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Mit rassistischer Tradition, Pegida und Hooligans in die besinnliche Zeit

Vergangenes Wochenende fand in den Niederlanden der alljährliche Einzug des Weihnachtsmannes mit seinem „Helfer“ dem „Schwarzer Peter“ statt. Dieser wird mit schwarz bemaltem Gesicht und schwarzer „Kraushaar“-Perücke dargestellt – Symbole, die Stereotype bedienen. Seit Jahren gibt es Proteste gegen diese rassistische Tradition.

Mit rassistischer Tradition, Pegida und Hooligans in die besinnliche Zeit

Historische Hintergründe

Gefeiert wird dieser Umzug schon seit langer Zeit. Erst­ma­lig soll ein solch­er im ital­ienis­chen Bari im Jahre 1087 stattge­fun­den. In den Nieder­lan­den selb­st jedoch wird diese „Tra­di­tion“ erst viele hun­dert Jahre später, näm­lich 1888 in Ven­ray, erst­mal zele­bri­ert. Seit 1952 wird dieser Umzug auch live im Fernse­hen aus­ges­trahlt. Jedes Jahr wird eine andere Stadt aus­gewählt, in welch­er der offizielle Umzug gefeiert wird. Weit­ere Städte organ­isieren darüber hin­aus ihre eige­nen Paraden.

Der in den Nieder­lan­den gebräuch­lichen Tra­di­tion nach reist der Wei­h­nachts­mann (niederl.: sin­terk­laas intocht) jedes Jahr von Spanien aus mit einem Dampf­schiff (dieses Jahr mit ein­er Dampfloko­mo­tive), weshalb er auch Schutz­pa­tron der Seefahrer*innen ist, an, um drei Wochen lang durch die Nieder­lande zu ziehen, ehe es am 5. Dezem­ber zum Pak­je­savond, dem soge­nan­nten Geschenke­abend, kommt. Viele Fam­i­lien sitzen nun zusam­men, verteilen Geschenke und sin­gen gemein­sam Lieder. Unter­stützt wird der Wei­h­nachts­mann dabei tra­di­tionell von den „Schwarzen Petern“ (de zwarte Pieten), die als Hand­langer und Helfer dienen sollen, damit aber jedoch his­torische Tat­sachen ver­harm­losen und sich Ras­sis­mus bedi­enen.

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Denn um die Per­son des Schwarzen Peter darzustellen, wird das Gesicht ein­er aus­gewählten Per­son – jedes Jahr wer­den für die Per­so­n­en des Niko­laus und des „Schwarzen Peters“ zwei Men­schen aus­gewählt, die sich dafür im Vorhinein bewer­ben – schwarz bemalt (Black­fac­ing). Außer­dem set­zt man ihr eine Perücke mit schwarzen, krausen Haaren auf und klei­det sie in eine bunte Pumphose, in einen Wams mit Spitzkra­gen und einen Hut, verse­hen mit ein­er Fed­er. Die weiße, west­liche Gesellschaft zeigt damit ein­mal mehr, welchen Umgang sie mit der Geschichte und Peo­ple of Col­or pflegt. Denn ein­er­seits wird der Schwarze Peter, den viele Gegner*innen als Stel­lvertreter der schwarzen Bevölkerung betra­cht­en, als etwas dümm­lich ausse­hen­der, dem (weißen) Niko­laus hin­ter­hertrot­ten­der Knecht dargestellt. Ger­ade die Nieder­lande, die während der Kolo­nialzeit, etwa auf dem afrikanis­chen und asi­atis­chen Kon­ti­nent, bru­tal und blutig geherrscht sowie tausende Men­schen in die Sklaverei getrieben hat, zeigt mit dieser Tra­di­tion, dass sie ihre eigene Geschichte in der bre­it­en Gesellschaft noch lange nicht kri­tisch aufgear­beit­et hat.

Zudem verdeut­licht diese weiße Igno­ranz gegenüber Peo­ple of Col­or, dass sie nicht nur von der eige­nen Geschichte nichts wis­sen will, son­dern dass sie auch den heuti­gen alltäglichen Ras­sis­mus ignori­ert. Das Black­fac­ing, welch­es viele Niederländer*innen als einen Spaß und als Teil ihrer Tra­di­tion ver­ste­hen, bedeutet für andere Men­schen, über­all und ständig Gefahr aus­ge­set­zt zu sein. Gefahr, die sich ein­er­seits durch kör­per­lich­er Gewalt bis zum Mord zeigt, ander­er­seits etwa in der Benachteili­gung bei der Job- und der Woh­nungssuche. Manche sehen sich von der Gesellschaft sog­ar gezwun­gen, ihre Haare zu glät­ten und ihre Haut heller zu schminken, um west­lichen Vorstel­lun­gen zu entsprechen.

Welche Auswirkun­gen dieses Lächer­lich­machen, diese Ver­leug­nung und damit Nor­mal­isierung des Ras­sis­mus hat, zeigt sich mitunter daran, dass sich auch Rassist*innen des nieder­ländis­chen Pegi­da-Ablegers ein­find­en, um als „Schwarze Peter“ verklei­det die Beibehal­tung dieser Tra­di­tion zu fordern. Im Jahre 2018 wur­den Aktivist*innen, die sich gegen diese Tra­di­tion stell­ten, mitunter von weißen, männlichen Fußball-Hooli­gans (darunter der von PSV Eind­hoven) ange­grif­f­en, die ohne Prob­leme Pyrotech­nik mit sich führen durften. 2017 gin­gen einige Per­so­n­en, die als „Schwarz­er Peter“ verklei­det waren, in eine Schule in Utrecht, verteil­ten Süßigkeit­en an die Kinder und riefen migrantis­chen Lehrer*innen zu, sie soll­ten zurück in ihr Land gehen. Hin­ter­grund für diese Aktion, ist die Tat­sache, dass die Schule Niko­laus seit 2015 ohne die „Schwarzen Peter“ feiert.

“Kick Out Zwarte Piet”

Doch von all diesen Dro­hun­gen und den ras­sis­tis­chen Über­grif­f­en lassen sich anti­ras­sis­tis­che Aktivist*innen, Frauen* und Män­ner, Peo­ple of Col­or und Weiße, nicht abhal­ten. Sie formieren sich gemein­sam seit Jahren in der Aktion­s­gruppe „Kick out Zwarte Piet“ (dt.: Schmeiß den Schwarzen Peter raus) und organ­isieren sei­ther Kundge­bun­gen und Protes­tak­tio­nen in den Städten, die einen Niko­lau­seinzug feiern. Nach eige­nen Angaben ist es nicht ihr Ziel, den Niko­lausumzug im All­ge­meinen abzuschaf­fen, son­dern diesen zu einem Fest zu gestal­ten, das frei von Ras­sis­mus und zugänglich für alle Men­schen ist. Denn dass rechte Hooli­gans durch die Straßen ziehen und anti­ras­sis­tis­che Aktivist*innen bedro­hen und Pegida-Anhänger*innen Teil der Umzüge sind, zeigt, dass es nicht nur um eine soge­nan­nte Tra­di­tion geht, son­dern auch der Hass gegen Peo­ple of Col­or, Migrant*innen und Geflüchtete eine entschei­dende Rolle spielt. Der Niko­lausumzug wird damit zu ein­er exk­lu­siv­en Ver­anstal­tung.

Dieses Jahr kon­nten die Aktivist*innen von „Kick out Zwarte Piet“ sechs Kundge­bun­gen abhal­ten, so viele wie nie zuvor. Tat­säch­lich zeigt ihre Arbeit, trotz der Ablehnung, die teils bis tief in die Gesellschaft und die Poli­tik geht, Wirkung. Einige Städte wie Eind­hoven und Hoorn wollen ab 2020 keine „Schwarzen Peter“ mehr am Umzug zulassen, weit­ere wollen fol­gen. Manche Schulen, wie die bere­its erwäh­nte in Utrecht, sagen sich eben­so von dieser ras­sis­tis­chen Tra­di­tion los.

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