Frauen und LGBTI*

Sexuelle Gewalt in der katholischen Kirche

Es ist diesen Monat sechs Jahre her, dass in Deutschland eine öffentliche Debatte über sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche begann. Es wurde ein bisschen diskutiert, ein paar Versprechen gemacht – und sonst ist nicht viel passiert. Reaktionär*innen versuchen heute, sexuelle Gewalt zu einem Problem „der Anderen“ zu machen. Wie sehr sie damit falsch liegen, wird sichtbar, wenn wir uns an diese Debatte erinnern.

Sexuelle Gewalt in der katholischen Kirche

Nach den Ereignis­sen in Köln wird von Reaktionär*innen und Rassist*innen viel darüber gere­det, dass Migrant*innen allein für den Sex­is­mus in Deutsch­land ver­ant­wortlich wären. Das ist natür­lich Quatsch. Sie tun so, als ob sex­uelle Gewalt in Deutsch­land nicht All­t­ag wäre – und als ob sie nicht struk­turelle und organ­isierte For­men annehmen würde. Wie absurd das ist, wird klar, wenn sex­ueller Miss­brauch in der katholis­chen Kirche betra­chtet wird. Denn wed­er CDU und CSU, noch Pegi­da und seine Anhänger*innen wer­den behaupten kön­nen, dass die katholis­che Kirche nichts mit den Werten ihres so heiß geliebten Abend­lan­des zu tun hat.

Seit den 90er Jahren wird über Miss­brauchs­fälle an Kindern und Jugendlichen durch katholis­che Priester und Ordens­mit­glieder disku­tiert, vor allem im Falle Irlands mit min­destens 147.000 Betrof­fe­nen. In Deutsch­land nimmt die Debat­te vor sechs Jahren Schwung auf. Ende Jan­u­ar 2010 schreibt der Rek­tor des Berlin­er Can­i­sius-Kol­legs einen offe­nen Brief, in dem er sich für ver­gan­genen sex­uellen Miss­brauch an der Jesuit­en­schule entschuldigt. Die Presse inter­essiert sich für den Fall und es begin­nt eine Debat­te in Deutsch­land. Immer mehr Fälle wer­den öffentlich: Nicht nur am Can­i­sius-Kol­leg, son­dern auch an anderen Jesuit­en­schulen kam es zu sex­uellem Miss­brauch, auch noch vor weni­gen Jahren – inner­halb eines Monats melden sich min­destens 115 Betrof­fene. Und auch in Schulen ander­er Orden und in Ein­rich­tun­gen prak­tisch aller Bistümer wer­den immer mehr Fälle bekan­nt. Von vie­len der Fälle wussten Ver­ant­wortliche inner­halb der Kirche – die einzige Kon­se­quenz für die Täter war meist eine Ver­set­zung oder eine tem­poräre Sus­pendierung. Die Täter wur­den also sys­tem­a­tisch geschützt und die Opfer sich selb­st über­lassen oder – noch schlim­mer – bedro­ht, damit sie schweigen.

Deutsche Bis­chöfe und Orden­sobere bit­ten um Verge­bung und ver­sprechen „scho­nungslose Aufk­lärung“. Es han­delt sich aber vor allem darum, auf bekan­nt­ge­wor­dene Fälle zu reagieren. Erst Mitte 2011 beauf­tragt die Bischof­skon­ferenz ein externes Team damit, die Per­son­alak­ten der Priester auf Hin­weise nach sex­ueller Gewalt hin zu über­prüfen. Nach zwei Jahren gibt das Team auf. Ihre Vor­würfe: Die Kirche will die Ergeb­nisse zen­sieren; die Bistümer haben mas­siv Akten ver­nichtet. Ein neues Forschung­steam wird einge­set­zt, die Ergeb­nisse kom­men früh­estens 2017. Aber auch hier ist das Prob­lem, dass Kirchenmitarbeiter*innen darüber entschei­den dür­fen, welche Akten zur Ver­fü­gung gestellt wer­den. Es sieht alles stark danach aus, als ob die katholis­che Kirche das ganze Aus­maß von sex­ueller Gewalt ver­schleiern will.

Die rechtliche Son­der­stel­lung, die Kirchen in Deutsch­land immer noch haben, macht ihr das umso leichter. Kirchenangestellte dür­fen nicht streiken und das Betrieb­sver­fas­sungs­ge­setz gilt für sie nicht. Wenn sie gegen die Regeln der Kirche ver­stoßen, etwa sich schei­den lassen, unver­heiratet zusam­men­leben oder abtreiben, kön­nen sie gekündigt wer­den. Dies macht es umso leichter, inner­halb der Insti­tu­tion Kirche den Täter­schutz auf allen Ebe­nen durchzuset­zen.

Es ist die reak­tionäre Rolle der Kirche, Unter­drück­ung von Sex­u­al­ität, Fraue­nun­ter­drück­ung und die Unter­drück­ung von LGBTI*-Menschen ide­ol­o­gisch zu unter­mauern. Wie sollte sie da nicht Hochburg der sex­uellen Gewalt sein? Dies zeigt sich zum Beispiel daran, dass Sex­u­al­ität an sich tabuisiert ist und außere­he­lich­er Sex für Frauen und Sex von Män­nern mit Män­nern ver­boten wird. Junge Men­schen, die in kirch­lichen Ein­rich­tun­gen sex­uelle Gewalt erfahren, trauen sich deshalb oft nicht, darüber zu reden. Ihnen wird aner­zo­gen, sich selb­st die Schuld zu geben. Auch die Insti­tu­tion der Beichte eignet sich her­vor­ra­gend dafür, junge Men­schen unter Druck zu set­zen und mit Scham zu füllen.

Die Bedeu­tung von Gehor­sam und die män­ner­bündis­che Organ­i­sa­tion der Kirche tun das Ihrige dazu: Opfer haben gel­ernt, dass Priester moralis­che Autoritäten sind. Sie ler­nen, dass es nicht darum geht, was der*die einzelne denkt, son­dern darum, zu glauben und einem Gott, als dessen Vertreter der Täter fungiert, gehor­sam zu sein. Und auch Priester ler­nen, nicht mit den Opfern, son­dern mit anderen Priestern und Ordens­mit­gliedern – auch mit Tätern — sol­i­darisch zu sein. Das ist im Übri­gen auch ihr materielles Inter­esse, denn ihre Exis­tenz hängt daran, wie gut es der Kirche geht.

Daran ändert sich auch nichts, wenn der heutige Papst Gerichte ein­führen will, die die Ver­tuschung von Miss­brauchs­fällen ahn­den sollen oder wenn kirchen­in­terne Kri­tik­er auf struk­turelle Prob­leme hin­weisen. Sie erre­ichen es nur, der katholis­chen Kirche ein „mod­ernes“ Antlitz zu geben – tat­säch­liche, grundle­gende Verbesserun­gen dieser Insti­tu­tion kann es nicht geben. Denn die Kirche dient der Fes­ti­gung der Ver­hält­nisse, die sex­uellen Miss­brauch von Kindern und Jugendlichen möglich machen und ist deshalb nicht reformier­bar.

Die Fälle von sex­uellem Miss­brauch müssen tat­säch­lich und ohne Zen­sur durch die Kirche aufgek­lärt und die Täter bestraft wer­den, eben­so wie diejeni­gen, die Täter schützten. Es han­delt sich bei den Priestern, die sex­uelle Gewalt ausübten, aber nicht nur um Einzeltäter, die es bess­er auszu­sortieren gilt. Es han­delt sich bei der Kirche um eine Insti­tu­tion, die sys­tem­a­tis­che sex­uelle Gewalt organ­isiert. Als solche muss auch für ihre Ent­mach­tung als Ganzes gekämpft wer­den, um sex­ueller Gewalt inner­halb und außer­halb der Kirche den Boden zu entziehen. Dazu gehört es, gegen die Son­der­rechte der Kirchen zu kämpfen, zum Beispiel gegen die erwäh­nte Ein­schränkung der Rechte von Kirchenangestell­ten und gegen die Finanzierung kirch­lich­er Ein­rich­tun­gen wie Kitas, Schulen und Kranken­häuser durch den Staat. Denn viele der christlichen Schulen, in denen es zu sex­ueller Gewalt kam, waren fast voll­ständig staatlich finanziert.

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