Hintergründe

Nord gegen Süd oder Klasse Gegen Klasse?

Im linken Diskurs wird häufig behauptet, die Arbeiter*innen und die Bosse des "globalen Nordens" würden gemeinsam von der Ausbeutung des "globalen Südens" profitieren. Man spricht auch von der "imperialen Lebensweise", aber das ist ein Mythos.

Nord gegen Süd oder Klasse Gegen Klasse?

Hinter dem Begriff der „imperialen Lebensweise“ steht die Annahme, dass die Arbeiter*innenklasse und die Bourgeoisie des „globalen Nordens“ gemeinsam von der Ausbeutung des „globalen Südens“ profitieren würden. Die Arbeiter*innen und Kapitalist*innen der nördlichen Hemisphäre profitieren gemeinsam von der Ausbeutung des globalen Südens, aufgrund ihrer „imperialen Lebensweise“, deswegen müssen die Arbeiter*innen und Kapitalist*innen der südlichen Hemisphäre sich gemeinsam dagegen wehren. Statt Klasse gegen Klasse gilt Norden gegen Süden.

Doch das ist nicht der Fall: Stattdessen bürgt das Kapital den Arbeiter*innen die gesamten Mehrkosten der imperialistischen Ausbeutung auf. Sie müssen für Kriegsausgaben und Hilfsgeldzahlungen aufkommen. So wurde die gesamte Unterwerfung Griechenlands unter die Interessen des deutschen Imperialismus von der Arbeiter*innenklasse finanziert, unter dem Vorwand der „Bankenrettung“. Diese Erfahrung hat im Bewusstsein der fortschrittlichen Teile der deutschen Arbeiter*innenklasse tiefe Spuren hinterlassen, auch wenn das Kapital „faule Griechen“ und griechische Kleinbürger, die angeblich keine Steuern gezahlt hatten, zum Sündenbock erklärte. Dabei sind es gerade Großkonzerne und Banken, die mit Steuervermeidung und betrügerischen Steuertricks Billionen verdienen. Der Cum-Ex-Skandal war dabei nur einer von vielen.

Hier liegt großes Potential für eine antiimperialistische Agitation unter den Arbeiter*innen in den kapitalistischen Zentren. In Deutschland ist laut Umfragen kaum etwas so unbeliebt wie steigende Rüstungsausgaben, während auf der anderen Seite die Infrastruktur bröckelt, sowie die Sparpolitik im Gesundheitswesen. Die Coronakrise hat dies weiter zugespitzt.

Mit oder gegen die halbkoloniale Bourgeoisie?

Was die Beschreibung der imperialen Lebensweise unterschlägt, ist dass das Kapital in den abhängigen Ländern ein gemeinsames Interesse mit dem imperialistischen Kapital hat. Es ist viel zu schwach, um selbst zu herrschen, und ist zur Sicherung seiner Profite auf den Imperialismus angewiesen. Besonders gut lässt sich das in Lateinamerika beobachten, wo die linken bürgerlichen Regierungen seit Beginn des 21. Jahrhunderts, selbst mit einem indigenen Präsidenten wie Evo Morales in Bolivien, nicht in der Lage waren, mit dem Imperialismus zu brechen und sich stattdessen seinen Institutionen vollständig unterwarfen, insbesondere dem IWF.

Einige lateinamerikanische Regierungen werfen zur Alternative ein Auge auf China. So preiste der frühere bolivianische Präsident Evo Morales den Verkauf von Lithium an das ostasiatische Land als Goldregen für das arme Land in den Anden. Am Ende wurde er von einem Militärputsch gestürzt – eine Rolle spielte das Ziel, die Förderlizenzen für den begehrten Rohstoff für die Hightech-Industrie an westliche Konzerne zu verkaufen.

Das erste theoretische Konzept, das nicht mehr den grundlegenden Widerspruch zwischen den Klassen annahm, sondern den grundlegenden Widerspruch zwischen verschiedenen Weltteilen sah, war die Drei-Welten-Theorie der Kommunistischen Partei Chinas unter dem Vorsitzenden Mao Tse-Tung. Ihre Kernaussage war, dass die Arbeiter*innenklasse in der “Ersten Welt“ nicht zur Revolution fähig sei. Diese Aufgabe falle den Massen in der „Dritten Welt“ zu. Dazwischen gäbe es noch die „Zweite Welt“, die zwischen der Dritten und der Zweiten läge.

Zur Ersten Welt zählte die USA, später auch die Sowjetunion. Beide würden um die Vorherrschaft in der Dritten Welt streiten. Zur Zweiten Welt zählten die entwickelten kapitalistischen, aber weniger mächtigen Staaten, also wie Frankreich, Deutschland, Japan oder Kanada. Diese würden aber wiederum unter der Herrschaft der Ersten Welt leiden. Zur Dritten Welt zählten die wirtschaftlich rückständigen und politisch abhängigen Länder in Asien, Afrika und Lateinamerika.

Schon zuvor hatte Mao Tse-Tung in seinem Werk „über den Widerspruch“ gesagt, dass der Widerspruch zwischen Kolonie und Imperialismus zum Hauptwiderspruch werde, dem sich der Klassenwiderspruch unterordnet. Praktischer Ausdruck davon war das Bündnis mit der Kuomintang, der bürgerlichen Partei Chinas. Doch die Kuomintang wandte sich immer wieder gegen seinen Bündnispartner und verübte Massaker an Kommunist*innen und gewerkschaftlich organisierten Arbeiter*innen.

Schon zuvor haben wir gezeigt, warum wir uns im Kampf gegen den Imperialismus nicht auf die Bourgeoisie stützen können. Sie ist in den abhängigen und halbkolonialen Ländern viel zu schwach, um selbstständig herrschen zu können. Darum ist sie auf den Imperialismus angewiesen. Zudem fürchtet sie die Enteignung noch mehr als das Joch des Imperialismus. Der Imperialismus sichert ihre Herrschaft und verschafft ihnen ein angenehmes Leben.

Die Grundlage der Idee des Postkolonialismus, dass der Widerspruch nicht zwischen den Klassen, sondern zwischen den entwickelten kapitalistischen Ländern und den abhängigen und halbkolonialen Ländern verlaufe, hat ihre Wurzeln in der Theorie der Drei Welten von Mao Tse-Tung. Im Laufe der bürgerlichen Restauration und der Wiederherstellung des Kapitalismus in den ehemaligen degenerierten Arbeiter*innenstaaten wurde der Klassenwiderspruch vollständig aus ihr getilgt. Damit wurde auch jede Perspektive des gemeinsamen Kampfes der Arbeiter*innen und Unterdrückten im „Globalen Norden“ und im „Globalen Süden“ über den Haufen geworden.

Das Programm der permanenten Revolution

Die freiwillige Unterwerfung der Bourgeoisie abhängiger Länder unter das Joch des Imperialismus wurde schon von Leo Trotzki in seinem Werk „Die Permanente Revolution“ beschrieben. Weil sie in der Konkurrenz mit den imperialistischen Bourgeoisien untergehen müssten, verbünden sie sich mit ihnen, weshalb die nationale Bourgeoisie dieser Länder kein Interesse an einem tatsächlichen Befreiungskampf vom Imperialismus haben kann – weshalb ein antiimperialistischer Kampf sich auch gegen die einheimische Bourgeoisie richten muss.

Demgegenüber haben das Proletariat in den imperialistischen Ländern und das Proletariat und die anderen unterdrückten Klassen in den vom Imperialismus unterworfenen Ländern ein gemeinsames Interesse. Trotzki analysierte die weltweiten Verflechtungen des Kapitalismus als „ungleiche und kombinierte Entwicklung“. Entgegen der Vorstellung einer möglichen „eigenständigen“, also vom Imperialismus unabhängigen Entwicklung in den ökonomisch rückständigen Ländern, zeigte er auf, dass sich in einer zunehmend international organisierten Wirtschaft kein Land der Welt einfach aus der Weltwirtschaft ausklinken kann, sondern ihre Entwicklung auf verschiedenste Art und Weise mit denen anderer Länder verknüpft ist. Auf dieser Grundlage zeigte Trotzki auf – ganz im Gegenteil zu der karikaturhaften Kritik des Postkolonialismus, der den Marxismus als „eurozentrisch“ (fehl-)charakterisiert –, dass selbst ökonomisch rückständige Länder eine sozialistische Revolution stattfinden könnte, vorausgesetzt, der Kampf werde vom Proletariat gegen die einheimische Bourgeoisie angeführt – im Bündnis mit den Arbeiter*innen der imperialistischen Länder, die sich gegen ihren eigenen Imperialismus stellen. Diese vielschichtige Verbindung – der Übergang von einem demokratischen Befreiungskampf zu einer sozialistischen Revolution, die ungleich-kombinierte Verflechtung der sozialen und ökonomischen Formen, und die internationale Ausdehnung der Revolution – wurde als Theorie der permanenten Revolution bekannt. Ihre erste positive Bestätigung fand sie schon vor der Niederschrift 1929 in der Russischen Revolution von 1917, ihre negative Bestätigung in der gescheiterten chinesischen Revolution von 1927.

Ohne eine solche Perspektive ist die Überwindung der imperialistischen Unterwerfung zum Scheitern verurteilt, ganz zu schweigen von der Perspektive der Befreiung aus der Lohnsklaverei in den imperialistischen Ländern selbst. Den Imperialismus als „Lebensweise“ misszuverstehen, anstatt als Herrschaft des imperialistischen Kapitals über den gesamten Planeten, kann nur in einer Sackgasse landen. Doch nichts könnte utopischer sein als die Vorstellung, dass diese Herrschaft durch irgendetwas anderes als siegreiche Revolutionen im Süden und im Norden besiegt werden kann.

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