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„Nicht tödliche Waffen“ töten weiteren Demonstranten im Westjordanland

Während einer Demo im palästinensischen Dorf Nabi Saleh wurde am Freitag ein junger Demonstrant durch einen Scharfschützen erschossen. Im Krankenhaus erlag er seiner Verletzung. Das eingesetzte Gewehr stuft das Israelische Militär hingegen als „nicht tödlich“ ein.

„Nicht tödliche Waffen“ töten weiteren Demonstranten im Westjordanland

Das palästinensische Dorf Nabi Saleh, wo wöchentlich Proteste gegen die Siedlungspolitik Israels stattfinden. Foto: Miki Kratsman/Activestills

Seit mehreren Jahren führen die Einwohner*innen des Dorfes Nabi Saleh jede Woche Proteste gegen Landraub und die israelische Besatzung. Die Demonstrationen ziehen viele palästinensische Demonstrant*innen aus der Gegend an. Auch viele internationale und israelische Aktivist*innen zeigen dort ihre Solidarität. Der Hungerstreik der palästinensischen Gefangenen in den israelischen Gefängnissen, der jetzt in seine vierte Woche geht, hat neuen Wind in die Segel der Proteste gebracht, die in den letzten Monaten kleiner waren und seltener stattfanden. Trotz harter Repression auf den Demos, nächtlicher Hausdurchsuchungen demonstrieren die Aktivist*innen immer weiter. Jetzt hat diese Repression ein weiteres Leben genommen, die dritte Person, die während einer Demo in Nabi Saleh ihr Leben opferte.

Augenzeug*innen zufolge war die Demo am vergangenen Freitag schon fast vorbei, als den 20-jährige Saba’a Nidal Obaid aus Salfit ein Schuss in die Hüfte traf. Berichten zufolge war er Teil einer kleinen Gruppe Jugendlicher, die auf Soldat*innen Steine warf. Die Soldat*innen standen mehr als fünfzig Meter von den Jugendlichen entfernt, geschützt hinter einer Baustelle. Sarit Michaeli von der israelischen Menschenrechtsorganisation „B’tselem“ berichtete vor Ort dem israelischen Blog „Local Call“, dass die Soldat*innen in keiner Weise in Gefahr waren und ein große Menge an Schaumstoffkugeln, Gummigeschosse und scharfer Munition einsetzten. Ihren Angaben zufolge schoss der Scharfschütze auf Obaid mehrmals, bis er ihn traf. Obaid wurde ins Krankenhaus gebracht, wo er kurz danach seiner Verletzung erlag.

Das verwendete Scharfschützengewehr ist laut Israelischem Militär „nicht tödlich“

Bei der Waffe handelte es sich um das Scharfschützgewehr „Ruger“, das Munition vom Kaliber 0,22 Zoll benötigt. Das „Ruger“ ist ein Gewehr wie jedes andere, wird aber wegen des kleinen Kalibers vom israelischen Militär als „nicht tödlich“ eingestuft und gegen Steinewerfer*innen eingesetzt. Obwohl die 0,22-Zoll-Kugel von wenig Schießpulver getrieben wird, kann das „Ruger“ aus einer Entfernung von mehreren hundert Metern tödlich treffen. Da es bei Demonstrationen wie am Freitag oft aus viel kürzerem Abstand benutzt wird, tut es das auch. Obaid war der siebte Palästinenser, der von mittels eines „Rugers“ erschossen wurde.

Die Bereitschaft der israelischen Sicherheitskräfte, Palästinenser*innen auf offener Straße zu töten, wird immer schwieriger zu leugnen. Letzte Woche tauchte in den sozialen Netzwerken ein Video auf, das diese Bereitschaft sogar als klare Richtlinie zeigt. Während eines „Polizei-Gemeinde-Tages“ in der Stadt Ramat Hasharon haben lokale Polizist*innen den dort versammelten Fünftklässler*innen gezeigt, wie sie „einen Terroristen neutralisieren“. Vier schwerbewaffnete Polizist*innen stürmten mit Motorrädern auf einen Kollegen, der einen „Terroristen“ gespielt hatte, und zeigten den Schulkindern, wie sie ihn im vermeintlichen Kugelhagel umbringen, lange nachdem er schon auf dem Boden liegt. Am Tag zuvor hat die Jerusalemer Polizei diese Theorie in die Praxis gesetzt und auf ähnliche Weise die 16-jährige Fatima Afif Hajiji umgebracht, die angeblich einen Messerangriff verüben wollte. Auch hier wurde den Berichten zufolge lange weitergeschossen, obwohl sie auf dem Boden blutend lag. In ihrer Tasche befand sich ein Zettel, der wahrscheinlich ein Abschiedsbrief war.

Solche Maßnahmen der Repression und zusammen mit dem angehenden Hungerstreik der Gefangenen bedeuten, dass wir in den kommenden Wochen nur mehr solche Fälle sehen werden. Dafür brauchen wir eine klare Diskussion über die außergerichtlichen Hinrichtungen der israelischen Armee und Polizei, die hunderten Menschen in letzten Jahren das Leben kosteten, als auch eine Diskussion über die Legitimität des palästinensischen Widerstandes, die hier im Lande schon längst fällig ist.

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