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Gorillas im unbefristeten Streik

Die Streiks bei Gorillas gehen nach einer mehrmonatigen Pause in eine neue Runde: mit mehr Frust, aber auch besserer Vernetzung.

Gorillas im unbefristeten Streik
Foto: Simon Zamora Martin

Der Streik, der am Freitag im Gorillas-Lager im Bergmannkiez begann, weitete sich schnell auf andere Standorte aus. Am Wochenende wurde auch das Warenhaus in Schöneberg bestreikt, seit Samstag ruht am Gesundbrunnen die Arbeit.

Die Forderungen haben sich – ähnlich wie die Situation der Beschäftigten – seit Beginn der Arbeitskämpfe bei Gorillas kaum verändert:  Löhne sollen pünktlich und vollständig gezahlt, Schichtpläne verbessert und genug Equipment für eine sichere Arbeit gestellt werden. Doch es scheint einen wichtigen Unterschied zu geben zu den Streiks im Sommer: Zumindest im Bergmannkiez sind die Beschäftigten des Warenhauses viel besser organisiert und vorbereitet. Nicht nur die Rider, sondern auch Picker (die die Bestellungen zur Auslieferung vorbereiten) befinden sich im Ausstand. Die Geschäftsführung jedoch geht mit zunehmend härteren Bandagen gegen den Streik vor, der zu den längsten Ausständen bei Gorillas werden könnte. Am Montag beauftragte sie erstmals einen privaten Sicherheitsdienst, um gegen die Streikenden vorzugehen.

„In den letzten Wochen ist der Frust sehr stark gewachsen“, sagte Duygu gegenüber jW. Sie arbeitet als Rider im Warenhaus Bergmannkiez. Das Unternehmen probiere gerade, einen Plan zur Intensivierung der Arbeit durchzusetzen. Weniger Beschäftigte sollen mehr Lieferungen schaffen. „Projekt ACE“ lautet der Name für die Arbeitsverdichtung. Künftig sollen die Rider gleich zwei bis drei Lieferungen in einer Tour ausfahren. Und Picker sollen nur noch 30 Sekunden Zeit haben, um die Lieferungen zusammenzustellen. Eine andere Auswirkung der „Reform“ sind neue Schichtmodelle. Ein Computerprogramm soll errechnen, zu welchen Zeiten am meisten Personal gebraucht wird. Statt acht Stunden am Stück sind die Schichten viel kürzer geworden und beginnen jeden Tag zu einer anderen Uhrzeit. Intelligent genug, um die gesetzlich vorgeschriebene Ruhezeit von mindestens elf Stunden einzuplanen, ist das Programm aber offenbar nicht. Duygu zeigte jW Dienstpläne, in denen die Freitagsschicht um Mitternacht endet und die Samstagsschicht bereits um sieben Uhr beginnt.

Den Konflikt angeheizt hat die Entlassung eines Kollegen am letzten Tag seiner Probezeit. „Mit einem Anruf am Samstag“, erzählte Duygu. Die App zu Schichtplanung sei eine Katastrophe und habe viele Fehler. Kollegen bekämen an arbeitsfreien Tagen automatisierte Abmahnungen, weil sie nicht zur Schicht erschienen. Diese falschen Abmahnungen würden dann als Gründe für Entlassungen angeführt. „Wir sind die neuen Gastarbeiter“, sagte Duygu. „Die Geschichte wiederholt sich. Verkleidet, unter dem Deckmantel der Start-Up-Mentalität.“

Dabei reicht der Konflikt zwischen den kämpferischen Arbeiter:innen und ihren Bossen weit über einzelne Lager hinaus: Vor wenigen Wochen wurde einer der wichtigsten Social-Media-Kanäle der Beschäftigten auf Instagram gelöscht. Auf der Seite „Gorillas Rider Life“ wurden neben Witzen über den Arbeitsalltag im Unternehmen immer wieder auch kritische Erfahrungsberichte veröffentlicht; teilweise auch Beweise für offene Rechtsverstöße seitens der Firma. Im Dienst des Unternehmens blockierte die zum Facebook-Konzern gehörende App Instagram den Kanal. Zum zweiten Mal und erneut ohne Angabe von Gründen.

Vergangenen Donnerstag verschickte das Unternehmen dann plötzlich Überleitungsverträge an alle Beschäftigten im operativen Geschäft. 1.700 von 2.000 Berliner Gorillas-Beschäftigten erhielten solche Schreiben. Bereits im Oktober soll der Betriebsübergang in eine neu gegründete Tochter erfolgen, ohne dass ein konkretes Datum genannt wurde. In dem Vertrag, der jW vorliegt, wird festgestellt, dass es im derzeitigen Unternehmen keinen Betriebsrat gibt, sondern lediglich ein Verfahren zur Wahl eines Betriebsrates eingeleitet wurde. Im Anschluss heißt es: „Zum Übergangsstichtag wird das Verfahren voraussichtlich noch nicht abgeschlossen sein.“ Es liegt die Vermutung nah, dass die Gründung eines neuen Tochterunternehmens ein Manöver sei, um die Bildung eines Betriebsrates zu verhindern.

Statt auf den fünf Punkte umfassenden Forderungskatalog der Streikenden einzugehen, setzt Gorillas auf Eskalation. Am Freitag schickte das Unternehmen Manager: innen aus der Firmenzentrale als Streikbrecher:innen in den Bergmannkiez. Ein Rider des Lagers – der sich einen Namen als der schnellste im Team mit täglich weit über 100 gefahrenen Kilometern gemacht hatte – wurde fristlos gekündigt, weil er angeblich eine Krankschreibung nicht fristgerecht eingereicht hätte. Der entlassene Rider Danny befand sich nicht mehr in der Probezeit und hatte noch nie eine Abmahnung bekommen. Er beteuert, dass er wie üblich die Krankschreibung per Mail an die Personalabteilung geschickt hätte. „Das ist eine Drohung an alle indischen Rider“, erzählte ein Kollege des entlassenen Danny gegenüber jW. Im Gegensatz zu Danny ist er noch in der Probezeit und möchte daher seinen Namen nicht in der Zeitung lesen. „Bei den letzten Streiks waren wir Inder nicht dabei“, erzählte er. Ziel der illegalen Entlassung sei es, die indischen Kollegen einzuschüchtern.

Sie wollen uns sagen: schaut, wir können den besten Rider einfach so auf die Straße setzen. Aber das können sie nicht. Wir werden das nicht hinnehmen und fordern seine Wiedereinstellung. Wir werden so lange streiken, bis alle unsere Forderungen erfüllt sind!“

Am Freitag versicherte das Management den Beschäftigten im Bergmannkiez noch, dass sie am Montag über ihre Forderungen verhandeln würden. Heute schickten sie jedoch keine Manager:innen zum Verhandeln in das Warenlager, sondern einen privaten Sicherheitsdienst, um die Beschäftigten am Betreten des Warenhauses zu hindern.

Bisher wird der Streik nicht von der Gewerkschaft ver.di unterstützt. Auch die FAU ruft nicht zum Streik auf und zahlt ihren Mitgliedern kein Streikgeld, unterstützt jedoch die Streikkasse und die Arbeit des Gorillas Workers Collective. Doch das reicht bei weitem nicht. Um den unbefristeten Streik aufrecht halten zu können, sind die Beschäftigten von Gorillas auf Solidarität angewiesen. Seit dem Sommer bauen sie eine eigene Streikkasse auf. Hier könnt Ihr spenden:

Wenn auch ihr die Streiks der Warenhäuser unterstützen wollt, informiert euch tagesaktuell auf dem Twitter-Channel des Kollektivs über anstehende Aktionen und erfahrt dort wo gerade Hilfe benötigt wird.

 

Dieser Artikel erschien in einer gekürzten Version zuerst in der Jungen Welt.

 

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