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Palästinensisches Mädchen festgenommen — ein instrumentalisiertes Kind oder eine Kämpferin?

Die 16-jährige Ahed Tamimi aus dem palästinensischen Dorf Nabi Saleh wurde in der Nacht zum Dienstag von israelischen Soldat*innen aus dem Haus ihrer Eltern verschleppt und verhaftet. Während einer Demo im Dorf letzten Freitag verpasste sie einem bewaffneten Soldaten eine Ohrfeige. Der Mut dieser Minderjährigen wird aber in einer bizarren Verdrehung den Palästinenser*innen als etwas Negatives vorgeworfen.

Palästinensisches Mädchen festgenommen - ein instrumentalisiertes Kind oder eine Kämpferin?

Als Ahed Tami­mi unge­fähr zwei Jahre alt war, wurde ihr Vater, der Aktivist Bassem Tami­mi, bei einem Ver­hör der­maßen gefoltert, dass er ganze sieben Tage im Koma lag. Als sie 13 war, wurde ihrer Mut­ter, der Aktivistin Nari­man Tami­mi, aus kurz­er Ent­fer­nung mit einem “Ruger” ins Bein geschossen. Ein Jahr später machte ein Bild ihres jun­gen Brud­ers inter­na­tion­al die Runde: Ein ver­mummter Besatzungssol­dat ver­suchte ihn zu erwür­gen, während die gesamte Fam­i­lie an ihm zer­rte und ver­suchte, ihren Sohn – der mit eingegip­stem Arm auf dem Boden lag – zu befreien.

Anders als bei deutschen Kindern ist Tamimis Erwach­sen­wer­den von dem Kampf ihres Dor­fes, und dem ihres Volkes, nicht zu tren­nen. Es verge­ht kaum eine Woche, in der das Haus der Fam­i­lie nicht von Soldat*innen gestürmt oder angeschossen wird. Tami­mi wuchs mit dem Wider­stand auf, an einem Ort, wo die Ver­ant­wor­tung von Mama und Papa nicht nur das Ernähren und Bek­lei­den ihres Kindes ist, son­dern auch das Ver­mit­teln von poli­tis­chem Ver­ständ­nis und von Stand­haftigkeit.

Ihr Vater Bassem meinte mal zu mir: “Die Besatzung wird nicht ein­fach in ein paar Jahren ver­schwinden, also ist es unsere Pflicht als Eltern, unsere Kinder auf ihre Zukun­ft vorzu­bere­it­en.” Zusam­men mit ihren Altersgenoss*innen wurde Ahed langsam zu ein­er führen­den Fig­ur im Dorf und bere­ite sich vor, die Eltern­gener­a­tion abzulösen, wenn diesen die lan­gen Jahre voller Ver­let­zun­gen, Ver­haf­tun­gen und Tod zu viel wer­den.

Die Real­ität im West­jor­dan­land ist schon für Erwach­sene oft unerträglich. Wie dies für ein junges Mäd­chen ist, kann man sich in Deutsch­land sich­er kaum vorstellen. Unter­drück­ung ist Teil ihres Lebens – der Kampf dage­gen eben­falls. Am let­zten Fre­itag wurde anscheinend das Fass zum Über­laufen gebracht: Ihrem elfjähriger Cousin Moham­mad wurde mit ein­er mit Gum­mi verklei­de­ten Kugel ins Gesicht geschossen und liegt nun im Koma. Wahrschein­lich hat dies Ahed an einen anderen Ver­wandten erin­nert, Mustafa, der 2011 durch einen Schuss ins Gesicht ermordet wurde.

Ahed ging zu den Soldat*innen, die neben ihrem Haus standen. Mit unfass­barem Mut schrie sie diese an: “Haut ab!” Dann näherte sie sich und schlug den behelmten Besatzern ins Gesicht. Wahrschein­lich nur wegen der Anwe­sen­heit von Videokam­eras schlu­gen die Soldat*innen nicht sofort zurück.

Das Video kur­sierte sofort in allen Net­zw­erken, auch in den israelis­chen Medi­en. Schnell wur­den Rufen laut, das junge Mäd­chen zur Rechen­schaft zu ziehen. Und so kam es auch: In der Nacht zum Dien­stag wurde Ahed aus ihrem Haus ver­schleppt. Was mit ihr passieren wird, ist unklar. Vielle­icht sitzt sie jet­zt in der­sel­ben Zelle wie ihre Mut­ter oder ihr Vater vor ihr, hat Angst davor, wie ihr Vater ins Koma geprügelt zu wer­den, möchte zurück in die Schule, oder viel eher zurück in den Kampf. Als ihre Mut­ter Nari­man zum Gefäng­nis fuhr, um nach ihrer Tochter zu schauen, wurde sie grund­los eben­falls ver­haftet. Am näch­sten Tag wurde auch ihren Vater während des Gericht­sprozess festgenom­men.

In Deutsch­land wird den Palästinenser*innen oft vorge­wor­fen, sie instru­men­tal­isierten ihrer Kinder, indem sie sie auf Demos mit­nehmen. Aus der Sicht ein­er Per­son, die eine geschützte und freie Kind­heit in München oder Berlin genoss, kann es vielle­icht auch so ausse­hen. Tat­sache ist aber, dass palästi­nen­sis­che Kinder – genau­so wie ihre Eltern – nur zwei Möglichkeit­en haben: ihre Frei­heit abzugeben, oder Wider­stand zu leis­ten.

Die junge Genossin Ahed entsch­ied sich ihr ganzes Leben für die zweite Möglichkeit, und wurde diese Woche zu ein­er weit­eren poli­tis­chen Gefan­genen im Kampf.

4 thoughts on “Palästinensisches Mädchen festgenommen — ein instrumentalisiertes Kind oder eine Kämpferin?

  1. akay sagt:

    hoch hier inter­na­tionale sol­i­daritet es lebe wieder­stant plas­ti­na

  2. Nadia Attar sagt:

    Möge Gott ihr und ihre Fam­i­lie beis­te­hen.

  3. #FreeAhedTamimi sagt:

    The 14-year-old Pales­tin­ian girl who con­front­ed the Israeli Army
    https://www.youtube.com/watch?time_continue=64&v=srmuxDYCig0

    Nabi Saleh is where I lost my Zion­ism
    By the time I began going to Nabi Saleh, I had spent about four years report­ing on what I saw in the West Bank and Gaza, watch­ing detached­ly as my pol­i­tics moved ever left­ward. What I wit­nessed in that small West Bank vil­lage was the last straw.
    https://972mag.com/nabi-saleh-is-where-i-lost-my-zionism/131818/?platform=hootsuite

    Ahed Tami­mi Has Become the Sym­bol of a New Gen­er­a­tion of Pales­tin­ian Resis­tance
    It would be far bet­ter, how­ev­er, if she could just be a child.

    https://www.thenation.com/article/ahed-tamimi-has-become-the-symbol-of-a-new-generation-of-palestinian-resistance/

    #Ahed­Tami­mi

    #FreeA­hed­Tami­mi

    Die Sol­i­dar­ität ist die Zärtlichkeit der Völk­er! Che

  4. #FreeAhedTamimi sagt:

    Israel has trans­ferred Ahed Tami­mi to three dif­fer­ent deten­tion facil­i­ties in the last five days even though she has not yet been charged with a crime

    http://mondoweiss.net/2017/12/transferred-detention-facilities/?utm_content=buffercf9ef&utm_medium=social&utm_source=twitter.com&utm_campaign=buffer

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