Unsere Klasse

“Linke Organisationen wachsen am besten, wenn sie sich zuallererst auf die Unterstützung von Arbeitskämpfen konzentrieren”

Interview mit Daniel Kulla über das Buch "Sin Patrón – Herrenlos" und die Lehren, die die deutsche Linke aus den Klassenkämpfen in Argentinien ziehen kann.

Demoblock der PTS-Jugend, 24.3.2017, Buenos Aires. Foto von Daniel Kul­la

Daniel, aktuell bist du mit dem Buch “Sin Patrón – Her­ren­los. Arbeit­en ohne Chefs” auf Tour. Darin geht es um selb­stver­wal­tete Betriebe in Argen­tinien. Von welchen Erfahrun­gen spricht das Buch?

Im Zen­trum des Buchs, das ich als näch­stes im August ein Dutzend Mal zusam­men mit der argen­tinis­chen Poli­tik- und Sozial­wis­senschaft­lerin Magui López vorstellen werde, ste­hen zehn Geschicht­en instandbe­set­zter Betriebe, “fábri­c­as recu­per­adas”, aus der ersten Hoch­phase der Bewe­gung nach dem Auf­s­tand von 2001. Ergänzt habe ich das in einem umfan­gre­ichen Vor­wort um neuere Beispiele und Lek­tio­nen, vor allem mit Hin­sicht aufs Ver­hält­nis zu Staat und Regierung, sowie um Über­legun­gen zur Über­trag­barkeit auf deutsche Ver­hält­nisse.

Eines der emblema­tis­chsten Beispiele für instandbe­set­zte Betriebe ist die Keramik­fab­rik Zanon. Dort läuft ger­ade eine inter­na­tionale Spendenkam­pagne zur Unter­stützung der Fab­rik. Worum geht es da?

Zanón – Kampf­name “Fábri­ca sin patrones” (“Fab­rik ohne Her­ren”) – ist mit mehr als 450 Mit­gliedern die größte der lan­desweit mehr als 300 “recu­per­adas”. Trotz sein­er fabel­haften ökonomis­chen Behaup­tung hat Zanón nun, wie viele andere Betriebe auch, nach mehr als 15 Jahren des Kred­it­boykotts, der staatlichen Sub­ven­tionsver­weigerung und der Erpres­sung mit Schulden des Alteigen­tümers sowie mit dem rechtlichen Sta­tus längst erhe­bliche Prob­leme, seine Anla­gen zu über­holen und zu erneuern. Das frisst die Über­schüsse auf und den gefährdet den Leben­sun­ter­halt der Belegschaft. Gefordert wer­den nun haupt­säch­lich erst­mal die für jeden Pri­vat­be­trieb (inklu­sive des Keramik­w­erks direkt nebe­nan) üblichen Sub­ven­tio­nen, was angesichts der weit­er ver­schärften neolib­eralen Ausverkauf­spoli­tik nun aber eher noch schw­er­er durchzuset­zen sein dürfte.

Aktuell läuft in Argen­tinien erneut ein har­ter Arbeit­skampf gegen die Schließung ein­er Fab­rik: Pep­si­co. Was ist dein Ein­druck dieser Auseinan­der­set­zung?

Es ist ein­er­seits beein­druck­end, wie viel Unter­stützung dort auf recht klar­er und mil­i­tan­ter Klas­sen­grund­lage mobil­isiert wird und wie die Links­front FIT diesen Kon­flikt zu einem ihrer zen­tralen Wahlkampfthe­men macht. Ander­er­seits ste­ht dieser üppige Wider­stand, der sich ja auch schon in den zahlre­ichen Streiks und riesi­gen Massen­protesten im Früh­jahr gezeigt hat, ein­er entschlosse­nen Pha­lanx aus Regierung, Sicher­heit­sap­pa­rat und Gew­erkschaft­bürokratie gegenüber, die unter Macri noch unverblümter und bru­taler als zuvor alles zu zer­schla­gen ver­sucht, was dem Kap­i­tal, auch und ger­ade dem deutschen, im Wege ste­ht. Das “scheue Reh” wird immer noch am zuver­läs­sig­sten durch Prügel gegen aufmüp­fige Arbeit­skräfte ange­lockt…

Welche Lehren kön­nen wir in Deutsch­land aus den argen­tinis­chen Erfahrun­gen ziehen?

Auch wenn die Sit­u­a­tion des hal­bkolo­nialen, ärmeren, aber sozial auch mod­erneren Argen­tinien nicht ein­fach auf Deutsch­land zu über­tra­gen ist, dürfte die zen­trale Lek­tion doch einiger­maßen uni­versell sein: Linke, sozial­is­tis­che Organ­i­sa­tio­nen wach­sen und gedei­hen am besten und bleiben am ehesten egal­itäre und rev­o­lu­tionäre Kräfte, wenn sie sich zuallererst auf die Unter­stützung von Arbeit­skämpfen konzen­tri­eren und von dort aus eine Basis für die prak­tis­che Sol­i­dar­ität mit anderen Auseinan­der­set­zun­gen schaf­fen.

Statt sich wie die meis­ten anderen linken Struk­turen auf dem Tick­et lib­eraler Sym­bol­poli­tik zu Anhängseln der “linksper­o­nis­tis­chen” Kirch­ner­is­tas und ihrer autoritären und reak­tionären Ten­den­zen gemacht zu haben, trat­en die FIT-Parteien dage­gen als Ver­stärkung und Unter­stützung der Arbeit­skräfte als Klasse auf und gehören heute auch in Bezug auf andere Poli­tik­felder wie Frauen­be­we­gung, Gen­der­poli­tik und Dro­gen­freiga­be zu den pro­gres­sivsten im Land.

Über­tra­gen auf Deutsch­land heißt das plump und kurz: Raus aus der akademis­chen “Mit­telk­lasse”, ihren lib­eralen Stel­lvertre­tungskon­flik­ten und The­o­riemod­en­bat­tles, raus aus der Beschränkung auf hippe Innen­stadt­bezirke, rein in Arbeits‑, Repro­duk­tions- und Mietkämpfe (und die dafür ggf. nöti­gen Abwehrkämpfe gegen Cops oder Nazis). Und etwas pro­gram­ma­tis­ch­er: Ein­schluss der ganzen Klasse, egal wie prekär und aus­ge­bildet, egal welch­er Herkun­ft und wie gut oder ob über­haupt bezahlt; Bün­delung der schon aktiv­en Kräfte, ob nun anar­chis­tisch, syn­dikalis­tisch, rätekom­mu­nis­tisch, trotzk­istisch usw.; vor allem aber Schaf­fung ein­er über­re­gion­al wirk­samen Unter­stützungsstruk­tur dafür bzw. daraus, ob nun Partei oder Gew­erkschaft, mit Recht­shil­fe, Öffentlichkeit­sar­beit und Aktion­slo­gis­tik. Mot­to: Klassenkampf ist nicht alles, aber ohne Klassenkampf ist alles nichts.

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