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Sechs Monate im Streik

Bei der Donut-Fabrik Panrico in Barcelona kämpfen die Beschäftigten gegen Entlassungen – der längste Streik im Spanischen Staat seit dem Ende der Franco-Diktatur

Sechs Monate im Streik

// Bei der Donut-Fabrik Panrico in Barcelona kämpfen die Beschäftigten gegen Entlassungen – der längste Streik im Spanischen Staat seit dem Ende der Franco-Diktatur //

Sechs Monate kämpfen die ArbeiterInnen der Großbäckerei Panrico in Santa Perpètua in der Nähe von Barcelona nun schon gegen Entlassungen und Lohnkürzungen. Dabei erschrecken sie mit ihrer Losung „0,0“ – null Entlassungen, null Lohnkürzungen – nicht nur die siegesgewohnten KapitalistInnen und ihre Regierungen, sondern auch die Gewerkschaftsbürokratie, die auf faule Kompromisse setzt.

Mit ihrem Kampf, einem der längsten seit dem Spanischen BürgerInnenkrieg, schreiben sie Geschichte, indem sie alte Kampfmittel der ArbeiterInnenklasse wie die Streikkasse, die Versammlung aller Streikenden als Entscheidungsorgan und die Solidarität aller ArbeiterInnen, Studierenden und Unterdrückten wiederbeleben. Gemeinsam mit dem fast drei Monate anhaltenden Kampf bei Coca-Cola in Fuenlabrada in der Nähe von Madrid, die eine ähnliche Kampflosung besitzen – weder Schließungen noch Entlassungen – sind sie aktuell die beiden wichtigsten Arbeitskämpfe gegen die Auswirkungen der Krise im Spanischen Staat und ein Vorbild für alle kämpferischen Sektoren.

Große GegnerInnen

Dabei haben sie es mit einem großen Gegner zu tun: Die US-amerikanische Risikokapitalgesellschaft Oaktree Capital Management, die dem Milliardär Howard S. Marks gehört, hatte Panrico vor zwei Jahren gekauft. Im Oktober letzten Jahres hatten sie einen Sanierungsplan angekündigt: 1.914 Entlassungen unter den fast 4.000 MitarbeiterInnen im ganzen Land, und für den Rest Lohnkürzungen von 40 Prozent. Am 13. Oktober traten die ArbeiterInnen in den Vollstreik und legten fest, dass die Versammlung aller Streikenden den Betriebsrat kontrolliert und Entscheidungen trifft.

Die Blockade der Werkstore, die den Eintritt der Streikbrecher­Innen und die Lieferung der Waren verhindern sollte, wurde brutal von einer Spezialeinheit der katalanischen Polizei angegriffen. Da die Gewerkschaftsbürokratie verhindert hatte, dass auch an anderen Standorten gestreikt wird und sogar eine Arbeitszeitverlängerung erlaubte, beliefert das Unternehmen seitdem den katalanischen Markt von anderen Standorten aus. Das ist zwar Rechtsbruch, doch die katalanische Regierung, die Generalitat, hat die Vollstreckung eines entsprechenden Urteils lange verzögert und am Ende eine lächerliche Sanktion von 6.200 Euro verhängt. Kein Zufall: Der Bruder des Präsidenten der Generalitat ist bis vor Kurzem Manager bei Panrico gewesen.

Doch die ArbeiterInnen ließen sich nicht unterkriegen und suchten überall Unterstützung. Da die Streiktage im Spanischen Staat nicht von den Gewerkschaften bezahlt werden, riefen sie eine Streikkasse ins Leben, mit der sie zu zahlreichen Betrieben der Umgebung, wie dem Hafen, der U-Bahn und der Seat-Fabrik gingen und um Unterstützung baten. Sie organisierten Festivals, große Festessen, Veranstaltungen in Universitäten, Stadtvierteln und vieles mehr.

Mitte November stimmte eine Verhandlungskommission aus den zwei großen Gewerkschaften CCOO und UGT einer Vereinbarung mit der Geschäftsführung zu. Diese sah weiterhin 745 Entlassungen und Gehaltskürzungen von 15 Prozent vor. In der kämpferischen Fabrik erhöhte sich jedoch die Zahl der Entlassungen schlagartig von Anfangs 30 auf 154 – eine klare Kampfansage an die Streikenden. Doch diese ließen sich nicht beirren, obwohl Teile des Betriebsrates davor warnten, dass eine Fortführung des Streikes entgegen der Vereinbarung möglicherweise illegal sein könnte.

Als Antwort auf den Verrat der Gewerkschaftsführung verschärfte sich der Konflikt. Die ArbeiterInnen versuchten, ihren Kampf bekannter zu machen und Geld zu sammeln, indem sie im ganzen Spanischen Staat herumreisten. Es wurde eine große Veranstaltung organisiert, um die Kämpfe in der Umgebung zu koordinieren und die Solidarität zu erweitern. Studierende gründeten ein Solidaritätskomitee an der Universität von Barcelona und organisierten zahlreiche Aktionen der Einheit von ArbeiterInnen und Studierenden. Außerdem entstand ein Unterstützungskomitee, das sich aus verschiedenen linken und gewerkschaftlichen Gruppen zusammensetzt, große Demonstrationen in und um Barcelona organisiert und Ausdruck einer ganzen Bewegung ist, die sich um diesen heroischen Streik und seine kämpferischen ArbeiterInnen gebildet hat. Dadurch hat sich das Motto „Wir alle sind Panrico“ in dieser Region fast schon verwirklicht.

Die Frauen stehen bei Panrico in der ersten Streikreihe: Sie treten mit ihren eigenen Forderungen auf und waren auf allen großen Demonstrationen gegen das reaktionäre Anti-Abtreibungsgesetz, das die konservative Regierung durchsetzen möchte. Bei der massiven Demonstration am 8. März in Barcelona zogen sie mit ihrem kämpferischen und großen Block sogar die Aufmerksamkeit der Tageszeitung „El País“ auf sich, die schrieb: „Die Frauen von Panrico waren ein wichtiger Teil des Events. Mit dem Transparent ‚Nichts zu feiern, aber viel zu erkämpfen‘ bildeten sie einen der größten und schrillsten Blocks.“ Gemeinsam mit ArbeiterInnen von Coca-Cola in Fuenlabrada sprachen sie auf einer von der sozialistischen Frauengruppe Pan y Rosas organisierten Veranstaltung über ihre Kampferfahrungen, die Schwierigkeiten und die Notwendigkeit, weiter zu kämpfen und sich zu koordinieren.

Auf eigene Initiative starteten die ArbeiterInnen auch einen Aufruf zur internationalen Solidarität mit ihrem Kampf. Schon zuvor hatten sich die ArbeiterInnen mit dem Kampf der ArbeiterInnen von Kromberg&Schubert und Liliana in Argentinien solidarisiert und einen Gruß an die streikenden MüllarbeiterInnen in Rio de Janeiro geschickt. Als Antwort auf ihren Aufruf fanden in zahlreichen Ländern Lateinamerikas und in Europa Aktionen vor Botschaften des Spanischen Staats und Kataloniens statt. Auch das Treffen der kämpferischen Gewerkschaftsbewegung in Argentinien erklärte seine Solidarität mit Panrico. Schon vorher hatte Christian Castillo, revolutionärer Abgeordneter in der Provinz von Buenos Aires, den Streikposten besucht und einen Teil seiner Abgeordnetendiät der Streikkasse gespendet.

Ein bewegter März

Die ArbeiterInnen von Panrico traten im März in den fünften Monat ihres Kampfes ein. In dieser Zeit hatten sie zahlreiche Erfahrungen gemacht, trotz des Boykotts durch die Gewerkschaftsführung der CCOO eine aktive Kampagne betrieben, mit der 70.000 Euro in die Streikkasse kamen, sich mit vielen anderen Kämpfen solidarisiert und den ihren bekannter gemacht. Die Generalitat spielt eine perfide Rolle. Sie versucht sich als Schlichterin darzustellen, bevorzugt in der Realität jedoch ausschließlich das Unternehmen. Die ArbeiterInnen kämpfen gegen die verschiedenen Kompromissangebote – sie lassen keine/n Kollegen/in zurück!

Am 20. März sollte der höchste spanische Gerichtshof ein Urteil über die Legalität des von dem Unternehmen geplanten „Sanierungsplans“ fällen. Die ArbeiterInnen von Panrico reisten aus Barcelona nach Madrid, um vor dem Gerichtssaal präsent zu sein – gemeinsam mit den streikenden ArbeiterInnen von Coca-Cola. In den Tagen davor hatten die Bosse alles mögliche getan, um den Gerichtstermin zu verhindern und auch die Gewerkschaftsbürokratie und ein Teil des Betriebsrates aus Santa Perpètua versuchten die Tatsache, dass Verhandlungen zwischen dem Betriebsrat und dem Unternehmen stattfinden, als Grund für eine Verschiebung zu nehmen. Als dies publik wurde, gingen die ArbeiterInnen zum Sitz der CCOO in Barcelona, um Antworten und Unterstützung einzufordern. So scheiterte dieses Manöver und die Verhandlung fand statt… bis einer der Kläger, ein Vertreter der CCOO, aus „Gesundheitsgründen“ nicht erscheinen konnte. Das Urteil wurde daraufhin auf den 6. Mai verschoben. Die ArbeiterInnen von Panrico und Coca-Cola protestierten gegen diesen Verrat und zogen vor die Gewerkschaftszentrale in Madrid. Das Urteil wäre ein wichtiger Sieg der ArbeiterInnen gegen die Unternehmensleitung gewesen.

Beim „Marsch der Würde“ am 22. März waren die ArbeiterInnen von Panrico und Coca-Cola Teil des großen Blockes von ArbeiterInnen für die Koordinierung der Kämpfe. Hunderttausende Menschen gingen an diesem Tag auf die Straßen der Hauptstadt. Das Fronttransparent des Blockes der ArbeiterInnen wurde von VertreterInnen der verschiedenen Kämpfe, wie den ReinigungsarbeiterInnen aus Madrid, den LehrerInnen und auch den ArbeiterInnen von Panrico und Coca-Cola getragen. Den ganzen Tag schallte es durch Madrid: „Panrico und Coca-Cola verstehen nur eine Nachricht: Boykott, Streik, Sabotage“ oder „Panrico und Coca-Cola, es ist ein Kampf“.

Wieder in Barcelona mussten die ArbeiterInnen ein neues Manöver des Betriebsrates überwinden, der ein Referendum in der ganzen Belegschaft – auch unter den StreikbrecherInnen – über die Zukunft des Streikes durchführen wollte, mit dem klaren Ziel ihn zu beenden. Doch die ArbeiterInnen blieben geschlossen: Das Ergebnis war eine überwältigende Mehrheit von 154 zu 11 Stimmen für die Weiterführung des Streikes.

Die Bürokratie reagierte auf diesen Kontrollverlust, indem sie die ArbeiterInnen als „gewalttätig“ und den Konflikt als „unsteuerbar“ bezeichnete. Sie beschwerte sich darüber, dass die Entscheidungsgewalt nicht in den Händen der bürokratischen Gewerkschaftsorgane liegt. Tag für Tag wurde die Versammlung der Streikenden zu einer wichtigeren Institution, in der nicht nur beraten und informiert wird, sondern die Weichen für den Streik gestellt, Kampagnen besprochen und Aktionen organisiert werden. Nur so konnten die vielen Manöver der Bosse, der Generalitat, der Gewerkschaftsführung und des Betriebsrates zurückgeschlagen werden. Der Streik wird durch das Vertrauen der ArbeiterInnen in ihre eigenen Kräfte weitergeführt, die für das „0,0“ eintreten – ein Schlag ins Gesicht für die Gewerkschaftsbürokratie mit ihrem „das ist alles, was drin war“.

Die Zukunft liegt in Santa Perpètua und Fuenlabrada

Die ArbeiterInnen von Panrico, gemeinsam mit den ArbeiterInnen von Coca-Cola, bringen Tag für Tag eine neue Art des Kampfes ans Licht, eine neue Form des Widerstandes gegen die Angriffe. Die letzten Jahre in der kapitalistischen Krise bedeuteten für die ArbeiterInnen und Jugendlichen Angriffe auf ihre Lebens- und Arbeitsbedingungen. Mit massiven Entlassungen, Erhöhungen der Studiengebühren, der Verschärfung der Abtreibungsgesetze usw. schlug die Rajoy-Regierung unter dem wachsamen Auge der deutschen Regierung auf die ArbeiterInnen ein, die für eine Krise bezahlen müssen, die sie nicht verursacht haben. Die Gewerkschaftsbürokratie und die reformistischen Apparate verhinderten dabei eine offensive Antwort der ArbeiterInnenklasse. Panrico und Coca-Cola zeigen mit ihrer Kraft und Kampfeslust auf, welche Antwort auf die Krise nötig ist, um von der Verteidigung alter Errungenschaften zu offensiveren Kämpfen überzugehen.

Unsere Schwesterorganisation Clase contra Clase und die sozialistische Frauenorganisation Pan y Rosas haben diese Kämpfe von Anfang an begleitet und unterstützt. Gerade jetzt stehen Koordinierung und Ausweitung der Kämpfe auf der Agenda. Wichtig ist es auch, die Streikkasse zu füllen, damit der Kampf weitergeführt werden kann. Dafür hat die Jugendgruppierung No Pasarán eine Kampagne mit dem Titel „Ein/e Student/in, ein Euro“ an den Universitäten ins Leben gerufen. Auch wir müssen von Deutschland aus diesen so wichtigen Kampf gegen die Auswirkungen der Krise unterstützen.

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