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Scheinbar aus dem Nichts? Wilder Streik bei Gorillas

Beschäftigte des Online-Supermarktes Gorillas treten nach fristloser Kündigung eines Kollegen in einen wilden Streik und blockieren Lager in Berlin. Erneut. Bereits im Februar legten die Beschäftigten spontan die Arbeit nieder. Die kurze Geschichte eines intensiven Kampfes.

Scheinbar aus dem Nichts? Wilder Streik bei Gorillas
Gorillas Arbeiter*innen treten nach der fristlosen Entlassung ihres Kollegen Santiago (Mitte) in einen wilden Streik und blockieren die Filiale am Checkpoint Charlie. Bild: Simon Zamora Martín.

„Ohne sich vorzustellen, teilte sie mir mit, dass ich mit sofortiger Wirkung entlassen sei!“ Santiago ist schockiert und hat Angst, seine Miete nächsten Monat nicht mehr zahlen zu können. Mit seinem Visa hat er keinen Anspruch auf soziale Grundsicherung. „Ja, ich bin heute Morgen 40 Minuten zu spät gekommen“, bestätigt Santiago KgK. „Darüber hatte ich aber zuvor mit dem Rider-Op gesprochen.“ Rider-Ops sind die Schichtleiter der Fahrradkuriere. Die Frau, die die Kündigung ausgesprochen hat, kannte er nicht. Und weder sie noch der Rider-Op konnte ihn die Frage beantworten, wie viel Fehltritte er gemacht hätte. Seine Kolleg:innen hingegen betonen immer wieder, was für ein guter Mitarbeiter er ist. Er sei sogar ganz oben im Ranking der besten Rider dabei gewesen. Was aber auch egal sei, denn Santiagos Kündigung verstehen sie als Drohung gegen alle Beschäftigten: In der viel zu langen Probezeit braucht es keine Gründe für Entlassungen.

So unerwartet wie Santiagos Entlassung war auch die Reaktion seiner Kollegen: Aus Protest legten sie spontan die Arbeit nieder. Keine drei Stunden später standen knapp 70 Gorillas-Beschäftige aus verschiedenen Schichten und Standorten vor dem Lager in der Charlottenstraße. Die erste Reaktion der herbeigeeilten Manager sei lediglich gewesen zu betonen, dass es sich bei dem Protest um einen illegalen Streik handelte. Erst als die Arbeiter*innen beschlossen aus dem Fahrrädern vor dem Eingang eine Barrikade zu errichten und eine Menschenkette zu bilden, um Streikbrechern den Zugang zum Lager zu verwehren, lenkte das Unternehmen etwas ein. Sie verzichteten darauf die Polizei zu rufen, teilten Masken und Wasser aus und boten den Beschäftigten ein Gespräch an.

Der stellvertretende Deutschlandchef von Gorillas, Harm-Julian Schumacher, versuchte den Beschäftigten Santiagos Entlassung zu erklären: „Wir haben verschiedene negative Feedbacks bekommen, die darauf hindeuteten, dass Gorillas nicht das richtige Unternehmen für ihn ist. Deshalb haben wir uns entschieden, das Arbeitsverhältnis sofort zu beenden.“ Von wem die negativen Feedbacks kamen, darüber hüllte sich der Manager auch auf wiederholte Nachfrage in Schweigen. Ein aufgebrachter Kollege erwiderte: „Warum zählt das Feedback eines anonymen Geistes mehr als das Feedback von uns, die wir tagtäglich mit Santiago zusammenarbeiten?“ Immer wieder wurden die Wiederholungen des Managements unterbrochen von Sprechchören: „We want Santiago back“ (wir wollen Santiago zurück). Doch darauf wollten sich die Manager nicht einlassen. Laut Aussage des Gorilla-Anwaltes wäre keiner der anwesenden Vertreter des Unternehmens berechtigt, die mündliche Kündigung zurück zu nehmen. Nicht die Frau, die sie ausgesprochen hat, nicht die Personalerin, und auch nicht der stellvertretende Deutschlandchef?

Ohne eine Antwort auf ihre Forderung bekommen zu haben, entschlossen sich die Beschäftigten, den Kampf auszuweiten. Am Mittwochabend zogen sie im Fahrradkonvoy nach Mitte, um mit mittlerweile 100 Leuten das Lager in der Torstraße zu blockieren. Nicht nur räumlich weitete sich der Kampf schnell aus, sondern auch inhaltlich. Am Abend ging es nicht nur noch um die Entlassung von Santiago, sondern bereits um die Abschaffung der Probezeit bei Gorillas. Auch dürfe es keine Entlassungen mehr ohne Abmahnungen geben. In Mitte reagierte das Management jedoch anders und rief die Polizei, welche mit gut 50 Einsatzkräften anrückte. Zunächst griff sie jedoch nicht ein, so dass der stellvertretende Deutschlandchef zusammen mit der Lagerleitung und einigen wenigen Streikbrechern selber Hand anlegen musste um die Fahrrad-Blockaden abzubauen. Auch wenn eine Person handgreiflich gegen die Streikenden wurde, konnten sie die Blockade nicht auflösen. Sie bildeten eine Sitzblockade vor dem Eingang. Polizist:innen diskutierten untereinander, ob Tritte in die Genitalien ein legitimes Mittel sind um Sitzblockaden aufzulösen oder nicht, doch diese Bilder wollte die Geschäftsführung offenbar vermeiden. Letztendlich wurde die Polizei nur tätig, um eine Gruppe streikenden vom Hintereingang des Lagers zu vertreiben. Angeblich sei der Hinterhof des Wohnblocks Firmeneigentum und sie würden durch ihre Anwesenheit Hausfriedensbruch begehen. Als die Streikenden vor der anrückenden Polizei die Flucht ergriffen rief der Lagerleiter ihnen nur hämisch hinterher „Oh guys, why are you running?“ (oh, warum rennt ihr denn?).

Das Komitee

Gorillas gilt als eines der erfolgreichsten Startups Deutschlands. In weniger als einem Jahr steigerte das Unternehmen ihren Wert auf über eine Milliarde Euro. Sie probieren sich nicht nur den deutschen Markt zu sichern, sondern ihre Geschäfte auf weitere Teile der westlichen Welt auszuweiten. Während Gorillas in Winter nach Frankreich und den USA expandierte, hatten das Berliner Startup keine Mittel, um seinen Ridern ordentliche Wintersachen zu besorgen. Trotz des harten Wintereinbruches im Februar mit starken Schneefällen, wollte das Unternehmen nicht den Service einstellen. In Santiagos Lager am Checkpoint Charlie begann im Februar auch der Widerstand der Beschäftigten: mit einem wilden Streik.

Die Rider weigerten sich bei Schneesturm Kunden zu versorgen, die wegen dem schlechten Wetter nicht selber einkaufen wollten. Vom Hub „Charlie“ weitete sich der Streik auf die ganze Stadt aus. Ein Lagerleiter soll laut Aussagen des Komitees zu einem streikenden Rider gesagt haben „wenn du nicht fahren willst, dann lauf doch“. Doch der Streik zeigte Wirkung und Gorillas stellte den Betrieb in Berlin ein. Dieser Sieg vor vier Monaten bildete den Startschuss für ein außergewöhnliches Kapitel in der jüngsten deutschen Arbeiter:innengeschichte.

Ein gutes Dutzend Beschäftigte begann, sich zu vernetzen. Jeden Sonntag, den einzigen arbeitsfreien Tag, trafen sie sich, um über ihre Probleme bei Gorillas zu sprechen. Die Löhne sind im ersten Jahr immer weiter gesunken. In vielen Hubs gäbe es Probleme mit rassistischen, sexistischen und transphoben Belästigungen und Gorillas würde ihr Geschäft im wahrsten Sinne auf dem Rücken ihrer Beschäftigten austragen. In vielen Hubs wurden die Gepäckkörbe abmontiert. Die Wirbelsäule der Rider soll als Stoßdämpfer für die Getränkelieferungen dienen. Es gibt eine Richtlinie, dass Lieferungen nicht schwerer als 10 Kilo sein dürfen. Laut Angaben von Gorillas berechnet ein Algorithmus die Last und informiert die Vorgesetzten. das „Gorillas Workers Collective“ kritisiert jedoch, dass Lieferungen oft die 10 Kilo überschreiten. Kontrollwaagen gäbe es nicht in den Hubs.

Das „Gorillas Workers Collective“ begann mit den Vorbereitungen zur Wahl eines Betriebsrats. Letzte Woche nahmen sie die erste Hürde und wählten einen Wahlausschuss für Betriebsratswahlen. Laut Aussagen von Beschäftigten hätte Gorillas einen Reisebus mit Angestellten aus dem mittleren und unteren Management geschickt, um die Wahl zu beeinflussen. Die leitenden Mitarbeiter:innen und alle, bei denen es nicht klar war, ob sie Mitarbeiter:innen entlassen können, wurden von der Wahl ausgeschlossen. Gorillas erwog daher, juristischen Einspruch gegen die Wahl zu erheben.

Die Entlassung von Santiago hat jetzt weiteres Öl in das Feuer gegossen. Auch am heutigen Donnerstag blockierten Gorillas Arbeiter:innen von 11 bis 17 Uhr das Lager in Prenzlauer Berg mit noch mehr Streikenden und Unterstützer:innen als am Vortag. Falls das Management keine positive Antwort gibt, soll der Streik mit Werksblockaden am Samstag ausgeweitet werden.

Die Kampfbereitschaft der Belegschaft, um für Santiagos und ihre Interessen zu kämpfen, ist ungebrochen und gestärkt. Gewerkschaften, politische Organisationen und Parteien sollten den Arbeitskampf bedingungslos unterstützen und breit zu Solidaritätsdelegationen aufrufen.

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