Frauen und LGBTI*

“Ein freies Land braucht freie Frauen” – Interview mit Isleen Atallah (18) zu den palästinensischen Frauenprotesten von Beirut bis Ramallah

An diesem Donnerstag gingen in Jerusalem, Ramallah, Gaza, Haifa und in den palästinenssischen Geflüchtetenlagern in Beirut mehr als 3000 Palästinenser*innen unter dem Motto “tal3at” – “Wir (Frauen) kommen raus” in 11 Städten bis spät in der Nacht auf die Straße. Auslöser war eine Serie von Feminiziden (Frauenmorden), unter anderem der Fall der 21-jährigen Israa Ghrayeb, die von männlichen Familienmitgliedern für das Veröffentlichen eines Selfies mit ihrem Freund ein Tag vor ihrer Verlobung ermordet wurde. Allein im Jahr 2018 wurden 38 palästinensische Frauen Opfer von familiärem Frauenmord. Wir haben mit der jungen Aktivistin Isleen Atallah (18) aus Jerusalem gesprochen, die sich an den Protesten beteiligt hat.

Isleen, warst du gestern auch auf der Straße?

Ja, ich bin auf die Demon­stra­tion nach Ramal­lah gefahren und habe dort bis spät Abends mit mehreren hun­dert Frauen im Stadtzen­trum demon­stri­ert. Es liefen haupt­säch­lich Schü­lerin­nen und junge Frauen mit, aber auch einige Män­ner. Wir haben mit der The­ater­gruppe Al-Bas­ta ein stummes The­ater­stück vorge­führt, um die All­t­ag­sun­ter­drück­ung zu verdeut­lichen, die Frauen in unser­er Gesellschaft erlei­den.

Wer hat denn zur Demon­stra­tion aufgerufen?

Die Organisator*innen in Ramal­lah waren unter­schiedliche Jugend­grup­pierun­gen – einige, die sich speziell mit Frauen­recht­en beschäfti­gen, aber auch welche, die unter­schiedliche pro­gres­sive Kämpfe unter­stützen. Parteien und andere Organ­i­sa­tio­nen waren eher zurück­hal­tend, die Demon­stra­tion hat­te schon die Form eines bunt gemis­cht­en Massen­protestes. Aber bei allen Demon­stra­tio­nen standen auf jeden Fall die Frauen an der Spitze.

Wie viele Men­schen kon­nten mobil­isiert wer­den?

Es wurde ins­ge­samt in 11 Städten mobil­isiert, unter anderem in Gaza, Ramal­lah, Jerusalem, Nazareth und Haifa. In Haifa allein waren es 1000 Demon­stri­erende, ins­ge­samt würde ich die Zahl auf unge­fähr 3000 schätzen.

Auf dem Foto in der Mitte: Isleen Atal­lah (18)

Hat­tet ihr mit Repres­sio­nen zu kämpfen?

Die Organisator*innen der Demon­stra­tion in Ramal­lah haben den Protest bei der Palästi­nen­sis­chen Autonomiebe­hörde angekündigt, deshalb hat die Polizei, die dauer­haft am Man­ara-Platz (Stadtzen­trum) sta­tion­iert ist, nur zugeschaut und nicht einge­grif­f­en. Allerd­ings gab es Über­griffe bei der Demon­stra­tion in Jerusalem. Dort hat das israelis­che Mil­itär nach dem Zeigen ein­er Palästi­nafahne die Demonstrant*innen physisch und ver­bal ange­grif­f­en.

Gab es konkrete Forderun­gen?

Die zen­trale Forderung war die Beendi­gung von Gewalt an Frauen, vor allem der Gewalt und Frauen­mord in der Fam­i­lie. Es wurde aber auch das Grun­drecht von Frauen einge­fordert, Dinge zu tun, die hier in kon­ser­v­a­tiv­en Teilen der Bevölkerung als ver­w­er­flich gel­ten, wie zum Beispiel ohne Begleitung auf die Straße zu gehen. Ich glaube, der Frust drückt sich momen­tan durch die Forderung eines inneren Umbruchs in Kul­tur und Tra­di­tio­nen aus, nicht so sehr durch geset­zliche Forderun­gen.

Was poli­tisch allerd­ings auch über­all und auf vie­len Plakat­en zum Aus­druck gebracht wurde, war die Forderung, die Besatzung zu been­den. Freie Frauen brauchen ein freies Land, in dem sie sich frei bewe­gen kön­nen, aber ein freies Land braucht auch freie Frauen, die mit voller Kraft für ihre Rechte kämpfen kön­nen.

Glaub­st du, dass die Proteste weit­er gehen wer­den?

Ich bin mir nicht sich­er, ob es eine ein­ma­lige Aktion bleibt, aber die Stim­mung kocht. Und wir haben auf jeden Fall Selb­st­be­wusst­sein aus dem Protest geschöpft –so eine große Mobil­isierung von und öffentliche Sol­i­dar­ität zwis­chen Frauen haben wir noch nie erlebt.

Weit­ere Bilder und Videos auf Insta­gram unter @tal3at_sept26

Inter­view: Aurélie Mattmüller, Brot und Rosen München

One thought on ““Ein freies Land braucht freie Frauen” – Interview mit Isleen Atallah (18) zu den palästinensischen Frauenprotesten von Beirut bis Ramallah

  1. Inge Mattmüller sagt:

    Sehr mutige Frauen ich möchte meinen Respekt ihnen gegenüber aus­drück­en. Lässt euch nicht unter­drück­en lasst euch ni ht ein­schüchtern und bleibt dran. Jede Woche Fre­itag für Frei­heit.
    Viel Kraft
    Viel Mut
    Viel Sol­i­dar­ität
    Weltweit!!!

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