Deutschland

IS-Rückkehrende: Die Radikalisierung ist ein deutsches Produkt

1000 Deutsche sind nach Syrien ausgereist; ein Drittel im Krieg gestorben; ein Drittel ist bereits zurück nach Deutschland, und ein Drittel hängt nun im Kriegsgebiet, in den syrischen, irakischen und kurdischen Gefangenenlagern fest. Ganz aktuell geht es um 150 Deutsche und um die Frage: Soll der deutsche Staat (ehemalige) IS-Kämpfer und Kämpferinnen und ihre meist im Krieg geborenen Kinder zurück nach Deutschland holen?

IS-Rückkehrende: Die Radikalisierung ist ein deutsches Produkt

Rechte und bürg­er­liche Medi­en empören sich – Wie kann man nur Ter­ror­is­ten zurück nach Deutsch­land lassen? Diese radikalisierten Deutschen sind immer­hin frei­willig nach Syrien gegan­gen und selb­st wenn ihnen indi­vidu­ell schw­er Straftat­en nachzuweisen sind, haben sie doch in einem mörderischem Regime, dem Islamis­chen Staat, Zuflucht gefun­den, und diesen min­destens unter­stützt.

Deutsch­land hat sich lange geweigert, deutschen Staatsbürger*innen, die sich dem Islamis­chen Staat angeschlossen haben, wieder zurück­zunehmen. Rus­s­land und Uzbek­istan im Gegen­satz, haben ihre Staatsbürger*innen bere­its alle zurück­ge­holt.

Wir denken, dass es in der Diskus­sion jedoch um etwas anderes geht. Indem das Prob­lem geografisch abgeschoben wird, kann die BRD eine Diskus­sion über die gesellschaftlichen Ursachen der Radikalisierung junger Men­schen, die Deutsche sind, in Deutsch­land aufwuch­sen und hier sozial­isiert wur­den, geschickt ver­mei­den.

Die Rolle des Islamis­chen Staates darf nicht auf seine ide­ol­o­gis­che Ebene verkürzt wer­den. Die Frage, wieso junge Men­schen sich entschei­den, sich ein­er islamistis­chen Ter­ror­gruppe, die es auf alle abge­se­hen hat, die nicht in ihr abgeson­dertes, fun­da­men­tal­is­tis­ches Welt­bild passen – allen voran andere Muslim*innen – anzuschließen, kann nicht beant­wortet wer­den, ohne zu klären, was das Bedürf­nis ist, welch­es diese jun­gen Men­schen zum IS trieb. Natür­lich erfordert die Anschlussfähigkeit islamistis­ch­er Vorstel­lun­gen ein prä-existieren­des Welt­bild, in etwa ein patri­achales, um über­haupt ansprechend zu sein. Es erk­lärt aber nicht, wieso die Mil­lio­nen von patri­achalen Men­schen in Deutsch­land sich nicht auf diese Weise radikalisieren.

Der IS ver­suchte in Deutsch­land vor allem junge Män­ner und Frauen mit wenig ökonomis­chen und ide­ol­o­gis­chen Per­spek­tiv­en aus migrantis­chen Mil­lieus zu rekru­tieren. Mit dem Ver­sprechen nach materieller Sicherung, ein­er sozialen Gemein­schaft und ide­ol­o­gis­ch­er Fes­ti­gung wur­den Men­schen, die dafür empfänglich waren, zum Beispiel über Sportvere­ine oder andere soziale Kon­texte ange­sprochen. Dies waren in der Regel junge Män­ner, die die Schule abge­brochen oder einen unzure­ichen­den Abschluss, und oft eine Migra­tions­geschichte in ihren Biografien oder den Biografien der Eltern oder Großel­tern vorzuweisen hat­ten. Über die Kom­bi­na­tion von ihren Erfahrun­gen als „Kanaken“ erfahren nicht-Weiße, die in Deutsch­land aufwach­sen, alltägliche soziale Abw­er­tung und materielle Nachteile.

Die Ide­olo­gie des IS, die sich zum Beispiel durch patri­ar­chale Vorstel­lun­gen äußert, sind kein Gege­nen­twurf zur frei­heitlich-lib­eralen Grun­dord­nung der deutschen Gesellschaft; denn genau diese gehen unmit­tel­bar aus ihr her­vor. Den Islamis­mus auf eine „aus­ländis­che Ide­olo­gie“ zu reduzieren, verken­nt die Anschlussfähigkeit patri­ar­chaler, gewalt­för­miger Ide­olo­gie und Prax­is in diesem Land.

Die Radikalisierung ist also ein Phänomen der Heimat­ge­sellschaft – und ist eine Antwort auf die Poli­tik dieses Staates; auf seine Migra­tionspoli­tik, auf die Arbeits­mark­t­poli­tik, die Sozialpoli­tik und natür­lich, auf die Außen­poli­tik.

Mit­tler­weile kann Inhaber*innen ein­er dop­pel­ten Staats­bürg­er­schaft die deutsche ent­zo­gen wer­den, wenn bewiesen ist, dass sie für eine „Ter­rormiliz“ gekämpft haben. Es ist jedoch klar – spätestens seit dem 11. Sep­tem­ber 2001 –, dass solche Geset­ze zwar zuerst auf „islamistis­che Ter­ror­is­ten“ abzie­len, schnell aber a) Muslim*innen generell unter Tatver­dacht stellen (siehe die min­destens 150 Fälle von unschuldigen Muslim*innen, die von den USA, teils mit Hil­fe europäis­ch­er Staat­en, nach Guan­tanamo ver­schleppt und jahre­lang gefoltert wur­den) und b) auch auf alle weit­eren Grup­pen aus­geweit­et wer­den kann.

Natür­lich muss Deutsch­land seine Staats­bürg­er zurück­holen. Dass dies über­haupt disku­tiert wird, zeigt den oft ras­sis­tis­chen Ver­such, sich von den unlieb­samen inter­nen „Anderen“, doch los zusagen und somit eine Debat­te zu umge­hen, was diese Gesellschaft falsch gemacht hat – und weit­er­hin falsch macht, dass junge Men­schen lieber in ein Kriegs­ge­bi­et gehen als weit­er im Herzen der Bestie zu leben. Dabei ist die neue Regelung der Möglichkeit des Entzuges der deutschen Staats­bürg­er­schaft ein alarmieren­des Sig­nal, welch­es sich ein­rei­ht in eine Atmo­sphäre des Beobachtet-Wer­dens und der Angst – vor allem für Migrant*innen und nicht-weiße Deutsche in diesem Land.

Dass bei ein­er Rück­hol­ung keine Gerechtigkeit in Sicht ist für die Gräul­tat­en – von eth­nis­ch­er Säu­berung, über Ver­sklavung, schw­er­er Folter, auch in Form rou­tiniert­er sex­u­al­isiert­er Gewalt bis Enthaup­tun­gen –, die der IS und damit auch alle seine Anhänger und Anhän­gerin­nen zu ver­ant­worten haben, ist offen­sichtlich. So etwas wie „Gerechtigkeit“ darf vom bürg­er­lichen Staat mit sein­er Klassen­jus­tiz eh nicht erwartet wer­den.

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