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Streik bei Verizon: Arbeitskampf auf Amerikanisch

Knapp 40 000 Beschäftigte der US-Telefongesellschaft Verizon waren sechs Wochen im Streik. Die Arbeiter*innen kämpften um ihre Zukunftssicherung, das Unternehmen setzte Streikbrecher*innen ein.

Streik bei Verizon: Arbeitskampf auf Amerikanisch

[Am 27. Mai hat die Gewerkschaft CWA verkündet, dass sie nach 45 Streiktagen eine Grundsatzeinigung mit Verizon erreicht hat. Wir veröffentlichen eine Reportage vom Streik, die einen Tag vorher im „Neuen Deutschland“ erschienen ist. Eine Bilanz des Abschlusses veröffentlichen wir demnächst.]

Bald ist Mitternacht in Manhattan. Die Menschen strömen aus den Broadway-Theatern. Auf einer Straßenkreuzung stehen Arbeiter*innen in neongelben Schutzwesten und Helmen neben ihrem LKW. Sie basteln an unterirdischen Telefon- und Internetleitungen. In einem Kabelschacht hat es am Vortag gebrannt. Ein paar Meter weiter, hinter Gittern, stehen bullige Typen in roten T-Shirts. „Scäääääb“ schreien sie – im dicken New Yorker Akzent zieht man den Vokal besonders lang.

Scab (wörtlich: Schorf) ist ein englisches Schimpfwort für Streikbrecher*innen. Das Schreien ist typisch für Arbeitskämpfe in den Vereinigten Staaten. Die Männer in Rot sind die Beschäftigten der Telefongesellschaft Verizon. Seit sechs Wochen sind 39.000 von ihnen im Ausstand. Die Männer in Neongelb sind der Ersatz.

Picket Line

„Sie machen 1,8 Milliarden Dollar Profit – im Monat“ sagt Stan*, der an diesem Abend an der „Picket Line“, dem Streikposten steht. „Warum müssen sie uns etwas wegnehmen?“

In der Tarifrunde verlangt das Unternehmen vielfältige Kürzungen. Verizon schaltet ganzseitige Anzeigen in den Tageszeitungen, in denen behauptet wird, dass ihre Beschäftigten im US-Durchschnitt recht gut verdienen und auch viele Zusatzleistungen bekommen. „Aber genau diese wollen sie uns wegnehmen“, sagt Stan. Den Lohn findet er in Ordnung, auch wenn die Lebenshaltungskosten auf dem direkt neben New York gelegenen Long Island hoch sind.

Seit fast 25 Jahren ist Mike* bei Verizon. „Wenn ein geschundener Gaul alt wird, gibt man ihm sein Gnadenbrot, bis er umkippt“ sagt er. Mehr will er nicht – nur das behalten, was er und seine Kolleg*innen in den letzten Jahrzehnten erkämpft haben.

Besonders umstritten ist die Forderung des Managements, Call-Center von den USA in die Philippinen und andere Länder zu verlegen. „Meine Mutter war alleinerziehend, und mit einem Job im Call-Center hat sie mich großgezogen“ sagt Mike. Er will, dass diese Arbeit weiterhin nach Tarif bezahlt wird.

Keine Krankenversicherung

Der mittlerweile 45. Streiktag an diesem Freitag bedeutet auch 45 Tage ohne Lohn. Erst ab dem 49. Streiktag bekommen die Kolleg*innen das staatliche Arbeitslosengeld ausgezahlt. Ihre Krankenversicherung, die über das Unternehmen läuft, ist gekündigt. Bei medizinischen Notfällen müssen sie sich an ihre Gewerkschaft CWA wenden. Besonders die Väter machen sich sorgen um ihre Kinder.

Jung sind sie nicht – die meisten arbeiten seit 20, 25, 30 Jahren bei der Firma, seit Jahren wird nicht neu eingestellt. Das Alter könnte ein Grund sein, weshalb es trotz der aufgeheizten Stimmung nicht zu Sabotage oder Gewalt gegen die Scabs kommt.

„Sie wollen uns als Schlägertypen und Hooligans darstellen“, sagt Mike, „doch das Gegenteil ist richtig: Ich bin der Hockeytrainer deiner Kinder!“ Die Polizei begleitet trotzdem regelmäßig Streikbrecher*innen, sie betreibt einen regelrechten Taxiservice, heißt es.

Gewalt und Unfälle kommen von der anderen Seite. Mike erkennt einen Ex-Kollegen, der wegen einer gewalttätigen Auseinandersetzung am Arbeitsplatz gefeuert wurde. Nun gehört er zu den bis zu 10.000 Streikbrecher*innen, die Verizon eingestellt hat. Scabs sollen Streikende mit Waffen bedroht oder betrunken im Auto angefahren haben.

Ein Kampf für alle

Der Ausstand zeigt Auswirkungen. Der Aktienkurs von Verizon ist um 1,5 Prozent gesunken, die Gewinnerwartung im laufenden Quartal wurde nach unten korrigiert, und ein neuer Festnetzanschluss ist zur Zeit praktisch nicht zu haben. Wegen mangelnder Reparaturen ist der Service schlecht.

Doch das Management verfolgt scheinbar strategische Ziele. Man muss vermuten, dass die Gewerkschaft in der Festnetzsparte zerschlagen werden soll – vor allem soll wohl gewerkschaftliche Organisation nicht auf die Mobilsparte übergreifen. Derartige Ziele sind teuer, doch die Profitraten geben dem Management Spielraum.

In der gewerkschaftsfreundlichen Stadt New York treffen die Streikposten auf viel Sympathie. Vor den Filialen von Verizon Wireless nehmen viele Kunden einen Flyer und gehen nicht rein. Scabs werden in Hotels untergebracht, auch hier tauchen Streikposten um 3 oder 5 Uhr morgens auf, um Lärm zu machen. „Busting their balls“, wie Stan es nennt. Nicht nur die Gäste haben Probleme damit – an verschiedenen Orten Manhattans haben gewerkschaftlich organisierte Hotelangestellte die Verizon-Streikbrecher*innen vor die Tür gesetzt.

Doch trotz der Solidarität wird der Kampf hart sein. Es geht hier nicht um eine Tarifrunde, sondern grundsätzlich darum, ob „Arbeiter mit blauem Kragen“, wie sie in den USA genannt werden, weiterhin gewerkschaftliche Rechte und anständige Lebensstandards genießen können. Ein Kampf mit Auswirkungen für alle Lohnabhängigen der USA.

*Name geändert

dieser Artikel im Neuen Deutschland

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