Deutschland

Offener Brief an das Universitätsklinikum Eppendorf

Wir spiegeln den offenen Brief verschiedener Organisationen anlässlich des tödlichen Angriffs auf William Tonou-Mbobda durch „Security-Kräfte“ des UKE.

Offener Brief an das Universitätsklinikum Eppendorf

Am 21.04.2019 kam es im UKE zu einem gewalt­täti­gen Über­griff durch drei „Secu­ri­ty-Kräfte“ gegen den Patien­ten Tonou-Mbob­da aus Kamerun, in dessen Rah­men ihm auch gegen seinen Willen eine Spritze injiziert wor­den ist. Der Betrof­fene musste im Anschluss eine Stunde lang rea­n­imiert wer­den, es kam zwis­chen­zeitlich zum Herzstill­stand, und er lag seit der Rean­i­ma­tion in einem kün­stlichen Koma. Am heuti­gen Fre­itag, 26.04.2019, ist er ver­stor­ben.

Der Über­griff trug sich am Vor­mit­tag des 21.04.2019 in der Psy­chi­a­trie (Gebäude W37) des UKE zu. Am Mor­gen wollte er die ihm verord­neten Medika­mente nicht ein­nehmen und begab sich aus dem Gebäude her­aus.

Laut Augenzeug_innen saß er dann draußen auf ein­er Bank und entspan­nte sich. Er hat­te kein aggres­sives Ver­hal­ten gezeigt, als ihn die Sicher­heits­di­enst-Mitar­beit­er anpack­ten und zu Boden war­fen. Weit­er bericht­en die Augenzeug_innen, dass er mit Knien trak­tiert und getreten wurde, bis er das Bewusst­sein ver­lor und dann noch eine Spritze verabre­icht bekam. Außer­dem wurde er am Boden fix­iert und gewürgt. Er beklagte sich keine Luft zu bekom­men.
Patient_innen hat­ten auf­grund der Schwere der Tat und der Bedro­hungslage die Polizei ver­ständigt, auch das LKA erschien vor Ort. Das Gebäude wurde kurzfristig abges­per­rt.
Ein Arzt ver­suchte zunächst für ca. 20 Minuten direkt vor dem Gebäude erfol­g­los ihn wiederzubeleben, bevor Herr Tonou-Mbob­da in einem Kranken­wa­gen – in dem die Rean­i­ma­tion fort­ge­set­zt wurde – in die Not­fall-Inten­sivs­ta­tion des UKE ver­bracht wurde.
Die drei „Secu­ri­ty-Kräfte“ liefen den ganzen Tag über weit­er frei durch das Gebäude, wodurch sich Patient_innen bedro­ht fühlten.
Diese Tat hätte jede_n von uns als Schwarze Men­schen tre­f­fen kön­nen, denn solche Sit­u­a­tio­nen find­en viel zu oft statt und spiegeln die ras­sis­tis­che und men­schen­ver­ach­t­ende Wahrnehmung gegenüber Schwarzen Men­schen als „aggres­siv“, „gewalt­tätig“ und somit generell verdächtig wider, denen unab­hängig von äußeren Umstän­den oder per­sön­lichen Sit­u­a­tio­nen eher mit tödlich­er Gewalt als mit Mit­ge­fühl begeg­net wird.
Wir fordern ein Ende der ras­sis­tis­chen Prak­tiken des UKE und der entsprechen­den Straflosigkeit für die Täter*innen. Struk­turelle Gewalt gegen Schwarze Men­schen nimmt uns unsere Würde und ste­ht im Wider­spruch zu unseren Grund- und Men­schen­recht­en.

Diese Art von Gewalt ist auch im UKE kein Einzelfall: Wir erin­nern an Brud­er Achi­di John, der im Dezem­ber 2001 durch eine Ärztin des UKE zu Tode gefoltert wurde. Hier­bei wurde ihm gewalt­sam ein Brech­mit­tel durch eine Sonde einge­flößt. Bis heute wurde keine ver­ant­wortliche Per­son dafür zur Rechen­schaft gezo­gen.
Überdies find­et im UKE die ras­sis­tis­che Alters­fest­stel­lung­sprax­is statt, die min­der­jährige Geflüchtete unter Gen­er­alver­dacht stellt und häu­fig zur Ver­weigerung ihrer beson­deren Schutzrechte führt.
Herr Tonou-Mbob­da wandte sich frei­willig an den offe­nen Bere­ich der Psy­chi­a­trie-Klinik und hätte dementsprechend auch jed­erzeit die Klinik wieder ver­lassen kön­nen. Es ist erlaubt und nor­mal, dass Patien­ten auf dem Gelände aus­ge­hen.

Neben den ver­fas­sungsmäßi­gen Recht­en auf Selb­st­bes­tim­mung und kör­per­liche Unversehrtheit, welche u. a. auch die „Frei­heit zur Krankheit“ bein­hal­ten, beste­ht auch die höch­strichter­liche Recht­sprechung, dass eine Zwangs­be­hand­lung gegen den aus­drück­lichen Willen des Betrof­fe­nen als let­ztes Mit­tel grund­sät­zlich nur mit einem richter­lichen Beschluss möglich ist. Eine Zwangs­be­hand­lung, die der­ar­tig gewaltvoll ist, ist davon allerd­ings keineswegs gedeckt!
Die beteiligten Ärzt_innen wussten direkt nach der Tat von der Lebens­ge­fahr und den gerin­gen Über­leben­schan­cen des Her­rn Tonou-Mbob­das. Sie stell­ten den­noch bewusst keine Mühen an, die Fam­i­lie zu kon­tak­tieren, da sich aus ihrer Sicht die „Sit­u­a­tion erst­mal beruhi­gen sollte“. Erst durch das Engage­ment der Black Com­mu­ni­ty wur­den Fam­i­lien-Ange­hörige benachrichtigt, die seit­dem auch per­ma­nent vor Ort sind.
Ein der­art gle­ichgültiges Ver­hal­ten gegenüber einem Patien­ten und seinen Ange­höri­gen kann nur als men­schen­ver­ach­t­end ein­ge­ord­net wer­den.

Wir fra­gen uns und die Ver­ant­wortlichen am UKE:
– Wie kann es sein, dass der­art gewalt­bere­ite Sicher­heit­skräfte, die von Patient_innen als „grund­sät­zlich eskala­tiv“ beschrieben wer­den, in ein­er so hochsen­si­blen Umge­bung nach Belieben Gewalt ausüben kön­nen?
– Wie kann es sein, dass am hel­l­licht­en Tage, psy­chisch belastete Men­schen Opfer und Zeug_innen ein­er der­ar­ti­gen Straftat wer­den?
– Wie kann es sein, dass die Patient_innen selb­st auch noch die Polizei ver­ständi­gen müssen, weil sich das ver­ant­wortliche Kranken­haus­per­son­al nach Ein­schätzung der Zeug_innen „kom­plizen­haft“ ver­hält?
– Wie kann es sein, dass Zeug_innen Repres­sion und Ein­schüchterungsver­suchen aus­ge­set­zt wer­den, wenn sie sich für ihre Mit­men­schen und für Gerechtigkeit ein­set­zen?

Zeug_innen, die im offe­nen Bere­ich der Psy­chi­a­trie des UKE auf unter­schiedlichen Sta­tio­nen unterge­bracht sind, berichteten, dass sie von der Polizei als Zeug_innen nicht ernst genom­men wor­den sind. Jed­er Ver­such die Wahrheit kundzu­tun, wurde im Kranken­haus selb­st mit Ein­schüchterungsver­suchen und Andro­hun­gen von Ver­weisen aus der Klinik oder Verabre­ichung von beruhi­gen­den Medika­menten beant­wortet.

• Wir fordern ein Ende der Stig­ma­tisierung und Erniedri­gung psy­chisch erkrank­ter und trau­ma­tisiert­er Men­schen.
• Wir fordern eine psy­chol­o­gis­che Ver­sorgung und die Aufar­beitung der trau­ma­tis­chen Erleb­nisse der Augen­zeu­gen sowie ein Ende der Repres­sio­nen und Ein­schüchterun­gen gegen sie.
Die Umstände und Ver­ant­wortlichkeit­en, die zum Tod von Her­rn Tonou-Mbob­da geführt haben, müssen rück­halt­los aufgek­lärt wer­den:
• Wir fordern eine umfassende, öffentliche und zeit­na­he Stel­lung­nahme des UKE zu dem gewalt­täti­gen und let­ztlich tödlichen Über­griff sowie eine umfassende rechtsmedi­zinis­che Aufk­lärung der Todesur­sachen.
• Wir fordern eine sofor­tige Sus­pendierung der gewalt­täti­gen „Sicher­heit­skräfte“ und interne wie gerichtliche Ermit­tlun­gen gegen sie.
• Wir fordern, dass auch die an der tödlichen Kör­per­ver­let­zung beteiligten Ärzt_innen, Pfleger_innen sowie poli­tisch Ver­ant­wortliche zur Ver­ant­wor­tung gezo­gen wer­den.
• Wir fordern ein Ende jed­er ent­men­schlichen­den und men­schen­ver­ach­t­en­den Prax­is gegenüber allen Men­schen und Patient_innen im UKE.
• Wir fordern die Polizei und Jus­tiz auf, das Ver­brechen voll­ständig und umfänglich aufzuk­lären. Ins­beson­dere ras­sis­tis­che Motive müssen drin­gend unter­sucht wer­den.
Wir fordern auch die Medi­en, die bre­it­ere Gesellschaft und Öffentlichkeit auf, sich zu sol­i­darisieren. Dieser Vor­fall darf wed­er ver­schwiegen wer­den, noch sollen Unwahrheit­en oder ein stig­ma­tisieren­des Bild über den Toten ver­bre­it­et wer­den.
Wir verurteilen die Tat aufs Schärf­ste und fordern Respekt und Gerechtigkeit für Her­rn Tonou-Mbob­da.

Fragt im UKE nach und fordert Gerechtigkeit!
Tele­fon­num­mer & Mailadresse der Press­es­telle des UKE:
+49 (0) 40 7410 ‑56061
presse@uke.de
Touch ONE – Touch ALL!

Unterze­ich­net:
‑Black Com­mu­ni­ty in Ham­burg
‑Black Com­mu­ni­ty in Deutsch­land

Mitun­terze­ich­net:
‑Africa Unit­ed Sports Club e. V.
‑Afri­ka Unite! Study Col­lec­tive
‑ARRiVATi
‑CECAM e.V.
‑Ta Set Neferu
‑Ini­tia­tive in Gedenken an Oury Jal­loh
‑Black Stu­dent Union Bre­men
‑Sipua Con­sult­ing
‑Black His­to­ry Month, Ham­burg
‑African Home
‑Black Media Group
‑Tschobe für Free­dom
‑Lampe­dusa in Ham­burg
‑ASUIHA
‑Alafia, Afri­ka Fes­ti­val
‑Arca Bil­dungszen­trum e.V.
‑Akon­da Eine-Welt-Cafe
‑Asmara Refugees Sup­port
‑AICC-Afro Inter­na­tion­al Cul­ture Cen­ter
‑ISD Bund
‑ISD Ham­burg
‑ISD Lüneb­urg
‑Taiyo Sports Cen­ter
‑TopAfric Radio
‑AGNA e.V.
‑African Her­itage
‑ARMH e.V.
‑Fem­camH e.V.
‑Lessan e.V.
‑Rev­o­lu­tionäre Inter­na­tion­al­is­tis­che Organ­i­sa­tion

One thought on “Offener Brief an das Universitätsklinikum Eppendorf

  1. paulirise sagt:

    Heftige Nachricht! Ich war 5x da Patient, nicht lange her und fand das da immer super. Sehr ärg­er­lich, daß ich das ein paar Stun­den zu spät erfahre.
    R.I.P.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.