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Ein revolutionärer Sozialist erklärt den Klassenkampf in der größten Zeitung des Landes

Nicolás del Caño (37) ist Spitzenkandidat der Front der Linken und Arbeiter*innen (FIT) in Argentinien. Die "harte Linke" der trotzkistischen FIT hat bereits mehr als eine Million Stimmen bekommen. Deswegen kann sie revolutionäre Ansichten in den großen bürgerlichen Medien verbreiten. Im Interview mit der Zeitung "Clarín" spricht Nico über das Ziel einer Arbeiter*innenregierung, den Unsinn der "Verelendungstheorie" und weshalb er als Abgeordneter auf den Großteil seiner Diät verzichtet.

Ein revolutionärer Sozialist erklärt den Klassenkampf in der größten Zeitung des Landes

Nico ist Mitglied der Partei Sozialistischer Arbeiter*innen (PTS), Schwesterorganisation von RIO und eine der drei Organisationen der FIT. Bei den letzten Präsidentschaftswahlen im Jahr 2015 bekam er etwas mehr als drei Prozent der Stimmen. In seiner Heimatstadt Mendoza holte er sogar 17 Prozent für das Amt des Bürgermeisters und landete auf Platz Zwei. Aktuell spielt er eine prominente Rolle beim Kampf der Arbeiter*innen von PepsiCo gegen die Schließung ihrer Fabrik. Über die Rolle der Linken sprach er mit Julio Blanck von „Clarin“, der größten Tageszeitung Argentiniens.

Julio Blanck: Einige Minister*innen und Gewerkschaftsführer*innen sagen diese Tage in Bezug auf den Kampf bei PepsiCo: Jedes Mal, wenn die Linke einen gewerkschaftlichen Kampf führt, endet das mit der Schließung der Fabrik und dem Verlust der Arbeitsplätze. Glauben Sie, es könnte etwas daran sein?

Nicolas del Caño: Nein, überhaupt nicht. An vielen Orten, bei vielen Kämpfen, wo Genoss*innen der Linken intervenieren, haben wir das Gegenteil bewiesen. Kolleg*innen werden nach Kämpfen wieder eingestellt und Löhne werden erhöht. Die rechte Sicherheitsministerin Bullrich, die sowas sagt, müsste viele dieser Fälle kennen, zum Beispiel der Streik bei Kraft. Dort hat die Fabrik nicht geschlossen – im Gegenteil wurden entlassene Kolleg*innen wieder eingestellt. Heute funktioniert die Fabrik weiter mit über 2.000 Arbeiter*innen. Genoss*innen der PTS und Unabhängige haben durch den Arbeitskampf die Mehrheit im Betriebsrat erobert, nachdem der frühere Betriebsrat den Entlassungen zugestimmt hatte.

Davon gibt es viele Beispiele. In Wirklichkeit sieht man, wo es Organisationen der Linken gibt, kann man sagen: Hier gibt es Widerstand, hier gibt es Kämpfe. Bei diesen Beispielen hat man den Offensiven der Unternehmer*innen Einhalt geboten. Wie eben der Fall von PepsiCo, wo die Arbeiter*innen in fast 20 Jahren zahlreiche Verbesserungen erkämpft haben.

JB: Man sagt, die „harte Linke“, d.h. der Trotzkismus, tut alles, um soziale und politische Konflikte zuzuspitzen, nach dem Motto „wenn es schlecht läuft, ist das besser“ [sowas wie die „Vereledungstheorie“]. Ist das so?

NdC: Überhaupt nicht. Wir kämpfen immer für jede einzelne Forderung der Arbeiter*innen. Wenn extreme Krisensituationen aufkommen, nehmen die Arbeiter*innen selbstverständlich oft den Kampf auf. Aber die Bedingungen sind dann schlecht. Wenn man zum Beispiel so viele Arbeitslose hat wie hier in den 90er Jahren, dann ist es wirklich nicht einfach für die Arbeiter*innenklasse zu kämpfen. Denn der Kapitalismus versucht, eine industrielle Reservearmee aufzubauen. Damals gab es mehr als 20 Prozent Arbeitslose, weshalb man die Löhne nach unten drucken und die Arbeitsbedingungen insgesamt verschlechtern konnte.

Deswegen glauben wir überhaupt nicht, dass es besser ist, wenn die Arbeiter*innenklasse verelendet, oder dass es besser für uns ist, wenn sich die Lage für unsere Klasse verschlechtert. Das ist ein Vorurteil und wir glauben das nicht. Im Gegenteil: Je mehr Errungenschaften die Arbeiter*innen haben, je besser die Organisation, desto besser kann man Kämpfe führen.

JB: Fühlten Sie sich wohler früher als Gegner der Mitte-Links-Regierung von Cristina Kirchner? Oder jetzt als Gegner der rechten Regierung von Mauricio Macri?

NdC: Unsere Perspektive ist der Kampf für eine Arbeiter*innenregierung, also eine sozialistische Perspektive. In diesem Sinne waren wir in Opposition zur letzten Regierung. Im Jahr 2014 beim Autozulieferer Lear wurden Arbeiter*innen entlassen, weil sie als Betriebsrat ihre Zustimmung zu einem neuen Vertrag verweigert haben, der schlechtere Bedingungen für neu eingestellte Kolleg*innen vorsah. Und das ist das gleiche Programm, das sie jetzt in Brasilien durchsetzen wollen mit der „Flexibilisierung“ des Arbeitsmarktes.

Wir sehen uns immer in der gleichen Stellung: Wir verteidigen die Interessen der Arbeiter*innen und der armen Massen gegen die Regierungen, die die Interessen der Kapitalbesitzer*innen repräsentieren. Dabei hat jede Regierung eigene Nuancen, mit unterschiedlichen politischen Bündnissen und in unterschiedlichen Momenten, je nach der nationalen und internationalen wirtschaftlichen Situation. Aber wir kämpfen mit dieser Perspektive – egal, wer gerade an der Regierung ist. Wir wollen einen grundlegenden Wandel, eine Regierung der Arbeiter*innen.

JB: Als Sie 2013 einen Sitz im Parlament gewonnen haben, haben Sie vorgeschlagen, dass ein*e Abgeordnete*r nicht mehr verdienen soll als ein*e Lehrer*in. Aber wieso nach unten angleichen? Sollte ein*e Lehrer*in nicht vielmehr so viel verdienen wie ein*e Abgeordnete*r?

NdC: Dieser Vorschlag, Julio, soll mit den Privilegien Schluss machen. Das bedeutet nicht, dass wir die Löhne von Lehrer*innen für gerecht halten. Wir kämpfen dafür, dass der Mindestlohn so angehoben wird, dass er die Ausgaben eines normalen Haushalts deckt. Aber wir denken, dass es nicht sein kann, dass ein*e Abgeordnete*r zehn- oder fünfzehnmal mehr verdient als ein*e Arbeiter*in. Das schlagen wir vor – und das setzen wir bei uns selbst in die Praxis um.

JB: In welchem Land heute, oder auch in der Vergangenheit, gab es ein wirtschaftliches, soziales, politisches Modell, dass Sie als Vorbild sehen?

NdC: Es gab revolutionäre Prozesse, die Regierungen der Arbeiter*innen erkämpft haben. Aber es gibt aktuell kein Land, wo unsere Perspektive umgesetzt ist. Überall herrscht ein soziales System, das die Profite von einigen wenigen auf Kosten von Millionen garantiert.

Heute siehst du auf internationaler Ebene die Geflüchteten in Europa, ganze Kontinente befinden sich in Krieg, Hungersnot und Elend, während gleichzeitig immer mehr Reichtum konzentriert wird. Ich gebe dir eine Zahl: Nur acht Menschen besitzen so viel wie drei Milliarden Menschen. Wir wollen mit diesem sozialen Regime aufhören.

Das Interview erschien am 20. Juni auf Clarín.com und wurde auf La Izquierda Diario gespiegelt.

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