Unsere Klasse

Prekär, gestresst, mies bezahlt – unsere „Zukunft der Arbeit“

Diese Woche läuft bei ARD und Co. die Themenwoche "Zukunft der Arbeit". Sie beleuchtet Digitalisierung, Robotisierung, am Rande auch die Ausweitung prekärer Beschäftigungsverhältnisse. Dabei ist gerade die Prekarisierung nicht "Zukunft", sondern längst Realität.

Prekär, gestresst, mies bezahlt – unsere

Von einem Job zum anderen hetzen, neben Schule oder Uni noch schuften müssen, 40 Stunden arbeiten und (fast) keinen Lohn bekommen – für Millionen Menschen in Deutschland, besonders Jugendliche, ist das längst Normalität. Wir machen unbezahlte Praktika oder „ehrenamtliche“ FSJs, bei denen wir für Vollzeitaufgaben nur ein Taschengeld bekommen. Wir haben studiert und bekommen als Bildungsarbeiter*innen doch nur Honorarverträge oder auf ein Semester befristete Aufträge angeboten – in der Vergütung sind Vor- und Nachbereitungszeiten natürlich nicht vorgesehen. Wenn wir aufmucken, werden wir rausgeworfen. Fast 90.000 Menschen haben in Berlin aktuell zwei Jobs gleichzeitig – die allermeisten, weil sie von ihrem ersten Job nicht leben können und sich mit extra Minijobs über Wasser halten müssen. Ganz zu schweigen von denjenigen von uns, die wegen ihres miesen Lohns beim Jobcenter aufstocken müssen.

Und das schlimmste: Häufig werden wir nicht mal als richtige „Arbeitnehmer*innen“ gezählt. Als FSJ oder mit Werk- und Honorarvertrag gehören wir offiziell nicht dazu, selbst wenn wir die ganze Woche arbeiten und die gleichen Tätigkeiten wie alle anderen auch vollbringen. Wir gehören nicht zu denen, für die der Betriebsrat zuständig ist, und auch mit der gewerkschaftlichen Unterstützung im Betrieb ist es oft nicht weit her.

Viel wurde in den letzten Monaten über die „Zukunft der Arbeit“ gesprochen. Es geht um Digitalisierung, um „Arbeit 4.0“, darum, dass immer mehr Arbeit computerbasiert funktioniert oder bald durch Roboter ersetzt werden könnte. Häufig wird so getan, als wenn diese Entwicklungen völlig neu wären, oder als wenn die Flexibilisierung neue Freiheiten bringen würde. Doch das Gegenteil ist der Fall. Erstens ist diese „Zukunft der Arbeit“ gar nicht so neu oder weit weg, sondern schlägt besonders Jugendlichen schon heute mit voller Wucht entgegen – Agenda 2010 sei Dank. Und zweitens ist die „Freiheit“ der Flexibilisierung häufig genug der größte Zwang, sein Leben vollständig auf die mies bezahlte Arbeit ausrichten zu müssen.

Die Gewerkschaften beklagen, dass der Zwang zur ständigen Erreichbarkeit zu Überarbeitung und Burnout führt. Kurz nochmal eine Mail checken, auch im Urlaub vom Chef angerufen werden, oder immer auf Abruf sein, um im Betrieb auszuhelfen. Besonders eklig ist der neue Trend der „Null-Stunden-Verträge“, bei denen wir gar keine feste Stundenzahl pro Woche haben, sondern ständig bereit sein müssen, jetzt sofort zur Arbeit zu kommen – oder eben früher als geplant nach Hause geschickt zu werden. Irgendwann mal einen freien Tag planen, was mit Freund*innen unternehmen, oder überhaupt sicher sein zu können, dass am Ende des Monats das Geld reicht – diese Selbstverständlichkeiten haben viele von uns nie kennengelernt, ständige Unsicherheit ist uns viel näher.

Und auch eine andere Facette der Sicherheit ist uns kaum bekannt: Sozialversicherte Jobs oder das Einzahlen in die Rentenkasse – wenn wir unter 450 Euro verdienen, können wir uns nicht leisten, die 40 Euro extra für die Rente beiseite zu legen. Die Folge: Unsere prekären Jobs heute sind eine direkte Autobahn zur Armut im Alter.

Die Politik redet bei „Arbeit 4.0“ lieber darüber, welche Standortvorteile die Robotik für Deutschland bringen wird. Die Gewerkschaften tun sich schwer, die Prekärsten von uns zu organisieren. Unsere Interessen – eine Arbeit, die zum Leben reicht, und gleiche Rechte für alle – verhallen häufig ungehört.

Dagegen hilft nur, uns zu organisieren. Gemeinsam mit den Festangestellten, innerhalb und außerhalb des Betriebs, um gegen die Bosse anzukämpfen. Prekäre Arbeit ist kein Schicksal, sondern gemacht und gewollt von den Kapitalist*innen und ihren Schergen. Gegen ihre Zukunft, für unsere.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.