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Leben, das dem Tod trotzt: Die Menschen im Iran erheben sich

Der Mord an Jina (Mahsa) Amini nach ihrer Verhaftung durch die "Sittenpolizei" des Regimes in Teheran am 15. September 2022, weil sie angeblich die strengen iranischen Hijab-Vorschriften nicht beachtet hatte, löste eine Welle öffentlicher Proteste aus, die sich auf den ganzen Iran ausbreitete.

Leben, das dem Tod trotzt: Die Menschen im Iran erheben sich
Bild: Solidaritätsdemonstration in Brüssel Quelle: Alexandros Michailidis / shutterstock.com

Dieser Artikel von Shirin Kamangar erschien zuerst auf spectrejournal.com, übersetzt von Leon Groß.

Jina wurde zunächst zum „Umerziehungsunterricht“ in das Teheraner Vozara-Haftzentrum gebracht. Innerhalb weniger Stunden wurde sie jedoch ins Krankenhaus verlegt, nachdem sie Symptome einer Gehirnerschütterung gezeigt hatte. Kurz darauf fiel sie in ein Koma. Zwei Tage später starb sie. Es wird vermutet, dass ihr Tod durch wiederholte Schläge gegen den Kopf verursacht wurde. Die iranischen Behörden beharren darauf, dass ihr Tod die Folge eines Herzinfarkts sei – eine Behauptung, die ihre Familie als absurd zurückweist, da Jina eine 22-jährige, gesunde Frau ohne bekannte Vorerkrankungen war. Am 17. September wurde ihre Leiche nach Saqqez, ihrem Wohnort in der Nordwest-iranischen Provinz Kurdistan, überführt, um die Unruhen in Teheran zu beenden.

Trotz aller Sicherheitsvorkehrungen des Regimes wurde ihre Beerdigung zum Anlass für einen Massenaufstand, der sich am nächsten Tag schnell auf die Nachbarstädte ausbreitete – unter anderem Sanandaj, Mahabad, Marivan, Divan Dare, Bukan und Paveh.

Die Protestbewegung breitete sich daraufhin schnell über Kurdistan hinaus aus und machte deutlich, dass die Menschen im ganzen Iran den Tod von Jina und die repressiven Moralgesetze des Regimes als Sinnbild für die zunehmende Intensität der Unterdrückung, Korruption und Armut durch einen „militarisierten und patriarchalen kapitalistischen“ 1 Staat sehen, der in den letzten fünf Jahren bereits eine Reihe von Protesten ausgelöst hatte. In allen Teilen des Irans, einschließlich der Hauptstadt Teheran, Rasht, Sari, Ghazvin (im Norden), Arak und Isfahan (im Zentrum), Mashahd (im Nordosten), Tabriz (im Nordwesten), Khoram Abad (im Westen), Kerman (im Südosten) sowie in Shiraz, Bandar Abbas und Kish (im Süden) haben Menschen Proteste gegen die Ermordung von Jina organisiert, und die Zahl der Städte, die sich den Protesten anschließen, steigt täglich.

Zeit und Ort der Proteste wurden in linken Telegram-, Instagram- und Twitter-Kanälen wie jenen von Sarkhat und Sedaye Mahi Siah angekündigt, um die Menschen bei der Organisation zu unterstützen und ihnen die Möglichkeit zu geben, Videos und Fotos von den Protesten zu veröffentlichen. Studierende an den meisten Universitäten in Teheran, darunter Shahid Beheshti, Allame, San’ati Sharif, Tarbiat Modares, Amirkabir und Al Zahra, sowie an Universitäten in Großstädten wie Yazd, Isfahan, Karaj und Tabriz, haben Campus-Proteste organisiert und durchgeführt. Darüber hinaus haben viele prominente Persönlichkeiten ihre Unzufriedenheit mit der bestehenden Unterdrückung zum Ausdruck gebracht, indem sie auf internationalen Plattformen und in virtuellen Netzwerken ohne Hijab (Kopftuch) auftraten. Auch Lehrer- und Arbeiter:innenshuras (Räte) haben in öffentlichen Erklärungen die Unterdrückungsmaßnahmen des Regimes angeprangert. Interessanterweise haben zahlreiche religiöse Familien, Kopftuchtragende Frauen und sogar Kleriker die Aufhebung der Gesetze gefordert, die den Hijab vorschreiben.

Die von den Demonstrierenden geprägten Slogans zeigen ganz klar die Verbindungen zwischen den aktuellen Protesten und der Reihe von Aufständen in den Jahren 2017 und 2019, die durch die Streichung staatlicher Subventionen für Ölprodukte und Grundnahrungsmittel ausgelöst wurden sowie früheren Protesten gegen die Hijab-Pflicht, zunächst unmittelbar nach der Revolution von 1979 und später im Jahr 2017 im Rahmen einer Bewegung, die als „Die Mädchen der Inquilab (Revolution) Street“ bekannt wurde.

Die Frauen wehren sich gegen die Instrumentalisierung ihrer Körper im Dienste des herrschenden Regimes und zur Förderung seiner Ideologien. In den ersten Jahren der Revolution wurden Frauen ohne Hijab als Bedrohung der nationalen Einheit und Sicherheit angesehen, als „Antiimperialismus“ im Mittelpunkt des politischen Diskurses stand. Unter diesem Banner schlossen sich verschiedene oppositionelle Gruppen trotz ihrer Differenzen gegen die imperialistischen Mächte zusammen, die damals die natürlichen Ressourcen des Irans ausbeuteten. Kein Kopftuch zu tragen war in dieser Zeit gleichgesetzt mit der Auferlegung westlicher Werte und Kultur, die nach Ansicht vieler Menschen zur Verteidigung der Nation offen abgelehnt werden mussten. Aus diesem Grund wurden die Proteste der Frauen gegen den obligatorischen Hijab unmittelbar nach der Revolution von 1979 oft nicht unterstützt – auch von großen Teilen der Linken nicht.

Die heutigen Proteste drehen sich jedoch nicht nur um die „Frauenfrage“ oder die „islamische Unterdrückung“, sondern richten sich auch gegen die wachsende sozio-ökonomische Krise, deren Ursachen sowohl in den Auswirkungen der US-Sanktionen als auch in der zunehmend neoliberalen Ausrichtung der Wirtschaftspolitik liegen, die zu massiver Arbeitslosigkeit geführt und eine systematische Korruption der Regierung ermöglicht hat. Die neoliberale Wende im Iran hat die Menschen ihrer täglichen Existenzgrundlage beraubt und der Minderheit der „Regimeklasse“ unermesslichen Reichtum beschert. Diese Faktoren haben in Verbindung mit der massiven Unterdrückung der Meinungsfreiheit und einem tyrannischen Regime, das den Islam auf die Frage der Verpflichtung zum Kopftuchtragen und der regionalen Einmischung reduziert hat, zu einem weit verbreiteten Gefühl der Empörung geführt.

Diese Empörung kommt in den Sprechchören und Slogans der aktuellen Protestbewegung zum Ausdruck. „Frau, Leben, Freiheit“ (زن، زندگی، آزادی). Dieser Slogan entstand in Rojava (Westkurdistan), der autonomen Region im Nordosten Syriens, als „Jin, Jiyan, Azadî“ (ژن، ژیان، ئازادی) ist zum Hauptslogan der Bewegung geworden, der heute von den meisten Demonstrant:innen in allen Städten des Iran skandiert wird. Im Iran wächst heute die Einsicht, dass die Frauen gegen einen „patriarchalen Kapitalismus“ kämpfen, der die Beteiligung der Frauen am Arbeitsmarkt durch strenge Regeln und Vorschriften ausschließt und sie durch den Zwang zur Mutterschaft und Häuslichkeit ausgrenzt.

Student:innen skandieren auch „Armut, Korruption, Ungerechtigkeit / Schande über all diese Tyrannei“ (فقر و فساد و بیداد/ مرگ بر این استبداد); „Befreiung ist unser Recht, unsere Macht ist unsere gemeinsame Aktion“ (رهایی حق ماست، قدرت ما جمع ماست) und „Ausbeutung, Arbeitslosigkeit, erzwungener Hijab für Frauen“ (بیگاری، بیکاری، پوشش زن اجباری).

Andere Slogans auf den Straßen des Landes wie „Nieder mit dem Diktator“ (مرگ بر دیکتاتور) und „Nieder mit dem Tyrannen, sei es der Schah oder der oberste Führer“ (مرگ بر ستمگر، چه شاه باشه چه رهبر), „Chamenei ist ein Mörder, seine Herrschaft ist illegitim“ (خامنهای قاتله، ولایتش باطله) und „Nieder mit Chamenei“ (مرگ بر خامنهای) zeigen die Wut des Volkes auf das derzeitige despotische Regime und seine Ablehnung eines monarchischen Regimes, dessen Nachkommen stets nach Möglichkeiten suchen, die Proteste zu nutzen, um wieder an die Macht zu kommen.

Der Sturz der Pahlavi-Dynastie im Jahr 1979 hinderte die Familie nicht daran, mit dem enormen Reichtum, der dem iranischen Volk gestohlen wurde, wie Könige zu leben. Es ist wichtig, daran zu erinnern, dass die Pahlavi-Dynastie, die den Iran von 1925 bis 1977 regierte, ein „säkulares Regime“ war, das eng mit dem Westen verbunden war. Die hohen Öleinnahmen ermöglichten es dem Regime, den Iran zu „modernisieren“ und gegenüber den westlichen Mächten eine „fortschrittliche“ Haltung einzunehmen. Diese rasche „Modernisierung“ und „Verwestlichung“ geschah auf Kosten der Bevölkerung, deren „rückständiges“ Erscheinungsbild „normalisiert“ werden musste. Reza Schah startete eine „Entschleierungskampagne“, bei der die traditionelle Männertracht zugunsten westlicher Kleidung verboten wurde – eine Kampagne, die so zwingend war, dass sie zu blutigen Zusammenstößen in Mashhad, der zweitgrößten Stadt des Irans, führte. Die „Entschleierung“ wurde 1936 durch Maßnahmen erweitert, die Lehrerinnen und Ehefrauen von Ministern, hochrangigen Militärs und Regierungsbeamten vorschrieben, in europäischer Kleidung und mit Hut zu erscheinen, statt den traditionellen Tschador zu tragen2. Diese „Emanzipation“ war für die europäische Wirtschaft vorteilhafter als für die iranische Bevölkerung, da die europäische Mode mit Gewalt durchgesetzt und ein großer Markt zum Nutzen deutscher und französischer Hersteller geöffnet wurde, während die einheimischen Produzent:innen darunter litten.

Gleichzeitig führte die erzwungene Modernisierung und Verwestlichung zur Entlassung von Regierungsangestellten, deren Ehefrauen Kopftuch trugen. Außerdem wurden Frauen mit Hijab aus bestimmten öffentlichen Einrichtungen und Unterhaltungsstätten wie Kinos und öffentlichen Bädern verbannt. Kopftücher wurden Frauen von der Polizei vom Kopf ge- und dann zerrissen, „Beamte brachen manchmal in Privathäuser ein oder suchten von Tür zu Tür und verhafteten Frauen, die zu Hause einen Tschador trugen“3. Hijabtragenden Frauen wurde auch eine Reihe von Bildungschancen verwehrt.

Wie unter dem Regime von Reza Schah bestraft auch das heutige Regime Verstöße gegen die Bekleidungsvorschriften mit Gefängnisstrafen und körperlicher Züchtigung. Dies verdeutlicht die Tatsache, dass die Kontrolle des weiblichen Körpers ein integraler Bestandteil aller politischen Ordnungen ist, ob sie nun säkular oder islamisch sind, unabhängig davon, ob Frauen sich weniger oder mehr anziehen müssen. Deshalb wird in Kurdistan der Slogan „Es lebe der Sozialismus und es lebe der Kommunismus“ (زنده باد سوسیالیسم، زنده باد کمونیسم) skandiert, um sowohl das derzeitige als auch die vorangegangenen despotischen Regime abzulehnen.

Es werden auch Slogans gegen die Bassidsch-Truppen skandiert, eine paramilitärische Organisation, die seit den Anfängen der Revolution von 1979 als wichtigster repressiver Arm des Regimes fungiert. Die Bassidschis unterdrücken die Universitätsstudent:innen, indem sie sie angreifen oder Slogans zur Unterstützung des Regimes skandieren. Sie sind auch auf den Straßen unterwegs und verprügeln Demonstrierende mit Schlagstöcken oder Elektroschocks. Die Demonstrant:innen antworten mit Sprechchören wie „Unehrenhafte Bajis, ihr seid unsere ISIS“ (بسیجی بیغیرت، داعش ما شمایی). Der Teil des Klerus, der nach der Revolution von 1979 unter dem Banner des Islam um die Macht kämpfte, wird ebenfalls öffentlich angeprangert: „Klerus, verpiss dich“ (آخوند برو گمشو).

Die Demonstrierenden haben die euphemistischen Namen repressiver staatlicher Institutionen kreativ abgewandelt, um die Gewalt und Unterdrückung zu offenbaren, die sich hinter diesen Namen verbergen sollen. So wurde beispielsweise die „Guidance Patrol“, die auch als „Sittenpolizei“ bekannt ist, 2005 unter dem offiziellen Namen „Programm zur Erhöhung der sozialen Sicherheit“ gegründet. Jetzt wird sie in Slogans wie „Nieder mit der Schlächter-Polizei“ (مرگ بر ماشین گشت کشتار) oder „Töten nach dem Töten“ als „Schlächter-Polizei“ bezeichnet, „Verdammt sei die Patrouille“ (کشتار پشت کشتار، لعنت به گشت ارشاد). In verschiedenen Städten haben Demonstranten eine Reihe von Polizei- und Patrouillenfahrzeugen in Brand gesetzt.

Es ist offensichtlich, dass die Anhäufung von Beschwerden auf verschiedenen sozialpolitischen Ebenen und an unterschiedlichen geografischen und sozialen Orten den Tod von Jina zu einem Anlass für kollektiven Widerstand gemacht hat. Der auf Jinas Grab geschriebene Satz „Liebe Jina, du wirst nicht vergehen, dein Name wird zum Symbol“ hat sich im virtuellen Raum und durch die nun im ganzen Land sichtbaren Graffiti weit verbreitet und zeigt, dass ihr Tod zu einem Kampf um das Leben geworden ist, wie ihr kurdischer Name andeutet – Jina bedeutet Leben.

Ihr Tod erinnert uns an die politischen, wirtschaftlichen und ideologischen Bedrohungen, die unser Leben bedrohen – einige unmittelbar, andere allmählich, sowohl durch die Repression unter dem Banner des Islam als auch durch die Umsetzung neoliberaler Wirtschaftsprogramme, die ein Jahrzehnt nach der Revolution von 1979 begannen. Sie erinnert uns auch daran, dass der Lebenswille der Menschen sie dazu bringen wird, sich jeder noch so grausamen Unterdrückung zu widersetzen.

In den ersten Jahren der Revolution wurden die meisten großen Unternehmen verstaatlicht, die Marktpreise kontrolliert und die Preise für die meisten Grundgüter und Kraftstoffe durch staatliche Subventionen niedrig gehalten. Nach dem Tod von Ayatollah Khomeini im Juni 1989 wurden die kapitalistischen Produktionsverhältnisse durch das mithilfe des Internationalen Währungsfonds und der Weltbank entwickelte Programm zur „wirtschaftlichen Umstrukturierung“ wiederbelebt. Als Folge der Liberalisierung der Wirtschaft wurden Preiskontrollen abgeschafft, staatliche Subventionen abgebaut und verstaatlichte Unternehmen privatisiert. Durch den Abbau staatlicher Subventionen verteuerten sich die von der Regierung angebotenen Waren und Dienstleistungen, und der Wert der Landeswährung sank drastisch. Bis 1996 waren die Verbraucher:innenpreise im Vergleich zu 1990 offiziell um 359 Prozent gestiegen. Die wirtschaftliche Liberalisierung in der Islamischen Republik Iran folgte einer „Zickzack-Strategie“: Sie zog sich zurück, wenn die Unzufriedenheit der Bevölkerung zu Aufständen führte, und beschleunigte sich, wenn die Proteste abflauten.

Dieses tragische Ereignis wird in den internationalen Medien häufig als Folge des „Hijab-Zwangs“ dargestellt, der in einem „Islamischen Staat“ eingeführt wurde. Das Problem ist nicht, was solche Aussagen aussagen, sondern was sie zu verbergen versuchen. Dieser vorherrschende Diskurs verdeckt die Tatsache, dass die Unterordnung von Frauen auf unterschiedliche Weise erfolgt und weder auf „muslimische Gesellschaften“ noch auf den „erzwungenen Hijab“ beschränkt ist. Tatsächlich geht es nicht nur um die Verpflichtung, den Körper der Frauen zu „bedecken“, sondern vielmehr um eine „Beherrschung oder Kontrolle über den Körper der Frauen“, die sehr unterschiedliche Formen annehmen kann, von der erzwungenen Verhüllung bis zur erzwungenen Entblößung sowie der erzwungenen Schwangerschaft und der erzwungenen Geburt. Die Mainstream-Narrative sind aktiv damit beschäftigt, orientalistische Binaritäten zwischen dem „Westen“ und dem „Osten“ zu beleben, als ob der barbarische Akt, Frauen zum Tragen des Hijab zu zwingen, den zivilisierten Charakter des Westens beweist, oder als ob der säkulare Westen automatisch unschuldig an der unbarmherzigen Unterdrückung von Frauen ist, die angeblich typisch für die muslimische Welt ist. Wenn wir die verschiedenen Formen der Unterdrückung von Frauen anerkennen, können wir nicht nur die Formen der Frauenunterdrückung in säkularen Staaten erkennen, sondern auch, dass die islamische Lehre allein keine Erklärung für die Unterdrückung von Frauen ist. Wir müssen den oft wiederholten Mythos von der kulturellen und politischen Überlegenheit des Westens gegenüber einer unterdrückten und unterdrückenden sogenannten „muslimischen Welt“ zurückweisen.

Um ein aktuelles Beispiel zu nennen: Frankreich, eines der „aufgeklärtesten“ europäischen Länder, verabschiedete am 30. März 2020 ein „Antiseparatismus“-Gesetz, das Mädchen unter 18 Jahren das Tragen des Hijab in der Öffentlichkeit verbietet, Eltern, die den Hijab tragen, untersagt, ihre Kinder zu Schulveranstaltungen oder Ausflügen zu begleiten, und das Tragen des „Burkini“, eines Ganzkörper-Badeanzugs, verbietet und damit Frauen zwingt, ihren Körper am Strand oder in öffentlichen Schwimmbädern zu entblößen.
So wie das Schah-Regime darum bemüht war, durch die Kontrolle der Frauenkörper ein „zivilisiertes“ und „säkulares“ Bild des Landes zu vermitteln, verwechselt auch Frankreich „Gleichheit“ mit „absoluter Identität“, die durch die Negierung jedes einzelnen Unterschieds erreicht werden kann, um ein harmonisches und einheitliches Ganzes zu schaffen. Dieses repressive Verbot richtet sich gegen die muslimischen Frauen in Frankreich, auch wenn es in dem Gesetzentwurf nicht ausdrücklich erwähnt wird.

Die Unsicherheit und Entfremdung, die den Frauen durch die „Zwangsentschleierung“ auferlegt wird, entspricht der „Zwangsverschleierung“. Letztere dient jedoch immer dazu, erstere unsichtbar zu machen, eine Betonung, die die „Überwachung der Körper“ auf ihre erzwungene Verhüllung reduziert, als ob die erzwungene Entblößung nicht politischen Zwecken dient, indem sie eine Hierarchie zwischen „aufgeklärten“ und „unaufgeklärten“ Frauen schafft.

Für die internationale Linke ist es heute von entscheidender Bedeutung, ihre Solidarität mit den Demonstrierenden im Iran zum Ausdruck zu bringen, die gegen alle Mechanismen der Unterdrückung und Ausbeutung, ob unter theokratischen oder säkularen Regimen, für ihr Recht auf Weiterleben kämpfen. Der anhaltende Kampf des Volkes erfordert keine ausländische Intervention, sondern eine internationale Bewegung gegen Unterdrückung in all ihren Formen. Ob der obligatorische Hijab im Iran oder das Verbot des Hijabs und anderer mit muslimischen Frauen assoziierter Kleidungsstücke – Versuche, den Körper von Frauen zu kontrollieren, dürfen nicht toleriert werden. Es liegt auf der Hand, dass die Probleme, mit denen die Menschen im Iran zu kämpfen haben, weder auf den Islam noch auf die Frauen beschränkt sind. Die ganze Welt ist mit einer neoliberalen Ordnung konfrontiert, die durch eine zunehmend autoritäre Politik, Rassismus und Frauenfeindlichkeit gekennzeichnet ist und den Völkern der Welt nichts als Elend und Not bringt.

Fußnoten

1. Unter dem Banner der Islamischen Republik verbirgt sich ein „Regime des Privateigentums“, da alle großen Unternehmen, die zur Zeit der Revolution verstaatlicht wurden, an den privaten Sektor verkauft wurden, der aus den von der „Revolutionsgarde“ verwalteten Institutionen besteht. Der Iran ist eher als „militarisierter kapitalistischer Staat“ denn als „islamischer Staat“ zu verstehen.

2. Vgl. Sedghi, Hamideh. Women and Politics in Iran Veiling, Unveiling, and Reveiling, Cambridge University Press, 2007.

2. Ebd.

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