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Tarifkampf im Einzelhandel: Gestern beklatscht, heute ignoriert

Die Tarifverhandlungen für die 5,1 Millionen Beschäftigten im Handel stocken. Die Beschäftigten fordern höhere Löhne, während die Unternehmen Lohnerhöhungen unter der Inflationsrate anbieten und Tarifflucht erleichtern wollen.

Tarifkampf im Einzelhandel: Gestern beklatscht, heute ignoriert
Shutterstock / Framalicious, Bild eines Warnstreiks bei IKEA im Rahmen der Tarifrunde Handel 2021

Die Lobgesänge aus Politik und Wirtschaft über die systemrelevanten Verkäufer*innen im Einzelhandel wirken kein Jahr später wie Musik aus einem anderen Jahrhundert. Doch von dem letztes Jahr versprochenen Respekt ist genauso viel geblieben wie vom längst verhallten Klatschen. Seit Mai verhandelt die Dienstleistungsgewerkschaft ver.di über neue Tarifverträge für den Handel. Sie fordern eine Lohnerhöhung von 4,5 Prozent plus 45€ im Monat. Zudem soll das Mindestentgelt auf 12,50 € angehoben werden.

Die Einzelhandels-Konzerne bieten 5,4 Prozent mehr Lohn. Aber verteilt auf drei Jahre, was eine durchschnittliche Lohnsteigerung von 1,8 Prozent pro Jahr ausmachen würde. Die Leistungen der Verkäufer*innen wollen sie mit einer einmaligen Coronaprämie von 300€ “honorieren”. Aber nur für die wenigen Vollzeitbeschäftigen. Der Großteil der Belegschaft verfügen nur über Teilzeitverträge oder gehört zu den 800.000 Mini-Jobber:innen in der Branche und kommen mit ihrem Gehalt nicht über die Runden. Händler:innen, die sich als „Krisenunternehmen“ deklarieren, sollen weder die Prämie zahlen müssen und die Lohnerhöhungen auf einen ihnen genehmen Zeitpunkt verschieben dürfen.

Das Angebot ist eine Beleidigung für die Millionen Verkäufer:innen, die auch in den schärfsten pandemischen Lagen ihre Gesundheit riskieren, um die Versorgung der Bevölkerung sicher zu stellen. Im Mai stieg die Inflationsrate in Deutschland mit 2,5 Prozent auf einen Wert, der seit zehn Jahren nicht mehr erreicht wurde. Davon besonders betroffen: Güter des täglichen Bedarfs, die besonders die Arbeiter:innenhaushalte treffen. Seit dem großen Preissprung zum Jahresbeginn warnen immer mehr Banken und Ökonomen vor den Gefahren einer hohen Inflation. Und in diesen dynamischen Zeiten wollen sich die Handelsverbände mit durchschnittlich 1,8 Prozent Gehaltserhöhung die nächsten drei Jahre Ruhe in den Laden bringen. Das Angebot entspricht also einem Reallohnverlust, der die meist weiblichen und prekär (Teilzeit, Befristung, Mini Job, Auslagerung, etc.) Beschäftigten direkt trifft.

Deshalb ist auch die Wut über das Angebot und die Streikbereitschaft hoch. Doch unterzeichnet ver.di einen Tarifvertrag mit der von der Arbeitgeber:innenseite gewünschten Laufzeit, dürfte die Gewerkschaft in den nächsten drei Jahren nicht mehr streiken. Zuletzt streikten vergangenen Freitag in Berlin und Brandenburg Beschäftigte des Einzelhandels, mit einer „unglaublichen“ Beteiligung, wie ver.di-Sekretärin Conny Weissbach dem Tagesspiegel berichtete. Um die Streikbereitschaft der Beschäftigten zu brechen, empfiehlt der Handelsverband Deutschland (HDE) seinen Mitgliedern eine unkonventionelle Maßnahme: die großem Mitglieder des Verbandes sollen freiwillig die von den Bossen angebotene Lohnerhöhung zahlen.

Bis auf den Textilhandel konnte der Einzelhandel gerade auch wegen Corona große Umsatzsteigerungen verbuchen. Statt für Urlaub gaben vergangenes Jahr Menschen wesentlich mehr Geld für Konsumgüter aus. Vor allem der Online-Handel schrieb Rekordzahlen: 2020 steigerten sie ihre Umsätze um 20% auf insgesamt 71,5 Milliarden Euro. Aber auch die “klassischen” Konzerne wie Edeka und Rewe scheffelten Milliardengewinne im Coronajahr. Der Textilhandel und Nonfood-Einzelhandelsketten erhielten ebenfalls Milliardensummen aus den Staatskassen, mit denen die Beschäftigten in Kurzarbeit gehalten wurden. Ihre Profite wurden dabei in keinem Moment angetastet, während für viele Beschäftigte die Gefahr der Stellenstreichung weiterhin präsent ist.

Trotzdem geht es den Arbeiter:innen in den blühenden Geschäftsbereich verhältnismäßig am schlechtesten. Trotz des hartnäckigen Kampfes der Amazon-Beschäftigten weigert sich das Unternehmen seit Jahren den Tarifvertrag zu zahlen. Bei dem Online-Supermarkt Gorillas sieht die Situation noch düsterer aus. In Berlin streikten in den letzten Monaten die Kurierfahrer*innen immer wieder für mehr Sicherheit am Arbeitsplatz, korrekte Lohnauszahlungen, gegen Entlassungen und die Probezeit, die sie an gewerkschaftlicher Organisierung und Widerstand gegen die schlechten Arbeitsbedingungen hindert.

Dabei müssen die Beschäftigten zumeist ohne die Unterstützung von Gewerkschaften kämpften, die sich zunehmend aus den prekären Sektoren des Handels zurückziehen. Die niedrigen Löhne und befristeten Verträge bringen der Bürokratie nur wenig Mitgliedsbeiträge. Dies dürfte auch ein Grund sein, weshalb die Tarifbindung im Handel immer weiter sinkt. Wurden vor zehn Jahren noch die Hälfte der Handelsbeschäftigten nach Tarif bezahlt, werden laut ver.di heute nur noch 28% der Beschäftigten nach Tarif bezahlt.

Deshalb ist der Kampf für höhere Löhne und ein Mindestentgelt von 12,50 € direkt verbunden mit einem Kampf gegen Niedriglöhne, schlechte Arbeitsbedingungen, Befristungen und Probezeit und Outsourcing. Nur gemeinsam können die Beschäftigten aus dem “klassischen” Einzelhandel und den Online-Konzernen die Schlagkraft entwickeln, um die Angriffe der Bosse zurückzuschlagen.

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