Hintergründe

Marxismus und Dialektik

Ein Rückblick auf einige der Debatten über den Marxismus und seine philosophischen Grundlagen. Dieser Artikel ist Teil einer Serie über Marxismus und Philosophie.

Marxismus und Dialektik

Auf dem Bild: Hegel, Marx und Feuerbach.

Wenn wir die aktuelle Situation des Marxismus betrachten, ist die Dialektik eine ihrer am meisten unterbewerteten Komponenten. In den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg spielten die Gegensätze zwischen Hegelschen Marxist:innen und Strukturalist:innen eine zentrale Rolle bis zum Aufstieg des Klassenkampfes in den 1970er Jahren und seiner anschließenden Niederlage. Dann kam eine Art „antidialektische“ Wende, die die intellektuelle Reaktion der Jahrzehnte der Regression und der bürgerlichen Restauration begleitete.

Eine gewisse Linke (die, wie eine Figur in „Das Foucaultsche Pendel“ sagte, am Ende Nietzsche und Cèline zitierte) suchte ein Denken ohne Vermittlungsinstanzen (Partei, Sowjets, Übergangsstaat), um den intellektuellen Radikalismus mit den Bedingungen der Niederlage zu versöhnen. Auf der anderen Seite war für die Rechten die Ablehnung Hegels und seiner Dialektik eine elegante Art, Marx zu schlagen, ohne als reaktionäre Antikommunist:innen verstanden zu werden, und die Auseinandersetzung mit dem Marxismus als überwunden darzustellen.

Und doch bedeutet, vom Marxismus zu reden, auch von Dialektik zu sprechen. Ein kompliziertes Wort, das oft mit einer Geste des Zeigefingers und Daumens, mit dem Gegensatz von Ja und Nein oder mit der von Hegels Schülern eingeführten Formel (nicht sehr im Einklang mit dem Denken des Meisters) erklärt wird: These, Antithese, Synthese. Es ist auch die Rede von einer „Logik der Widersprüche“ oder von einem Denken des Konkreten.

Das Verhältnis des Marxismus zur Dialektik kann aus vielen Blickwinkeln betrachtet werden. Lasst uns ein paar davon durchgehen.

Der erste Aspekt, der die Dialektik erklärt, besteht darin, dass es einen Unterschied zwischen dem Wesen (der Wahrheit der Ausbeutungsverhältnisse) und dem Schein (wie sich diese Verhältnisse manifestieren) gibt, der das gesamte kapitalistische System prägt und der sich im scheinbar „freien“ Charakter der wirtschaftlichen Ausbeutungsverhältnisse ausdrückt. In diesem Sinne begann der tschechische Marxist Karel Kosík vor vielen Jahrzehnten mit seinem Großwerk Dialektik des Konkreten. Er stellte fest, dass sich die Dialektik mit dem „Ding selbst“ befasst, aber durch einen Umweg erreicht werden muss, der die Welt der „Pseudokonkretheit“ zerstört, d.h. eine ganze Reihe von Praktiken, die das Wesen der kapitalistischen sozialen Beziehungen verbergen, indem sie ihre unmittelbaren, durch den “gesunden Menschenverstand” sakralisierten1, Erscheinungen transparent darstellen.

Unter diesem Gesichtspunkt beschränkt sich die Dialektik im Marxismus nicht auf eine Methode der fortschreitenden Darstellung der Inhalte, bei der die Konzepte komplexer und neu geordnet werden, wenn eine wachsende Zusammensetzung einer Gesamtheit erreicht wird. Dies erfordert einen dialektischen Ausgangspunkt für die Forschung (der Unterschied zwischen Wesen und Erscheinung, aus dem sich die Notwendigkeit von Wissenschaft ableitet) und wiederum eine Konzeption der Beziehungen zwischen wissenschaftlicher Theorie und revolutionärer Praxis, wobei die Zentralität dieses philosophisch-politischen Konzepts das Übrige prägt.

Was den Platz der Dialektik innerhalb des theoretischen Körpers des Marxismus selbst betrifft, so sind die Diskussionen, die ihre Bedeutung leugnen, relativ begrenzt, weil jene viel Gewicht einnimmt. Die Gegner:innen des dialektischen Ansatzes waren gezwungen, zu Spinoza, Kant oder Galileo zurückzugehen, die „in ihrem entsprechendem Maß und harmonisch“ vom Marxismus selbst beansprucht werden können.

Es gibt jedoch viel mehr Debatten über die Möglichkeiten, die materialistische Dialektik als Grundlage für eine (säkulare) Weltanschauung zu erheben. Der italienische Marxist Antonio Labriola, dem ein weiterer Antonio, nämlich Gramsci, in diesem Sinne folgte, stellte Ende des 19. Jahrhunderts die These auf, dass „die Philosophie der Praxis“ eine von Strömungen wie dem Positivismus und dem Sozialdarwinismus unabhängige Konzeption sei, während er gleichzeitig den Marxismus als eine Theorie ansah, die die Geschichte „naturalisierte“, so wie auch in anderen Bereichen die Wissenschaften materialistische und rationale Erklärungen von Prozessen etabliert hatten, die zuvor durch äußere (göttlichen) Ursachen erklärt wurden. Auf diese Weise wurde der Marxismus (einschließlich der Dialektik) als Teil eines Prozesses der Säkularisierung, Modernisierung und des Fortschritts der Wissenschaften verortet.

Mit der Entwicklung so unterschiedlicher Strömungen wie der phänomenologischen und strukturalistischen im Laufe des 20. Jahrhunderts, vervielfachten sich die Positionen, die sich für und gegen die Dialektik aussprachen.

In diesem Rahmen fanden innerhalb des Marxismus selbst verschiedene Bewegungen statt: unter anderem eine Rückkehr zu Marx, eine Rückkehr zu Hegel, eine Rückkehr zu Kant – und es entwickelten sich innerhalb und außerhalb des Marxismus verschiedene Positionen zur Frage der Dialektik, die der kritische Marxist Mihailo Markovic in seinem Werk Dialektik der Praxis (1968) wie folgt zusammenfasste:

„Es gibt drei Konzeptionen der Dialektik, die meiner Meinung nach verworfen werden sollten:

a. Dialektik als unkritische ontologische Doktrin der universellen Gesetze der Natur, der Gesellschaft und des menschlichen Denkens.

b- Das andere Extrem: völlige Skepsis gegenüber den Existenzmöglichkeiten eines allgemeinen methodologischen Prinzips oder theoretischer Annahmen über die menschliche Welt als Ganzes.

c – Eine Spezifikation der Dialektik, die so eng gefasst ist, dass sie sie auf eine spezielle Theorie und Methoden reduziert, die sich nur auf die Menschheitsgeschichte bezieht und die ihr jede Möglichkeit der Anwendung auf Natur und Naturwissenschaften verweigert.“

Das „a“ entspricht dem Stalinismus und seinen „Handbüchern“ der Philosophie. Das „b“ deckt ein breites Spektrum von Positionen ab, wie Berufswissenschaftler:innen (Markovic dachte vor allem an sie), irrationalistische und auch akademische Strömungen, die, durchdrungen vom „linguistic turn“, sich auf Diskurse beschränken und den Bezug zur Realität als Grundlage für jegliche Art von Wissenschaft verlieren. Das „c“ steht für Positionen wie die von Lukács und Sartre (in gewisser Weise liegt Gramsci in einem ähnlichen Spektrum, aber seine Position ähnelt eher der von Markovic als der von Lukács).

Möglicherweise herrscht heute der in „b“ enthaltene Standpunkt vor. Tatsächlich wird an einigen Universitäten Philosophie so gelehrt, dass Wissenschaft ein ähnlicher Diskurs ist wie die Religion und der „linguistische“ Zugang zur wissenschaftlichen Wahrheit hat ein großes Gewicht inne, wobei diese Wahrheit als ein Diskurs ohne Bezug zur Realität verstanden wird.

Gegen diesen vorherrschenden Standpunkt stützt sich ein dialektischer Marxismus auf die Kritik des Fetischismus und der „Pseudokonkretisierung“ der bürgerlichen Gesellschaft, auf die Zentralität der Praxis als Subversion der alten Konzeption der Philosophie (verstanden als lediglich kontemplative Aktivität). Die Methode besteht aus einer Darstellung und Weiterentwicklung von Konzepten und Inhalten, die versucht, eine Gesamtheit über die spezifischen und einseitig partiellen Ansätze hinaus zu rekonstruieren. Dies alles sind die Grundlagen eines säkularen Weltbildes.

Um diesen Ansatz zu konstruieren, benutzte Marx die Kritik der Hegelschen Philosophie und der Feuerbachs sowie anderer verwandter philosophischer Strömungen in einer doppelten Bewegung. Er stützte sich auf die Tradition des deutschen Idealismus, insofern er die aktive Rolle des Subjekts verteidigte, und auf die materialistische Tradition, insofern sie reale und nicht ideale Objekte beanspruchte.

Aber das wird ein Thema für zukünftige Artikel sein.

Fußnoten

1. Sakralisieren bedeutet, etwas in einem heiligenden Akt einen religiösen Sinn und Zweck zuweisen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf La Izquierda Diario.

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