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Femizid in Südkorea: Der Staat und die Chefs sind verantwortlich

Der jüngste Mord an einer Frau, die für die Metro in Seoul arbeitete, zeigt, welchen Gefahren Arbeiter:innen in Korea ausgesetzt sind. Die Arbeiterklasse muss sich gegen Femizid und sexualisierte Belästigung am Arbeitsplatz organisieren.

Femizid in Südkorea: Der Staat und die Chefs sind verantwortlich

Am 14. September wurde an der Sindang Station in Seoul ein brutaler Frauenmord an einer Mitarbeiterin der Seoul Metro verübt. Die Bahngesellschaft kennzeichnet alle ihre Damentoiletten mit dem Slogan „Eine Toilette, in der Frauen glücklich sind“, aber ihre Politik und ihre Arbeitsbedingungen bringen die Arbeitnehmer.innen in Gefahr.

Die Frau und ihr Mörder, Jeon Joo-hwan, begannen zur gleichen Zeit bei dem Unternehmen zu arbeiten. Jeon hatte seine Mitarbeiterin seit 2019 kontinuierlich gestalkt. Das Opfer erstattete Anzeige bei der Polizei, aber das Gericht lehnte den Haftbefehl ab. Sie reichte eine zweite Klage wegen Stalking ein. Im zweiten Fall beantragte die Polizei keinen Haftbefehl. Es wurden polizeiliche Schutzmaßnahmen ergriffen, die jedoch auf einen Monat begrenzt waren. Joen wurde einem Gerichtsverfahren unterzogen, aber er wurde nicht inhaftiert, und es wurden keine Sicherheitsmaßnahmen zum Schutz seiner Mitarbeiterin getroffen.

Seoul Metro enthob Joen seines Postens, ließ ihm aber den Zugang zum Computernetzwerk des Unternehmens, das er nutzte, um die Bewegungen seines Opfers zu verfolgen, während sie bei der Arbeit war. Schließlich wurde das Opfer bei der Arbeit getötet.

Der südkoreanische Staat und die Metro Seoul haben diesen Femizid ermöglicht. Jeden Tag wendet sich der Staat von der Gewalt gegen Frauen ab, während die Gerichte die Aufrufe der Schutz suchenden Frauen ignorieren. Seoul Metro priorisiert ihren Profitgewinn, statt Maßnahmen zur Beseitigung sexualisierte Gewalt zu ergreifen. Koreanische Medien berichteten, dass viele von Joens Kolleg:innen ihn als „guten Menschen“ bezeichneten, ein Ausdruck der zunehmenden frauenfeindlichen Stimmung in rechten Kreisen der koreanischen Gesellschaft.

Gewalt gegen Frauen ist in Südkorea weit verbreitet. Laut einer Umfrage zu diesem Thema gaben 57,8 Prozent der Frauen an, dass sie sich durch frauenfeindliche Gewalt bedroht fühlen. Das Ministerium für Geschlechtergleichstellung und Familie veröffentlichte diese Ergebnisse im August 2021. Achtzig Prozent der Opfer von Gewaltverbrechen in Südkorea sind Frauen. Koreanische Medien berichten, dass eine Frauenrechtsgruppe Korea Women’s HotLine, herausgefunden hat, dass in mindestens 83 koreanischen Femizidfällen Frauen von Männern getötet wurden, mit denen sie eine enge Beziehung hatten. Diese alarmierenden Zahlen kommen sechs Jahre nach dem aufsehenerregenden Mord an einer Frau in der Gangnam Station.

Angesichts der Ausbreitung solcher Gewalt behauptet der Minister für Geschlechtergleichstellung und Familie, er werde solche Gewalt verhindern und eine Gesellschaft schaffen, in der Frauen sicher sind. Der Premierminister sagte, er werde strenge Maßnahmen ergreifen, um die Wiederholung von Femiziden zu verhindern. Aber derselbe Premierminister und der Präsident sagen, sie wollen das Ministerium für Gleichstellung und Familie abschaffen. Wie kann man ihnen vertrauen, dass sie für die Sicherheit der Frauen sorgen?

Auch den Gerichten kann man nicht zutrauen, Frauen zu schützen. Stalking ist ein typisches „Vorhersageverbrechen“, das zu Gewaltverbrechen wie Mord führt. In diesem Fall hat das Gericht die Verhaftung jedoch mit der Begründung abgelehnt, es bestehe keine Gefahr. Die Gerichte zeigen immer wieder Gnade oder mildern das Strafmaß bei Verbrechen gegen Frauen aus verschiedenen Gründen, z. B. wenn der Angeklagte zum ersten Mal straffällig wird, Reue zeigt, eine geistige oder körperliche Schwäche hat oder sich bereit erklärt, einen Vergleich mit dem Opfer zu schließen.

Dies ist nicht das erste Mal, dass Seoul Metro wegen seiner Maßnahmen gegen sexualisierten Übergriffen kritisiert wird. Im Jahr 2018 löste das Unternehmen eine Kontroverse aus, als es einen Manager, der wegen sexualisierter Übergriffe diszipliniert wurde, an einem Arbeitsplatz einstellte, der sich in der Nähe eines seiner Opfer befand. Es wird vermutet, dass das Unternehmen die Frau überwacht hat, die die sexualisierte Belästigung dieses Managers aufgedeckt und Konsequenzen gefordert hatte. Das Unternehmen hätte geeignete Maßnahmen ergreifen müssen, um sexualisierte Gewalt am Arbeitsplatz zu bekämpfen und das Opfer zu schützen. Stattdessen setzte sich die sexualisierte Belästigung am Arbeitsplatz im Jahr 2020 in einem solchen Ausmaß fort, dass jede:r fünfte Beschäftigte der Metro Seoul angab, sexualisierte Belästigung erlebt oder davon mitbekommen zu haben. Es ist kein Wunder, dass eine weitere Frau an ihrem Arbeitsplatz infolge der Nachlässigkeit seitens Seoul Metro getötet wurde.

Darüber hinaus hat die Metro Seoul ständig Umstrukturierungen vorgenommen und die Zahl der Beschäftigten reduziert. Auch in diesem Jahr drängt das Unternehmen auf eine Umstrukturierung oder „Managementinnovation“, die die Beschäftigten unter Druck setzen wird. Das Recht der Arbeiter:innen, sicher zu arbeiten, ohne zu sterben, ist dem Unternehmen egal. Ein Arbeitsplatz, an dem es an Personal mangelt, kann nicht sicher sein. Am Tag des Vorfalls wurde eine Bahnhofsarbeiterin getötet, als sie allein auf Streife ging. Die Metro Seoul und die Regierung, die nur auf Kostenreduzierung bedacht sind, können das Risiko sexualisierter Gewalt gegen Arbeiter:innen nicht richtig einschätzen. Die koreanischen Gewerkschaften, die für Einigkeit und Kampf gegründet wurden, müssen den Kampf für die Sicherheit am Arbeitsplatz und die Solidarität mit Frauen aufnehmen. Die koreanischen Arbeiter:innen müssen gemeinsam dafür kämpfen, die Unterdrückung und Diskriminierung von Arbeiterinnen zu beenden. Wenn Arbeiterinnen sicher arbeiten können, können alle Arbeiter sicher arbeiten.

Dieser Artikel erschien zuerst am 05.10.2022 bei unserer US-amerikanischen Schwesterseite LefVoice.

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