Frauen und LGBTI*

Gegen Diskriminierung auf dem Feld!

Die Geschichte des kämpfend­en homo­sex­uellen Schied­srichters Halil Ibrahim Dinç­dağ

Gegen Diskriminierung auf dem Feld!

// Die Geschichte des kämpfend­en homo­sex­uellen Schied­srichters Halil Ibrahim Dinç­dağ //

Der türkische Schied­srichter Halil Ibrahim Dinç­dağ wurde im Jahr 2009 nicht mehr als Schied­srichter engagiert, nach­dem seine homo­sex­uelle Ori­en­tierung dem türkischen Fußbal­lver­band bekan­nt gewor­den war.

Wegen der homo­phoben Stim­mung hat­te er seine Homo­sex­u­al­ität zunächst ver­heim­licht. Erst als er zum Mil­itär­di­enst einge­zo­gen wer­den sollte, bekan­nte er sich vor der Ärztekom­mis­sion zu sein­er Homo­sex­u­al­ität, um dem Dienst an der Waffe zu ent­ge­hen. Zwei Monate später, nach­dem er dem Fußball-Land­kreisver­band den Befreiungss­chein vorgelegt hat­te, wurde ihm vom diesem mit­geteilt, dass er nicht mehr beauf­tragt wird, offizielle Spiele zu pfeifen. Laut dem Ver­band sei er nicht für Spiele geeignet, weil er den Mil­itär­di­enst ver­weigert hätte. Später gab der Ver­band als offiziellen Grund „man­gel­nde Fit­ness“ an. Dinç­dağ wurde auch zur Auf­stiegsprü­fung zur höheren Liga nicht zuge­lassen. In zunächst let­zter Hoff­nung, seinen Beruf weit­er ausüben zu kön­nen, stellte er beim türkischen Fuss­bal­lver­band einen Zulas­sungsantrag, der jedoch eben­falls abgelehnt wurde.

Kurz nach dem Antrag auf Zulas­sung wur­den in den türkischen Medi­en Schlagzeilen über einen homo­sex­uellen Schied­srichter veröf­fentlicht, später auch unter Nen­nung sein­er Heimat­stadt sowie der Abkürzung seines Namens: H.I.D. Da es in der Stadt keinen anderen Schied­srichter gibt, der sich H.I.D. abkürzen ließe, war Halil dechiffriert. Er musste sich im Fernse­hen als homo­sex­uell out­en, was auch dazu führte, dass er seine Fam­i­lie und sein soziales Umfeld hin­ter sich lassen und nach Istan­bul ziehen musste, um Anfein­dun­gen zu ent­ge­hen. Auch vom lokalen Radiosender Bayrak FM, bei dem er jahre­lang als Radiomod­er­a­tor gear­beit­et hat­te, wurde ihm gekündigt.

Dinç­dağ klagte vor Gericht gegen die Ver­let­zung sein­er Per­sön­lichkeit­srechte und strengte eine Klage zur Wiedere­in­stel­lung als Schied­srichter an. Dieser Prozess dauert seit 2009 an. Dinç­dağ gab bekan­nt, er werde not­falls auch vor den Europäis­chen Gericht­shof für Men­schen­rechte ziehen. Er bekam in diesem Zeitraum sowohl von türkischen als auch von aus­ländis­chen Fußball­fans sowie von eini­gen LGBT[1]-Organ­i­sa­tio­nen Unter­stützung.

Die Geschichte von Halil führt uns zur Frage der Ursachen und Fol­gen von Homo­pho­bie. Aus­ge­hend von der Fam­i­lie ent­stand das herrschende, het­ero­sex­is­tis­che Geschlechter­regime, das das ganze gesellschaftliche Feld auf die männlich-weib­liche Dual­ität beschränk­te. LGBT-Men­schen wur­den dabei als abwe­ichend begrif­f­en und dadurch von der Gesellschaft aus­ge­gren­zt. Diese Exk­lu­sion führte in den extrem­sten Fällen zu Pogromen gegen LGBT-Men­schen. Der gesellschaftliche Druck auf LGBT-Men­schen und die het­ero­sex­uelle Zwangsmonogamie entsprin­gen ursprünglich der Entste­hung der bürg­er­lichen Fam­i­lie mit dem Pri­vateigen­tum und der Erb­schaft als Grund­lage. Die Monogamie ord­nete die Frau auf­grund der ökonomis­chen Machtver­hält­nisse dem Mann unter, und der Kap­i­tal­is­mus drängte der Frau die Notwendigkeit auf, eine Haussklavin zu sein. Die Frau in ein­er bürg­er­lichen Ehe hat­te die Auf­gabe der Frucht­barkeit, der Kinder­erziehung und des Befriedi­gens der sex­uellen Bedürfnisse des Mannes. Die ökonomis­che Hege­monie des Mannes ermöglichte ihm, die ökonomis­che Ver­sorgung der Frau zu übernehmen.

Die fun­da­men­tale Repro­duk­tions­funk­tion der Fam­i­lie schafft die Pro­duzentIn­nen und Kon­sumentIn­nen. Damit erfüllt der Fam­i­lie eine Funk­tion als unverzicht­baren Bestandteil frühkap­i­tal­is­tis­ch­er Pro­duk­tionsver­hält­nisse. Jedoch beste­ht heute, nach der Aus­dehnung der kap­i­tal­is­tis­chen Pro­duk­tion­sweise im Zusam­men­hang mit der Erweiterung und Steigerung der Pro­duk­tion, keine unbe­d­ingte Notwendigkeit mehr für die het­ero­sex­uelle Fam­i­lie zur Aufrechter­hal­tung der Herrschaft des Kap­i­tals. Sie erfüllt aber heute noch eine prä­gende gesellschaftliche Diszi­plin­ierungs­funk­tion, und in den Zeit­en der Krisen wird diese Funk­tion aktu­al­isiert.

Selb­stver­ständlich hat der Über­bau des Kap­i­tal­is­mus mit der Geschichte der organ­isierten LGBT-Bewe­gung Änderun­gen erlebt. In vie­len Län­dern haben die LGBT-Men­schen Errun­gen­schaften erzielt und ihre Rechte erkämpft. Doch die Diskri­m­inierung von Homo­sex­uellen ist nicht über­wun­den, denn die Gle­ich­stel­lung ist nicht voll­ständig ver­wirk­licht. Die herrschende Klasse hat nur die dem Sys­tem angepassten Homo­sex­uellen inte­gri­ert. Noch heute wird vie­len LGBT-Men­schen eine geregelte Lohnar­beit ver­wehrt. Viele Arbeitsstellen und Insti­tu­tio­nen bleiben ihnen ver­schlossen.

Auch die Diskri­m­inierun­gen von Homo­sex­uellen an den Arbeit­splätzen brin­gen die LGBT-Men­schen oft in die Iso­la­tion. Ihnen bleibt teils nur ungeregelte Sexar­beit, die noch unmen­schlich­er als nor­male Lohnar­beit ist, und dabei gew­erkschaftlich noch weitaus schlechter organ­isiert ist. Es ist kein Zufall, dass der Druck auf LGBT-Men­schen in den Zeit­en der kap­i­tal­is­tis­chen Krise steigt. Wenn die Arbei­t­erIn­nen­klasse und die benachteiligten Teilen der Gesellschaft sich organ­isieren, set­zt die herrschende Klasse als let­zte Meth­ode auf die faschis­tis­che Karte, ein­er­seits um die organ­isierten Arbei­t­erIn­nen­be­we­gun­gen zu zer­schla­gen, ander­er­seits um ihre „Ord­nung“ zu befes­ti­gen. Die in den Krisen­zeit­en gestärk­ten faschis­tis­chen Grup­pierun­gen greifen gezielt LGBT-Men­schen an. Die faschis­tis­che griechis­che Partei Chrysi Avgi ist eine solche Erschei­n­ung.

Um den Kap­i­tal­is­mus zu über­winden, müssen die Lohn­ab­hängi­gen aller Län­der mit den unter­drück­ten Teilen der Gesellschaft eine Ein­heit bilden, denn nur vere­int kann der Kap­i­tal­is­mus besiegt wer­den! In Betrieben, Schulen und Straßen muss die Homo­pho­bie und der Het­ero­sex­is­mus the­ma­tisiert und bekämpft wer­den! Nur die sozial­is­tis­che Rev­o­lu­tion kann die Grund­la­gen für eine wirk­liche Gle­ich­berech­ti­gung ver­schieden­er sex­ueller Lebensweisen ermöglichen! Sofor­tige Wiedere­in­stel­lung von Halil Ibrahim Dinç­dağ als Schied­srichter!

Fußnoten

[1]. Abkürzung für Les­bian, Gay, Bisex­u­al und Trans­gen­der.

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