Antirassismus

Mord in Frankreich – Rassismus in deutschen Medien

In Frankreich wird ein marokkanischer Jugendlicher absichtlich von einem Auto überfahren und getötet - und deutsche Medien verharmlosen den Mord. Die Berichterstattungen über die WM in Katar fallen durch antimuslimischen Rassismus auf. Dies ist leider kein neues Phänomen in der deutschen Medienlandschaft.

Mord in Frankreich – Rassismus in deutschen Medien
Foto: Александр Подгорчук/ Wikimedia Commons

Nachdem die französische Nationalmannschaft am Mittwoch, dem 14. Dezember, im WM-Halbfinale gegen Marokko gewonnen hatte, kam es in vielen Städten in Frankreich zu Ausschreitungen. In der Küstenstadt Montpellier wurde dabei ein Jugendlicher tödlich verletzt. Eine Gruppe marokkanischer Jugendlicher riss eine Frankreich-Flagge von einem Auto, woraufhin das Auto beschleunigte und mit voller Wucht in die Gruppe Jugendlicher raste und dabei einen 14-jährigen Jungen überfuhr. Er starb wenig später im Krankenhaus. Ein weiterer Jugendlicher wurde verletzt. Das Auto fuhr einfach weiter und wurde wenig später gefunden, jedoch fehlt vom Fahrer jede Spur. Es ist nicht ganz klar, ob der Täter zu einer rechten Gruppierung gehört. Jedoch gibt es Berichte, dass rechtsextreme Ultragruppierungen an Krawallen beteiligt waren.

Wenige Tage zuvor kam es bereits in Jerusalem am Damaskustor zu Ausschreitungen der Polizei gegen palästinensische Fußballfans, die für die marokkanische Nationalmannschaft jubelten. Ein massives Polizeiaufgebot und mehrere Wasserwerfer kamen zum Einsatz. Die Fangruppen wurden gewaltvoll aufgelöst und es gab mehrere Verletzte unter den palästinensischen Feiernden. Dabei wollten sie nur eine Mannschaft bejubeln, die sich nach ihren Spielen mehrfach solidarisch mit dem  palästinensischen Befreiungskampf gezeigt hatte.

Verharmlosung rassistischer Gewalt, Antisemitismusvorwürfe und Rassismus

Deutsche Medien verharmlosen diese abscheuliche Tat und schreiben, wie beispielsweise die BILD, der Junge sei bei einer “Fanfeier” gestorben. Der STERN und die TAGESSCHAU schreiben von einem “tödlichen Unfall”. Das verharmlost die rassistischen und niederträchtigen Beweggründe des Fahrers. Auf einem Video ist der Tathergang genau zu sehen, trotzdem wird sehr relativierend berichtet. Die Tatsache, dass es Mord aus rassistischen Beweggründen war, darf nicht verschwiegen werden. Es ist offensichtlich, dass der Fahrer mit Absicht in die Gruppe der Jugendlichen fuhr, weil sie zuvor die Flagge vom Auto gerissen hatten. Wäre die Situation genau umgekehrt gewesen, hätte es einen riesigen medialen Aufschrei gegeben.

Diese Berichterstattung reiht sich in die rassistische Darstellung  der marokkanischen Nationalmannschaft  der deutschen Medien in den letzten Tagen ein. In der TAZ gab es einen Artikel mit dem Titel “Marokko liegt nicht in Palästina”, in dem der marokkanischen Nationalmannschaft Antisemitismus vorgeworfen wurde, weil nach den Spielen immer wieder Palästina-Flaggen gezeigt wurden. Die Rede war von “orchestrierter Israelfeindschaft” und einem “antisemitischen Anstrich”. Belegt wurde das Ganze nicht. Nach internationalem Widerspruch veröffentlichte die TAZ immerhin einen Gegenartikel. Die WELT deutete ein Foto von marokkanischen Spielern, die mit erhobenem Zeigefinger posierten, absurder Weise als Gruß des IS. Dabei ist der erhobene Zeigefinger nichts weiter als ein muslimisches Gebetszeichen, um die Alleinstellung Gottes im Islam zu verdeutlichen. Der Artikel wurde zwar mittlerweile runtergenommen und es wurde ein neuer Beitrag dazu veröffentlicht, aber die rassistischen Unterstellungen haben sich nicht geändert. Rassistische Kommentare fielen auch vom ZDF-Experten Sandro Wagner, der die Thawb der arabischen Männer als “katarische Bademäntel” bezeichnete.

Auch Aktivist:innen und selbsternannte Islamismus-Expert:innen in Deutschland äußerten sich zu diversen Themen bezüglich des Islams. So postete Ahmad Mansour auf Twitter das Bild eines marokkanischen Spielers und seiner Mutter und erklärte die Verehrung der Mutter im Islam als eine Art von Unterdrückung, die psychologisch kritisiert werden müsse. Der Tweet wurde mittlerweile gelöscht, aufgrund der hagelnden Kritik, die Mansour nun als “heftigsten Shitstorm seines Lebens” benennt. Ali Utlu, Ex-Muslim und bekennender Rechtspopulist, drückt seine Besorgnis darüber aus, dass es in 10 Jahren “Reservate für Deutsche” im “Kalifat Almanya”  geben würde. Düzen Tekkal, Menschenrechtsaktivistin und ehemalige Abgeordnete des Schattenkabinetts von CDU-Politikerin Julia Klöckner, äußert sich in Bezug zu den Revolten im Iran mit einem Syrien-Vergleich. Die Revolten im Iran seien fortschrittlicher, weil es sich beim Iran im Gegensatz zu Syrien um eine nicht-religiöse, pro-westliche Bevölkerung handeln würde. Damit wird sich dem rassistischen, westlichen Narrativ eines religiösen Fanatismus in Ländern wie Syrien, Tunesien und anderen muslimischen Ländern bedient.

Weshalb ist antimuslimischer Rassismus in deutschen Medien so präsent?

In Deutschland ist nach wie vor das Bild des rückschrittlichen Islams allgegenwärtig. Debatten über Unterdrückung und Frauenrechte werden oftmals in Zusammenhang mit dem Islam geführt, während beispielsweise in denselben Diskussionen weder im Christentum, noch in anderen Religionen misogyne und frauenfeindliche Aspekte kritisiert werden. Nicht erst seit dem 11. September 2001, aber insbesondere seither, wird ständig vom politischen Islam in Verbindung mit Terrorismus gesprochen. Ideologien der Taliban, des Islamischen Staats oder auch der Hamas werden ständig zum Allgemeinverständnis von Muslim:innen erklärt, als gäbe es nur radikale, fanatische Muslim:innen und als könne es gar keine spirituellen Gläubigen im Islam geben.

Zudem herrscht oftmals, vor allem in Deutschland, ein absurdes Verständnis von Antisemitismus, der auf einem angeblichen Israelhass basiere. Jegliche Kritik, von Siedlerkolonialismus bis Apartheid, wird als antisemitisch abgetan und echter Antisemitismus und Gewalt gegen Jüd:innen dadurch relativiert. Diese verschrobene Auffassung von Antisemitismus findet sich nicht nur bei Rechten und Liberalen der bürgerlichen Mitte, sondern auch in linken Kreisen. Das Problem der sogenannten Antideutschen ist allgegenwärtig. Diese beziehen sich sehr positiv auf den Staat Israel und lassen keine Kritik an ihm zu, während sie gleichzeitig den Palästinenser:innen sämtliche Rechte absprechen. So kam es auch überhaupt zu dem rassistischen Beitrag in einer eigentlich eher linken Zeitung wie der TAZ. Denn auch wenn die TAZ nach enormer Kritik zurückruderte, veröffentlichte sie bereits Jahre zuvor mehrere Artikel, in denen pseudolinke Autor:innen ihrem internalisierten Islamhass freien Lauf lassen konnten, wie beispielsweise Hengameh Yaghoobifarah im Artikel “Ab heute bin ich wieder antideutsch”. Stimmen von linken Jüd:innen, die den Staat Israel kritisieren, werden hingegen immer wieder als antisemitisch gebrandmarkt und das Narrativ der “selbsthassenden Jüd:innen” hervorgeholt.

Eine Reflexion seitens der deutschen Medien gibt es nicht. Dass auch vermeintlich linke Zeitungen wie die TAZ diese Narrative bedienen, ist erschreckend. Damit wird der Islamhass in Deutschland immer weiter befeuert und eine normale Auseinandersetzung mit dem Thema in den bürgerlichen Medien verunmöglicht. Die Berichterstattung über die marokkanische Nationalmannschaft ist nur eins von unzähligen Beispielen rassistischer Erzählungen in den deutschen Medien.

Wir müssen mit von Rassismus betroffenen Menschen solidarisch sein und uns konsequent gegen diese Narrative stellen. Denn diese Narrative werden von Rechtspopulist:innen, Faschisten und Neo-Nazis für ihre Zwecke instrumentalisiert, um Hass und Hetze zu verbreiten. Wir müssen uns als Antifaschist:innen vehement gegen Rassismus in Berichterstattungen und auf den Straßen stellen. Gerade jetzt, wo Rechte mit Zehntausenden auf den Straßen Deutschlands demonstrieren, braucht es klaren und radikalen Antifaschismus, sowohl auf den Straßen als auch in den Medien und auf Social Media.

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