Frauen und LGBTI*

Hammer, Sichel & Regenbogen

LGBT*: Weltweit sehen sich LGBT*-Menschen ver­mehrt Angrif­f­en aus­ge­set­zt. Hierzu­lande man­i­festiert sich das etwa im „Marsch für das Leben“. Welche rev­o­lu­tionären Antworten muss es darauf geben und wie kön­nen die Forderun­gen der LGBT*-Bewegung durchge­set­zt wer­den?

Hammer, Sichel & Regenbogen

// LGBT*: Weltweit sehen sich LGBT*-Menschen ver­mehrt Angrif­f­en aus­ge­set­zt. Hierzu­lande man­i­festiert sich das etwa im „Marsch für das Leben“. Welche rev­o­lu­tionären Antworten muss es darauf geben und wie kön­nen die Forderun­gen der LGBT*-Bewegung durchge­set­zt wer­den? //

In den let­zten Jahrzehn­ten hat die LGBT*-Bewegung1 sehr viel erre­icht: So wur­den Homo­sex­u­al­ität und einge­tra­gene homo­sex­uelle Part­ner­schaften in vie­len Teilen der Welt legal­isiert. Homo­sex­u­al­ität wurde inter­na­tion­al von der Liste der psy­chol­o­gis­chen Krankheit­en gestrichen. In vie­len Län­dern wurde es möglich, das Geschlecht sowohl auf dem Ausweis zu wech­seln, als auch eventuell gewollte Hor­mon­ther­a­pi­en und Oper­a­tio­nen vornehmen zu lassen – wenn auch immer noch unter diskri­m­inieren­den Bedin­gun­gen. Diese Fortschritte haben es möglich gemacht, dass mehr LGBT* ihr Leben offen um ihre sex­uelle und geschlechtliche Iden­tität gestal­ten und ihre Sex­u­al­ität ausleben kön­nen.

Trotz dieser und ander­er Fortschritte sind LGBT*-Menschen selb­st in Deutsch­land immer noch ein­er krassen Unter­drück­ung aus­ge­set­zt: Les­bis­che und schwule Jugendliche haben eine vier bis sieben Mal höhere Suizidrate als ihre het­ero­sex­uellen AltersgenossIn­nen (die Rate von Jugendlichen, die Trans sind, liegt ver­mut­lich noch ein­mal höher) und lei­den ver­mehrt unter Mob­bing. Auch gewalt­tätige homo­phobe und trans­pho­be Über­griffe sind keine Sel­tenheit. Viele haben Angst, sich an ihrem Arbeit­splatz zu out­en und ein Fün­f­tel gibt an, schon am Arbeit­splatz diskri­m­iniert wor­den zu sein. Außer­dem sind LGBT*-Personen beson­ders oft von Arbeit­slosigkeit betrof­fen. Das trifft vor allem auf Trans-Men­schen zu, die dadurch sog­ar teil­weise in die Pros­ti­tu­tion gedrängt wer­den, ins­beson­dere migrantis­che Trans. Es zeigt sich, dass in ein­er Welt der Aus­beu­tung die rechtliche Gle­ich­stel­lung eben noch keine Gle­ich­heit der sozialen Bedin­gun­gen bedeutet.

Reaktionäre Bewegungen überall

Gle­ichzeit­ig gibt es über­all auf der Welt Bewe­gun­gen, die die erkämpften Rechte der LGBT*-Gemeinschaft zer­stören wollen. In Deutsch­land wird das zum Beispiel sicht­bar bei den Mobil­isierun­gen der soge­nan­nten „Besorgten Eltern“ gegen den Bil­dungs­plan in Baden-Würt­tem­berg und beim „Marsch für das Leben“ in Berlin, bei dem christliche Fun­da­men­tal­istIn­nen, gemein­sam mit CDU­lerIn­nen, AfD-Mit­gliedern, PEGI­DA-Anhän­gerIn­nen und Mit­gliedern der recht­en Szene gegen Frauen­rechte und Rechte von LGBT* demon­stri­eren.

Das verun­sicherte Klein­bürg­erIn­nen­tum sieht sich in der Krise in sein­er Exis­tenz bedro­ht und vertei­digt ein reak­tionäres, het­ero­nor­ma­tives Fam­i­lienide­al, das ihm schein­bare Sicher­heit bietet. Auch in den bürg­er­lichen Medi­en wie der FAZ wird diese reak­tionäre Debat­te geführt und offen die Ver­ban­nung der LGBT*-Thematik aus dem Sex­u­alkun­de­un­ter­richt gefordert. Das het­ero­nor­ma­tive Mod­ell ein­er Fam­i­lie mit Vater, Mut­ter und Kind soll mit allen Mit­teln vertei­digt wer­den – das jüngst gescheit­erte Betreu­ungs­geld war nur ein weit­er­er Ver­such dessen.

Der Ein­fluss der Kirchen ist dabei nicht zu unter­schätzen. In Deutsch­land kön­nen kirch­liche Arbeit­ge­berIn­nen sog­ar legal LGBT*-Menschen auf­grund ihrer Iden­tität ent­lassen, unter Beru­fung auf ihren Son­der­sta­tus als kirch­liche Träger. Diese und viele andere Beispiele zeigen, dass man nicht von einem „lin­earen Wach­s­tum der Tol­er­anz“ gegenüber unter­drück­ten Grup­pen aus­ge­hen kann.

Materielle Grundlage der Unterdrückung

Im Gegen­teil: Die Unter­drück­ung von LGBT*-Menschen ist für den Kap­i­tal­is­mus funk­tion­al. Ein­er­seits benötigt er Spal­tun­gen, um die Ein­heit der Arbei­t­erIn­nen­klasse zu ver­hin­dern, Lohndiskri­m­inierung durchzuset­zen und die Löhne aller zu drück­en. Ander­er­seits hin­ter­fra­gen Forderun­gen nach sex­ueller Frei­heit und nach Frei­heit der geschlechtlichen Iden­tität in ihrer radikalen For­mulierung grundle­gende Insti­tu­tio­nen des Kap­i­tal­is­mus, und zwar ein­er­seits die Zweigeschlechtlichkeit und damit die geschlechtliche Arbeit­steilung und ander­er­seits die bürg­er­liche Kle­in­fam­i­lie.

Die unhin­ter­fragte Exis­tenz von zwei Geschlechtern, mit zugewiese­nen Rollen inner­halb der geschlechtlichen Arbeit­steilung, ist ein grundle­gen­des sta­bil­isieren­des Ele­ment für den Kap­i­tal­is­mus, weil es das rei­bungslose Funk­tion­ieren der Repro­duk­tion der Ware Arbeit­skraft zu niedri­gen Kosten garantiert. Die Exis­tenz von Trans-Men­schen, aber auch die Exis­tenz gle­ichgeschlechtlich­er Paare, hin­ter­fragt die Sta­bil­ität dieser Geschlechter und ihrer Rollen und gefährdet damit die Selb­stver­ständlichkeit der geschlechtlichen Arbeit­steilung.

Der Ort, an dem die Repro­duk­tion der Arbeit­skraft auch heute immer noch priv­i­legiert stat­tfind­et, ist die Fam­i­lie. Das heutige Fam­i­lien­mod­ell ist aus dem früh- bzw. vorkap­i­tal­is­tis­chen Fam­i­lien­mod­ell ent­standen, in dem die het­ero­sex­uelle Fam­i­lie eine in sich abgeschlossene Pro­duk­tion­sein­heit war, in der die Eltern und die Kinder ihre Arbeit­skraft aufwen­den mussten, um den Leben­sun­ter­halt für sich und die nicht mehr arbeits­fähi­gen Fam­i­lien­mit­glieder zu erstre­it­en. Nicht-het­ero­sex­uelles Dasein war wenn über­haupt ein Priv­i­leg der herrschen­den Klassen, die nicht so sehr an diesen Zwang gebun­den waren.

Mit der Indus­tri­al­isierung wurde diese Pro­duk­tion­sein­heit teil­weise aufge­brochen und jedes Fam­i­lien­mit­glied musste seine Arbeit­skraft einzeln an die Kap­i­tal­istIn­nen verkaufen. Die Fam­i­lie wurde von ein­er Pro­duk­tion­sein­heit ten­den­ziell zu ein­er Kon­sum­tion­sein­heit, in der aber auch heute noch wichtige repro­duk­tive Arbeit­en – das heißt Arbeit­en, die der Wieder­her­stel­lung der Arbeit­skraft dienen, wie kochen, putzen, Kinder erziehen – priv­i­legiert geleis­tet wer­den.

Mit den Errun­gen­schaften der Arbei­t­erIn­nen­be­we­gung wurde unter anderem die Kinder­ar­beit ver­boten und die Löhne so weit erhöht, dass Fam­i­lien ohne den Verkauf der Arbeit­skraft der Kinder über­leben kon­nten. In eini­gen Län­dern set­zte sich das Ein-Ernährer-Mod­ell durch, das es Män­nern ermöglichte, so viel Geld zu ver­di­enen, wie sie zum Unter­halt ein­er Fam­i­lie benötigten. Gle­ich­wohl sorgte dieses Mod­ell auch für eine neue Zemen­tierung der ökonomis­chen Abhängigkeit und der geschlechtlichen Arbeit­steilung.

Trotz dieser Wider­sprüch­lichkeit waren diese Errun­gen­schaften ein wichtiger Schritt dahin, dass auch einige Men­schen der Arbei­t­erIn­nen­klasse die Möglichkeit beka­men, außer­halb von het­ero­sex­uellen Beziehun­gen zu leben. Dies betraf vor allem weiße Män­ner, die nun alleine ihren Leben­sun­ter­halt erstre­it­en kon­nten.

Kapitalismus und Familie

Den­noch: Der Kap­i­tal­is­mus, so wie er his­torisch gewach­sen ist, braucht die Fam­i­lie als Ort, an dem kosten­lose Repro­duk­tion­sar­beit geleis­tet wird. Sie ist notwendig, um die Arbeit­skraft der Arbei­t­erIn­nen­klasse zu erhal­ten und die näch­ste Gen­er­a­tion des Pro­le­tari­ats her­anzuziehen. Außer­dem wird durch die Insti­tu­tion der Fam­i­lie die Fraue­nun­ter­drück­ung immer wieder neu repro­duziert, auf die das Kap­i­tal angewiesen ist, um eine geschlechtliche Arbeit­steilung durchzuset­zen, die die Frauen auch außer­halb der famil­iären Sphäre ein­er beson­deren Aus­beu­tung unter­wirft. Es existiert also ein materielles Inter­esse der Bour­geoisie an der Weit­erex­is­tenz der bürg­er­lichen Kle­in­fam­i­lie, die sich rechtlich und ide­ol­o­gisch in der Förderung der het­ero­sex­uellen Ehe aus­drückt.

Für rev­o­lu­tionäre Marx­istIn­nen muss natür­lich die Forderung nach ein­er Legal­isierung der gle­ichgeschlechtlichen Ehe zum Pro­gramm gehören, da damit ein weit­er­er Teil der struk­turellen Unter­drück­ung gegenüber LGBT*-Menschen beseit­igt wird. Wir müssen immer an der Stelle sein, um an der Seite von unter­drück­ten Grup­pen für ihre Rechte zu stre­it­en. Dabei dür­fen wir aber kein Ver­trauen in den kap­i­tal­is­tis­chen Staat haben und uns nicht davon abhal­ten lassen, die Frage der sex­uellen Frei­heit grund­sät­zlich­er zu stellen.

Für das Leben viel­er LGBT* ist die „Ehe für alle“ keine zen­trale Frage, weil sie von viel krasseren For­men der Unter­drück­ung und Aus­beu­tung betrof­fen sind. Die Forderung der gle­ichgeschlechtlichen Ehe greift diese Aus­beu­tung und Unter­drück­ung nicht grund­sät­zlich an. Der Kap­i­tal­is­mus kann möglicher­weise in der Lage sein, bes­timmte „anständi­ge“ Sex­u­al­itäten und Iden­titäten in seine Fam­i­lienide­olo­gie zu inte­gri­eren, solange sie sich an die Het­eronorm anpassen und damit die Repro­duk­tions­funk­tion der Fam­i­lie nicht angreifen. Der Kampf gegen die Unter­drück­ung der großen Mehrheit der LGBT*-Menschen benötigt aber viel grund­sät­zlich­er den Kampf gegen die Fam­i­lie und damit auch gegen die Ehe selb­st.

Was tun für die Befreiung?

Der Kampf für die Befreiung von LGBT* ist ein Kampf gegen rechtliche Diskri­m­inierung, gegen Homo­pho­bie und gegen Trans­pho­bie. Es ist auch ein Kampf für die Rechte der Jugend und ander­er unter­drück­ter Sek­toren. Dabei kann sich der Kampf let­ztlich aber nicht auf die Erweiterung von Recht­en beschränken. Denn selb­st „Gle­ich­heit vor dem Gesetz ist noch nicht Gle­ich­heit im Leben“, wie es Wladimir Lenin aus­drück­te. Die Unter­drück­ung von LGBT*, in der Schule, in der Uni, bei der Arbeit, in der eige­nen Fam­i­lie, ist vor allem eine soziale Frage. LGBT* der Arbei­t­erIn­nen­klasse wer­den zum Beispiel beson­ders aus­ge­beutet. Ihre Unter­drück­ung nutzt den Kap­i­tal­istIn­nen und wird von ihnen deshalb nicht aufgegeben wer­den. Der Kampf für Befreiung ist also auch notwendi­ger­weise ein Kampf gegen Aus­beu­tung.

Im Kampf gegen die Fam­i­lie wird sicht­bar, dass Frauen­be­we­gung, LGBT*-Bewegung und Arbei­t­erIn­nen­be­we­gung let­ztlich densel­ben Hor­i­zont haben. Die Insti­tu­tion der Fam­i­lie ver­stetigt die Fraue­nun­ter­drück­ung und sie hält ide­ol­o­gisch Homo- und Trans­pho­bie am Leben. Sie ist außer­dem als zen­trale Insti­tu­tion des Kap­i­tal­is­mus ein Hin­der­nis der Arbei­t­erIn­nen­klasse für ihre Befreiung. Gegen die Fam­i­lie als Repro­duk­tion­sein­heit im Kap­i­tal­is­mus müssen wir die Forderung der Verge­sellschaf­tung der Hausar­beit stellen.

Das oben genan­nte zeigt, dass die LGBT*-Befreiung materiell nur durch die Zer­schla­gung des bürg­er­lichen Staates und die Abschaf­fung des Pri­vateigen­tums an den Pro­duk­tion­s­mit­teln möglich ist. Echte sex­uelle Frei­heit und Frei­heit der geschlechtlichen Iden­tität kann für nie­man­den – nicht nur für LGBT* – in ein­er Gesellschaft des Zwangs, der Aus­beu­tung und der Ent­frem­dung existieren und benötigt damit die Abschaf­fung des Kap­i­tal­is­mus. Dafür braucht es eine kämpfende Bewe­gung der Arbei­t­erIn­nen, LGBT*, Frauen und Jugendlichen und aller Unter­drück­ten.

Schon heute muss dieser Kampf auf der Straße, in den Betrieben, Gew­erkschaften, Unis und Schulen geführt wer­den – und er muss vor allem von der Arbei­t­erIn­nen­klasse geführt wer­den, weil sie die poli­tis­che und ökonomis­che Kraft ent­fal­ten kön­nen, um die Herrschen­den zu stürzen. Gemein­sam müssen wir uns organ­isieren, damit wir der Aus­beu­tung und Unter­drück­ung ein endgültiges Ende set­zen kön­nen – während LGBT* natür­lich gle­ichzeit­ig eigene Forderun­gen für ihre Befreiung auf­stellen und sich dafür selb­st organ­isieren. Es ist klar, dass der Kampf gegen die ökonomis­che Aus­beu­tung, die poli­tis­che Unter­drück­ung und für die sex­uelle Befreiung – die alle miteinan­der zusam­men­hän­gen – nur über den Weg der sozial­is­tis­chen Rev­o­lu­tion führen kann.

Fußnoten

1. Die Abkürzung LGBT* ste­ht für „Les­bian, Gay, Bisex­uell und Trans“ – das Sternchen ste­ht für diejeni­gen Men­schen, die sich in kein­er dieser Def­i­n­i­tio­nen einord­nen, aber auch nicht der Het­eronorm entsprechen. Trans-Men­schen sind Men­schen, die sich nicht (oder nicht auss­chließlich) mit dem Geschlecht iden­ti­fizieren, das ihnen bei ihrer Geburt zugewiesen wurde.

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