Welt

Kanadas Völkermord an Indigenen – ein bis heute ungestraftes Verbrechen

Seit Mai wurden in Kanada mehrere Massengräber indigener Kinder auf den Grundstücken ehemaliger kirchlicher Umerziehungsschulen gefunden. Der Aufschrei und die Proteste indigener Menschen und ihrer Unterstützer:innen übertönten daraufhin den Nationalfeiertag. Doch die Aufarbeitung der kolonialen Verbrechen Kanadas steht immer noch an ihrem Anfang.

Kanadas Völkermord an Indigenen – ein bis heute ungestraftes Verbrechen
Foto von Blake Elliott / shutterstock.com

Seit dem 19. Jahrhundert gibt es in Kanada die sogenannten Residential Schools. Indigene Kinder in Kanada, aber auch in den USA, wurden von ihren Familien getrennt und in diese Internate verschleppt. Die Ziele waren eindeutig: die Zerstörung jeglicher Indigener Kultur – Kindern wurde verboten, ihre Sprache zu sprechen, ihre Musik zu machen, ihre Tänze zu tanzen und ihre Traditionen aufrecht zu erhalten –, Umpolung auf die “guten, westlichen Werte”, die Enteignung Indigener Landflächen, die Ausbeutung sowohl der Menschen, als auch der Natur und Genozid – weiter gefördert zum Beispiel durch Zwangssterilisierung.

Genozid, kulturelle Auslöschung und Umerziehung waren schon immer das Gerüst der kolonialen Praktiken. Sie sind seit jeher notwendig für die Imperialistischen Mächte, um die Machtverhältnisse in den Kolonien zu verfestigen.

In Kanada öffnete die erste Residential School, das Mohawk Institute, in 1831. Die letzte Residential School wurde erst 1996 geschlossen. Die Schulen wurden durch den Staat – genauer gesagt durch das Department of Indian Affairs – gefördert und finanziert. Verwaltet wurden die Schulen von der katholischen Kirche.

Allein 2021 wurden bisher an drei unterschiedlichen Standorten ungekennzeichnete Massengräber gefunden, mit insgesamt über 1100 Leichen. Diese Entdeckungen sind zwar unglaublich schmerzhaft und tragisch, doch keine Überraschung für die indigenen Völker der First Nations, Métis und Inuit.

Seit Jahrzehnten gibt es eine Vielzahl an Organisationen – von der Regierung, staatlich gefördert, nichtstaatlich, mit vielfältigen kulturellen und politischen Hintergründen – die sich dafür einsetzten, die koloniale Vergangenheit aufzuarbeiten.

Unter anderem durch den Fund der Massengräber erlangen diese Gruppen und einzelne Aktivist:innen jetzt mehr Aufmerksamkeit. Der Kampf ist kein neuer, doch jetzt verbreitet er sich auch auf Social Media Plattformen wie Instagram oder TikTok. Die jüngere Generation an Indigenen in Nordamerika hat kein Interesse daran, die Vergangenheit zu vergessen und die Verbrechen der Imperialist:innen ruhen zu lassen.

Eine ihrer Forderungen lautet #CancelCanadaDay, also eine Abschaffung des Nationalfeiertags, um damit ein Ende der Verharmlosung der Kolonialisierung des Landes und eine Anerkennung der bis heute andauernden Folgen zu erreichen. Zu diesen Folgen zählen einerseits überproportional hohe Raten an Obdachlosigkeit, Armut und Gewalt, Rassismus, schlechtere Gesundheitsversorgung und allgemeine Benachteiligung von Indigenen. Dazu kommt das enorme Trauma durch die unaufgearbeitete Vergangenheit: Familien, die noch immer ihre Kinder suchen, Kinder die ihre Familien suchen, verlorengegangene Kulturen und Traditionen, sowie besetzte und enteignete Landflächen, die den First Nations, Métis und Inuit zustehen.

Das Potenzial der Bewegung geht weit über diese aktuell eher symbolische Forderung hinaus. Die indigene Bewegung Nordamerikas ist keine junge, seit Jahrzehnten prangern indigene Aktivist:innen den Landraub, Genozid, die Verschleppung in die Reservate, die Zerstörung ihrer Kultur, ihrer Sprache, Orte und Kunst an und stellen damit direkt die Legitimität der Kolonialstaaten Kanada und USA in Frage. Die Gründung beider Staaten basierte auf der gewalttätigen Enteignung indigener Menschen, ihres Landes und ihrer Ausbeutung als billige Arbeitskräfte.

Mit den aktuellen Ereignissen verbinden sich diese Kämpfe, mit den Schwarzen Aktivist:innen um Black Lives Matter, queeren Aktivist:innen, die sich gegen die Unterdrückung der Kirche stellen, muslimischen Aktivist:innen, ebenso wie mit frisch politisierten Menschen aller Ethnien.

Zusammen fordern sie eine Abrechnung mit den Gräueltaten des Staates, mit Sklaverei und Zwangsarbeit, geschlechtlicher und sexueller Unterdrückung, und natürlich eine Aufklärung der Verbrechen an den ursprünglichen Bewohnern des Landes und Gerechtigkeit für heutige und kommende Generationen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.