Schüsse im Mercedes-Werk: Zwei Tote, doch das Band läuft weiter

12.05.2023, Lesezeit 5 Min.
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Foto: Mercedes-Benz-Werk in Sindelfingen, Wikimedia Commons

Am Donnerstag wurden zwei Menschen im Sindelfinger Mercedes-Benz-Werk durch Schüsse ermordet, die Produktion läuft trotzdem weiter. Der Täter ließ sich durch die Werkssicherheit überwältigen und wurde anschließend einem Spezialkommando der Polizei übergeben.

Die Schüsse in der Werkshalle „Factory 56“, in der die S-Klasse und die Maybachs des Luxussegments produziert werden, fanden um 7:45 Uhr statt. Kurz darauf wurde der Angreifer durch die Werkssicherheit überwältigt, der 53-Jährige Täter und seine Tatwaffe wurden kurz darauf der Polizei übergeben. Während zuvor noch von einem Toten und einem Schwerverletzen gesprochen wurde, musste die Anzahl der Opfer kurz darauf auf zwei hochkorrigiert werden. Die Beschäftigten der Factory 56, wurden kurz danach nach Hause geschickt, während der restliche Betrieb weiterlief.

Offensichtlich hielten Mercedes und die Behörden es nur für nötig, die Halle zu evakuieren, in der die beiden Arbeiter erschossen wurden, der restliche Betrieb mit rund 25.000 Angestellten lief derweil weiter, obwohl zunächst unklar war, ob sich weitere Täter:innen auf dem Gelände befinden. Dass die Angst vor einer Folgetat besteht oder dass Beschäftigte traumatisiert sein könnten, spielte für Mercedes wohl kaum eine Rolle. Trotzdem präsentierte sich der Konzern über die Morde bestürzt, „die Gedanken sind bei den Opfern, ihren Angehörigen und allen Kolleginnen und Kollegen“ wurde seitens der Firmenleitung verkündet.

Angaben über die Motive des Täters wurden bisher nicht gemacht. Es wird spekuliert, dass sich die Tat, besonders da der Täter als ein nationalistischer Anhänger der türkischen Partei CHP identifiziert wurde, um einen politischen Mord handeln könnte. Besonders da die türkische Präsidentschaftswahl am 14. Mai ansteht und es sich bei Opfern mutmaßlich um Türken handelt, ist dieses Szenario nicht abwegig. In Deutschland lebende Türk:innen haben einen starken Einfluss auf die Wahl des Präsidenten, die Auseinandersetzungen um die Wahl zeigen sich auch im deutschen Kontext ebenso verstärkt.

Am Standort Sindelfingen geschah ein gewalttätiger Angriff nicht zum ersten Mal. Bereits im letzten Jahr versuchte ein 61-Jähriger die Schranke des Werkes mit einem Kleinbus niederzureißen, drohte mit einem Klappmesser und wurde durch Schüsse der Polizei gestoppt.

Sicherheit und Gesundheit von Arbeiter:innen im Kapitalismus

Dabei wirkt es wie die Karikatur einer spät-kapitalistischen Dystopie, dass trotz einer Schießerei mit zwei Toten die Produktion der Mercedes Luxus-Klasse weitergehen muss, der Vorfall zeigt dabei eine gewisse Parallele zu dem Tod eines Amazon-Mitarbeiters am Standort Leipzig, der an seiner Todesstelle mit Pappkartons bedeckt wurde, während der Betrieb weiter ging. Es zeigt sich, dass die Kapitalseite immer wieder zugunsten ihrer Profitgier die Sicherheit und das Leben der Arbeiter:innenklasse riskiert. Ein Leben hat im Kapitalismus nur so lange Wert, wie es für die Profite der Herrschenden ausgebeutet werden kann. Dass es sich hierbei um ein Muster handelt und um keinen Einzelfall, zeigt sich am Beispiel des Einsturzes der Rana-Plaza-Textilfabrik in Bangladesch 2013, als 1135 Textilarbeiter:innen, die zur Arbeit gezwungen wurden, bei dem Einsturz des Gebäudes getötet wurden.

Die Profite stehen hier natürlich an erster Stelle und die Beschäftigten sind bestenfalls austauschbar. Dies gilt besonders für migrantische Beschäftigte die sich einer Kontinuität der Gewalt ausgesetzt sehen und immer noch die billigste Arbeitskraft, out-gesourcest und unterbezahlt, in den Fabriken stellen. So waren es auch die Opfer, die über Subunternehmen im Mercedes-Benz Werk arbeiteten.

Die Gesundheit der Beschäftigten spielt in der kapitalistischen Produktion nur eine Rolle, wenn sie Auswirkungen auf die Effizienz der Produktion hat. Wenn manchmal scherzhaft darauf geblickt wird, dass manche sagen, dass sie nicht krank werden dürften, da sie arbeiten müssten, trifft diese Aussage doch auf einen erschreckend wahren Kern: Eine Krankschreibung bringt immer die Angst vor dem Jobverlust mit sich. Einen Faktor, den die Kapitalseite für sich zu nutzen weiß.

Für unabhängige Untersuchungen durch Beschäftigte, Gewerkschaften und Angehörige

Die Erhöhung der Polizeipräsenz kann keine Antwort für die Sicherheit der Beschäftigten sein, da die Gefahr von Racial Profiling am Arbeitsplatz eine noch größere Gefahr für migrantsiche und rassifizierte Beschäftigte bedeuten würde. Wir brauchen  Untersuchungskommissionen aus Kolleg:innen, Hinterbliebenen und Gewerkschaften, die die Aufklärung solcher Fälle betreuen, unabhängig von Polizei und Unternehmensführung. Eine Kommission kann ebenso eine Form der Selbstermächtigung der Arbeiter:innen sein, die Belange des Arbeitsplatzes in ihre eigenen Hände zu nehmen, für den Aufbau eines antifaschistischen Selbstschutzes der Beschäftigten.

Wir brauchen eine entschädigungslose Enteignung aller Produktionsstätten, um eine Produktion zu garantieren die auf die Bedürfnisse der Menschen ausgerichtet sind, nicht auf die Profite ihrer derzeitigen Eigentümer:innen. Auch im Sozialismus wird die Arbeit ein Ort sein, der Teil des Lebens ist, jedoch werden die gesundheitlichen Bedürfnisse nicht der Steigerung der Profite untergeordnet sein. Dies betrifft genauso auch andere gesundheitliche Aspekte wie mentale Gesundheit, die wie kaum eine andere Erkrankung eine Folge der Dauerbelastung, der ständigen Flexibilisierung und Prekarisierung der Arbeit ist.

Wir kämpfen gegen das Kapital das auf unseren geschundenen Rücken erwächst, uns gerade mal das nötigste zum Überleben gibt und gegen die Lohnarbeit, als revoultionäre Sozialist:innen mit der Perspektive die Wirtschaft unter Kontrolle der Arbeiter:innen zu stellen.

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