Unsere Klasse

Studentische Beschäftigte bestreiken US-Eliteuniversität

An der US-amerikanischen Elite-Universität Columbia in New York traten studentischen Beschäftigte in den Streik. Wie der Kampf vorankommen kann, diskutiert Ben Fredericks in einem Artikel, der am 30. April auf unserer Schwesterseite, leftvoice.org, erschienen ist. Der Sektor der „grad workers“ konnte eine Verlängerung der Streiks nicht durchsetzen. Stattdessen wurde am ursprünglichen Plan festgehalten und der Ausstand am 30. April vorerst beendet. verbunden mit der Ansage, den Kampf nach einer Phase intensiver Organisierung im Herbst weiter mit Streiks zu eskalieren.

Studentische Beschäftigte bestreiken US-Eliteuniversität

Seit sie im Herb­st 2016 mit über­wälti­gen­der Mehrheit für die Gew­erkschaftsmit­glied­schaft abges­timmt hat­ten, haben die stu­den­tis­chen Beschäftigten der New York­er Colum­bia Uni­ver­si­ty die Anerken­nung durch die Uni­ver­sitätsver­wal­tung gefordert, die sich bish­er jeglich­er Ver­hand­lun­gen ver­weigert hat. Assistent*innen in Lehre („TAs“) und Forschung („RAs“) haben so einige Dinge satt: ver­spätete Bezahlung, sex­uelle Beläs­ti­gung, min­der­w­er­tige Kranken­ver­sicherung, keine Elternzeit, hohe Arbeits­be­las­tung, keine Job­sicher­heit und vieles mehr. Die hart arbei­t­en­den wis­senschaftliche Hil­f­skräfte haben genug von unver­holen­er Respek­t­losigkeit und Aus­beu­tung und sagen „no more!“, so geht es nicht weit­er!

Die „Colum­bia grad work­ers“ sind nun auf die Streik­welle aufge­sprun­gen, die von Bildungsarbeiter*innen im ganzen Land geführt wird. Lehrer*innen, Lehrassistent*innen, Kan­ti­nenbeschäftigte, Busfahrer*innen und andere Schularbeiter*innen rebel­lieren gegen Armut­slöhne und die chro­nis­che Unter­fi­nanzierung der öffentlichen Bil­dung. Die Schularbeiter*innen von West Vir­ginia schlu­gen zuerst zu, gefol­gt von Bildungsarbeiter*innen in  Okla­homa. Heute sind die Lehrer*innnen in Ari­zona an der Frontlin­ie. Die stu­den­tis­chen Beschäftigten der Colum­bia haben die Streik­welle, die bish­er im Bere­ich des öffentlichen Bil­dungswe­sens stat­tfand, auf eine der reich­sten pri­vat­en Uni­ver­sitäten der Welt aus­geweit­et.

Die stu­den­tis­chen Studieren­den der Colum­bia sind an den Streik­posten von vie­len Studieren­den, anderen Campusarbeiter*innen und Unterstützer*innen aus der ganzen Stadt ver­stärkt wor­den. Mit­glieder ver­schieden­er Gew­erkschafts-Orts­grup­pen (SEIU 32BJ, PSC, CWA local 4, NYU-GSOC) haben sich bei den täglichen Ver­samm­lun­gen sol­i­darisiert. Der Arbeit­er­be­we­gungs-His­torik­er Eric Fon­er sprach am Don­ner­stag (26. April) zur Menge und hob die zen­trale Rolle der Gew­erkschaften bei der Vertei­di­gung der Demokratie her­vor. Frank Guridy, Spezial­ist für Stadt­geschichte und soziale Bewe­gun­gen, sprach über das Erbe der Beset­zung der Colum­bia durch Studierende 1968, das durch den heuti­gen Streik der „grad work­ers“ reflek­tiert würde. Eine erfahrene Hochschullehrerin erin­nerte sich daran, wie sie selb­st 2005 als stu­den­tis­che Beschäftigte gestreikt hat­te und ver­band den laufend­en Kampf mit den großen Streiks, die derzeit von den franzö­sis­chen Bahner*innen gegen das his­torische Kürzung­spro­gramm der Regierung Macron geführt wer­den.

Die Fol­gen des Streiks der stu­den­tis­chen Beschäftigten sind spür­bar. Viele Lehrver­anstal­tun­gen, die von graduierten Studieren­den gegeben wer­den, mussten abge­sagt wer­den. Andere Lehrver­anstal­tun­gen sind wegen der Streik­posten an Orte außer­halb des Cam­pus ver­legt wor­den, oder sind ver­schoben wor­den, bis der Streik am 30. April enden soll. Ein ansehn­lich­er Streik­posten umkreist die Low Library im Herzen des Cam­pus und es ertö­nen Rufe „What do we want? Con­tract! If we dont get it, shut it down!“ („Was wollen wir? Tar­ifver­trag! Falls wir ihn nicht kriegen, legt alles still!“) und „No jus­tice, no peace!“ („Keine Gerechtigkeit – keinen Frieden!“).

Zugle­ich ist der Druck durch den Streik durch eine Rei­he von Fak­toren ern­sthaft beschränkt, die, wenn hier keine Verän­derung stat­tfind­et, der Uni­ver­wal­tung erlauben wür­den, den Kon­flikt auf lange Sicht auszusitzen. Auf ein­er Ebene ste­hen die streik­enden stu­den­tis­chen Beschäftigten vor der schw­eren Auf­gabe, Sol­i­dar­ität zwis­chen den Fach­bere­ichen aufzubauen und Alle dazu zu bewe­gen, aktiv am Streik teilzunehmen. In gewis­sem Sinne war die Entschei­dung, den Streik auf eine Woche zu begren­zen, ein Ver­such, die möglichst hohe Beteili­gung von jenen stu­den­tis­chen Beschäftigten sicherzustellen, die zu einem län­geren Streik nicht bere­it waren.

Der Streik ist auch durch die Tat­sache beschränkt, dass die „grad work­ers“ die einzi­gen sind, die streiken – der Rest der ordentlichen und befris­teten Lehrkräfte bleiben unor­gan­isiert und wur­den nicht zum Streik aufge­fordert. Nur die Lehrver­anstal­tun­gen, die auss­chließlich von Studieren­den mit Hochschu­la­b­schluss gegeben wer­den, fall­en aus, nicht aber diejeni­gen, die von Lehrbeauf­tragten, Dozen­ten oder befris­teten Lehrkräften über­nom­men wer­den. Der eingeschränk­te Charak­ter des laufend­en Kampfes muss als eine Schwäche ver­standen wer­den, die sofort über­wun­den wer­den muss, wenn die Gew­erkschaft der stu­den­tis­chen Beschäftigten, GCW-UAW local 2110, eine Bas­tion der Arbeiter*innen-Macht an der Colum­bia auf­bauen und nicht mar­gin­al­isiert wer­den soll.

Den Streik verbreitern und ausweiten – Shut Down Columbia!

Mit einem wach­senden Bewusst­sein von Selb­stver­trauen und Aktivis­mus, haben viele Organisator*innen der stu­den­tis­chen Beschäftigten eine online-Peti­tion unter­stützt, die zum unbe­fris­teten Streik aufruft. Diese sagt unter anderem:

„Die Idee ist sim­pel. Jed­er erfol­gre­iche Streik in der jüng­sten Zeit beweist, dass der einzige Weg, mit gewinnbrin­gen­den Unternehmen wie Colum­bia umzuge­hen, wed­er der Appell an ihr Rechts­be­wusst­sein ist, noch die Erwartung ein­er juris­tis­chen Kon­flik­tschlich­tung. Wie graduierte Studierende der NYU und Lehrer*innen in West Vir­ginia zeigen, ist der einzige Weg, um eine legale Gew­erkschaft­sex­is­tenz und einen Tar­ifver­trag zu erre­ichen, der Streik bis zur Erfül­lung unser­er Forderun­gen. Wir haben uns entsch­ieden, die Gew­erkschaft aufzu­fordern, eine Abstim­mung über einen Streik bis zum Semes­terende zu organ­isieren.“

Dass eine große Zahl der „grad work­er“ die Unzulänglicheit eines ein­wöchi­gen Streiks erken­nt und für eine Ausweitung bis in den Prü­fungszeitraum kämpft – ein Zeitraum, in dem ein stu­den­tis­ch­er Streik ern­sthafte Prob­leme für die Uni­ver­sität­sleitung bedeuten würde – ist ein richtiger Schritt. Die Kraft der Lehrer*innen von West Vir­ginia, die in der Colum­bia Peti­tion genan­nt wer­den, kam aus ihrer Sol­i­dar­ität, der gesellschaftlich­er Unter­stützung, ihrem Aktivis­mus und entschei­dend aus ihrer Fähigkeit, die Schulen stil­lzule­gen.

Abge­se­hen davon, ob der derzeit­ige Streik bis zur Prü­fungszeit weit­erge­ht, wird der Kon­flikt nicht in diesem Früh­ling gelöst wer­den. Allerd­ings hat das Grad­u­ate Stu­dent Orga­niz­ing Com­mit­tee seinen Kampf in Begrif­f­en des Klassenkampfs for­muliert, die akademis­chen Arbeiter*innen gegen den Mil­lionär und Uni­ver­sität­spräsi­den­ten Lee Bollinger und seine mil­liar­den­schw­eren Investor*innen gestellt, denen die Ver­wal­tung dient. Streikschilder und Parolen beto­nen oft, dass die stu­den­tis­chen Lehrkräfte und Forscher*innen Teil ein­er größeren Arbeiter*innenklasse sind – eine Ablehnung des typ­is­chen Elit­e­denkens der Colum­bia. Solange die Uni­ver­sität von ein­er wohlhaben­den Elite besessen und betrieben wird, wird der Klassenkon­flikt bleiben.

Streik­ende haben einen wichti­gen Slo­gan wieder­belebt, der heute von vie­len Gew­erkschaften vergessen ist, wenn sie rufen: „pick­et lines mean don’t cross!“ („Streik­posten heißt hier nicht weit­er!“). Diese Gew­erkschaft­stra­di­tion, der Gedanke, dass Arbeiter*innen Streik­posten ernst nehmen und nicht vor­beige­hen soll­ten, weist in die richtige Rich­tung. Falls Streik­posten bei zen­tralen Gebäu­den und Eingän­gen präsent sind und wenn andere Arbeiter*innen und Lehrkräfte nicht bere­it sind, vor­beizuge­hen, würde die Kraft des Streiks sehr gestärkt.

Wähend stu­den­tis­che Beschäftigte eine Peti­tion zur Ausweitung des Streiks organ­isieren, kön­nten andere Campus-Arbeiter*innen öffentlich erk­lären, dass sie zumin­d­est keinen Streik­posten ignori­eren wer­den. Durch einen bre­it­en Aufruf an jede Lehrkraft, in Sol­i­dar­ität die Lehrver­anstal­tun­gen abzusagen, bis Colum­bia zu einem Übereinkom­men bere­it ist, kön­nte der Streik an Stärke gewin­nen und siegre­ich wer­den. Arbeiter*innen haben die Kraft alles stil­l­lzule­gen, aber wir müssen dies Kraft auch nutzen.

Eine wachsende Rebellion der Bildungsarbeiter*innen

Nach Jahrzehn­ten des Rück­zugs der organ­isierten Arbeiter*innenbewegung, rebel­lieren nun Lehrer*innen – gemein­sam mit Lehrassistent*innen, Kantinenarbeiter*innen, Busfahrer*innen und anderen Schularbeiter*innen – gegen Armut­slöhne und die chro­nis­che Unter­fi­nanzierung der öffentlichen Bil­dung. Die Schularbeiter*innen von West Vir­ginia schlu­gen zuerst zu, gefol­gt von den Bildungsarbeiter*innen Okla­homas und heute sind die Lehrer*innen in Ari­zona an der Frontlin­ie. Die stu­den­tis­chen Beschäftigten der Colum­bia haben die Streik­welle, die bish­er im Bere­ich des öffentlichen Bil­dungswe­sens stat­tfand, auf eine der reich­sten pri­vat­en Uni­ver­sitäten der Welt aus­geweit­et.

Der Studieren­den­streik an der Colum­bia wird auch das Denken der Universitätsarbeiter*innen im ganzen Land ändern, die dann vielle­icht selb­st in den Streik treten. Die stu­den­tis­chen Beschäftigten des Boston Col­lege und der Har­vard Uni­ver­sität haben jüngst auch erfol­gre­iche Gew­erkschaftswahlen durchge­führt und Arbeiter*innen an der Uni­ver­si­ty of Cal­i­for­nia und auch der City Uni­ver­si­ty of New York haben bere­its für Streikak­tio­nen ges­timmt. Das Ergeb­nis des Kampfes an der Colum­bia wird einen wichti­gen Grund­ton für andere set­zen.

Profitorientierte Bildung, Gentrifizierung und Ausbeutung

Die Colum­bia Uni­ver­sität verkör­pert die immense immer­währende soziale Spal­tung, die New York City bedeutet: extremer Wohl­stand, vere­int mit Ungle­ich­heit, Armut­slöh­nen und Ras­sis­mus. Die schwarze und lati­no-Bevölkerung in Harlem und Morn­ing­side Heights, Bevölkerun­gen die Polizeige­walt und unbezahlbare Wohnkosten aus­ge­set­zt sind, haben keine Liebe für die Colum­bia übrig, eine Lehranstalt, die nur ein­er kleinen Zahl von Studieren­den aus der Arbeiter*innenklasse und nicht-weißen Studieren­den zugänglich ist, und die als ein eltäres und gen­tri­fizieren­des Übel wahrgenom­men wird.

Colum­bia hat immense materielle und intellek­tuelle Ressourcen, ein­schließlich viel­er ange­se­hen­er Forschungs- und Lehr-Pro­gramme und gründliche, wertvolle Möglichkeit­en für höhere Bil­dung. Aber diese Ressourcen und Möglichkeit­en sind das Eigen­tum der Millionär*innen und Milliardär*innen, die den Ton angeben. Für sie existiert Colum­bia um die Prof­ite, Geset­zge­bung und Repro­duk­tion der herrschen­den 1% zu sich­ern. Uni­ver­ität­spräsi­dent Bollinger und der Rest der Uni­ver­sität­sleitung wollen nicht, dass Colum­bia den nor­malen arbei­t­en­den Men­schen dient.

Die von der Unileitung bekun­dete extreme Feind­schaft gegenüber den Cam­pus­gew­erkschaften ist nur ein Teil ihrer grund­sät­zlichen Mis­sach­tung. Sprecher*innen bei den täglichen Streikver­samm­lun­gen haben Columbias dun­kle Schat­ten­seite ans Licht gebracht: 12 Studierende haben allein let­ztes Jahr Selb­st­mord began­gen und die Uni­ver­sität­sleitung schenkt Bericht­en von Beläs­ti­gung und sex­uellen Über­grif­f­en weit­er­hin keine Beach­tung. Ein Mit­glied der Studieren­den­gruppe 24/7 Colum­bia wies darauf hin, dass die Unileitung trotz ihrer Mil­liar­den­ver­mö­gen darauf verzichtet, in die Hil­feleis­tung für Studierende mit psy­chis­chen Schwierigkeit­en, Erfahrun­gen von sex­uellen Über­grif­f­en oder ein­fach medi­zinis­chen Not­fällen nach 17 Uhr zu investieren.

Übernehmt die Universität für die Arbeiter*innenklasse!

Mit­tels gew­erkschaftlich­er Organ­isierung Arbeiter*innen-Macht auf dem Cam­pus aufzubauen, kann Raum und Selb­st­be­wusst­sein für den Kampf für größere Ziele schaf­fen, wie kosten­lose Hochschul­bil­dung, Bau bezahlbaren Wohn­raums und die Stre­ichung der Stu­di­en­schulden. Den­noch, selb­st wenn der gesamte Cam­pus gew­erkschaftlich organ­isiert wäre und jede*r Arbeiter*in einen guten Ver­trag hätte – ein großar­tiges Ziel für sich betra­chtet – würde die Zweckbes­tim­mung der Uni­ver­sität immer noch von wohlhaben­den Investor*innen, Spender*innen und ein­er nicht gewählten Uni­ver­sität­sleitung vorgegeben wer­den.

Für einen wirk­lichen Par­a­dig­men­wech­sel darin, wofür die Colum­bia Uni­ver­sität ste­ht, zu erre­ichen, wer­den die Studieren­den, Arbeiter*innen und Lehrkräfte eines Tages die Uni­ver­sität übernehmen müssen und sie aus den Klauen der Mil­liardäre reißen. Arbeiter*innen hal­ten die Hochschule am Laufen und Studierende zahlen Mil­lio­nen um die Uni­ver­sität zu besuchen – doch wed­er Arbeiter*innen noch Studierende dür­fen irgen­det­was entschei­den über die Auf­gabe und Poli­tik der Hochschule.

Den Immobilienbesitzer*innen und Gew­erkschafts­fein­den, die heute die Colum­bia beherrschen, sollte ihr Ver­mö­gen entris­sen und die Ressourcen der Uni­ver­sität in öffentlich­es Eigen­tum überge­hen. Genau wie schwarze und puer­to-rican­is­che Studierende die City Uni­ver­si­ty of New York beset­zen mussten, um den de fac­to ras­sis­tis­che Auss­chluss von Studieren­den zu been­den, müssen auch die Arbeiter*innen und Studieren­den der Colum­bia die Uni­ver­sität für die bre­it­ere Arbeiter*innenklasse öff­nen. Insti­tu­tio­nen der akademis­chen Bil­dung soll­ten von gewählten und abwählbaren Führun­gen geleit­et wer­den, von Komi­tees aus Arbeiter*innen, Studieren­den, Lehrkräften und der örtlichen Bevölkerung.

 

Dieser Artikel erschien zuerst auf LeftVoice.org und ist dort im Orig­i­nal zu find­en.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.