Unsere Klasse

Ein sächsischer Leuchtturm

Es ist nicht irgendein Arbeitskampf. Es ist ein sechswöchiger Streik von 700 Beschäftigten in der Kernindustrie der deutschen Wirtschaft. Die Beschäftigten von Neue Halberg Guss (NHG) in Leipzig haben entschlossen ihre Kampfkraft bewiesen – auch wenn jetzt durch die Schlichtung der Streik pausiert wurde. Mit nahezu 100%-iger Organisierung hatten sie seit dem 14. Juni gestreikt. Ein Beispiel, das Mut macht. Nicht nur den Halberg Guss Kolleg*innen in Saarbrücken.

Ein sächsischer Leuchtturm

Oskar Lafontaine forderte jüngst die Enteig­nung von Hal­berg Guss. Wenn Lafontaine von Enteig­nung spricht, so meint er eine Ver­staatlichung im Sinne ein­er Entschädi­gung der*des Eigentümer*in durch Steuergelder. Das kann man schon machen, es wäre eventuell ein Fortschritt zur jet­zi­gen Sit­u­a­tion. Eine nach­haltige Lösung kann das aber nicht sein. Denn wessen Steuergelder müssen für das mis­s­ratene Geschäftsmod­ell der*des Eigentümer*in her­hal­ten? Genau, die der Arbei­t­en­den. Nach solch ein­er Ver­staatlichung wird die Regierung wieder erzählen, dass Schwimm­bäder geschlossen bleiben müssen und dass die Rentenkassen leer­er wer­den. Kon­trolle über ihren Betrieb und ihre Arbeits­be­din­gun­gen hät­ten die Beschäftigten darüber hin­aus auch kaum. Denn der Staat, der den Betrieb ver­wal­ten würde, ist genau der Staat, der den Konz­er­nen Steuergeschenke macht und den Arbeiter*innen Hartz4 aufs Auge drückt.

Die Forderung nach Enteig­nung kann aber auch ganz anders ausse­hen. Wenn wir von Enteig­nung sprechen, meinen wir: die Betriebe unter die Kon­trolle der Arbeiter*innen stellen. Ohne Aus­bezahlung der Eigentümer*innen. Gle­iche Löhne für alle. Sitzun­gen, in denen jede*r das gle­iche Mit­spracherecht hat. Keine Bosse, keine Vorge­set­zten. Hier­ar­chie im Sinne der gegen­seit­i­gen Ver­ant­wortlichkeit. Das sind keine Utopi­en. In den let­zten Jahren macht­en durch Arbeiter*innen kon­trol­lierte Betriebe weltweit Schule. Mitunter auch in Deutsch­land.

Strike Bike

So zum Beispiel im thüringis­chen Nord­hausen. Im Jahr 2007 wurde das dor­tige Fahrrad­w­erk der „Bike Sys­tems GmbH“ geschlossen. Das ehe­ma­lige Fab­rikgelände des „VEB IFA Motoren­werk“ kam über die Treu­hand nach ein­er Rei­he von Über­nah­men 2005 an die amerikanis­chen Fonds­ge­sellschaft „Lone Star“. Nach nur zwei Jahren musste „Bike Sys­tems“ trotz des amerikanis­chen Investors einen Insol­ven­zantrag stellen. Mit der abrupten Stil­l­le­gung Ende Juni 2007 war die Belegschaft schla­gar­tig mit der Arbeit­slosigkeit kon­fron­tiert. Es fol­gte ein Aufruf zur Betrieb­sver­samm­lung auf dem Werks­gelände – für 115 Tage. Dadurch kon­nte zunächst der voll­ständi­ge Abbau der Fer­ti­gungsan­la­gen ver­hin­dert wer­den. In dieser Zeit entschlossen sich die Angestell­ten für den Plan, die Fab­rik in Eigen­regie weit­erzuführen und das rote „Strike Bike“ zu fer­ti­gen. Design, Aufträge, Mate­ri­albestel­lung, Fer­ti­gungs­ket­ten, Schicht­pläne, Ver­sand: alles ohne Bosse. Zum ersten Mal ver­di­en­ten die Angestell­ten in etwa das, was sie an Arbeit leis­teten. Bis nach Pana­ma, Ameri­ka und Island wur­den die Fahrräder ver­schickt. Trotz der weltweit­en Sol­i­dar­ität war Ende Okto­ber des gle­ichen Jahres Schluss. Was blieb, war für Deutsch­land den­noch his­torisch: ein kom­plet­ter Betrieb in Arbeiter*innenhand und die Erken­nt­nis, dass die Arbeiter*innen sich selb­st organ­isieren kön­nen.

Vio.me

Ortswech­sel: Thes­sa­loni­ki, Griechen­land. 2011 zeigte sich hier die Finanzkrise der vor­ange­gan­genen Jahre in ihrem ganzen Aus­maß. Massen­hafte Arbeits- und Obdachlosigkeit, Arbeit­slosen­geld für max­i­mal ein Jahr. Wer kein Arbeit­slosen­geld mehr bekam, ver­lor automa­tisch das Recht auf Kranken­ver­sicherung. Die Löhne waren stark gesunken, zahlre­iche Betriebe mussten Insol­venz anmelden. Noch heute sind rund 20% der Griech*innen arbeit­s­los. Von diesem Schick­sal betrof­fen waren auch die Arbeiter*innen von Vio.me, bis 2011 eine Tochter­fir­ma des Fliesen­pro­duzen­ten „Philk­er­am John­son“. Die Unternehmer*innenfamilie Philip­pou, die „Philk­er­am John­son“ 1962 aufge­baut hat­te, ließ die Arbeiter*innen zu Beginn der Krise mit ihrem Schick­sal allein. Während sie mit mehreren Mil­lio­nen Euro, also mit den Löh­nen der Arbeiter*innen, sowie Steuern und Sozial­ab­gaben für den Staat, ver­schwan­den. Damit sich die Bosse nicht auch noch die Maschi­nen aneigneten, beset­zten die ehe­ma­li­gen Beschäftigten die Fab­rik und fin­gen selb­stor­gan­isiert an, Seife und Kos­metikar­tikel zu pro­duzieren. Diese Selb­stor­gan­i­sa­tion ver­fol­gen sie bis heute nicht nur inner­halb der Fab­rik, son­dern auch in der Gesellschaft. In ein­er Arte-Doku­men­ta­tion sagt ein Arbeit­er von Vio.me dazu passend:

Wir wer­den unseren let­zten Blut­stropfen geben, denn das hier ist nicht nur eine Fab­rik, das ist die Gesellschaft. Es ist ein anderes Leben, wir sprechen hier von ein­er neuen Gesellschaft und die soll nicht nur für wenige sein, son­dern für alle. Dafür kämpfen wir und darum sind wir hier.

Fabrica sin Patrones (FaSinPat, ehem. Zanon)

Gegen ähn­lich Zustände wie in Griechen­land mussten die Men­schen in Argen­tinien ankämpfen. Auch dort zeigte sich eine schwere Krise, die 2001/2002 mehr als 50% der Men­schen in die Armut trieb. Mehr als 20% wur­den arbeit­s­los. Viele Bosse woll­ten ihre Fir­men und Fab­riken daher möglichst schnell loswer­den, um eine Stil­l­le­gung­sprämie zu erhal­ten. Das Wohl der Arbeiter*innen küm­merte sie wie immer wenig. Bei Zanon, wie FaS­in­Pat vor 2009 hieß, zeigten sich diese untrag­baren Zustände von Beginn an. Die Fliesen­fab­rik wurde 1979 von Lui­gi Zanon gegrün­det, mit bester Unter­stützung durch das dik­ta­torische Obris­ten­regime. Jedes Jahr gab es rund 300 Arbeit­sun­fälle, manche*r Arbeiter*in starb sog­ar. Als Zanon im Zuge der Krise geschlossen wer­den sollte, trat­en die Beschäftigten in einen Streik und beset­zten die Fab­rik, wobei sie große Unter­stützung aus der Bevölkerung erhiel­ten. Nur ein Jahr später, also 2002, kon­nten sie bere­its die ersten Pro­duk­te unter Selb­stver­wal­tung aus­liefern. Der ehe­ma­lige Chef, Lui­gi Zanon, ver­suchte daraufhin seine Ansprüche auf die Fab­rik wieder gel­tend zu machen. Doch die Arbeiter*innen kämpften gemein­sam und macht­en deut­lich, dass sie die arbeiter*innenfeindlichen und neolib­eralen Zustände nicht mehr ertra­gen woll­ten. Es war ein langer Kampf, doch 2009 wurde Lui­gi Zanon die Fab­rik endgültig genom­men. Sei­ther unter­ste­ht sie auch formell der Koop­er­a­tive und heißt “Fab­ri­ca sin Patrones”: Fab­rik ohne Bosse.

Die Perspektive bei NHG

Die Erschüt­terun­gen der let­zten Krise sind noch gar nicht vor­bei, da rollt die näch­ste schon her­an. Weltweit wer­den die Rechte von Frauen, von Geflüchteten und von Arbeiter*innen ange­grif­f­en. Ob das die innere Mil­i­tarisierung Deutsch­lands durch die neuen Polizeiauf­gabenge­set­ze ist, der 12-Stun­den-Tag der der schwarz-blauen Regierung in Öster­re­ich oder die Rück­nahme der soge­nan­nten „Oba­macare“, der geset­zlichen Kranken­ver­sicherung in den USA. Der Recht­sruck ist vor allem in sein­er sozialpoli­tis­chen Dimen­sion erkennbar. Kommt es in Zukun­ft zu ein­er ähn­lichen Sit­u­a­tion wie 2007, was wird dann die Antwort der Eigentümer*innen sein? Ent­las­sun­gen, Insol­venz, Werkss­chließun­gen. Und die Fol­gen? Ein Anstieg der Arbeit­slosigkeit, eine Teuerung von Waren und eine wahrnehm­bare Infla­tion. Ähn­lich wie jet­zt die Kolleg*innen bei NHG, wer­den tausende Men­schen sich in ein­er ähn­lich auswe­g­los scheinen­den Sit­u­a­tion wiederfind­en.

Wenn wir also von Fab­riken in Arbeiter*innenhänden sprechen, dann schla­gen wir eine Per­spek­tive vor. Eine Per­spek­tive, bei der wir nicht länger der Spiel­ball der Bosse bleiben. Bei der wir selb­st über unsere Lebens­be­din­gun­gen entschei­den kön­nen. Neue Hal­berg Guss in Leipzig ist – mit ihrer Kampf­moral, mit ihrem Organ­i­sa­tion­s­grad – ein Leucht­turm, der uns den Weg weisen kön­nte. Einen Weg, der aus der Erfahrung zahlre­ich­er Arbeiter*innen vor uns schon mehrmals began­gen wor­den ist.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.