Jugend

Ein erzwungenes Ja zum teuren Semesterticket

Schon drei Jahre nach seiner Einführung steht das Semesterticket für die Münchner Hochschulen vorm Aus. Nach der gewaltigen Preiserhöhung von über 15 Prozent dieses Semester sollen nun die Studierenden über den Erhalt des Tickets abstimmen. Diese Urabstimmung dient aber dazu, dass die Studierenden die höheren Preise, die gegen ihr Interesse sind, abnicken sollen. Wir müssen mit Ja stimmen, weil die Alternative unbezahlbar ist.

Ein erzwungenes Ja zum teuren Semesterticket

Das Semesterticket, das erst 2013 als einer der Erfolge der Bildungsstreikbewegung eingeführt wurde, war schon immer von der Abschaffung bedroht: Dem Münchner Verkehrs- und Tarifverbund (MVV) war es nie teuer genug. Dieses Jahr gab es nach zähen Verhandlungen zwischen dem Studentenwerk und dem MVV einen Kompromiss, wie das Ticket doch noch weitergeführt werden soll. Es ist ein fauler Kompromiss, der ohne demokratische Beteiligung der Studierenden ausgehandelt wurde. Die Verkehrsunternehmen forderten eine saftige Preiserhöhung und sogar das Studentenwerk wehrte sich nicht – es wünschte sich selbst ein etwas teureres Semesterticket. Diesem Kompromiss sollen die Studierenden in einer undemokratischen Abstimmung Legitimation verleihen.

Bei einer Wahl zwischen überteuertem Semesterticket und noch teureren Zeitkarten gibt es nur eine sinnvolle Abstimmungsmöglichkeit: Ja zum Semesterticket! Die Abstimmung ist aber nicht dazu gedacht, dass es an der Uni demokratischer zugeht. Durch die Auswahlmöglichkeiten, die nur eine Entscheidung zulassen, kann der MVV leicht seine Preiserhöhung durchdrücken – ohne mit Protest rechnen zu müssen, es gab ja immerhin die Abstimmung.

Bei einem negativen Ausgang der Abstimmung können die Verkehrsunternehmen auf den Willen der Studierenden verweisen und sich so aus der Verantwortung stehlen, dass sie einen erheblichen Beitrag am Scheitern des Tickets leisteten. Dabei ist die Abstimmung so aufgebaut, dass sie leicht scheitern kann: Wenn nicht an jeder der teilnehmenden Hochschulen die Mehrheit mit Ja stimmt und nur an einer Hochschule die Wahlbeteiligung unter 25 Prozent liegt, fällt das Ticket durch.

MVV: So teuer wie alles in München

Der Münchner Verkehrs- und Tarifverbund (MVV) ist unglaublich teuer, eine Fahrt durch München kostet 2,70 Euro, ab dem 11. Dezember sogar 2,80 Euro. Eine Fahrt aus dem näheren Umland in die Innenstadt ist doppelt so teuer. Auch die Preise für Monatskarten steigen kontinuierlich. Für die meisten Studierenden, also alle, die nicht Justus heißen, ist das Semesterticket ein großartiges Angebot, um einigermaßen erschwinglich den öffentlichen Verkehr legal nutzen zu können.

Großzügig sind die Verkehrsunternehmen allerdings nicht. Sie haben uns bereits jedes Semester tiefer in die Taschen gegriffen. Das Semesterticket besteht aus zwei Teilen: dem Solibeitrag, der zum Wintersemester 2016/17 von 62,50 Euro auf 65 Euro und der IsarCardSemester, die für dieses Semester von 157 Euro auf 189 Euro erhöht wurde. Zusammen also 254 Euro – weitere Preissteigerungen nicht ausgeschlossen. Nur zur Erinnerung: Bei der Einführung 2013 hat das ganze „nur“ 200 Euro gekostet, ein Teuerung von 28 Prozent.

Das Semesterticket ist den Verkehrsunternehmen ein Dorn im Auge. Freiwillig wollten sie es nicht einführen – ansonsten hätte es das Ticket wohl vor 2013 gegeben. Mit Argumenten wie: „mindestens 70 Prozent aller Studierenden müssten es sich kaufen, damit es sich rentiert“, haben die Bonz*innen der Verkehrskonzerne versucht, die Einführung und Beibehaltung zu sabotieren. Die Beibehaltung lässt sich der MVV nun teuer von den Studierenden erkaufen.

Eine Abstimmung: Die Demokratie pulsiert

Die Studierenden schließen den Vertrag nicht selbst mit dem MVV, sondern an ihrer Stelle das Studentenwerk, das hierfür die Studierenden lediglich „befragt“. Das Votum ist also nicht bindend, sondern eine Art Empfehlung. Ein weiteres Problem der Abstimmung ist, dass nur LMU, TU und HM an der Abstimmung teilnehmen. Studierende an anderen Münchner Hochschulen (u. a. die Akademie der bildenden Künste, die Filmhochschule, die Hochschule für Musik und die KSFH) dürfen überhaupt nicht abstimmen, obwohl sie genauso von der Entscheidung betroffen sein werden.

Dass eine Abstimmung überhaupt in dieser Form stattfindet, ist ein Ausdruck davon, dass es keine Demokratie an der Uni gibt. In die Gremien brauchen wir keine Illusionen zu setzen. Sie sind höchstens minimal demokratisch legitimiert und haben uns diese undemokratische Abstimmung eingebrockt. Illusionen in die Abstimmung müssen wir auch nicht haben. Ein positives Ergebnis wird das Semesterticket nicht dauerhaft retten können. Schon nach fünf Jahren wird neu verhandelt werden müssen. Dazwischen wird eine Preiserhöhung die nächste jagen.

Für einen bezahlbaren öffentlichen Nahverkehr!

Es ist wichtig, das Semesterticket zu sichern. Allerdings muss es bezahlbar sein. Darüber hinaus brauchen nicht nur Studierende günstige Tickets, auch Azubis müssen ein bezahlbares Ausbildungsticket erhalten. Viele andere Personen, wie Geflüchtete oder Arbeitslose, sind vom Nahverkehr fast ausgeschlossen. Der öffentliche Nahverkehr muss daher kostenlos für alle zur Verfügung gestellt werden. Dafür wird es keine Abstimmung geben – dafür müssen wir kämpfen.

5 thoughts on “Ein erzwungenes Ja zum teuren Semesterticket

  1. Simon H. sagt:

    Manche Menschen denken echt, sie leben echt in einer Kostenlosgesellschaft! Alles haben, aber nichts geben; nicht mal bereit sein für 190€ Euro ein Rund um die Uhr Fahrtservixe in ganz München und Umland zu bezahlen… Übrigens scheinbar auch die Autorin dieser Seite !

    1. Olli H. sagt:

      Du wurdest durchschaut, Justus!

    2. Jack London sagt:

      Genau weil wir alle auch so oft ins Umland fahren? Die meisten von uns befahren täglich den Innenraum. Es ist echt schade das die heutige Studentenschaft aus solchen Mitläufer-Schafen besteht wie dir. Schonmal die andere Perspektive betrachtet? Namlich die, der Leute die in der Innenstadt leben und durch hohe Mieten und Lebenskosten gebeutelt werden und einen immensen Zusatzbeitrag dafür leisten, dass andere zur Uni kommen? Merke: in der Regel sind es die StudentInnen außerhalb, die noch im Familienhaus leben. Aber es geht eigentlich nicht darum ob und wer seinen Nutzen daraus zieht sondern wie wir heutzutage Solidarität definieren. Facebook ist voll mit egoistischer Polemik, wo jeder nur – gemäß moderner Münchener Scheuklappenmentalität – seine eigenen Vorteile bzw. Nachteile einer Semesterticket-Regelung abwägt und dementsprechend entscheidet. Konsens? Nein. Verständnis für die Gegenseite? Fehlanzeige. Anstatt sich zusammenzutuen und gegen das ursächliche Problem vorzugehen – welches beim Staat und bei maximalgewinn-orientierten Verkehrsbetrieben zu finden ist – sind wir damit beschäftigt uns einander zu bekriegen und ausnutzen zu lassen. Diese Umstände hat die Autorin hier auch erkannt, sogar besser skizziert als z. B. ich in der Lage wäre. Was du und die meisten anderen leider nicht erkennen ist die Tatsache, dass egal wie diese Abstimmung ausgehen wird, die MVV am meisten davon profitieren wird.

      Und eegal wie diese Abstimmung ausgehen wird, der Begriff Solidarität hat bei dieser Abstimmung höchtens als übertriebener Euphemisus herhalten dürfen.

  2. Martin sagt:

    Also ich verstehe die ganze Aufregung nicht: Ich bin Auszubildender, arbeite für die Studierenden in Garching und zahle pro Monat 129,50€ für die Fahrt. Das sind aufs Semester gerechnet 777€. Ich verdiene zwar auch ein kleines Auszubildendengehalt aber ich arbeite wenigstens auch dafür. Meine „Vorgesetzten“ zahlen also nur 1/3. Wer sich die 254€ pro Semester nicht leisten kann, soll auch nicht studieren. Aber es gibt ja sowas wie Praktika, Werkstudenten und Minijobs auf 400€ Basis, aber das ist ja für die überforderten Studenten mit 10 Stundenwoche zu unangenehm.

  3. aewre sagt:

    „Es ist ein fauler Kompromiss, der ohne demokratische Beteiligung der Studierenden ausgehandelt wurde.“
    Du hättest dich jederzeit im AK Mobilität engagieren können, ist ja auch nicht so, als würden wir im Untergrund arbeiten. Blicken lassen hast du dich allerdings nie.

    „Durch die Auswahlmöglichkeiten, die nur eine Entscheidung zulassen“
    Wie hättest du die Wahl den sonst gestaltet? Es steht nunmal nur ein lange ausgehandeltes Modell zur Verfügung. Unrealistische Modelle zur Wahl zu stellen wäre nun auch Quatsch gewesen.

    „Dabei ist die Abstimmung so aufgebaut, dass sie leicht scheitern kann“
    Wie man auch im Nachhinein an der Statistik sieht totaler Unfug.

    „Das Votum ist also nicht bindend, sondern eine Art Empfehlung.“
    Das ist nunmal in Bayern die Rechtslage. Sofern nach dem Votum gehandelt wird, sehe ich allerdings erstmal nicht das Problem für die demokratische Legitimation, auch wenn die Situation unschön ist, da sie eben eine Hintertür offen ließe.

    „Dazwischen wird eine Preiserhöhung die nächste jagen.“
    Das gilt für alle Tarife im MVV, wieso sollten die Studenten hiervon nicht betroffen sein? Weil wir Elitestudenten sind oder wie?

    Was von dem Artikel sinnvolles bleibt: „Für einen bezahlbaren öffentlichen Nahverkehr!“ Danke, da wäre kein Münchner drauf gekommen!

    „Studierende an anderen Münchner Hochschulen (u. a. die Akademie der bildenden Künste, die Filmhochschule, die Hochschule für Musik und die KSFH) dürfen überhaupt nicht abstimmen, obwohl sie genauso von der Entscheidung betroffen sein werden.“
    Da hast du dich nicht informiert. Jede Hochschule darf für sich entscheiden, ob sie dabei ist. Damit der MVV aber überhaupt ein Semesterticket anbietet müssen allerdings die drei größten Unis dabei sein. Ganz einfach.

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