Frauen und LGBTI*

Türkei: Kampf eines homosexuellen Schiedsrichters

Türkei: Kampf eines homosexuellen Schiedsrichters

In der Türkei ist es Vorschrift, dass Schiedsrichter keine körperliche Behinderung haben und ab einem bestimmten Alter Militärdienst geleistet haben müssen. Halil Ibrahim Dinçdağ verweigerte den Militärdienst im Jahr 2009 und begründete dies mit seiner Homosexualität. Als Reaktion darauf ließ der türkische Schiedsrichterverband ihn nicht in die nächsthöhere Liga aufsteigen und wurde kurz darauf suspendiert. Der Schiedsrichterverband verwies darauf, dass er den Militärdienst nicht abgeleistet habe und dies wohl aus gesundheitlichen Gründen geschah.


Sein Antrag auf die Wiederzulassung als Schiedsrichter, wie auch in den 14 Jahren davor, wurde direkt der Presse zugespielt. Die Titelstories der türkischen Zeitungen der folgenden Tage waren nun voll von Spekulationen über einen homosexuellen Schiedsrichter, später auch mit Erwähnung seines Namens. Halil Dinçdağ hielt seine Homosexualität bis dahin geheim, musste sich dann aber im Fernsehen outen.

Was geschah mit Halil Ibrahim Dinçdağ, wie reagierte seine Familie?

Halil Dinçdağ lebte in der Stadt Trabzon am Schwarzen Meer und moderierte lokale Radio- und Fernsehprogramme. Er musste nach Istanbul umziehen, wo die Anonymität ihm etwas Schutz bot. Heute ist er arbeitslos und wird aufgrund seiner allseits bekannten Homosexualität auf dem Arbeitsmarkt diskriminiert. Seine Familie jedoch steht hinter ihm und unterstützt Halil bei seinem Kampf. Aus dem Fußballgeschäft bekam er leider keine Unterstützung und der Fall wird weitgehend ignoriert.

Hat er keine gerichtlichen Schritte unternommen?

Doch. Er klagte den Verband der Schiedsrichter vor Gericht an, welcher erklärte, Halil Ibrahim sei nicht aufgrund seiner Sexualität ausgeschlossen worden, sondern weil er ein schlechter Schiri sei. Offiziell erklärte der Verband nicht, dass der Grund für seinen Rauswurf seine Homosexualität sei.

Wie ist das Leben als LGBT in der Türkei?

Die Brutalität gegen LGBTs ist alltäglich. Ein Beispiel: An dem Tag, als Fußballfans ihre Solidarität mit Halil Ibrahim Dinçdağ erklärten, wurde eine transsexuelle Frau in Antalya ermordet, indem man ihre Kehle durchschnitt. Ein Polizist verlor seine Arbeit, weil herauskam, dass er transsexuell ist. Es bleibt geouteten Homosexuellen oder Transsexuellen meist keine andere Alternative als Sexarbeit. Nur eine kleine privilegierte Schicht der LGBT genießt berufliche Sicherheit.

Welche Fangruppen haben sich mit Halil Ibrahim Dinçdağ solidarisiert?

In einem Land, wo die Homophobie die offizielle Staatsideologie ist, hat sich eine Solidarität unter Fangruppierungen formiert, die sich gegen den kommerziellen Fußball verschrieben haben. In den letzten Jahren wurden einige Fangruppierungen gegründet, die sich auf den Straßen mit streikenden ArbeiterInnen solidarisieren, in Stadien gegen Verbote vorgehen und sich antikapitalistisch äußern.

Warum gibt es erst nach drei Jahren diese Solidaritätskampagne mit Halil Ibrahim Dinçdağ?

Das ist eine berechtigte Frage. Es hat eher mit der Entwicklung dieser Fangruppierungen zu tun. Vor drei Jahren waren die Gruppen sehr klein und wenig vernetzt. Sie hatten ferner in dieser Zeit mit anderen Kämpfen zu tun. Halil Ibrahim Dinçdağ konnte die Fans nicht erreichen und die Fans ihn nicht. Als klar war, dass Halil Ibrahim Dinçdağ kämpft, um wieder Schiedsrichter werden zu dürfen, war es möglich, die Fußballfans für eine gemeinsame Erklärung zu gewinnen. Dies geschah auch sehr schnell. Am Montag dem 9. Juli veröffentlichte Forza Livorno meinen Aufruf an die Fans zur Solidarität mit Halil Ibrahim. Am Mittwoch wurde von 9 Fangruppierungen eine gemeinsame Erklärung an die Presse geschickt. Später erklärten weitere Fangruppierungen, dass sie diese Erklärung unterstützten. (bis jetzt 18 Fangemeinden) Und nicht nur in der Türkei, auch die Schickeria – Bayern München, die Fans von St. Pauli und TB Berlin unterschrieben diese Erklärung. Zudem fragen wir weitere Fangruppierungen an um sie für diese Solidaritätskampagne zu gewinnen.

Warum ist dieser Kampf wichtig?

Die Rechte auf dem Papier können in der Türkei tatsächlich durchgesetzt werden, wenn die Betroffenen dafür bereit sind zu kämpfen, der Gefahr zum Trotz dafür ins Gefängnis gehen. Angenommen Halil Ibrahim Dinçdağ wird seinen Kampf vor Gericht gewinnen, wird er weiterhin unter sehr großem Druck leiden. Aber gerade durch diesen Kampf wird er nicht allein auf dem Fußballfeld sein. Dieser Kampf ist nicht nur eine Geschlechterfrage, sie hängt auch sehr stark mit dem stetigen Klassenkampf in der Türkei zusammen. Ein Angestellter verliert seinen Job, wenn er sich außerhalb der gesellschaftlichen Norm sexuell auslebt. Die rechtliche Gleichstellung der ArbeiterInnen gehört zur Agenda des politischen Kampfes innerhalb der ArbeiterInnenklasse. Diese Botschaft scheint aber bei vielen linken Organisationen nicht angekommen zu sein, da sie weder von Halil Ibrahim Dinçdağ noch LGBTs ernsthaft in ihren eigenen Presseorganen und Websites berichten.

Was wird jetzt passieren?

Es ist eine Broschüre in Planung, „Fußball vs. Homophobie“, die gemeinsam mit der LGBT Organisation KAOS GL herausgegeben werden soll. Es wird zurzeit viel diskutiert, welche Aktionen möglich, sowie notwendig sind. Einige Transparente für Halil Ibrahim Dinçdağ bei Fußballspielen werden wir sicherlich in den nächsten Monaten sehen.

Schweigt nicht, sei kein Mitläufer der Ausgrenzung, für eine Solidarität mit Halil Ibrahim Dinçdağ!

Auf dem Fußballfeld sind alle gleich – hier kommen alle zusammen: Alle Altersgruppen, alle Religionen, alle Hautfarben und sogar alle sexuellen Orientierungen. Denn die erste Regel im Fußball lautet: Spiele von ganzem Herzen und mit deiner ganzen Kraft.

Deswegen verbindet uns Fußball: Egal ob Schwarze oder Weiße, Junge oder Alte, Asiaten oder Europäer, unerfahrene Spieler und alte Hasen – wer auch immer mit Leidenschaft spielt findet einen Platz im Team. Deswegen gibt es für uns keinen Rassismus, keinen Sexismus und auch sonst keine Diskriminierung, denn diese Dinge stehen gegen unser „Prinzip Fußball“: Das einzige, was auf dem Feld zählt, ist die Leistung.

Doch obwohl das so ist, finden wir auf dem Rasen immer wieder Rassismus und Sexismus vor. Nicht nur der Fußball, sondern Sport im Allgemeinen wird immer und immer wieder missbraucht als letzte Bastion einer von Männern dominierten Gesellschaft, die andere Geschlechter und sexuelle Orientierungen ausgrenzt und unterdrückt.

Während die großen Geldgeber den Schatten ihrer Eigeninteressen auf die Welt des Fußball werfen, und während mächtige Funktionäre im Hintergrund an den politischen Fäden ziehen, wurde uns Fußballfreunden ein neues Bauernopfer präsentiert: Der türkische Schiedsrichter Halil İbrahim Dinçdağ wurde vom Dienst suspendiert, weil er sich offen zu seiner Homosexualität bekennt. Mit dieser sinnlosen Maßnahme wollen die mächtigen Strippenzieher beweisen, dass sie viel für den Fußball tun und ihn „sauber“ halten wollen – während sie selbst doch unter der Hand alle von Korruption und Manipulation profitieren!

Da machen wir als wahre Fußballfans nicht mit: Wir wollen Spieler, die mit Leidenschaft spielen und Schiedsrichter, die gerecht pfeifen – sexuelle Vorlieben spielen dabei für uns keine Rolle. So lange er seine Aufgabe als Schiedsrichter erfüllt und die Teams respektiert, hat jedermann das gute und unbedingte Recht, diesen Job auch auszuüben. Deswegen fordern wir, dass Halil İbrahim Dinçdağ seine Schiedsrichterlizenz sofort zurückerhält!

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