Brot und Rosen

Milde für Vergewaltiger: Urteil empört die USA

Ein Student an der Elite-Universität Stanford bekommt nach einer Vergewaltigung nur eine sechsmonatige Haftstrafe. Die Öffentlichkeit ist empört. Hunderttausende protestieren im Netz.

Milde für Vergewaltiger: Urteil empört die USA

„Du hast mir meinen Wert genommen.“ Diese Worte, Teil eines langen Briefes, wurden im Internet mehr als 13 Millionen mal gelesen. Die Verfasserin des Textes hatte am 2. Juni vor Gericht geschildert, was mit ihr passierte, nachdem sie am 18. Januar 2015 zum Opfer eines furchtbaren Verbrechens geworden war.

Brock Turner, Student und Schwimmer an der kalifornischen Eliteuniversität Stanford, hatte die bewusstlose Frau nach einer Party hinter einem Müllcontainer vergewaltigt. Zwei schwedische Studenten hatten den 20jährigen auf frischer Tat ertappt und die Polizei informiert.

Auf Vergewaltigung stehen bis zu 14 Jahre Haft. Die Staatsanwaltschaft hatte für Turner sechs Jahre gefordert. Doch der Richter meinte, dass „eine Gefängnisstrafe schwere Auswirkungen auf ihn haben“ würde. Zudem gehe von ihm „keine Gefahr für andere“ aus. Für lediglich sechs Monate soll Turner nun ins Gefängnis. Bereits nach drei kann er auf frühzeitige Entlassung hoffen.

Bis zuletzt hatte der Täter keine Reue gezeigt. Vor Gericht meinte er lediglich, er sei betrunken gewesen, habe aber nur „einvernehmlich“ gehandelt. Er kündigte an, sich in Zukunft „gegen die Trinkkultur an Universitäten und die damit verbundene sexuelle Freizügigkeit“ engagieren zu wollen.

Die Betroffene weist diese Erklärung zurück. „Alkohol hat mich nicht missbraucht“, erklärte sie in ihrer an Turner adressierten Stellungnahme. „Freizügigkeit“ impliziert Zustimmung. Sie sei aber in der Situation nicht in der Lage gewesen, einen Satz auszusprechen, geschweige denn einzuwilligen. Das könne nur als Vergewaltigung bezeichnet werden.

Die heute 23jährige schilderte die Auswirkung des Traumas: „Mein Leben wurde ein Jahr lang auf Eis gelegt.“ Sie musste ihren Job aufgeben und hat Angst davor, nachts spazieren zu gehen. „Ich kann nicht mal nachts ohne Licht schlafen, wie eine Fünfjährige.“ Die Fragen des Verteidigers vor Gericht zielten darauf ab, ihr eine Mitschuld an der Tat zu geben. Dieser arbeite darauf hin, schreibt sie, dass die Jury am Ende glaube: „Sie ist verrückt, sie ist praktisch eine Alkoholikerin, sie wollte wahrscheinlich Sex haben.“ Der von Turner gewollte Prozess und seine Weigerung, ein Geständnis abzulegen, haben ihr neue Verletzungen gebracht.

Doch die Familie des Täters sieht ihn als Opfer. Turners Vater argumentierte in einem – ebenfalls im Internet veröffentlichten – Brief an das Gericht, die Zukunft seines Sohnes als Sportschwimmer sei ruiniert, er könne nicht mehr ein Steak geniessen, sein Traum von der Teilnahme an den Olympischen Spielen geplatzt, und das alles wegen einer „20 Minuten Action“. (Diese Beschreibung sexualisierter Gewalt als „Action“ hat fast mehr Wut hervorgerufen als die Tat selbst.) Die Registrierung als Sexualstraftäter sei ein zu hoher Preis dafür. Der Vater forderte lediglich eine Bewährungsstrafe – und überzeugte offenbar Richter Aaron Persky. Denn dieser hat im Grunde nur einen „Schlag auf das Handgelenk“ verordnet, wie in der Lokalpresse geschrieben wurde.

Turner hat sein Sportstipendium verloren – reicht das als Strafe? „Wie schnell er schwimmen kann, verringert nicht die Schwere meiner Erfahrung“ erklärte die Frau. Die Betroffene fragte, was mit einem Täter aus weniger privilegierten Verhältnissen passieren würde, wenn dieser nach einem Jahr weiterhin keine Verantwortung für sein Handeln übernehmen würde. Sie forderte von der Justiz die klare „Botschaft, dass sexuelle Übergriffe gegen das Gesetz verstoßen, unabhängig von der sozia­len Schicht“.

Michele Dauber, Juraprofessorin an der Stanford-Uni, hat unterdessen eine Onlinepetition für die Abwahl von Richter Persky initiiert. Bis zum Freitag morgen hatten sie 935.000 Menschen unterzeichnet. In den USA werden viele Richter direkt von der Bevölkerung gewählt.

Der Fall erschüttert inzwischen das gesamte Land. Der lange Brief der Frau – 7.244 Wörter, die auf der Website Buzzfeed veröffentlicht wurden –, hat Millionen Menschen bewegt, eine Fernsehmoderatorin las ihn in voller Länge vor. Auch wenn dieser Täter bald wieder frei kommt, wird die öffentliche Diskussion dazu beitragen, dass Täter aus Elitekreisen sich nicht mehr so leicht einer wirklichen Strafe entziehen können.

Dieser Artikel in der jungen Welt.

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