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Interview: Lehrbeauftragte organisieren sich

Interview: Lehrbeauftragte organisieren sich

Lehrbeauftragte an Sprachzentren deutscher Hochschulen haben in der Regel befristete und zudem schlecht bezahlte Stellen. Ein Interview mit Alexis Donoso, zur Zeit Dozent für Italienisch am Sprachzentrum der Universität Saarbrücken.

Vor gut einer Woche haben sich rund 40 SprachlehrerInnen im DGB-Haus in Berlin getroffen. Was gab den Anlass dazu?

Es war das erste bundesweite Treffen von Lehrbeauftragten an deutschen Hochschulen – die Initiative dazu hatten Berliner KollegInnen ergriffen. Thema waren die immer schlechteren Arbeitsbedingungen und was man dagegen tun kann.

Wie sind denn die Arbeitsbedingungen in den Sprachzentren der Hochschulen?

Nur eine geringe Zahl der DozentInnen ist fest angestellt, Lehrbeauftragte decken meist mehr als die Hälfte des Unterrichts ab – beide Gruppe haben dieselben Aufgaben. Laut Gesetz dürfen Lehrbeauftragte aber nicht mehr als halb so viele Stunden unterrichten, wie es ihre angestellten Kollegen tun – ansonsten könnten wir nämlich die Übernahme durch die Universitäten einklagen. Diese Kollegen unterrichten pro Woche zwischen 16 und 24 Stunden – für uns bleiben in der Regel nur acht Stunden, die wir an derselben Hochschule arbeiten dürfen. Bei manchen Unis sind es sogar nur sechs Stunden.

Um über die Runden zu kommen, müssen wir also eine Reihe unterschiedlicher Beschäftigungen nachgehen und auch lange Anfahrtswege in Kauf nehmen, ohne dass wir dafür mehr Geld bekommen.

Wieviel verdienen Lehrbeauftragte?

Das hängt vom jeweiligen Bundesland ab. Am wenigsten verdient man in Dresden, wo man für eine Unterrichtseinheit etwa 17 Euro bekommt. Im Schnitt liegt die Bezahlung bei 25 Euro – inbegriffen sind aber nicht nur die Vorbereitung und die Unterrichtsstunde selbst, sondern auch der Zeitaufwand für Korrekturen und Gespräche mit den Studenten. Wenn man das alles berücksichtigt, arbeiten viele von uns für zehn bis zwölf Euro die Stunde.

Weil die Hochschulen aber für Lehrbeauftragte nichts in die Sozialversicherungen einzahlen, sind wir für die Renten- und Krankenversicherung selbst verantwortlich: Wir müssen nicht nur den Anteil des Arbeitnehmers einzahlen, sondern auch den des Arbeitgebers. Das führt dazu, dass manche KollegInnen zusätzlich auf Hartz IV angewiesen sind, wenn sie über die Runden kommen wollen. Die Universitäten beschäftigen dieselben Kräfte seit Jahren – manchmal sogar seit Jahrzehnten! – mit jeweils einem einsemestrigen Lehrauftrag. Somit wird gewährleistet, dass Klagen auf Festanstellung keine Chance haben.

Sprachlehrer an einer Hochschule zu sein, klingt immer noch wie ein „bürgerlicher“ und gut dotierter Beruf. Was denken die Betroffenen darüber?

Viele neue KollegInnen sehen es als Sprungbrett in die Hochschulkarriere. Doch für die meisten ist es eine Sackgasse, aus der es keinen Ausweg gibt. Entweder man bildet sich weiter und hofft auf eine andere Stelle – oder man fristet ein schlecht bezahltes, unsicheres und dennoch angesehenes Dasein.

Was sind die Forderungen Ihrer Initiative?

Wir erarbeiten gerade einen Forderungskatalog. Ein zentraler Punkt ist, dass die Lehre in den Sprachzentren nicht mehr durch den Missbrauch von Lehraufträgen aufrechterhalten werden darf. Wir fordern die Schaffung von unbefristeten Stellen, denn schließlich erledigen die Lehrbeauftragten in den meisten Fällen Daueraufgaben. Gleichzeitig streben wir eine Erhöhung der Honorare und deren regelmäßige Anpassung an die Lebenshaltungskosten an. Außerdem müssen Fahrtkosten erstattet und Ausfallzeiten bezahlt werden, wenn eine vereinbarte Lehrveranstaltung nicht zustande kommt.

Wie soll das durchgesetzt werden?

Zunächst wollen wir eine Informa­tionskampagne starten, um auf unsere Situation aufmerksam zu machen. Hierfür haben uns Gewerkschaften wie ver.di und GEW ihre Unterstützung zugesichert. Wir wollen auch eine Brücke schlagen zu den angestellten KollegInnen und zur Leitung dieser Sprachzentren. Wichtig ist die Kommunikation mit den Studierenden: Wir hoffen auf ihre Unterstützung, denn eine Verbesserung unserer Lage würde sich auch auf die Qualität des Sprachunterrichts auswirken. Gleichzeitig wollen wir ihnen klar machen, dass wir das Spiegelbild ihrer eigenen Zukunft sind – wir sind ja schließlich selbst Akademiker.

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