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“Queere Befreiung ist antirassistisch und antikolonial”

„Queere Befreiung ist antirassistisch und antikolonial“ – ein Gespräch mit Melanie Richter-Montpetit, einer der Organisator*innen des Queers for Palestine Block beim Radical Queer March am 27. Juli in Berlin. Interview und Übersetzung aus dem Englischen: Eleonora Roldán Mendívil.

Du hast den Queers for Pales­tine Block beim Rad­i­cal Queer March am 27. Juli in Berlin mit organ­isiert. Wie kam es dazu?

Ich freute mich auf die Teil­nahme am Rad­i­cal Queer March und sah dann einige Tage vor dem Marsch am 23. Juli auf deren Ver­anstal­tungs-Seite bei Face­book, dass die Ver­anstal­ter anti­semi­tis­che Grup­pen und Inhalte im Marsch nicht tolerieren wür­den, dass die BDS-Kam­pagne [Boykott, Dein­vesti­tio­nen und Sank­tio­nen] als inhärent anti­semi­tisch gew­ertet wurde. Ich war entset­zt über diese beschä­mende Triv­i­al­isierung des tat­säch­lichen anti­jüdis­chen Ras­sis­mus und die Aneig­nung der Sprache des Anti­ras­sis­mus, um die ras­sis­tisch-kolo­niale Poli­tik sowohl in Palästi­na als auch hier in der Stadt in soge­nan­nten radikalen queeren Räu­men voranzubrin­gen. Also fragte ich auf mein­er per­sön­lichen Face­book-Seite, ob meine Berlin­er Freund*innen es für das Beste hiel­ten, sich von einem so genan­nten Radikalen Queeren Marsch fernzuhal­ten, oder ob wir gemein­sam gegen den Ras­sis­mus der Organisator*innen vorge­hen und den Marsch als Raum zurück­fordern soll­ten für radikale Queers, die sich fem­i­nis­tis­ch­er, anti­ras­sis­tis­ch­er und antikolo­nialer Poli­tik ver­schreiben. Für mich ging es also sowohl darum, Sol­i­dar­ität mit dem palästi­nen­sis­chen Befreiungskampf zu zeigen, als auch gegen die hart­näck­ige Forderung so viel­er weißer link­er Queers einzuste­hen, zu dik­tieren, was Ras­sis­mus und Kolo­nial­is­mus aus­macht, ein­schließlich der Abw­er­tung der Unter­stützung für Palästi­na und der BDS-Kam­pagne als anti­semi­tisch. Ich habe am sel­ben Nach­mit­tag spon­tan eine Face­book-Gruppe gegrün­det, um mit meinen Freund*innen und eini­gen Men­schen aus ihrem Umfeld darüber zu sprechen, ob und wie wir auf die ras­sis­tis­che Aus­sage zu BDS und BDS-Anhänger*innen reagieren soll­ten.  

Dr. Melanie Richter-Mont­petit, 41, arbeit­et als Dozentin/Assistenzprofessorin für Krieg und Mil­i­taris­mus sowie fem­i­nis­tis­che und queere Poli­tik am Insti­tut für Inter­na­tionale Beziehun­gen an der Sus­sex Uni­ver­sität in Großbri­tan­nien.

Inner­halb weniger Stun­den schlossen sich Dutzende von Men­schen an und bald waren wir über 200 Mit­glieder in der Gruppe und beschlossen, gemein­sam als ‚Queers for Pales­tine‘ zu marschieren. Zwei Tage später, unge­fähr 48 Stun­den vor der Demo, erstell­ten wir eine öffentlich­es Face­book-Ver­anstal­tung, um die Ein­ladung auf andere Queers außer­halb unseres Fre­un­deskreis­es auszudehnen.

Die Organisator*innen des Rad­i­cal Queer March sprachen eine Aus­ladung gegenüber BDS-Unterstützer*innen aus, da sie diese undif­feren­ziert und ohne Argu­mente mit Antisemit*innen gle­ich­set­zten. Was genau ist BDS und worin liegt das Prob­lem mit dieser Gle­ichungset­zung?

BDS ist eine gewalt­freie Tak­tik, um Israel zur Ein­hal­tung des Völk­er­rechts zu zwin­gen. Israel ver­weigert Palästinenser*innen seit siebzig Jahren Grun­drechte und hält das Völk­er­recht nicht ein. Dies ist nur mit inter­na­tionalem Druck möglich. Regierun­gen hal­ten Israel nicht ver­ant­wortlich, während Unternehmen und Insti­tu­tio­nen auf der ganzen Welt Israel helfen, Palästinenser*innen zu unter­drück­en. Weil sich die Machthaber weigern, gegen diese Ungerechtigkeit vorzuge­hen, hat die palästi­nen­sis­che Zivilge­sellschaft eine sol­i­darische Reak­tion der Welt­bevölkerung auf den palästi­nen­sis­chen Kampf für Frei­heit, Gerechtigkeit und Gle­ich­heit gefordert. Die BDS-Kam­pagne ist inspiri­ert von und in der stolzen Tra­di­tion ander­er erfol­gre­ich­er anti­ras­sis­tis­ch­er und antikolo­nialer Boykot­tbe­we­gun­gen, ein­schließlich der US-Bürg­er­rechts­be­we­gung und der südafrikanis­chen Anti-Apartheid-Bewe­gung. BDS wird weltweit von ein­er Vielzahl von Organ­i­sa­tio­nen für soziale Gerechtigkeit und Größen anti­ras­sis­tis­ch­er Befreiungskämpfe von Desmond Tutu bis Angela Davis unter­stützt. BDS hat drei Forderun­gen: 1) die Beendi­gung der ille­galen Beset­zung von palästi­nen­sis­chem Land, 2) die Gle­ich­berech­ti­gung der palästi­nen­sis­chen Bürger*innen Israels und 3) das Recht der ver­triebe­nen palästi­nen­sis­chen Geflüchteten auf Rück­kehr in ihre Heimat der Vor­fahren. Nach inter­na­tionalem Recht ist Israel verpflichtet, jede dieser Forderun­gen zu respek­tieren, und den­noch zieht die inter­na­tionale Gemein­schaft, ein­schließlich der USA und der EU, Israel nicht zur Rechen­schaft und unter­stützt sie weit­er­hin finanziell und mil­itärisch.

Warum wird BDS mit anti­jüdis­chem Ras­sis­mus gle­ichge­set­zt? Der Haupt­grund ist, dass wie in Südafri­ka während der Apartheid, die Boykot­tkam­pagne funk­tion­iert. Unterstützer*innen israelis­ch­er Men­schen­rechtsver­let­zun­gen markieren BDS-Aktive als anti­semi­tisch, um die Kam­pagne zu diskred­i­tieren. Einige Leute ver­ste­hen die Kam­pagne unge­wollt falsch und set­zen die Unter­stützung für BDS mit der ras­sis­tis­chen Kam­pagne des Naziregimes gle­ich, welche dazu aufrief, nicht von jüdis­chen Deutschen zu kaufen. Dies ist nicht der Fall: BDS richtet sich auf­grund sein­er Ver­ant­wor­tung für schw­er­wiegende Ver­stöße gegen das Völk­er­recht gegen den israelis­chen Staat und die Unternehmen und Insti­tu­tio­nen, die an dieser Art staatlich­er Gewalt beteiligt sind. Die BDS-Bewe­gung boykot­tiert oder kämpft nicht gegen Einzelper­so­n­en oder Grup­pen, nur weil sie Israelis oder Jüdinnen*Juden sind. Tat­säch­lich sind viele der bekan­ntesten Unternehmen, gegen die sich der Boykott richtet, west­liche multi­na­tionale Unternehmen, von Waf­fen­händlern bis hin zu großen Super­mark­tket­ten.

Am Sam­stag schlossen sich 500 Men­schen dem antikolo­nialen und anti­im­pe­ri­al­is­tis­chen Queers for Pales­tine-Block an. Dabei war eines der zen­tralen The­men der Kampf gegen das Pinkwash­ing Israels. Kannst du uns erk­lären was genau das ist und wie es funk­tion­iert?

Pinkwash­ing ist ein strate­gis­ches PR-Instru­ment, das sich an das Konzept des ‚Green­wash­ing‘ anlehnt, das von US-Marketing-Spezialist*innen entwick­elt wurde, um Unternehmen dabei zu unter­stützen, mit ‚grünem‘ oder umwelt­fre­undlichem Mar­ket­ing Verbraucher*innen anzus­prechen, obwohl die Pro­duk­tion ihrer Waren und ihre eigentlichen Pro­duk­te und Dien­stleis­tun­gen schädlich für Umwelt und Gesund­heit sind. Unternehmen und staatliche Akteure haben dieses zynis­che Mar­ketin­gin­stru­ment auf LGBT-Rechte aus­gedehnt. Sie markieren sich selb­st strate­gisch als LGBT-fre­undlich, um die Aufmerk­samkeit von den Fol­gen ihrer geschäftlichen oder poli­tis­chen Prak­tiken abzu­lenken, ein­schließlich Men­schen­rechtsver­let­zun­gen und Kriegsver­brechen. Palästi­nen­sis­che LGBT-Aktivist*innen waren an vorder­ster Front dabei, den Ver­such des israelis­chen Staates zu verurteilen, Krieg und Besatzung als ‘Heilung’ von ‘palästinensischer=muslimischer Homo­pho­bie’ zu verkaufen. Als ob das nicht zynisch genug wäre, haben Queers nicht ein­mal volle Gle­ich­heit in Israel und der israelis­che Staat erpresst strate­gisch palästi­nen­sis­che Queers, damit sie Informant*innen wer­den. In Berlin gehören ein Stand beim schwul-les­bis­chen Stadt­fest und die Teil­nahme an der offiziellen CSD-Parade zu den Pinkwash­ing-Aktiv­itäten des israelis­chen Staates.

Wie sind queere und antikolo­niale Befreiung heute ver­bun­den?

‚Queer­ness‘ und queere Poli­tik wer­den häu­fig mit LGBT-Leuten und dem Kampf für — lib­erale — Rechte in Verbindung gebracht. Die queere Befreiung ist jedoch viel ehrgeiziger. Bei ein­er queeren Poli­tik geht es zumin­d­est mir darum, die Machtver­hält­nisse und die Nor­mal­isierung her­auszu­fordern — also zu queeren — und viel umfassender zu gestal­ten. Diese Art von Poli­tik set­zt sich für die Befreiung ein­er bre­it­en Palette von ‚per­versen‘ oder pathol­o­gisierten sex­uellen Sub­jek­ten, Prak­tiken und Wün­schen jen­seits von ‚Homo­sex­u­al­ität‘ ein. Dazu gehören nicht-nor­ma­tive het­ero­sex­uelle Sub­jek­te wie Sexar­bei­t­erin­nen, ras­sisierte Allein­erziehende und mus­lim­is­che Män­ner, die durch ras­sis­tis­che Diskurse des Ori­en­tal­is­mus als gefährlich per­vertiert pro­duziert wer­den. Abge­se­hen davon, dass schwarze und nicht-weiße Queers schon an der Schnittstelle von Ras­sis­mus, Kolo­nial­is­mus und Het­eropa­tri­archi­at liegen, wächst die Erken­nt­nis, dass Queer­ness im All­ge­meinen untrennbar mit Vorstel­lun­gen von ras­sis­ch­er und kolo­nialer Dif­ferenz ver­bun­den ist. His­torisch gese­hen ent­standen mod­erne west­liche Diskurse über Rasse und Sex­u­al­ität par­al­lel und waren entschei­dend für die Expan­sion des mod­er­nen Kolo­nial­is­mus. Und sie stützen sich auch heute noch gegen­seit­ig: In diesem Moment der weißen Vorherrschaft auf Steroide haben sich das Leben und die Rechte von trans Per­so­n­en, Queers und Frauen zu sorgfältig aus­gewählten Schlacht­feldern entwick­elt, um die ‚weiße Nation‘ zu vertei­di­gen, indem sie ‚weiße‘ Babys über ‚nor­male‘ pro­duk­tive Fam­i­lien pro­duzieren. So ist queere Befreiung anti­ras­sis­tisch und antikolo­nial, nicht nur aus Sol­i­dar­ität mit einem Unab­hängkeit­skampf, son­dern weil die Kon­struk­tion von nor­malen Sex­u­alkör­pern ein­er­seits und abnor­malen, gewalt­täti­gen Sex­u­alkör­pern ander­er­seits Teil der laufend­en ras­sis­tisch-kolo­nialen Poli­tik ist.

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