Deutschland

D’Wiesn: Ein Fest für den Chauvinismus

Das Okto­ber­fest hat begonnen und mit diesem die Zeit der Exzesse und des Sex­is­mus. Was ist der wahre Charak­ter dieses Festes und welche Inter­essen ste­hen dahin­ter?

D’Wiesn: Ein Fest für den Chauvinismus

// Das Okto­ber­fest hat begonnen und mit diesem die Zeit der Exzesse und des Sex­is­mus. Was ist der wahre Charak­ter dieses Festes und welche Inter­essen ste­hen dahin­ter? //

„ O’zapft is‘!“, dieses Jahr mit nur zwei Schlä­gen. Wie viele Ham­mer­schläge der*die Oberbürgermeister*in zum Anzapfen des ersten Okto­ber­fest-Fass­es braucht, ist eine Pres­tige­frage in München. Bürg­er­liche Politiker*innen müssen sich hier aus­giebig blick­en lassen, um ihre Ein­heit mit dem Volk zu demon­stri­eren. Unter ihnen spielt sich inmit­ten der Lan­deshaupt­stadt das ab, was iro­nisch „Aus­nah­mezu­s­tand“ genan­nt wird.

In dieser Zeit fall­en nicht nur Busse und Bah­nen aus. Zwar wün­scht Ober­bürg­er­meis­ter Reit­er (SPD) nach dem Anzapfen rit­uell allen ein „friedlich­es Fest“, doch es ist schon vorher klar: D’Wiesn wird wieder eine Zeit der ständi­gen Gewalt, des Ras­sis­mus und der sex­uellen Beläs­ti­gung. Die Schlägerei ist ein geduldetes Rit­u­al, an dem chau­vin­is­tis­che und oft kor­rupte Secu­ri­ties aus der Türste­herszene mehr teil­nehmen als ihm ent­ge­gen­zutreten. Jemand sprich­wörtlich den Bierkrug über den Kopf zu ziehen, das passiert oft genug, ist aber nur der Gipfel des Eis­bergs an Bar­barei auf diesem Fest.

Die Grenze des Konsenses

„A bis­serl was geht immer“, ste­ht auf ein­er Schaufen­ster­wer­bung mit Okto­ber­fest-Mot­to. Das berühmte Zitat des Lokalhelden und „Stenz“ Mona­co Franze, ein­er Art Münch­n­er Casano­va-Fig­ur, ziert Unter­wäsche-Wer­bung im Wiesn-Look. Viele Män­ner fassen dieses Sprich­wort in der Prax­is als Auf­forderung zur Beläs­ti­gung auf. Die Gren­ze des Kon­sens­es ver­schwimmt auf der patri­ar­chalen Bühne des „trunk­e­nen Aben­teuers“.

Die Zurschaustel­lung aggres­siv­er Männlichkeit ist fes­ter Bestandteil dieser Insze­nierung: Am „Hau den Lukas“, einem berühmten Kraft- und Geschick­lichkeitsspiel, bedeutet das schlimm­ste Ergeb­nis den Titel „Schlapp­schwanz“. Und schon wer Frauen nicht sex­uell belästigt oder schlägt, darf sich „Wiesn Gen­tle­man“ nen­nen, das ist Resul­tat ein­er rel­a­tiv neuen NGO-Ini­tia­tive gegen sex­is­tis­che Gewalt, die an die „Selb­stkon­trolle“ der Män­ner appel­liert. Viel präsen­ter als die weni­gen eher gut ver­steck­ten Aufrufe gegen sex­is­tis­che Gewalt ist die sex­is­tis­che Wer­bung: Der weib­liche Busen, oft ohne die dazuge­hörige Frau, ist ein zen­trales Objekt in den Wer­bun­gen zur Wiesnzeit. Im Voraus wählen alle Münch­n­er Tageszeitun­gen je ein „Wiesn Madl“ des Jahres, jedes Jahr.

Man mag nun sagen: „Es geht halt freizügig zu!“ Doch für Frauen gilt auf dem Fest, das sich in der Selb­st­darstel­lung der „freien“ Sex­u­al­ität wid­met, ein strenges Regle­ment, dessen Nicht­beach­tung sex­u­al­isierte Belei­di­gun­gen nach sich zieht. Nicht kürz­er als bis zum Knie sollen die Röcke sein, son­st gel­ten sie vie­len als zu anzüglich und ihre Träger*innen wer­den regelmäßig dif­famiert. „Was läuf­st du auch so rum“, dür­fen sich Frauen und Mäd­chen anhören, wenn sie Opfer von sex­u­al­isierten gewalt­tägi­gen Über­grif­f­en wer­den.

Wo die Schleife am Kleid sitzt, soll schließlich den Fam­i­lien­stand der Trägerin anzeigen – das beachtet zwar eine Min­der­heit, aber die Anord­nung zeigt schon dadurch Wirkung, dass auf Face­book, in Region­alzeitun­gen, in der Schule und im Fre­un­deskreis viel darüber gere­det wird: „An der Schleife siehst du die Ver­füg­barkeit der Frau“, heißt das. Anstatt dass sie in jed­er Sit­u­a­tion selb­st darüber entschei­det, mit welchem Mann* oder mit welch­er Frau* sie intim sein will.

Die Münch­n­er Polizei behauptet, Alko­holkon­sum ver­leite zu sex­uellen Über­grif­f­en und mache „leichter zum Opfer ein­er Sex­u­al­straftat“. Dieses mit der kap­i­tal­is­tis­chen Wer­bung und vom bürg­er­lichen Staat geförderte Kli­ma der rape cul­ture, in dem Beläs­ti­gung eine lässliche Sünde ist und Frauen halt auf der Hut sein sollen, ermöglicht erst das Aus­maß sex­is­tis­ch­er Gewalt um das Fest.

Obwohl die offiziellen Aufze­ich­nun­gen von der „Wiesn-Wache“ unmit­tel­bar an der Fes­t­wiese nur an der Ober­fläche kratzen, weil kaum ein Delikt zur Anzeige kommt, deuten sie die Abgründe an, die regelmäßige Besucher*innen des Fests ken­nen: Gewalt, Ras­sis­mus, Sex­is­mus. Hit­ler­grüße gehören in diesen Bericht­en eben­so zum Stan­dard-Reper­toire wie Maßkrug-Schlägereien. Ein Faschist urinierte gegen das Okto­ber­fest-Atten­tat-Mah­n­mal für die Opfer des recht­en Ter­ro­ran­schlags 1980. Die Polizei nen­nt Män­ner, die Frauen belästi­gen, beschöni­gend „Liebestolle“. Prak­tisch gar nicht geah­n­det wird „Part­nerge­walt“ gegen Frauen.

Wer in der „Hauptstadt der Herzen“ nicht willkommen ist

Män­nern, die auf die Wiesn kom­men, wurde ein fatales Ver­sprechen gemacht: Hier bist du der Herr der Welt – auch wenn du es in deinem Job, in dein­er Schule oder Aus­bil­dung nicht sein kannst. Da er nicht das Kap­i­tal und seine Pro­duk­tion­s­mit­tel unter­w­er­fen kann, bleiben ihm Machis­mus und wenn er weiß und deutsch ist, auch lokaler Nation­al­is­mus gegen männliche „Südlän­der“, die als Konkur­renz um Frauen kon­stru­iert wer­den.

Die ganze Rohheit der bürg­er­lichen Gesellschaft tritt auf dem „friedlichen Fest“ offen zutage: „Wenn du nichts verträgst, warum kommst du dann hier­her?“, ist ein häu­fig gehörter Spruch gegenüber Ausländer*innen genau­so wie gegenüber Deutschen mit Migra­tionsh­in­ter­grund, auf den manch­mal Schub­sen und Schläge fol­gen. Ras­sis­tis­che Belei­di­gun­gen und Angriffe sind in den Bierzel­ten etwas Nor­males, aber auch an Bahn- und Bussta­tio­nen in der ganzen Stadt. In der kap­i­tal­is­tis­chen Feier der „Heimat“ richtet sich die Frus­tra­tion nicht gegen ihre echt­en Ursachen in Arbeitsstress und sozialer Unsicher­heit, son­dern gegen Frauen und andere Eth­nien.

Doch auch der Ras­sis­mus fällt nicht vom Him­mel. Er wird durch die ras­sis­tis­che Regierungspoli­tik direkt in die Bevölkerung gepflanzt. Schon vor der Geflüchtetenkrise wur­den Migrant*innen und Deutsche migrantis­ch­er Herkun­ft geset­zlich und sozial diskri­m­iniert und waren nation­al­is­tis­chen Angrif­f­en aus­ge­set­zt. Die europaweite Geflüchtetenkrise spitzt aber den beste­hen­den Nation­al­is­mus nochmal zu.

Deutsch­land sei „über­fordert“ mit anreisenden Geflüchteten, die „öffentliche Ord­nung (ste­ht) kurz vor dem Zusam­men­bruch“, so Bay­erns Min­is­ter­präsi­dent Horst See­hofer. Sein Innen­min­is­ter Joachim Her­rmann äußerte „Bedenken“, wenn Geflüchtete auf Oktoberfestbesucher*innen tre­f­fen. Die SPD-Sozialdez­er­nentin beze­ich­nete die Geflüchteten während der Wiesnzeit als „Sicher­heit­srisiko“. Politiker*innen aus CSU und SPD sind sich nicht zu schade, die ras­sis­tisch ange­heizte Stim­mung der Wiesn als Dro­hung gegen Geflüchtete einzuset­zen.

Schon als die geflüchteten Non-Cit­i­zens 2013 das Münch­n­er Gew­erkschaft­shaus sol­i­darisch beset­zten und ihre Klas­sen­geschwis­ter um poli­tis­che Unter­stützung bat­en, forderten die sozialdemokratis­chen Bürokrat*innen des DGB ein Ver­lassen zu Wiesnbe­ginn, eben­falls aus vorgeschoben­er Angst vor ras­sis­tis­chen Angrif­f­en.

Dies­mal war die Sit­u­a­tion mit den Zehn­tausenden Ank­om­menden viel schär­fer und das Ergeb­nis ein Stopp der Bah­nen aus Ungarn und Öster­re­ich sowie ver­schärftes racial pro­fil­ing (ras­sis­tis­che Polizeikon­trollen) am Bahn­hof. Nicht alle sind willkom­men in der „Haupt­stadt der Herzen“, wie sich die städtis­che PR selb­st benan­nt hat.

Unsere Klasse hat nichts zu feiern

Noch vor dem Anstich der ersten Fäss­er rollen die Wiesn-Wirte mit den königlichen Begleitrhyth­men der Tra­cht­en- und Blas­musikvere­ine auf die Fes­t­wiese. Sie sind die, die eigentlich zu feiern haben: die Bour­geoisie. Für ihre Klasse sind die bei­den Sep­tem­ber- und Okto­ber­wochen ein Prof­it­fest, basierend auf der Aus­beu­tung der Lohnarbeiter*innen unter staatlich garantierten Son­derbe­din­gun­gen.

Nicht nur, dass ihnen der Ras­sis­mus und Sex­is­mus nützt, der unsere Klasse der Lohn­ab­hängi­gen spal­tet und gegeneinan­der auf­bringt. Während auf dem Betrieb­saus­flug das „gute Bier alle Klasse­nun­ter­schiede ver­wis­cht“ (Nade­sch­da Krup­ska­ja), gilt auch ein Aus­nah­mezu­s­tand für die Lohnar­beit selb­st: Die geset­zlich seit Jan­u­ar vorgeschriebe­nen Min­dest­lohn­regelun­gen, die Arbeit­szeitbes­tim­mungen umfassen, wur­den bere­its im März für Oktoberfest-Wirt*innen per Aus­nahme wieder aus­ge­set­zt.

Der Gewinn des Kap­i­tals kommt also nicht etwa aus „betrügerischem Auss­chenken“, wie es ein bekan­nter klein­bürg­er­lich­er Vere­in aus München meint, der sich seit Jahrzehn­ten auss­chließlich für volle Maßkrüge engagiert. Er kommt direkt aus der Aus­beu­tung der Arbeit­skraft: Für die 3.000 Euro, die eine Bedi­enung am Okto­ber­fest ver­di­ent, machen die Kapitalist*innen ein Vielfach­es.

Dabei wer­den die arbei­t­en­den Frauen von den Gästen durchge­hend sex­uell belästigt. „Damit umge­hen zu kön­nen“ gilt als Ein­stel­lungsmerk­mal, sagen langjährige Beschäftigte. Die Frauen, die auf der Wiesn arbeit­en, wer­den für ihre Ein­stel­lung sog­ar nach ihrer BH-Größe gefragt. Das Risiko für geprellte Zechen tra­gen sie selb­st, da sie den Bier-Bossen die Maßkrüge abkaufen müssen. Die Pausen beste­hen vor wie nach dem Min­dest­lohn max­i­mal auf dem Papi­er, gear­beit­et wird aber rund um die Uhr. Und nicht nur die Bedi­enun­gen selb­st, auch ander­swo in München beschäftigte Arbeiter*innen, beson­ders im Hotel- und Gas­tronomiegewerbe, bekom­men beson­ders harte Arbeits­be­din­gun­gen durch ständi­ge aggres­sive Trunk­en­heit ihrer Gäste und Über­stun­den ab.

Nicht keine Party, sondern gute Party

Trotz alle­dem ist das Okto­ber­fest in der Wahrnehmung der meis­ten Arbeiter*innen und Jugendlichen, aber auch für die Mehrheit der Frauen, LGBTI* und Migrant*innen ein­fach nur ein schönes Fest, an dem sie den All­t­ag für kurze Zeit hin­ter sich lassen kön­nen. Und tat­säch­lich ist nicht das Feiern reak­tionär, son­dern seine Umstände. Anders als zum Beispiel die maois­tis­chen Vertreter*innen ein­er „The­o­rie“ des Kul­turimpe­ri­al­is­mus, sind wir keine Gegner*innen der aus­ge­lasse­nen Par­ty, der freien Sex­u­al­ität oder des Alko­hols. Wer sich enthal­ten will, soll das tun kön­nen, doch es spricht gar nichts gegen einen ein­vernehm­lichen Exzess in der Masse.

Dabei Filzhüte und nachemp­fun­dene Tra­cht­en zu tra­gen, kön­nte eben­so lustig wie harm­los sein, wenn es keinen Raum für chau­vin­is­tis­che Angriffe unter dem Man­tel von Tra­di­tion und Exzess gäbe. Denn genau­so wenig wie „Tra­di­tion“, Bier oder sex­uelle Lust ist die schiere Exis­tenz ein­er Men­schen­menge auf der Wiesn an der reak­tionären Gewalt schuld. Ob eine „Masse“ streikt, die Kapitalist*innen enteignet, die Gren­zen öffnet und die Rechte der Frauen* erstre­it­et – oder ob sie im Gegen­teil pöbel­nd und schla­gend ihre Klas­sen­geschwis­ter angreift, hängt von ihrem Klassen­charak­ter und ‑bewusst­sein ab. Alle Umstände auf dem Okto­ber­fest aber ver­hin­dern eben, dass die Masse sich bewusst im Sinne ihres mehrheitlichen Arbeiter*innen-Interesses ver­hält, son­dern heizen stattdessen die beste­hen­den, kap­i­tal­is­tis­chen Ressen­ti­ments und Chau­vin­is­men an.

Nie­mand kann oder sollte der Jugend das Trinken ver­bi­eten. Aber wir kön­nen und müssen die ras­sis­tis­chen und sex­is­tis­chen Struk­turen des Staates angreifen, die aus einem Trinkge­lage auf der Wiesn – und eben­so auf Dorf‑, Früh­lings- oder Schützen­festen – immer wieder eine reak­tionäre Bar­barei machen. Und wir müssen dem deutschen Impe­ri­al­is­mus den Kampf ansagen, der Ras­sis­mus und Sex­is­mus nicht nur selb­st prak­tiziert, son­dern auch die eige­nen kap­i­tal­is­tis­chen Wider­sprüche mith­il­fe des Chau­vin­is­mus in die Arbeiter*innenklasse trägt.

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