Antirassismus

Die Schwarze Frage in Amerika

Am 28. Februar 1933 traf sich Arne Swabeck von der Kommunistischen Liga Amerikas mit Leo Trotzki und dessen Sekretär Pierre Frank auf der türkischen Insel Prinkipo. Sie sprachen über zahlreiche Themen, darunter den Rassismus in den USA und das Recht auf Selbstbestimmung. Dieser Text ist Teil unserer Serie „Marxismus und Schwarzer Kampf“.

Die Schwarze Frage in Amerika
Leo Trotzki und C.L.R. James (Illustration: Sou Mi)

In den frühen Jahren des US-Kommunismus führte die junge Kommunistische Partei den Ökonomismus der Sozialistischen Partei und der linken Tradition in den USA fort. Die Besonderheiten des US-Kapitalismus, der sich aus der Sklaverei herausgebildet hatte, wurden übersehen und der Kampf gegen die Unterdrückung der Schwarzen wurde als allgemeiner ökonomischer Kampf zwischen Arbeiter*innen und Bossen angesehen. Es gab kein spezielles Programm gegen Rassismus, da man glaubte, dass sich rassistische Vorurteile im Kampf für den Sozialismus auflösen würden. In den heutigen USA wird diese Position oft als „Klassenreduktionismus“ bezeichnet.

Nach der Russischen Revolution forderten die siegreichen Bolschewiki, die jahrelang das Recht auf Selbstbestimmung der innerhalb des Zarenreiches unterdrückten Nationen verteidigten, die „amerikanischen Kommunisten mit der festen, eindringlichen Forderung heraus, ihre unausgesprochenen Vorurteile abzuschütteln, den besonderen Problemen und Klagen der amerikanischen Schwarzen Aufmerksamkeit zu schenken, unter ihnen zu arbeiten und sich in der weißen Gemeinschaft für ihre Sache einzusetzen.“1 So begannen die US-amerikanischen Kommunist*innen eine leninistische Perspektive zu verwenden, um die Situation in den USA zu verstehen.

Wegen seiner Rolle im Kampf gegen die Bürokratie in der Sowjetunion wurde Leo Trotzki ins Exil gejagt. Von 1929 bis 1933 lebte er in der Türkei, auf der Insel Büyükada, auch Prinkipo genannt. Er setzte den Kampf für die Weltrevolution fort und traf sich mit Revolutionär*innen aus der ganzen Welt, darunter Arne Swabeck von der Kommunistischen Liga Amerikas (Communist League of America, CLA). Die CLA, aus der später die Sozialistische Arbeiter*innenpartei (Socialist Workers Party, SWP) werden sollte, war die US-Sektion von Trotzkis Internationaler Linker Opposition. Als Swabeck sich mit Trotzki traf, hatte die CLA noch keine klare Position zu Rassismus und US-Kapitalismus. Trotzkis Rat wurde in einer Diskussion am 28. Februar 1933 eingeholt, die in deutscher Sprache geführt und später auf Englisch unter dem Titel „The Negro Question in America“ veröffentlicht wurde.

Swabeck: In dieser Frage haben wir innerhalb der Amerikanischen Liga keine nennenswerten Differenzen; wir haben aber auch noch kein Programm formuliert. Ich stelle deshalb nur die Gedanken vor, die wir generell dazu entwickelt haben.

Wie müssen wir die Position des amerikanischen Schwarzen betrachten: Als die einer nationalen oder einer rassischen2 Minderheit? Das ist für unser Programm von größter Wichtigkeit.

Die Stalinisten haben noch immer als ihren Hauptslogan den der Selbstbestimmung für die Schwarzen und fordern damit im Zusammenhang einen getrennten Staat und staatliche Rechte für die Schwarzen im Schwarzen Gürtel. Die praktische Anwendung dieser letzten Forderung hat viel Opportunismus an den Tag gebracht. Auf der anderen Seite gebe ich zu, dass die (Kommunistische) Partei in der praktischen Arbeit unter den Schwarzen trotz vieler Fehler einiges erreicht hat. Zum Beispiel bei den Streiks in der Textilindustrie im Süden, wo die Farbschranken in großem Maße zusammengebrochen sind.

Weisbord3 stimmt, soweit ich weiß, mit der Parole der Selbstbestimmung und des Rechts auf einen eigenen Staat überein. Er behauptet, dass sei die Anwendung der Theorie der permanenten Revolution auf Amerika.

Wir wollen von der wirklichen Situation ausgehen: Es gibt ungefähr 13 Millionen Schwarze in Amerika; die Mehrzahl davon in den Südstaaten (dem Schwarzen Gürtel). In den Nordstaaten sind die Schwarzen als Industriearbeiter in den industriellen Gemeinden konzentriert; im Süden sind sie hauptsächlich Bauern und Naturalpächter.

Trotzki: Pachten Sie ihr Land vom Staat oder von privaten Eigentümern?

Swabeck: Von privaten Eigentümern, von weißen Farmern und Plantagenbesitzern; einige Schwarze besitzen das Land, auf dem sie arbeiten, selbst.

Die Schwarze Bevölkerung des Nordens wird ökonomisch, sozial und kulturell niedergehalten; im Süden geschieht das durch die unterdrückerischen Jim Crow Bedingungen. Sie sind von vielen wichtigen Gewerkschaften ausgeschlossen. Während und seit dem Krieg hat die Migration vom Süden her zugenommen; heute leben vielleicht vier bis fünf Millionen Schwarze im Norden. Die Schwarze Bevölkerung im Norden ist überwiegend proletarisch, aber auch im Süden nimmt die Proletarisierung zu.

Heute hat keiner der Staaten im Süden eine Schwarze Mehrheit. Das unterstreicht die große Wanderung in den Norden. Wir stellen die Frage folgendermaßen: Sind die Schwarzen in einem politischen Sinn eine nationale Minderheit oder eine rassische? Die Schwarzen sind völlig assimiliert, amerikanisiert worden, und ihr Leben in Amerika hat die Traditionen der Vergangenheit überwunden, modifiziert, verändert. Wir können die Schwarzen nicht als eine nationale Minderheit in dem Sinn betrachten, dass sie eine eigene Sprache hätten. Sie haben keine besonderen nationalen Sitten, oder eine eigene nationale Kultur oder Religion, und sie haben auch keine besonderen nationalen Minderheitsinteressen. In diesem Sinn kann man unmöglich von ihnen als nationale Minderheit sprechen. Wir sind deshalb der Meinung, dass die amerikanischen Schwarzen eine rassische Minderheit sind, deren Stellung und Interessen den Klassenbeziehungen im Land untergeordnet und von ihnen abhängig sind.

Für uns stellen die Schwarzen einen wichtigen Faktor im Klassenkampf, fast einen ausschlaggebenden, dar. Sie sind ein wichtiger Teil des Proletariats. Es gibt in Amerika auch eine Schwarze Kleinbourgeoisie, aber nicht so mächtig oder einflussreich, und sie spielt auch nicht die Rolle, die die Kleinbourgeoisie und die Bourgeoisie bei den national unterdrückten (kolonialen) Völkern spielt.

Der stalinistische Slogan der „Selbstbestimmung“ beruht hauptsächlich auf einer Einschätzung der amerikanischen Schwarzen als nationale Minderheit, die als Verbündeter zu gewinnen sei. Für uns stellt sich die Frage: Wollen wir die Schwarzen als Verbündete auf solch einer Basis gewinnen, und wen wollen wir gewinnen, das Schwarze Proletariat oder die Schwarze Kleinbourgeoisie? Uns scheint es, dass wir mit diesem Slogan vor allem die Kleinbourgeoisie gewinnen werden, und wir können kein großes Interesse daran haben, sie auf dieser Grundlage als Verbündete zu gewinnen. Wir wissen, dass die armen Bauern und Naturalpächter die engsten Verbündeten des Proletariats sind, aber wir sind der Meinung, dass sie als solche vor allem auf der Basis des Klassenkampfes gewonnen werden können. Ein Kompromiss in dieser prinzipiellen Frage würde die kleinbürgerlichen Verbündeten dem Proletariat und auch den armen Bauern vorziehen. Wir erkennen die Existenz bestimmter Phasen der Entwicklung an, die auch besondere Slogans erfordern. Aber der stalinistische Slogan scheint uns direkt zur „demokratischen Diktatur der Arbeiter und Bauern“4 zu führen. Die Einheit der Arbeiter, der schwarzen und weißen, müssen wir vorbereiten, indem wir von einer Klassenbasis ausgehen, aber dabei ist es notwendig, auch die Rassenprobleme anzuerkennen und zusätzlich zu den Klassenslogans auch Slogans zur Rassenfrage vorzubringen. Wir sind der Meinung, dass in dieser Hinsicht der Hauptslogan sein sollte „soziale, politische und ökonomische Gleichheit für die Schwarzen“ sowie auch weitere Slogans, die sich davon ableiten. Dieser Slogan ist natürlich ganz verschieden von dem stalinistischen Slogan der Selbstbestimmung für eine nationale Minderheit.

Die Führer der (Kommunistischen) Partei behaupten, dass die Schwarzen Arbeiter und Bauern nur auf der Basis dieses Slogans zu gewinnen seien. Am Anfang wurde er für die Schwarzen im ganzen Land vorgebracht, jetzt aber nur noch für die in den Südstaaten. Wir meinen, dass wir die Schwarzen Arbeiter nur auf einer Klassenbasis gewinnen können, wobei wir auch die Rassenslogans für die notwendigen Zwischenetappen der Entwicklung vorbringen. Wir glauben, dass so auch die armen Schwarzen Farmer am besten als direkte Verbündete gewonnen werden können.

Trotzki: Die Ansicht der amerikanischen Genossen scheint mir nicht völlig überzeugend zu sein. Das Selbstbestimmungsrecht ist eine demokratische Forderung. Unsere amerikanischen Genossen stellen die liberale Forderung dieser demokratischen Forderung gegenüber. Diese liberale Forderung ist darüber hinaus kompliziert. Ich verstehe, was politische Gleichheit bedeutet. Aber was bedeutet ökonomische und soziale Gleichheit innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft? Bedeutet das eine Forderung an die öffentliche Meinung, dass alle den gleichen Schutz des Gesetzes genießen sollen? Aber das ist politische Gleichheit. Der Slogan „politische, ökonomische und soziale Gleichheit“ klingt unbestimmt und ist somit falsch.

Die Schwarzen sind eine Rasse und keine Nation. Nationen erwachsen unter bestimmten Bedingungen aus rassischem Material. Die Schwarzen in Afrika sind noch keine Nation, aber sie befinden sich auf dem Weg, eine zu schaffen. Die amerikanischen Schwarzen haben ein höheres kulturelles Niveau. Da sie aber dem Druck der Amerikaner unterworfen sind, interessieren sie sich für die Entwicklung der Schwarzen in Afrika. Der amerikanische Schwarze wird Führer für Afrika entwickeln, das kann man mit Sicherheit sagen, und das wird wiederum die Entwicklung des politischen Bewusstseins in Amerika beeinflussen.

Wir verpflichten natürlich die Schwarzen nicht, eine Nation zu werden; ob sie eine sind, ist eine Frage ihres Bewusstseins, das heißt, was sie möchten und wofür sie kämpfen. Wir sagen: Wenn die Schwarzen das wollen, dann müssen wir bis zum letzten Blutstropfen gegen den Imperialismus kämpfen, damit sie ihr Recht erhalten, wo auch immer und wie auch immer sie wollen, ein Stück Land für sich abzutrennen. Die Tatsache, dass sie heute in keinem Staat eine Mehrheit stellen, ist nicht von Bedeutung. Es ist nicht eine Frage der staatlichen Autoritäten, sondern eine der Schwarzen. Dass es in Gebieten, die überwiegend von Schwarzen bewohnt werden, Weiße gibt und weiter geben wird, steht nicht in Frage, und wir brauchen uns nicht die Köpfe über die Möglichkeit zu zerbrechen, dass irgendwann die Weißen von den Schwarzen unterdrückt werden könnten. Auf jeden Fall treibt ihre Unterdrückung die Schwarzen dazu, eine politische und nationale Einheit zu suchen.

Dass der Slogan der „Selbstbestimmung“ das Kleinbürgertum eher als die Arbeiter für sich gewinnen wird, dieses Argument gilt auch für den Slogan der Gleichheit. Es ist klar, dass jene Schwarzen Elemente, die eine größere öffentliche Rolle spielen (Geschäftsleute, Intellektuelle, Anwälte etc.) aktiver sind und aktiver auf Ungleichheit reagieren. Man kann sagen, dass die liberale Forderung ebenso wie die demokratische zunächst vor allem das Kleinbürgertum anziehen wird und erst später die Arbeiter.

Wenn die Situation so wäre, dass in Amerika gemeinsame Aktionen von weißen und schwarzen Arbeitern stattfänden, dass die Klassenverbrüderung also schon ein Fakt wäre, dann hätten die Argumente unserer Genossen vielleicht eine Basis (ich will nicht sagen, dass sie dann richtig wären), dann würden wir vielleicht die schwarzen Arbeiter von den weißen spalten, wenn wir anfingen den Slogan der „Selbstbestimmung“ zu propagieren.

Aber heute sind die weißen Arbeiter in Beziehung zu den Schwarzen die Unterdrücker, die Lumpen, die die schwarzen und gelben Arbeiter verfolgen, auf sie herabsehen und sie lynchen. Wenn die Schwarzen Arbeiter sich mit ihren eigenen Kleinbourgeois vereinigen, dann deshalb, weil sie noch nicht weit genug sind, um ihre elementaren Rechte zu verteidigen. Für die Arbeiter in den Südstaaten würde die liberale Forderung gleicher Rechte zweifellos Fortschritt bedeuten, aber die Forderung nach Selbstbestimmung wäre ein noch größerer Fortschritt. Mit dem Slogan „gleiche Rechte“ jedoch können sie leichter in die Irre geführt werden („dem Gesetz nach habt ihr diese Gleichheit“).

Wenn wir so weit sind, dass die Schwarzen sagen „wir wollen Autonomie“, dann nehmen sie eine dem amerikanischen Imperialismus feindliche Position ein. In diesem Stadium werden die Arbeiter schon sehr viel entschlossener sein als das Kleinbürgertum. Die Arbeiter werden dann sehen, dass das Kleinbürgertum unfähig ist zu kämpfen und es zu nichts bringt, aber sie werden auch gleichzeitig erkennen, dass die weißen kommunistischen Arbeiter für ihre Forderungen kämpfen, und das wird sie, die Schwarzen Arbeiter, zum Kommunismus bringen.

Weisbord hat in gewissem Sinn Recht, wenn er sagt, dass die Selbstbestimmung der Schwarzen zur Frage der permanenten Revolution in Amerika gehört. Die Schwarzen werden durch ihr Erwachen, durch ihre Forderung nach Autonomie und durch die demokratische Mobilisierung ihrer Kräfte in Richtung auf eine Klassenbasis geschoben. Das Kleinbürgertum wird die Forderung nach gleichen Rechten und Selbstbestimmung aufnehmen, wird aber im Kampf absolut versagen; der Schwarze Proletarier wird über die Kleinbourgeoisie hinwegmarschieren in Richtung auf die proletarische Revolution. Das ist für sie vielleicht der wichtigste Weg. Ich kann deshalb keinen Grund erkennen, warum wir nicht die Forderung nach der Selbstbestimmung erheben sollten.

Ich bin nicht sicher, ob die Schwarzen im Süden nicht doch ihre eigene Schwarze Sprache sprechen. Heute, wo sie fürchten, gelyncht zu werden, nur weil sie Schwarze sind, haben sie natürlich Angst, ihre Schwarze Sprache zu sprechen; aber wenn sie erst mal frei sind, wird ihre Schwarze Sprache wieder zu Leben erwachen. Ich würde den amerikanischen Genossen empfehlen, diese Frage sehr sorgfältig zu studieren, auch die der Sprache in den Südstaaten. Aus all diesen Gründen würde ich in dieser Frage eher zum Standpunkt der (Kommunistischen) Partei neigen, natürlich unter Beachtung dessen, dass ich diese Frage nie studiert habe und dass ich hier von allgemeinen Erwägungen ausgegangen bin.

Ich fuße hier nur auf den Argumenten der amerikanischen Genossen. Ich finde sie unzureichend und betrachte sie in gewisser Hinsicht als Konzessionen gegenüber dem amerikanischen Chauvinismus, und das scheint mir eine gefährliche Angelegenheit zu sein. Was können wir bei dieser Frage verlieren, wenn wir mit unseren Forderungen weiter gehen als die Schwarzen selber es heute tun? Wir zwingen sie nicht, sich staatlich zu trennen, aber sie haben das volle Recht dazu, und wir werden sie mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln bei der Gewinnung dieses Rechts unterstützen und verteidigen, genauso wie wir alle unterdrückten Völker verteidigen.

Swabeck: Ich gebe zu, dass Sie schwerwiegende Argumente vorgebracht haben, aber ich bin noch nicht völlig überzeugt. Die Existenz einer besonderen Schwarzen Sprache in den Südstaaten ist möglich, aber im Allgemeinen sprechen alle Schwarzen Englisch. Sie sind vollständig assimiliert. Ihre Religion ist das amerikanische Baptistentum und die Sprache in ihren Kirchen ist ebenfalls Englisch.

Wirtschaftliche Gleichheit verstehen wir keineswegs im Sinne rechtlicher Gleichheit. Im Norden (wie natürlich auch in den Südstaaten) sind die Löhne für die Schwarzen stets niedriger als für die weißen Arbeiter, und ihr Arbeitstag ist meistens länger; das wird sozusagen als natürlich akzeptiert. Darüber hinaus bekommen die Schwarzen die unangenehmsten Arbeiten. Wegen dieser Bedingungen ist es, dass wir ökonomische Gleichheit für die Schwarzen Arbeiter verlangen.

Wir bestreiten den Schwarzen nicht ihr Recht auf Selbstbestimmung. Das ist nicht der Punkt unserer Meinungsverschiedenheit mit den Stalinisten. Aber wir bestreiten, dass es richtig ist, den Slogan der Selbstbestimmung zu propagieren, um die Massen der Schwarzen zu gewinnen. Die Schwarze Bevölkerung wird zuerst einmal in Richtung Gleichheit im sozialen, politischen und wirtschaftlichen Sinn getrieben. Gegenwärtig stellt die Partei den Slogan der Selbstbestimmung nur für die Südstaaten auf. Man kann natürlich kaum erwarten, dass die Schwarzen aus den Industrien im Norden den Wunsch haben sollten, in den Süden zurückzukehren, und es gibt auch wirklich keinerlei Hinweise auf solch ein Verlangen. Im Gegenteil. Ihr nicht ausgesprochener Wunsch ist auf der Basis der Bedingungen, unter denen sie leben, der nach gesellschaftlicher, politischer und wirtschaftlicher Gleichheit. Das gilt auch für den Süden. Aus eben diesem Grund glauben wir, dass das der wichtige Rassen-Slogan ist. Wir betrachten die Schwarzen nicht als im gleichen Sinn wie die unterdrückten Kolonialvölker national unterdrückt. Wir sind der Meinung, dass der Slogan der Stalinisten dazu tendiert, die Schwarzen von der Klassenbasis fort mehr zur Rassenbasis zu führen. Das ist der Hauptgrund, weshalb wir dagegen sind. Wir glauben, dass der Rassen-Slogan wie er von uns vorgeschlagen wird direkt zur Klassenbasis führt.

Frank5: Gibt es in Amerika besondere Schwarze Bewegungen?

Swabeck: Ja, mehrere. Zunächst hatten wir die Bewegung von Garvey, deren Ziel die Auswanderung nach Afrika war6. Sie hatte eine große Gefolgschaft, zerplatzte aber schließlich als ein Schwindel. Heute ist davon nicht mehr viel übrig geblieben. Ihr Slogan war die Schaffung einer Schwarzen Republik in Afrika. Andere Schwarze Bewegungen beruhen hauptsächlich auf Forderungen nach gesellschaftlicher und politischer Gleichheit, wie z.B. die „League (National Association) for the Advancement of Colored People“7. Das ist eine große rassische Bewegung.

Trotzki: Ich glaube auch, dass die Forderung nach gleichen Rechten bleiben soll, und ich spreche nicht gegen diese Forderung. Sie ist in dem Maße fortschrittlich, wie sie nicht realisiert worden ist. Genosse Swabecks Erklärung betreffs der Frage der ökonomischen Gleichheit ist sehr wichtig. Aber das alleine entscheidet noch nicht die Frage des Schicksals der Schwarzen als solche, die Frage nach der Nation usw. Den Argumenten der amerikanischen Genossen zufolge könnte man z.B. sagen, dass Belgien auch keine Rechte als Nation hat. Die Belgier sind Katholiken und ein großer Teil von ihnen spricht Französisch. Was wäre, wenn Frankreich sie mit so einem Argument annektieren wollte? Auch das Schweizer Volk fühlt sich durch seine historischen Verbindungen als eine Nation, trotz verschiedener Sprachen und Religionen. Ein abstraktes Kriterium ist in dieser Frage nicht ausschlaggebend; sehr viel ausschlaggebender ist das historische Bewusstsein einer Gruppe, ihre Gefühle, ihre Impulse. Aber auch das wird nicht vom Zufall bestimmt, sondern eher durch die Situation und alle dazugehörigen Umstände. Die Frage der Religion hat absolut nichts mit dieser Frage der Nationalität zu tun. Der Baptismus des Schwarzen ist etwas völlig anderes als der Baptismus Rockefellers8. Das sind zwei verschiedene Religionen.

Das politische Argument, das die Forderung der Selbstbestimmung zurückweist, ist Doktrinarismus. Das ist es, was wir in Russland immer bezüglich der Selbstbestimmungs-Frage gehört haben. Die russische Erfahrung hat uns gezeigt, dass Gruppen, die als Bauern leben, ihre Besonderheiten bewahren – ihre Sitten, ihre Sprache usw. – und, dass sich diese Charakteristika weiterentwickeln, wenn ihnen die Gelegenheit gegeben wird.

Die Schwarzen sind noch nicht erweckt worden, und sie sind noch nicht mit den weißen Arbeitern vereint worden. 99,9 % der amerikanischen Arbeiter sind Chauvinisten; in Bezug auf die Schwarzen sind sie ebenso Henker wie auch in Bezug auf die Chinesen usw. Es ist notwendig, ihnen verständlich zu machen, dass der amerikanische Staat nicht ihr Staat ist und dass sie nicht die Wächter dieses Staates sein brauchen. Die amerikanischen Arbeiter, die sagen: „Die Schwarzen sollten sich trennen, wenn sie es möchten, und wir werden sie dann gegen unsere amerikanische Polizei verteidigen“ – das sind die Revolutionäre, in sie habe ich Vertrauen.

Das Argument, dass der Slogan der Selbstbestimmung vom Klassenstandpunkt wegführe, ist eine Anpassung an die Ideologie der weißen Arbeiter. Der Schwarze kann zu einem Klassenstandpunkt nur gebracht werden, wenn der weiße Arbeiter erzogen ist. Im Ganzen ist die Frage der kolonialen Völker in erster Linie eine Frage der Erziehung des Metropolen-Arbeiters.

Der amerikanische Arbeiter ist unbeschreibbar reaktionär. Das kann man jetzt an der Tatsache sehen, dass er noch nicht einmal für den Gedanken der Sozialversicherung gewonnen worden ist. Deswegen sind die amerikanischen Kommunisten gezwungen, Reformprogramme vorzustellen.

Wenn die Schwarzen im Augenblick keine Selbstbestimmung fordern, dann aus dem gleichen Grund, aus dem auch die weißen Arbeiter noch nicht den Slogan der Diktatur des Proletariats aufstellen. Die Schwarzen haben es noch nicht in ihre Köpfe gekriegt, dass sie es wagen sollten, einen Teil der großen und mächtigen Staaten für sich selbst herauszubrechen. Aber der weiße Arbeiter muss dem Schwarzen auf halbem Weg entgegenkommen und zu ihm sagen: „Wenn Du Dich trennen willst, wirst Du unsere Unterstützung haben“. Die tschechischen Arbeiter sind auch nur über die Desillusionierung mit ihrem eigenen Staat zum Kommunismus gekommen9.

Ich glaube, dass wegen der noch nicht gesehenen politischen und theoretischen Rückständigkeit und der ebenfalls einmaligen ökonomischen Fortschrittlichkeit in Amerika das Erwachen der Arbeiterklasse ganz schnell von Statten gehen wird. Der alte ideologische Schleier wird zerreißen, alle Fragen werden auf einmal hochkommen, und da das Land wirtschaftlich so reif ist, wird die Anpassung der politischen und theoretischen Ebene an die wirtschaftliche sehr schnell erreicht werden.

Dann wird es möglich sein, dass die Schwarzen der fortgeschrittenste Teil werden. Wir haben mit Russland schon ein ähnliches Beispiel. Die Russen waren die Schwarzen Europas. Es ist durchaus möglich, dass die Schwarzen über die Selbstbestimmung in einer Reihe gigantischer Schritte vor dem großen Block der weißen Arbeiter zur proletarischen Diktatur kommen werden. Sie werden dann die Vorhut sein. Ich bin absolut sicher, dass sie auf jeden Fall besser kämpfen werden als die weißen Arbeiter. Das kann allerdings nur geschehen, wenn die Kommunistische Partei einen kompromisslosen, gnadenlosen Kampf nicht gegen die vermeintlichen nationalen Voreingenommenheiten der Schwarzen, sondern gegen die kolossalen Vorurteile der weißen Arbeiter führt und ihnen gegenüber keinerlei Konzessionen macht10.

Swabeck: Ist es dann Ihre Meinung, dass der Slogan der Selbstbestimmung ein Mittel sein wird, die Schwarzen gegen den amerikanischen Imperialismus in Bewegung zu setzen?

Trotzki: Natürlich. Indem sie ihren eigenen Staat aus dem mächtigen Amerika herausbrechen und das mit der Unterstützung der weißen Arbeiter tun, wird sich das Selbstbewusstsein der Schwarzen enorm entwickeln.

Die Reformisten und Revisionisten haben eine Menge dahingehend geschrieben, dass der Kapitalismus in Afrika eine zivilisatorische Arbeit durchführe und dass, wenn die Völker Afrikas alleine gelassen würden, sie noch mehr von Geschäftemachern etc. ausgebeutet würden als jetzt, wo sie zumindest einen gewissen rechtlichen Schutz genießen.

In gewissem Maße kann dieses Argument richtig sein. Aber in diesem Fall ist es auch vor allem eine Frage der europäischen Arbeiter: Ohne ihre Befreiung ist wahre koloniale Befreiung nicht möglich. Wenn der weiße Arbeiter die Rolle des Unterdrückers spielt, kann er sich nicht selbst befreien und noch weniger die Kolonialvölker. Das Recht auf Selbstbestimmung der kolonialen Völker kann in bestimmten Zeiten zu verschiedenen Ergebnissen führen; in letzter Instanz jedoch wird es zum Kampf gegen den Imperialismus und zur Befreiung der Kolonialvölker führen.

Vor dem Krieg stellte die österreichische Sozialdemokratie (vor allem Renner11) die Frage der nationalen Minderheiten auch abstrakt. Sie argumentierten ebenfalls, dass der Slogan der Selbstbestimmung nur die Arbeiter vom Klassenstandpunkt wegführen würde und dass der Minderheitenstaat wirtschaftlich nicht lebensfähig sei. War diese Art, die Frage zu stellen, richtig oder falsch?

Sie war abstrakt. Die österreichischen Sozialdemokraten sagten, dass die nationalen Minderheiten keine Nationen seien. Was sehen wir heute? Die Teile, die sich (vom alten österreich-ungarischen Reich) abgetrennt haben, existieren – sicher schlecht, aber sie existieren. In Russland haben die Bolschewiki immer für die Selbstbestimmung der nationalen Minderheiten gekämpft, einschließlich des Rechts auf völlige Trennung. Und dennoch sind diese Gruppen, nachdem sie die Selbstbestimmung erreicht hatten, bei der Sowjetunion geblieben. Wenn die österreichische Sozialdemokratie früher in dieser Frage eine korrekte Politik gehabt hätte, dann hätte sie den nationalen Minderheitsgruppen gesagt: „Ihr habt das volle Recht auf Selbstbestimmung; wir haben keinerlei Interesse daran, Euch in der Hand der Habsburger Monarchie zu lassen“ – dann wäre es möglich gewesen, nach der Revolution eine große Donau-Föderation zu schaffen. Die Dialektik der Entwicklung zeigt, dass dort, wo es einen beengenden Zentralismus gab, der Staat zerfiel, und dass dort, wo völlige Selbstbestimmung durchgeführt wurde, ein wirklicher Staat entstand und vereint blieb.

Die Schwarze Frage ist von enormer Bedeutung für Amerika. Die „League“ muss diese Frage ernsthaft diskutieren, vielleicht in ihrem internen Bulletin.

Fußnoten

1. James P. Cannon: The First Ten Years of American Communism, New York 1962, eigene Übersetzung.

2. Dieser Text folgt weitgehend der Version aus der Broschüre „Leo Trotzki: Nationale Frage und nationale Minderheiten“. Wir haben uns jedoch dafür entschieden, den englischen Begriff „Negro“ mit „Schwarz“ bzw. „Schwarzer“ statt wie in der zugrunde liegenden Version mit dem N-Wort zu übersetzen. Für den Begriff der „race“ haben wir die Übersetzung mit dem Wort „Rasse“ beibehalten. Aufgrund seiner Belastung im Deutschen verwenden wir den Begriff in aktuellen Übersetzungen nicht, doch ist hier keine andere Übersetzung möglich, ohne den historischen Diskurs zu verfälschen.

3. Albert Weisbord (1900-77), ehemals Gewerkschaftsorganisator der Kommunistischen Partei, war der Führer einer kleinen Gruppe namens „Communist League of Struggle“, die 1931-37 existierte, und die sich 1933 kurzfristig als Anhänger der Internationalen Linken Opposition bezeichnete, ohne dieser allerdings beizutreten.

4. Die Stalinisten benutzten diesen Begriff in den 20er und 30er Jahren, um ihre Unterstützung für gewisse bürgerliche Kräfte vorallem im Fernen Osten zu rechtfertigen. Sie behaupteten, dass Tschiang Kai-scheks Sieg in der zweiten chinesischen Revolution von 1925-27 eine solche Diktatur zum Ergebnis haben werde, während sie in Wirklichkeit zu einer konterrevolutionären bürgerlichen Militärdiktatur über die Arbeiter und Bauern führte.

5. Pierre Frank, Mitbegründer der Französischen Linken Opposition, war 1932- 33 Trotzkis Sekretär in der Türkei. Nach dem 2. Weltkrieg war er Mitglied des Internationalen Sekretariats der IV. Internationale, dann des „Vereinigten Sekretariats“.

6. Die „Universal Negro Improvement Association“ wurde 1914 von Marcus Garvey (1887-1940) in seinem Heimatland Jamaica und 1916 in den USA organisiert. Sie wurde zu einer internationalen „Zurück nach Afrika“-Bewegung mit einer Anhängerschaft, die auf ihrem Höhepunkt zwischen dem 1. Weltkrieg und den Mitt-Zwanziger Jahren in den USA Hunderttausende zählte.

7. Die NAACP wurde 1909 von Liberalen, Sozialdemokraten und libertären Bürgerrechtlern, darunter W.E.B. Du Bois, gegründet.

8. Der Ölbaron John D. Rockefeller (1839-1937) oder sein Sohn J.D.R, Jr. (1874- 1960).

9. Die Tschechoslowakei, bis dahin Teil der österreich-ungarischen KuK-Monarchie wurde am 28.10.1918 gegründet. Die bürgerliche Regierung in Prag verfolgte von Anfang an einen tschechisch-chauvinistischen Kurs gegenüber den – mehrheitlichen – Minderheitsvölker. 1992 zerfiel der Staat in eine tschechische und eine slowakische Republik.

10. Vor der kampflosen Kapitulation der Komintern und ihrer Sektionen vor dem Faschismus 1933 verstand sich die Linke Opposition bzw. die Anhänger Trotzkis noch als oppositionelle Fraktion der Komintern und orientierte auf die Beeinflussung der stalinistischen Kommunistischen Parteien. Erst diese Erfahrung führte Trotzki zu der Auffassung, dass der Stalinismus als Ausdruck der Interessen der Sowjetbürokratie „durch und durch konterrevolutionär“ sei und eine neue Internationale, die IV. Internationale, gegründet werden müsse, um durch den revolutionären Sturz der stalinistischen Bürokratie die sozialistische Option zu retten.

11. Karl Renner (1870-1950) war 1919-20 sozialdemokratischer Kanzler Österreichs und 1931-33 Präsident der Nationalversammlung.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.