Frauen und LGBTI*

Trans Rechte haben keine Grenzen: Johanas und Roxannas Leben zählen

USA: Am ersten Tag des LGBTQ+ Pride Monats starb Johana Medina Leon – vier Tage nach ihrer Entlassung aus der Abschiebehaft.

Trans Rechte haben keine Grenzen: Johanas und Roxannas Leben zählen

Am ersten Tag des LGBTQ+ Pride Monats starb eine trans Frau – vier Tage nach ihrer Ent­las­sung aus der Haft der Abschiebe­be­hörde ICE, wo sie sieben Wochen lang fest­ge­hal­ten wor­den war. Ihr Name war Johana Med­i­na Leon, und sie war ger­ade mal 25 Jahre alt. Sie kam aus El Sal­vador in die USA, in der Hoff­nung, Asyl zu bekom­men. Bevor sie in den USA inhaftiert wurde, ver­brachte sie drei Monate in Ciu­dad Juárez, Mexiko, und wartete darauf, ihren Asy­lantrag stellen zu kön­nen.

Leon präsen­tierte sich am 11. April der US-Zoll- und Gren­zschutzbe­hörde am Gren­züber­gang Paso Del Norte in El Paso, Texas. Drei Tage nach ihrer Ein­reise wurde sie zum Otero Coun­ty Pro­cess­ing Cen­ter gebracht, ein­er pri­vat­en Haf­tanstalt für ICE-Häftlinge.

Sie wurde über einen Monat lang hin­ter Git­tern fest­ge­hal­ten, während sie um medi­zinis­che Hil­fe bet­telte, die nie kam.

Nach­dem sie pos­i­tiv auf HIV getestet wurde und sich über Brustschmerzen beschw­ert hat­te, wurde sie auf Bewährung aus der Haf­tanstalt ent­lassen. Vier Tage später, am 1. Juni, starb Leon. Da sie aus der Haf­tanstalt freige­lassen wurde, gilt ihr Tod nicht als Tod in ICE-Gewahrsam und muss nicht als solch­er gemeldet wer­den.

Dieser Fall geschah knapp ein Jahr nach dem Tod von Rox­an­na Her­nan­dez in ICE-Haft. Her­nan­dez hat­te ver­sucht, als Teil ein­er Karawane von Migrant*innen in die USA zu kom­men, die zu Fuß, mit dem Auto und mit dem Zug zur Gren­ze zwis­chen den USA und Mexiko reiste, um auf die Not­lage der Migrant*innen aufmerk­sam zu machen. Als in Hon­duras geborene trans Frau waren sie und andere trans Per­so­n­en, die an der Karawane teil­nah­men, vor Ver­fol­gung und Gewalt in ihren Heimatlän­dern auf der Flucht.

Sie starb am 30. Mai 2018 in ICE-Haft. Sie war 33 Jahre alt.

Tage­lang wurde Her­nan­dez in einem US-Zoll- und Gren­zschutz-Gefäng­nis fest­ge­hal­ten, das wegen der eisi­gen Kälte als “Kühlschrank” (oder la heladera für Migrant*innen) bekan­nt ist. Organ­i­sa­tio­nen für die Rechte von Migrant*innen bericht­en, dass die Lichter 24 Stun­den am Tag eingeschal­tet waren, und Her­nan­dez, die HIV-pos­i­tiv war, hat­te keinen Zugang zu medi­zinis­ch­er Ver­sorgung. Sie wurde in das Cibo­la Coun­ty Cor­rec­tion­al Cen­ter in New Mex­i­co ver­set­zt, wo sie eine Nacht lang blieb. Am näch­sten Tag kam sie mit Anze­ichen von Lun­genentzün­dung, Dehy­drierung und “Kom­p­lika­tio­nen im Zusam­men­hang mit HIV” ins Kranken­haus.

Die Todes­fälle von trans Men­schen in ICE-Ver­ant­wor­tung began­nen nicht mit der Trump-Regierung, wie die Demokrat­en uns glauben lassen kön­nten. Während der Oba­ma-Regierung starb Vic­to­ria Arel­lano, eine HIV-pos­i­tive trans Frau aus Mexiko, in ICE-Gewahrsam, nach­dem ihr die medi­zinis­che Ver­sorgung ver­weigert wor­den war. Sie war erst 23 Jahre alt.

ICE tötet trans Migrant*innen

Die Gefahren von Haf­tanstal­ten für trans Per­so­n­en sind gut doku­men­tiert. Im März dieses Jahres schick­ten ver­schiedene Inter­es­sen­grup­pen einen Brief an die ICE, um eine Unter­suchung der “grassieren­den sex­uellen Beläs­ti­gung, medi­zinis­chen Ver­nach­läs­si­gung und Mis­shand­lung gegen trans Frauen und schwule Män­ner” im Otero Coun­ty Pro­cess­ing Cen­ter zu fordern, wo Med­i­na inhaftiert war. Sie behaupten, dass LGBTQ+ Men­schen in Einzel­haft gehal­ten und ihnen Medika­mente ver­weigert wer­den, und dass es eine Kul­tur des Schweigens um den Miss­brauch gibt, der in dieser prof­i­to­ri­en­tierten Haf­tanstalt stat­tfind­et.

“Wenn die Frauen und Män­ner Anträge auf medi­zinis­che Ver­sorgung, ein­schließlich der psy­chis­chen Gesund­heitsver­sorgung, ein­gere­icht haben, bericht­en sie, dass Otero Tage, wenn nicht sog­ar Wochen braucht, um auf sie zu antworten”, berichtet der gemein­same Brief der Bürger*innenrechtsorganisation ACLU von New Mex­i­co, der Las Amer­i­c­as Immi­grant Advo­ca­cy Cen­ter und des San­ta Fe Dream­ers Project.

Ein 20-jähriger schwuler Mann berichtete: “Während der drei Monate, in denen ich in Otero fest­ge­hal­ten wurde, wurde ich wieder­holt betatscht, während ich schlief, gebeten, sex­uelle Gefäl­ligkeit­en im Aus­tausch für Essen zu leis­ten, und von anderen Gefan­genen ver­bal belei­digt. Als ich mich beschw­erte, wurde ich für fünf Tage in Einzel­haft gewor­fen und mir wurde mit weit­er­er Bestra­fung gedro­ht, wenn ich mich erneut beschw­erte.” Stu­di­en zeigen, dass LGBT-Migrant*innen 97 mal häu­figer sex­uelle Über­griffe in Bun­de­shaf­tanstal­ten erlei­den als die all­ge­meine Bevölkerung.

Der Miss­brauch in Haf­tanstal­ten wird nicht nur von LGBTQ+ Men­schen erlebt. Stand let­zter Woche sind seit Sep­tem­ber 2018 min­destens sechs, vielle­icht mehr, junge migrantis­che Kinder in ICE-Haft gestor­ben. Diese Todes­fälle sind das direk­te Ergeb­nis ein­er immer härteren Migra­tionspoli­tik von Präsi­dent Don­ald Trump, bei der immer mehr Migrant*innen, darunter bis zu 15.000 Kinder, auf unbes­timmte Zeit in über­füll­ten Haf­tanstal­ten und Freiluftein­rich­tun­gen fest­ge­hal­ten wer­den, die mehrere Journalist*innen mit “Konzen­tra­tionslagern” ver­glichen haben. 900 Migrant*innen wer­den in Räu­men für 125 Per­so­n­en fest­ge­hal­ten. Einzel­haft, eine Form der Folter, ist an der Tage­sor­d­nung. Kinder sind immer noch nicht wieder mit ihren Eltern vere­int und ver­lieren sich in einem Sys­tem, dem das scheiße­gal ist.

Trumps Richtlin­ien ermuti­gen recht­sex­treme Bürg­er­wehrgrup­pen, wie diejeni­gen, die 1.000 Migrant*innen mit vorge­hal­tener Waffe fes­thiel­ten, das Video auf Face­book veröf­fentlicht­en und weit­er­gaben. Da ihre Hand­lun­gen mit der Poli­tik von Trump übere­in­stim­men, schaut die Polizei in die andere Rich­tung und nur eine Per­son wurde ver­haftet. In der Zwis­chen­zeit muss Scott War­ren eine 20-jährige Gefäng­nis­strafe fürcht­en, weil er Migrant*innen Wass­er gegeben hat.

LGBTQ+ Migration

Die Rechte von Migrant*innen sind auch ein LGBTQ+ The­ma. Während der pub­likum­swirk­samen Migrant*innenkarawane 2018 gehörten die in Regen­bo­gen­fah­nen gehüll­ten LGBTQ+ Men­schen zu den ersten, die die Gren­ze zwis­chen den USA und Mexiko erre­icht­en.

Die LGBTQ+ Men­schen, die in der Migrant*innenkarawane unter­wegs waren, ver­sucht­en, der Armut und Gewalt ihrer Heimatlän­der in Mit­te­lameri­ka zu entkom­men: zer­stört durch die Wirtschaft­spoli­tik der USA sowie durch von den USA unter­stützte Putsche und Dro­genkriege. Die Armut ist für LGBTQ+ Men­schen, die es beson­ders schw­er haben, einen Job zu find­en, noch schlim­mer. La Izquier­da Diario inter­viewte Lore­na, eine trans Frau aus El Sal­vador, die sagte: “Mein Land ist sehr arm und es gibt kaum Arbeit­splätze. Ich war eine Sexar­bei­t­erin, weil es keine anderen Möglichkeit­en gab. Die Wirtschaft ist sehr schlecht. Ich will ein besseres Leben für mich selb­st. Ich will genug Geld ver­di­enen, um zu leben, wie jed­er hier [in dieser Karawane].”

US-gestützte Putsche ver­stärk­ten auch die Gewalt gegen LGBTQ+ Men­schen in Län­dern wie Hon­duras. Nach dem Putsch von 2009, der von dem dama­li­gen Präsi­den­ten Barack Oba­ma unter­stützt wurde, gab es laut der NGO Cat­tra­chas jedes Jahr durch­schnit­tlich 30 Morde an LGBTQ+ Men­schen. Zwis­chen 1994 und 2008 waren es zwei Morde pro Jahr.

Stonewall war ein Aufstand! Kämpfen wir für die Rechte der Migrant*innen!

In diesem Jahr jährt sich der Auf­s­tand von Stonewall zum 50. Mal, die Geburt ein­er kämpferischen Bewe­gung für LGBTQ+-Rechte, die vor allem von nicht-weißen trans Frauen ange­führt wurde. Als Ergeb­nis des Auf­s­tands ent­standen Organ­i­sa­tio­nen wie die Gay Lib­er­a­tion Front, die sich für die Rechte der LGBTQ+-Bevölkerung und gegen den US-Impe­ri­al­is­mus ein­set­zten.

Natür­lich wollen Unternehmen und Politiker*innen uns diese Geschichte vergessen lassen und behaupten, dass wir durch Lob­b­yarbeit und Abstim­mung für Politiker*innen der Demokratis­chen Partei Rechte erlan­gen kön­nen. Die Konz­erne wollen uns glauben machen, dass sie uns unter­stützen, weil sie sich in Regen­bö­gen ein­hüllen und uns bit­ten, ihre regen­bo­gen­far­be­nen Pro­duk­te zu kaufen. Aber diese Koop­tierung durch die Kapitalist*innen und ihre Politiker*innen ist nur eine Erin­nerung daran, dass es bei der Befreiung der LGBTQ+ Men­schen nicht um Vertre­tung geht. Und obwohl wir für Geset­zesän­derun­gen kämpfen, wird unsere Befreiung nicht durch die allmäh­liche Anhäu­fung von Recht­en erfol­gen. Wie die brasil­ian­is­che trans Aktivistin Vir­ginia Gui­tzel mit Lenin umschreibt: “Gle­ich­heit vor dem Gesetz bedeutet nicht Gle­ich­heit im Leben. Denn im Kap­i­tal­is­mus gibt es keine materiellen Bedin­gun­gen, um die Unter­drück­ung zu beseit­i­gen.”

Die Befreiung der LGBTQ+ Men­schen ist mit dem Kampf der Schwarzen gegen polizeiliche Gewalt, der Arbeiter*innen gegen die Über­aus­beu­tung der­sel­ben großen Konz­erne ver­bun­den, die behaupten, auf der Seite der LGBTQ+-Gemeinschaft zu ste­hen, und sie ist mit dem Kampf der Migrant*innen ver­bun­den, die in Einzel­haft oder in über­füll­ten Gefäng­niszellen sitzen.

Deshalb muss der Kampf für die Rechte der Migrant*innen Teil des Kampfes für die Rechte von LGBTQ+ sein. Deshalb kämpfen wir in diesem Pride-Monat für die Frei­heit: ohne Käfige, ohne Gefäng­nisse, ohne clos­ets und ohne Gren­zen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf Englisch bei Left Voice.

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