Deutschland

Für welche Welt wollen wir kämpfen?

Wie sehr die Massenbewegungen hin- und hergerissen sind zwischen Institutionalismus und Antikapitalismus, zeigt sich nirgends so gut wie in „Fridays for Future“. Leitartikel der ersten Ausgabe der neuen Druckzeitung KlasseGegenKlasse.

Für welche Welt wollen wir kämpfen?

Wie sehr die Massen­be­we­gun­gen hin- und herg­eris­sen sind zwis­chen Insti­tu­tion­al­is­mus und Antikap­i­tal­is­mus, zeigt sich nir­gends so gut wie in „Fri­days for Future“. Nie­mand verkör­pert dies so sehr wie Gre­ta Thun­berg selb­st: Sie klagt zornig den Kap­i­tal­is­mus für seine Prof­it­gi­er an und grüßt Barack Oba­ma mit Fist­bump, sie ruft zum Gen­er­al­streik auf und lässt sich ihre Atlantik-Über­querung vom Mona­co Yacht Club finanzieren. Einige Zyniker*innen, die mit böswilli­gen Kom­mentaren an der Seit­en­lin­ie ste­hen, sehen darin Heuchelei und rei­hen sich ins rechte Gre­ta-Bash­ing ein. Andere meinen, die Masse der Men­schen lerne in der Bewe­gung und könne die kap­i­tal­is­tis­che Pro­duk­tion­sweise „irgend­wie irgend­wann“ über­winden, wenn sie sich bewusst wird. Wir wollen dage­gen eine Per­spek­tive vorstellen, die die Wider­sprüche der Bewe­gung nicht nur sehr ernst betra­chtet, son­dern sie zum Aus­gangspunkt für die Analyse und fürs Han­deln nimmt.

Dieser Aus­gangspunkt ist die Klimabe­we­gung am Schei­deweg. Das gilt ein­mal für ihre Ziele: Emis­sion­shan­del, CO2-Steuer und Belas­tung der Konsument*innen oder Enteig­nung der Großkonz­erne und demokratisch geplante Wirtschaft? Das gilt eben­so für ihre Meth­o­d­en: Aktion­stage mit „Entre­pre­neurs for Future“ und sozial­part­ner­schaftlich­es Ausstem­peln für die Demo oder mobil­isierte poli­tis­che Streiks bis hin zum Gen­er­al­streik fürs Kli­ma? Und schließlich gilt es auch für ihre Führung und Basis: Luisa Neubauer mit ein­er bürokratisch ges­teuerten Masse eine Kar­riere ermöglichen oder mit den bewusstesten Teilen der Arbeiter*innenklasse, der Jugend und Unter­drück­ten eine nicht nur inter­na­tionale, son­dern auch inter­na­tion­al­is­tis­che Bewe­gung auf­bauen?

Tat­säch­lich ist Fri­days for Future nicht das Eine oder das Andere. Wed­er ist es die ges­teuerte Maschiner­ie des neolib­eralen Kap­i­tals, wie es die Recht­en gerne sagen. Noch ist es eine antikap­i­tal­is­tis­che Massen­be­we­gung, wie wir sie gerne hät­ten. Im Kern der Bewe­gung liegt ein antikap­i­tal­is­tis­ches Moment, wenn Gre­ta vor der UNO ihre berühmte Rede hält und sagt: „Men­schen ster­ben, die Ökosys­teme brechen zusam­men, wir befind­en uns am Beginn eines Masse­nausster­bens. Und Sie sprechen noch immer über Geld und Märchen über ewiges Wirtschaftswach­s­tum, wie kön­nen Sie es wagen?“

Aber dieser antikap­i­tal­is­tis­che Kern, auf Demos mit „Sys­tem change, not cli­mate change“ betitelt, der kann alles Mögliche bedeuten. Die gängig­ste Inter­pre­ta­tion dafür ist wohl die Post­wach­s­tum­sökonomie. Dieser utopis­che Ansatz will den Kap­i­tal­is­mus zu einem veg­a­nen Tiger machen, einem prof­itwirtschaftlichen Sys­tem mit Pri­vateigen­tum an Pro­duk­tion­s­mit­teln, das aber – Hokus­pokus – keine Über­pro­duk­tion hat und für den men­schlichen Gebrauch pro­duziert. Die Kapitalist*innen müssten auf selt­same Weise dem Kap­i­tal­is­mus entsagen – und schauen wir uns auf der Welt ein­mal um, dann sieht es nicht danach aus, als wäre ihnen danach.

Eine gän­zlich andere Inter­pre­ta­tion, das Märchen vom ewigen Wirtschaftswach­s­tum zu been­den, wäre die Enteig­nung der Kapitalist*innen und eine neue Organ­isierung der Gesellschaft in Form ein­er Plan­wirtschaft auf Grund­lage ein­er Arbeiter*innen-Demokratie, von der die poli­tis­che und ökonomis­che Macht aus­ge­ht. Dieses Mod­ell wurde durch seine stal­in­is­tis­che Karikatur diskred­i­tiert, erlangt aber jeden Tag aufs Neue durch die Ver­brechen des Kap­i­tal­is­mus und die glob­ale ökol­o­gis­che Katas­tro­phe eine bren­nende Aktu­al­ität. Dieses sozial­is­tis­che Pro­jekt, die Arbeiter*innen-Demokratie, ist ein inter­na­tionales und passiert anders als der Kap­i­tal­is­mus nicht von allein, son­dern muss bewusst her­beige­führt wer­den. Nie­mand kann mir nichts, dir nichts die Klimabe­we­gung zu ein­er sozial­is­tis­chen Bewe­gung machen. Die Frage ist erst ein­mal, in welche Rich­tung es über­haupt geht: Gegen die Bun­desregierung mit ihren arbeiter*innenfeindlichen Geset­zen, gegen die Konz­erne, die unsere Welt zer­stören und uns aus­beuten – dafür treten wir ein. Damit die Bewe­gung mit ein­er solchen Aus­rich­tung an Kraft gewin­nt, muss sie ihre Ver­bün­de­ten in der Arbeiter*innenbewegung suchen, deren Macht im Pro­duk­tions- und Zirku­la­tion­sprozess des Kap­i­tals die Mächti­gen dieser Welt erzit­tern lässt – wenn sie sie nutzt. Und sie muss sich mit der weltweit in den let­zten Jahren stark angewach­se­nen Frauen­be­we­gung verbinden, die die Waffe des Streiks langsam wieder für sich ent­deckt.

Mit unser­er sozial­is­tisch-fem­i­nis­tis­chen Grup­pierung Brot und Rosen treten wir genau für diese Verbindung ein. Denn nicht nur von der Kli­makatas­tro­phe sind über­pro­por­tion­al Frauen und Mäd­chen betrof­fen, son­dern auch von den schärf­sten Aus­drück­en der kap­i­tal­is­tis­chen Aus­beu­tung.

Für eine Aus­rich­tung auf die zen­trale Rolle der Arbeiter*innenklasse gibt es noch viele Hür­den: Sie liegen nicht nur in der unter Ein­fluss des „grü­nen Kap­i­tal­is­mus“ ste­hen­den Jugend, die in Deutsch­lands Osten wie West­en schlechte Erfahrun­gen mit denen hat, die sich sozial­is­tisch nen­nen. Auch in der Arbeiter*innenklasse, die von den bürokratis­chen Führun­gen der Gew­erkschaften am Streik gehin­dert wird, braucht es mehr als nur einen Aufruf und etwas Überzeu­gung. Nein, es ist notwendig eine Strö­mung aufzubauen, die ganz bewusst Anstren­gun­gen untern­immt, die sozialen Bewe­gun­gen und die organ­isierte Arbeiter*innenklasse zusam­men­zuführen, um diese Hür­den zu über­winden.

Dafür kämpfen wir inner­halb der Arbeiter*innenbewegung und inner­halb von Fri­days for Future an allen Orten, an denen wir präsent sind, mit unseren Grup­pierun­gen und mit unser­er Web­site www.klassegegenglasse.org – und mit dieser Zeitung, die wir bun­desweit her­aus­brin­gen.

Viele der hier angeris­se­nen Fra­gen stellen sich in ähn­lich­er Form auch für die Mieten­be­we­gung, die Frauen­be­we­gung oder die anti­ras­sis­tis­che Bewe­gung. Die Rubriken dieser Zeitung spiegeln die poli­tis­chen Felder wider, die uns zen­tral erscheinen, um eine eben­so real­is­tis­che wie opti­mistis­che pro­gram­ma­tis­che Debat­te zu führen: zur Ökolo­gie, zum Fem­i­nis­mus, zum Anti­ras­sis­mus, zur Mieten­be­we­gung und zu den Unis.

Mit dieser Zeitung wollen wir dazu beitra­gen, in Deutsch­land eine rev­o­lu­tionäre Organ­i­sa­tion aufzubauen – die es seit fast 90 Jahren nicht mehr gibt. Allen, die das für utopisch hal­ten, wer­fen wir ent­ge­gen: Wurde es denn seit­dem ver­sucht? Nein; es wurde ver­sucht in der SPD zu arbeit­en… die Grü­nen aufzubauen… in die Linkspartei zu gehen… die zig­tausend­ste NGO zu grün­den… und alles ist knall­hart gescheit­ert. Wir sind überzeugt, dass es möglich ist, ein Pro­gramm der Unab­hängigkeit von allen Vari­anten des Kap­i­tals zu vertreten und damit nicht nur am Rand zu ste­hen. Um diese Überzeu­gung greif­bar zu machen, präsen­tieren wir in dieser Zeitung die Erfahrung unser­er Genoss*innen aus Argen­tinien, die in ein­er harten Wirtschaft­skrise eine antikap­i­tal­is­tis­che Front der Unab­hängigkeit der Arbeiter*innenklasse auf­stellen und damit Hun­dert­tausende erre­ichen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.