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Können sich Freelancer gewerkschaftlich organisieren?

Freelancer sind selbstständige Arbeiter*innen. Doch können sie sich auch gewerkschaftlich organisieren?

Können sich Freelancer gewerkschaftlich organisieren?

In den großen Medi­en der USA wer­den die Men­schen der „Millenial“-Generation mit eini­gen Gemein­samkeit­en beschrieben: Sie sind zwis­chen 1980 und 1995 geboren, also zum Zeit­punkt des Auf­stiegs des dig­i­tal­en Zeital­ters. Sie nutzen die sozialen Net­zw­erke, sym­pa­thisieren mit sozialen Bewe­gun­gen und sind poli­tisch aktiv, sie haben keine sichere Anstel­lung, sind zwar gut aus­ge­bildet, doch find­en nur schw­er Arbeit.

In zahlre­ichen Län­dern war diese Gen­er­a­tion Teil sozialer Bewe­gun­gen wie der 15-M-Bewe­gung im Spanis­chen Staat, #Occu­py­Wall­Street in den USA oder demokratis­chen Bewe­gun­gen in Mexiko. Außer­dem waren sie Teil der poli­tis­chen Kam­pag­nen des Neo­re­formis­mus wie Bernie Sanders in den USA und Podemos im Spanis­chen Staat. Neue Stu­di­en ergeben, dass sie „neuen Denk­for­men“ zugeneigt sind und den Sozial­is­mus dem Kap­i­tal­is­mus bess­er betra­cht­en (43 Prozent gegenüber 32 Prozent).
Ein bedeu­ten­der Teil dieser Gen­er­a­tion arbeit­et als soge­nan­nter „Free­lancer“. Ohne Sicher­heit und Fes­tanstel­lung arbeit­en sie als Grafikdesigner*innen, Verkäufer*innen, Programmierer*innen, Journalist*innen, Anwälte, angestellte Lehrer*innen, Befris­tete. Sie sind bil­lige Arbeit­skraft. Vom Post­mod­ernismus bee­in­flusste Autor*innen wie Toni Negri in seinem Werk „Imperi­um“ sind sie das Kog­ni­tari­at.

Zurück zum Proletariat

In den Vere­inigten Staat­en find­en die Free­lancer der „Millenials“-Generation, also der Gen­er­a­tion des neuen, 21. Jahrhun­derts, eine Organ­i­sa­tions­form des 19. Jahrhun­derts gut: die Gew­erkschaft. Dies erscheint für diejeni­gen wider­sprüch­lich, die in diesen Sek­toren eine neue „Klasse“ aus­macht­en, das „Kog­ni­tari­at“ oder das „Prekari­at“ (Guy Stand­ing).

Nach der Finanz- und Wirtschaft­skrise 2008 ent­stand in den USA eine neue poli­tis­che Gen­er­a­tion, die sich gegen die neg­a­tiv­en Effek­te stellte, welche die Krise auf die Arbeiter*innenklasse hat­te. Schon 2012 entsch­ieden sich Fotograf*innen, Anwälte, Designer*innen, Programmierer*innen, Journalist*innen und Spezialist*innen dazu, eine neue Gew­erkschaft zu grün­den, die sie „Free­lance Union“ nan­nten. So woll­ten sie für bessere Arbeits­be­din­gun­gen kämpfen.

Mit Sitz in Brook­lyn hat diese Gew­erkschaft heute mehr als 350.000 Mit­glieder. Das ist nur ger­ingfügig weniger als die Gesamtzahl aller Gew­erkschaften der Auto­mo­bil­branche in den USA. Diese ungewöhn­liche Gew­erkschaft set­zte durch, dass ihre Mit­glieder Arbeitsverträge erhiel­ten, nach Stun­den bezahlt wer­den, eine Kranken­ver­sicherung erhal­ten und sog­ar Rente­nansprüche bekom­men.

Doch jedes reale Phänomen hat auch seine Wider­sprüche. In einem Artikel von Jacobin wird die Funk­tion­sweise dieser Gew­erkschaft kri­tisiert: „Sie funk­tion­iert weniger wie eine tra­di­tionelle Gew­erkschaft son­dern eher wie eine Non-Prof­it NGO, die eine Dien­stleis­tung anbi­etet. Sie hat kein von den Mit­gliedern gewähltes Exeku­tivkomi­tee, son­dern es befind­en sich beein­druck­ende Expert*innen wie der Chef eines inter­na­tionalen Tech­nolo­gie-Start-Ups oder ein Angestell­ter von Gold­man Sachs im Vor­stand.“

„Keine dieser Organ­i­sa­tio­nen kann in einem klas­sis­chen Sinne als Gew­erkschaft beze­ich­net wer­den und hat keine wirk­liche Macht, um Löhne festzule­gen. Um dahin zu kom­men müssten sie sich noch weit­er zen­tral­isieren“, hebt ein ander­er Artikel von Jacobin her­vor.

Auch wenn die „Free­lance Union“ Teil der NGO­isierung der US-amerikanis­chen Poli­tik ist, han­delt es sich trotz­dem um ein inter­es­santes Phänomen. Die Prekarisierung zwingt die Men­schen dazu, für grundle­gende Forderun­gen zu kämpfen: Sozialver­sicherung, Grun­drechte und einen gerecht­en Lohn.

Nach Karl Marx ist eine Gew­erkschaft eine „Sicher­heits­ge­sellschaft von den Arbeit­ern. (…) Das Ziel der Gew­erkschaften ist es zu ver­hin­dern, dass die Löhne unter die tra­di­tionell in ver­schiede­nen Indus­triezweigen gezahlte Summe fällt und das der Preis der Arbeit­skraft unter ihren Wert fällt.“

Die „Free­lancer“ sind neue Kinder der Arbeiter*innenklasse mit niedri­gen Löh­nen, sie sind die Klas­sen­geschwis­ter der Industriearbeiter*innenklasse. Wir müssen darüber nach­denken, wie sie zu organ­isieren sind.

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