Frauen und LGBTI*

Nancy Fraser: „Es ist möglich einen radikalen Feminismus mit klarem Profil aufzubauen.“

Einige Tage vor dem 8. März und dem Internationalen Frauenstreik führten wir ein Gespräch mit Nancy Fraser, US-amerikanische Intellektuelle und eine der Initiatorinnen für den Aufruf zum Aufbau eines „Feminismus der 99%“.

Nancy Fraser: „Es ist möglich einen radikalen Feminismus mit klarem Profil aufzubauen.“

Nan­cy Fras­er ist Pro­fes­sorin für Philoso­phie und Poli­tik­wis­senschaften an der New School for Social Research in New York City. Dort ist sie Teil eines Bünd­niss­es, das zur Teil­nahme am inter­na­tionalen Frauen­streik am 8. März aufrief.

In ihrer akademis­chen Arbeit beschäftigt sie sich unter anderem mit poli­tis­ch­er Philoso­phie, Sozial­wis­senschaften, kri­tis­ch­er The­o­rie, Kap­i­tal­is­muskri­tik, Fem­i­nis­mus und Iden­tität­spoli­tik.
Ihre Ausar­beitun­gen nehmen einen kri­tis­chen Stand­punkt gegenüber dem ein, was sie “neolib­eralen Fem­i­nis­mus” nen­nt. Dieser half bei der Ver­schleierung und der Recht­fer­ti­gung der impe­ri­al­is­tis­chen Demokratie. Er verzichtete auf die Kri­tik an der Beziehung zwis­chen Patri­ar­chat und Kap­i­tal­is­mus und hat seine pro­gram­ma­tis­che Basis auf eine Rei­he von Forderun­gen für und von Frauen aus der Mit­telschicht reduziert. Der höch­ste Aus­druck dieses “neolib­eralen Fem­i­nis­mus” war die kür­zlich erfol­gte Kan­di­tatur von Hillary Clin­ton, die von Don­ald Trump besiegt wurde.
Left Voice, Teil des inter­na­tionalen Net­zw­erkes von La Izquier­da Diario, sprach mit ihr in New York über die aktuellen Debat­ten zur Präsi­dentschaft von Don­ald Trump und die Her­aus­forderun­gen, die sich den sozialen Bewe­gun­gen und der Linken eröff­nen, ins­beson­dere der Frauen­be­we­gung und der fem­i­nis­tis­chen Bewe­gung.

Was ist der Fem­i­nis­mus der 99 Prozent?

Auf ein­er Ebene ist es eine Art Reak­tion auf die Rich­tung, die der Fem­i­nis­mus eingeschla­gen hat, beson­ders in den Vere­inigten Staat­en. Aber nicht nur hier hat er, wie ich es sehe, eine gefährliche Beziehung mit dem Neolib­er­al­is­mus entwick­elt. Die Haupt­strö­mung des Fem­i­nis­mus in den USA hat sich in einen unternehmerischen Fem­i­nis­mus ver­wan­delt, in einen „Lean-In“ Fem­i­nis­mus (in Anlehnung an ein gle­ich­namiges Buch von Face­book-Führungskraft Sheryl Sand­berg und Autorin Nell Scov­ell), einen Fem­i­nis­mus der nur die „Gläserne Decke“ (der ungle­ichen Auf­stiegschan­cen in gesellschaftlichen Insti­tu­tio­nen) angreift und Frauen dazu aufruft, hohe Posi­tio­nen in Unternehmen anszus­treben. Der Main­stream-Fem­i­nis­mus hat jegliche bre­it­ere und solide Konzep­tion davon aufgegeben, was Geschlechter­gle­ich­heit oder soziale Gle­ich­heit im All­ge­meinen bedeutet. Anstelle dessen scheint er sich in Wirk­lichkeit nur auf das zu konzen­tri­eren, was ich als „Mer­i­tokratie“ beze­ich­nen würde. Das bedeutet, nur die Hin­dernisse abzubauen, die den „tal­en­tierten“ Frauen den Zutritt zu den höch­sten Posi­tio­nen in den Unternehmens- und Mil­itärhier­ar­chien ver­bauen.

Die Art des Fem­i­nis­mus, die ich immer unter­stützt habe – und ich muss sagen, dass ich in diesem Sinne ein Kind der 60er Jahre bin – ist ein Fem­i­nis­mus, der ver­sucht die ökonomis­chen Hier­ar­chien kom­plett abzuschaf­fen und nicht einem kleinen Teil von Frauen die Möglichkeit zum Auf­stieg in den Unternehmen zu gewähren.

Doch der Fem­i­nis­mus schlug die neolib­erale Wende vor rund 20 Jahren ein. Für mich han­delt es sich nicht ein­fach um etwas schreck­lich­es, was mit der Wahl von Trump geschah, auch wenn das wirk­lich sehr schlecht ist. Doch ich denke, dass unter der Spitze des Eis­bergs ein größer­er Kom­plex an Umstän­den liegt, die mit struk­turellen Aspek­ten unser­er Gesellschaft zusam­men­hän­gen, und der von einem Großteil der fem­i­nis­tis­chen Strö­mungen ignori­ert wurde. Das gilt nicht für einige rel­a­tiv kleine linke Strö­mungen, mit denen ich mich per­sön­lich iden­ti­fiziere. Doch wir haben es bish­er nicht geschafft, uns mehr Gehör zu ver­schaf­fen. Vielle­icht haben wir Trump dafür zu danken, dass jet­zt der Moment gekom­men ist, an dem man auch radikalere Stim­men hört.

Nach den großen Demon­stra­tio­nen, dem starken Aufkom­men von Empörung und dem Wun­sch nach Aktivis­mus und Wider­stand, wie man beim Women’s March am 21. Jan­u­ar sehen kon­nte, scheint es nun die Möglichkeit zu geben, dem Fem­i­nis­mus in den USA eine andere Rich­tung zu geben. Ich würde es eine Kursko­r­rek­tur nen­nen im Gegen­satz zu ein­fachem Wider­stand.

Die Demon­stra­tio­nen vom 21. Jan­u­ar waren fan­tastisch. Es gab eine enorme Energie, eine außergewöhn­liche Anzahl von Leuten und viel Kreativ­ität, auch wenn ich sagen muss, dass es poli­tisch ein biss­chen rudi­men­tär war. Es gab keine klare Führung, und vielle­icht woll­ten deswe­gen so viele teil­nehmen.

Aber es ist auch möglich, den Aktivis­mus von Frauen mit klar­erem Pro­fil, ein­er klaren Per­spek­tive, ein­er Plat­tform, aufzubauen. Ich denke, dass eine solche Plat­tform im aktuellen Kon­text viel bre­it­ere Unter­stützung gewin­nen kön­nte. Es gibt so viele Men­schen, sowohl junge als auch ältere, die sich zum ersten Mal radikalisieren und poli­tisieren. Leute die sich unter Oba­mas Präsi­dentschaft bedeckt hiel­ten. Nie­mand wollte sich gegen den ersten schwarzen Präsi­den­ten stellen und natür­lich hat er einige Dinge gemacht, die man als fortschrit­tlich ein­schätzen kön­nte. Doch der Aktivis­mus brach ein, jet­zt jedoch gibt es neue Möglichkeit­en.

Also riefen wir zu einem Streik für den 8. März auf als spez­i­fisch US-amerikanis­che Antwort auf den bre­it­eren inter­na­tionalen Aufruf, der in mehr als 30 Län­dern unter­stützt wurde. Wir dacht­en, dass man die Möglichkeit aus­nutzen müsste, um einen linken, radikalen Fem­i­nis­mus aufzubauen. Das mein­ten wir als wir vom Fem­i­nis­mus der 99 Prozent sprachen. Ein Fem­i­nis­mus für alle Frauen, denen der unternehmerische Fem­i­nis­mus prak­tisch nichts gebracht hat.

Du sprichst vom Ende des „fortschrit­tlichen Neolib­er­al­is­mus“. Worauf beziehst du dich mit dieser Kat­e­gorie und wieso denkst du, dass wir ger­ade den Anfang vom Ende dieses Zyk­lus erleben?

Über eine lange Zeit hin­weg hat­te ich Schwierigkeit­en, diese Umwand­lung der vorherrschen­den Strö­mung des Fem­i­nis­mus hin zu ein­er unternehmerischen Form, zu ver­ste­hen. Und ich muss gle­ich sagen, dass ich das gle­iche über alle fortschrit­tlichen sozialen Bewe­gun­gen sagen würde. Es ist nicht nur ein Prob­lem des Fem­i­nis­mus. Es ist ein Prob­lem der anti­ras­sis­tis­chen Bewe­gun­gen, an denen auch ein poli­tis­ch­er Appa­rat der schwarzen Elite beteiligt ist, zumin­d­est bis zum Auf­stieg von Black Lives Mat­ter. Ich glaube, dass wir einen unternehmerischen und neolib­eralen Flügel in der Ökolo­giebe­we­gung haben, die einen grü­nen Kap­i­tal­is­mus vorantreibt. Inner­halb der LGBTQI*-Bewegung haben wir Sek­toren, die die Inklu­sion von Homo­sex­uellen in die Armee und die Unternehmenswelt fordern, etc.

In den USA haben wir eine Kul­tur des Indi­vid­u­al­is­mus, des Vol­un­taris­mus und des Auf­stiegs durch die eigene Anstren­gung. Wenn du es nicht schaffst, ist es deine eigene Schuld. Das ist die nor­male Dynamik, der die Gesellschaft fol­gt. Nur in Peri­o­den offen­er Krisen sehen die US-Amerikaner*innen einen echt­en Anreiz, um struk­turell darüber nachzu­denken, wie unsere Gesellschaft struk­turi­ert ist und wie sie von Grund auf zusam­menge­set­zt ist. Bernie Sanders hat wun­der­volle Begriffe ver­wen­det. Er sagte, es ist eine „gefälschte Wirtschaft“, eine „gefälschte Gesellschaft“, ein „gefälscht­es poli­tis­ches Sys­tem“. All das ist wahr. Aber um das ver­ste­hen zu kön­nen, muss man die für diese Sit­u­a­tion ver­ant­wortlichen Struk­turen charak­ter­isieren.

Seit langer Zeit ver­folge ich und schreibe ich über die neolib­erale Umwand­lung sozialer Bewe­gun­gen. Doch in bes­timmter Hin­sicht haben mir die let­zten Wahlen in den USA, die Kam­pag­nen und alles darum herum dabei geholfen, das Prob­lem klar­er zu erken­nen. Denn ich denke, dass Hillary Clin­ton es per­fekt verkör­perte. Und dann hat sich für mich alles zu einem deut­lichen Bild zusam­men gefügt und ich sagte mir: „Aha! Der Wahlkampf zwis­chen Clin­ton und Trump ist der Wettstre­it zwis­chen zwei schreck­lichen Optio­nen“, die ich als „fortschrit­tlichen Neolib­er­al­is­mus“ und „reak­tionären Pop­ulis­mus“ beze­ich­nen würde. Und ich habe ver­standen, dass der herrschende Block in den USA min­destens seit Amt­santritt von Bill Clin­ton 1992 – also vor langer Zeit – aus ein­er unheil­vollen Allianz zwis­chen den unternehmerischen Main­stream-Strö­mungen der neuen sozialen Bewe­gun­gen und gewis­sen Teilen der US-amerikanis­chen kap­i­tal­is­tis­chen Klasse beste­ht. Nicht aus allen, son­dern nur aus den Teilen der Unternehmenswelt, die nicht von der ver­ar­bei­t­en­den Indus­trie abhän­gen, son­dern vom soge­nan­nten „sym­bol­is­chen und kog­ni­tiv­en Kap­i­tal­is­mus“. Das ist Hol­ly­wood, Sil­i­con Val­ley und natür­lich dem „großen Ele­fan­ten im Raum“: Wall Street und die Finanzwelt. Die Finanzwelt ist zu einem großen Sek­tor unser­er Wirtschaft gewor­den und hat andere Teile ver­drängt.

Darauf bezog ich mich, als ich von fortschrit­tlichem Neolib­er­al­is­mus sprach. Auf die Form, durch die ein Teil der Unternehmenswelt eine Art fortschrit­tliche Tar­nung für Poli­tiken bilden kon­nte, die in Wirk­lichkeit die Lebens­grund­lage und ‑ver­hält­nisse, die Fam­i­lien und die Gemein­schaften der US-amerikanis­chen Armen und der Arbeiter*innenklasse zer­stören und auch das Leben der Mit­telk­lasse zer­set­zen. Die zwei großen Antworten auf diesen fortschrit­tlichen Neolib­er­al­is­mus waren natür­lich der Sieg von Trump, aber auch die extrem erfol­gre­iche Kam­pagne von Bernie Sanders, die alle Erwartun­gen über­stieg. Sanders gelang es fast, Hillary Clin­ton zu besiegen, obwohl sie ihren gesamten Parteiap­pa­rat und sehr viel Macht hin­ter sich hat­te. Es war eine sehr gewaltige Erhe­bung gegen den fortschrit­tlichen Neolib­er­al­is­mus. Ein rechter Flügel und ein link­er Flügel. Lei­der hat der Flügel von Trump gesiegt. Doch in gewiss­er Weise hat er diese hege­mo­ni­ale Allianz aufgedeckt und ich denke, dass das den Weg für die aktuellen Mobil­isierun­gen bere­it­et hat.

Und ich sollte noch einen let­zten Punkt hinzufü­gen. Ein­er mein­er Äng­ste in Bezug auf die Sit­u­a­tion jet­zt ist, dass das Fehlen ein­er starken und klaren linken Posi­tion dazu führt, dass der riesige Wider­stand am Ende den fortschrit­tlichen Neolib­er­al­is­mus wieder auf­baut unter ein­er etwas akzept­ableren Fig­ur als Hillary Clin­ton, die poli­tisch qua­si erledigt ist. Das ist eine Angst, die mich umtreibt. Indem wir den Aufruf zum Streik geschrieben haben, um diesen linken Fem­i­nis­mus zu organ­isieren, haben wir auch ver­sucht, eben dieses Szenario zu ver­hin­dern.

Ich wün­schte, dass dies ein Mod­ell für andere soziale Bewe­gun­gen wäre. Ich würde gerne zahlre­iche anti­ras­sis­tis­che Bünd­nisse gemein­sam unter einem ähn­lich radikalen Pro­gramm entste­hen sehen. Ein Anti­ras­sis­mus für die 99 Prozent. Warum gibt es das nicht? Für die Bewe­gung der Gays, Les­ben, Queer und Trans-Men­schen und für die Ökolo­giebe­we­gung. Ich glaube, dass ist der Weg.

Und Sanders, der auf keinen Fall eine per­fek­te Fig­ur ist, hat auf gewisse Art und Weise diesen Weg geeb­net. Ob er inner­halb der Demokrat*innen bleibt oder nicht ist ein anderes Prob­lem, aber er hat eine Sprache bere­it­gestellt und hat unter anderem dabei geholfen, offen­zule­gen, was diese Partei die let­zten 30 Jahre gemacht hat. Und ich denke, dass wir diese Öff­nung, zu der er beige­tra­gen hat, und die per­verser­weise auch dazu beige­tra­gen hat, dass Trump ent­stand, ver­tiefen wollen. Wie ich schon gesagt habe, würde es mich freuen, andere soziale Bewe­gun­gen zu sehen, die etwas ähn­lich­es und koor­diniertes machen.

[…]

In „The For­tunes of Fem­i­nism“ hast du geschrieben, dass der Kampf um Anerken­nung keinen direkt antikap­i­tal­is­tis­chen Charak­ter hat (genau­so wenig wie der Kampf um Umverteilung), son­dern dass sie mit antikap­i­tal­is­tis­chen Kämpfen ver­bun­den wer­den soll­ten. Was sind die poli­tis­chen Kon­se­quen­zen dieser Tren­nung und was kön­nen wir daraus schlussfol­gern?

Ich würde einen Schritt zurück­ge­hen, um diese Begriffe „Umverteilung“ und „Anerken­nung“ in einen his­torischen Kon­text zu set­zen. Es han­delt sich um Schlüs­sel­be­griffe für die Art, in der ich über ver­schiedene Jahrzehnte hin­weg diese Entwick­lung zu ver­ste­hen ver­sucht habe. Für mich war der Begriff „Umverteilung“ schon ein Zugeständ­nis und in gewis­sem Sinne ein­er Alter­na­tive zum Sozial­is­mus oder vielle­icht ein „Sozial­is­mus light“. Ein Sozial­is­mus, den man sich nicht traut, beim Namen zu nen­nen. In anderen Worten: als die Arbeiter*innenbewegungen und andere radikale Bewe­gun­gen, die sozial­is­tis­chen Bewe­gun­gen gegen die grundle­gen­den Regeln der kap­i­tal­is­tis­chen Gesellschaft kämpften, wie die Eigen­tumsver­hält­nisse, die Aneig­nung des Mehrw­ertes, etc. sprachen sie nicht von „Umverteilung“, son­dern von ein­er struk­turellen Umwand­lung. Ich denke, dass der Begriff „Umverteilung“ inner­halb der Sozialdemokratie entwick­elt wurde in in Wirk­lichkeit das Prob­lem bei der ungerecht­en Verteilung der Güter sieht. Es geht also sozusagen nicht darum, die grundle­gen­den Regeln zu ändern. Ich würde sagen, dass dieses Umverteilungspar­a­dig­ma nach dem Zweit­en Weltkrieg in den USA dom­i­nant wurde, aber auch in anderen sozialdemokratis­chen reichen Län­dern und in vie­len Entwick­lungslän­dern, die nicht reich waren, aber unab­hängig und sich „entwick­eln“ woll­ten. Und bes­timmt haben wichtige Strö­mungen der Arbeiter*innenbewegung und der Linken, die sozialdemokratis­che Linke, dieses Konzept der Umverteilung aufgenom­men. Es gibt natür­lich zahlre­iche Prob­leme mit diesem Konzept, doch eines von ihnen war dabei, dass in der Nachkriegspe­ri­ode das Umverteilungsmod­ell als zu restrik­tiv erschien. Bet­ty Friedan schrieb über die Haus­frauen, die in den Vororten fest­ge­hal­ten wur­den. So ent­stand eine neue Linke, die sich gegen die Kon­sume­thik stellte. Sie hat­te andere Ziele als die gerechte Verteilung von Einkom­men, Löh­nen und Arbeit­splätze, etc. Zum Beispiel kam der Kampf gegen die Rassen­tren­nung auf. Und so näherte sie sich eini­gen tief­gründi­gen und struk­turellen Prob­le­men an. Sie macht­en auf das Prob­lem der Staatsbürger*innen zweit­er Klasse und der Armut der Afroamerikaner*innen aufmerk­sam und deck­ten damit einige schreck­liche Aspek­te der US-Geschichte auf, die noch nicht ver­gan­gen waren. Ich denke, dass als Antwort auf das dom­i­nante Umverteilungspar­a­dig­ma ein zweites Par­a­dig­ma ent­stand, das ich und viele andere als „Anerken­nung“ beze­ich­net haben. Dabei geht es nicht mehr nur darum, dass man gle­ich behan­delt wird, son­dern dass die eigene Beson­der­heit anerkan­nt, angenom­men und respek­tiert wird. Wir müssen nicht alle gle­ich sein oder das Leben eines weißen het­ero­sex­uellen Mannes leben, um als voll­ständi­ges und gültiges Mit­glied der Gesellschaft anerkan­nt zu wer­den. Das ist alles sehr gut, doch wie immer hat­te die Geschichte Über­raschun­gen parat. Denn in dem Moment, als sich das Par­a­dig­ma der Anerken­nung entwick­elte, hat­te zeit­gle­ich auch das ver­fal­l­ende kap­i­tal­is­tis­che Mod­ell des Fordis­mus Schwierigkeit­en und die sozialdemokratis­che Verteilung ver­lor ihre ökonomis­che Grund­lage.

Es gab also zwei Sek­toren — der Begriff „Linke“ scheint mir nicht ange­bracht, doch es war das was am näch­sten an eine Linke her­an kam — zwei sich im Kon­flikt befind­liche Sek­toren. Thomas Frank schrieb über eine indus­tri­al­isierte Welt im Ver­fall, in der sich haupt­säch­lich die weißen gew­erkschaftlich organ­isierten Arbeiter*innen durch die Zunahme an Forderun­gen bedro­ht fühlen, und zwar in ein­er Sit­u­a­tion, in der ihre Lebens­grund­lage ins Wanken geri­et. Sie sind in kein­er angenehmen Sit­u­a­tion. Und dann kommt die neolib­erale Forschrittsidee unter den Men­schen auf, die für die Anerken­nung ein­treten, die sagt, dass diese Arbeiter*innen rück­ständig, ras­sis­tisch und frauen­has­send seien – „bedauer­lich“, wie es Hillary Clin­ton sagte.

Ich verneine nicht, dass es Ele­mente von Ras­sis­mus und Frauen­hass in allen Teilen unser­er Gesellschaft gibt, doch die Sit­u­a­tion ist weitaus kom­pliziert­er und lässt sich nicht durch rein moralis­che Begriffe erk­lären. Wir müssen ver­ste­hen, dass es um einen Über­gang von ein­er Form des Kap­i­tal­is­mus zu ein­er anderen geht, von ein­er sozialdemokratis­chen vom Staat ver­wal­teten Form zu ein­er finanziel­lisierten und glob­al­isierten Form. Dieser Über­gang schafft komis­che Allianzen und kaum pro­duk­tive Antag­o­nis­men zwis­chen Teilen der Bevölkerung, die sich in anderen Umstän­den ver­bün­det hät­ten.

Zu Zeit­en des Auf­stiegs nation­al­is­tis­ch­er Bewe­gun­gen und Posi­tio­nen haben Sie in dem Aufruf zum 8. März die Bedeu­tung des Auf­baus ein­er inter­na­tion­al­is­tis­chen Bewe­gung her­vorge­hoben. Warum?

Zuerst würde ich sagen, dass mein­er Mei­n­ung nach jede fortschrit­tliche und trans­for­ma­tive soziale Bewe­gung inter­na­tion­al denken muss. Die Linke unter­stützt diese Idee seit unge­fähr 200 Jahren, zumin­d­est den Worten nach. Aber ich würde sagen, dass es heute noch drin­gen­der ist als zu jedem anderen Zeit­punkt in der Geschichte, denn heute ist das weltweite kap­i­tal­is­tis­che Sys­tem viel stärk­er glob­al­isiert. Und selb­st wenn man darüber sprechen möchte, was die nationale Poli­tik in einem bes­timmten Land sein sollte, muss man damit begin­nen anzuerken­nen, dass die Möglichkeit­en auf dieser Ebene zu großem Teil von der glob­alen inter­na­tionalen Finanzstruk­tur des Welt­sys­tems abhängt. In diesem Sinne, was auf nationaler Ebene das sozialdemokratis­che Mod­ell ermöglichte, wie in Skan­di­navien, wo die Gesellschaft mehr oder weniger egal­itär waren, wurde durch die Kap­italkon­trollen von Bret­ton Woods ermöglicht. Und als diese Kon­trollen abgeschafft wurde, war dieser Typ der rel­a­tiv egal­itären, aber gle­ichzeit­ig restrik­tiv­en Sozialdemokratie möglich durch die Aneig­nung eines Teils des Reich­tums des glob­alen Südens, also ein­er Art Impe­ri­al­is­mus… Also ein Aspekt ist die enge Verbindung des Nationalen des Inter­na­tionalen. Das weltweite Finanzkap­i­tal kann nur durch eine weltweite soziale Bewe­gung und Anstren­gung gestoppt wer­den. Ohne diese wären unsere Hand­lungsmöglichkeit­en auf lokaler Ebene sehr beschränkt. Ein anderes Beispiel ist der Kli­mawan­del. Natür­lich kann man ihn nicht mit einem rein lokalen Aktivis­mus aufhal­ten, egal wieviel man seinen ökol­o­gis­chen Fußab­druck reduziert.

Prob­leme wie solche kön­nen sich nur auf inter­na­tionaler Ebene lösen. Was ist die inter­na­tionale Ebene heute? Es ist Davos, die WTO, das Regime des geisti­gen Eigen­tums des TRIPS-Abkom­mens (Übereinkom­men über han­dels­be­zo­gene Aspek­te der Rechte des geisti­gen Eigen­tums), etc. etc. Was sind also die linken Insti­tu­tio­nen, die sich dem ent­ge­gen­stellen kön­nen? Zum Anfang hielt ich die Entwick­lung des Welt­sozial­fo­rums für sehr vielver­sprechend, da es so schien als hätte es eine Antwort auf diese Fra­gen geben kön­nen. Es gab Prob­leme, die wir an ander­er Stelle disku­tieren kön­nen. Ich glaube, dass es sehr wichtig ist, heute auf glob­aler Ebene zu denken. Was den inter­na­tionalen Frauen­streik aus­macht, ist zur Sol­i­dar­ität und zum gemein­samen Ler­nen aufzu­rufen. Etwas, was uns sehr bee­in­flusst hat beim Schreiben der Erk­lärung, die auch in The Guardian erschien, war die Sprache der Argentinier*innen. Sie hat­ten ein fan­tastis­ches, inte­grale und struk­turelles Ver­ständ­nis dessen, was die Gewalt an Frauen aus­macht. Sie beschuldigen nicht ein­fach die „schlecht­en Typen“. Und wir haben dies als Per­spek­tive genom­men, um die Gewalt an Frauen als etwas zu nehmen, dass sich an die 99 Prozent der Frauen richt­en kön­nte. Ich glaube, wir haben viel voneinan­der zu ler­nen. Nie­mand hat eine voll­ständi­ge Vision. Und es ist sehr bewe­gend die gegen­seit­ige Unter­stützung zu sehen. Eines der Dinge, die durch die Demon­stra­tio­nen ent­stand sind die Grup­pen, die sich in den ver­schiede­nen Teilen des Lan­des organ­isieren und ihre Aktio­nen aufnehmen und dann die Videos untere­inan­der teilen. Dadurch erken­nen wir, dass etwas passiert und dass wir Teil von etwas viel größerem sind.

Möcht­est du noch etwas über die Frauen­be­we­gung oder etwas anderes hinzufü­gen?

Ich möchte noch eine let­zte Sache sagen. Mein­er Mei­n­ung nach ist die struk­turelle Basis der Unterord­nung der Frauen in der kap­i­tal­is­tis­chen Gesellschaft die Spal­tung zwis­chen wirtschaftlich­er Pro­duk­tion und sozialer Repro­duk­tion. Diese Spal­tung gab es nie vorher in der Geschichte. Diese Aktiv­itäten waren immer an einem Ort ver­bun­den. Ich glaube, dass die Form dieser Spal­tung sich in der Geschichte des Kap­i­tal­is­mus bedeu­tend verän­dert hat, im Ver­laufe ver­schieden­er Akku­mu­la­tion­sregime. Trotz­dem ist es die grundle­gende Achse und ich würde sagen, dass jede fem­i­nis­tis­che Poli­tik, die sich auss­chließlich auf einen der bei­den Pole stützt, ohne die Über­lap­pun­gen und tiefen Verbindun­gen zu betra­cht­en, nicht die Emanzi­pa­tion der Frauen erre­ichen kann.

Das Inter­view wurde wenige Tage vor dem 8.März in New York geführt und lässt sich voll­ständig als Video auf Englisch bei Left Voice anschauen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.