsexuelle (LGBT) an der Uni. Laut eigener Aussage war sie*er „bisexuell, nicht-binär und intersex“, d.h. sie*er verstand sich weder als Mann noch Frau.

In den folgenden Tagen kam ein größerer Schock. Schultz hatte den Notruf getätigt und eine Beschreibung von sich selbst abgegeben. Sie*er hinterließ auch drei Abschiedsbriefe. Der Anwalt der Eltern sprach von einem „suicide by cop“, also Selbstmord durch die Polizei. Schultz litt unter chronischen Depressionen und hatte vor zwei Jahren versucht, sich zu erhängen. Diese Methode des Selbstmord ist in den USA weit verbreitet – ein Viertel der Polizeimorde in den USA stehen in Verbindung mit psychischen Krankheiten.

„Warum mussten Sie schießen?“ fragte der Vater auf einer Pressekonferenz. Niemand war durch Schultz konkret bedroht. Der Polizist Beck, der kurz nach dem Vorfall vom Dienst suspendiert wurde, hatte keine Ausbildung zum Umgang mit psychisch kranken Personen. Die Mutter fragte, warum man nicht mindestens eine nicht-tödliche Waffe wie Taser oder Pfefferspray einsetzen konnte.

Reaktionäre ChristInnen werden das als Beweis sehen, dass Scouts nicht-binäre Geschlechtsidentität Ausdruck einer psychischen Krankheit war. Aber gibt es eine Kausalität? „Selbstmord durch Polizei“ ist nicht auf LGBTI beschränkt. Wenn, dann war es eher umgekehrt: Die Stigmatisierung, die Menschen außerhalb des binären Geschlechtermodells ständig erleben, kann zu Depressionen führen.

Zwei Tage später versammelten sich hunderte Menschen auf dem Campus der Universität für eine Mahnwache. Nach 20 Minuten zogen mehrere Dutzend zur Polizeiwache und riefen „Das ist nicht OK!“ Sie zündeten Feuerwerkskörper und setzten einen Polizeiwagen in Brand. Die Universität forderte Studenten auf, in ihren Häusern zu bleiben. Diese Nachricht verbreitete sich durch die ganzen USA. Der Hochschulpräsident machte zuerst „außenstehende Agitatoren“ für die Gewalt verantwortlich. Aber unter den drei Festgenommenen war auch ein Student von Georgia Tech.

Den Namen Scout hatte Schultz aus dem Roman „Wer die Nachtigall stört“ aus dem Jahr 1960. Dort muss die sechsjährige „Scout“ Finch erleben, wie ein schwarzer Mann zu Unrecht wegen Vergewaltigung verurteilt wird. Scout Schultz hatte ihr Leben danach ausgerichtet. „Wir lieben dich und werden weiter für Gerechtigkeit kämpfen“ hieß es in einem Nachruf der Pride Alliance.

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