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Die Ruinen des Grenfell Tower erinnern uns an die Märtyrer des Kapitalismus

Das Feuer, das ein Hochhaus mit Wohnungen für Geringverdiener*innen vollständig zerstört hat, ist ein Beispiel für die mörderischen Effekte neoliberaler Politik auf die Arbeiter*innenklasse. Aus London berichtet Dror Dayan.

Die Ruinen des Grenfell Tower erinnern uns an die Märtyrer des Kapitalismus

Bild: Activestills.org

Das abgebrannte Skelett des Grenfell Tower wirft Schatten über die Nachbarschaft wie ein außerirdisches Raumschiff in einem dystopischen Film. Es ist von allen Seiten abgeschirmt von höflichen, aber ernst aussehenden Polizeikräften. Anwohner*innen und Besucher*innen wandern ziellos umher und fotografieren den Ort des Horrors noch einmal mit ihrem Handy. In dieser Enklave der Armut im Inneren von Kensington und Chelsea, Londons reichster Nachbarschaft, werden improvisierte Gedenkstätten aufgestellt: weiße Plakate mit eng beschriebenen Nachrichten der Erinnerung. Über den Blumen und Kerzen hängen dutzende Bilder mit vermissten Personen, einige von ihnen schon durchgestrichen oder mit den Buchstaben „R.I.P.“ (Ruhe in Frieden) überkritzelt. Das Feuer, das offenbar in der Nacht zum Mittwoch im fünften Stock ausbrach, brauchte weniger als zehn Minuten, um das höchste Stockwerk zu erreichen. Es kann getrost angenommen werden, dass alle noch vermissten Personen es nicht lebendig aus dem Inferno geschafft haben. Die Poster sind alles Nachrufe.

Am Freitagabend brach vor dem Rathaus von Kensington und Chelsea Protest aus. Anwohner*innen brachen die Türen auf und stürmten hinein, nach Gerechtigkeit rufend. Später initiierten sie eine Vollversammlung, bevor sie zu dem abgefackelten Gebäude marschierten. Die angespannte Atmosphäre erinnerte viele Menschen an die Stimmung vor den Ausschreitungen 2011, als die Tötung des 29-Jährigen Mark Duggan in Nord-London eine Woche von Protesten und Plünderungen in ganz England auslöste. Am Samstag schien die Stimmung jedoch einer stillen Trauer zu weichen, vielleicht auch wegen der ungewöhnlichen Hitze und dem Ramadan-Fasten. Die freiwilligen Helfer*innen arbeiteten still in den Moscheen und Kirchen, wo Anwohner*innen und Besucher*innen Kerzen anzündeten und miteinander sprachen.

„Warum wird uns nur eine bestimmte Zahl von Toten gesagt, wenn alle wissen, dass die Feuerwehrleute nicht mal über den 15. Stock hinaus kamen?“, fragt Paul, ein Bewohner des fünften Stocks, der aus dem 24-stöckigen Hochhaus entkommen konnte. „Weil sie wissen, dass die Leute reagieren werden, wenn die Zeitungen mit den tatsächlichen Zahlen herausrücken.“ Während die offiziellen Zahlen weiterhin bei etwa 60 Toten liegen, liegt die tatsächliche Zahl der Toten laut inoffiziellen Quellen aus der Feuerwehr weit im dreistelligen Bereich. Angesichts der Anzahl großer Familien, Besucher*innen für Ramadan und undokumentierter Untermieter*innen scheint diese Schätzung realistisch zu sein.

Die Bahnstationen um das Gebäude herum wurden am Samstag aus „Sicherheitsgründen“ geschlossen, wodurch die Gegend weiter abgeschnitten wurde. Das heißt, man muss vom nahegelegenen Notting Hill Gate, eine der reichsten und schicksten Gegenden Londons, laufen. Der 20-minütige Weg an superschicken Pizzaläden und Boutiquen macht die hinter der Katastrophe liegenden Umstände offen sichtbar. „Wir können uns nicht einmal mehr leisten, auf unsere eigene Hauptstraße zu gehen“, sagt ein Anwohner. „Unsere Familien werden herausgedrängt, weil die Mieten steigen und unsere Häuser verkauft werden. Das ist inzwischen schon geschäftsmäßiger Mord.“ Mit Verweis auf das verkohlte Gebäude fügt ein weiterer hinzu: „Sobald die Kameras weg sind, werden das private Apartments werden.“

Das Feuer im Grenfell Tower zeigt, dass die Hochgeschwindigkeits-Gentrifizierung von London auf die Stadt zurückschlägt. Das Gebäude ist seit Jahrzehnten ein Dorn im Auge der Investor*innen und hat vor Kurzem erst eine Renovierung erlebt – doch anstelle eines Sprinkler-Systems hat es eine hochpolierte neue Fassade bekommen, damit es für die hochklassigen Nachbar*innen attraktiver aussieht. Die zuständige Hausverwaltung wählte eine Verkleidung, die weniger als 2,50 Euro pro Quadratmeter kostete – hergestellt aus höchst brennbarem Material. „Das Feuer ging durch die Verkleidung wie durch Papier“, erinnert sich Paul, während er seine Flucht beschreibt.

Die konservativen Medien sind damit beschäftigt, die Leute dazu aufzurufen, „die Tragödie nicht zu politisieren“, aber die britische Arbeiter*innenklasse lässt sich nicht so leicht reinlegen. Sie weiß sehr gut, dass diese Tragödie ein Angriff auf sie ist, beigebracht durch Gentrifizierung, Neoliberalismus und Jahre der Austerität und der Kürzungen. Labour-Parteichef Jeremy Corbyn hat sofortige Lösungen gefordert: „Es gibt eine große Zahl von absichtlich leeren Wohnungen und Eigentum in ganz London. Das nennt sich ‚land banking’“, sagte er. „Man kann sie besetzen, zwangskaufen, enteignen. Man kann eine ganze Menge tun.“

In diesem Fall hat Corbyn absolut recht. Allerdings kann man davon ausgehen, dass die konservative Regierung, die immer noch um die Bildung einer Koalition ringt, nicht bald Grundbesitz verstaatlichen wird. Mit dem Beginn der Brexit-Verhandlungen am heutigen Montag will Theresa May die Affäre wahrscheinlich eher schnellstmöglich begraben. Die Labour-Partei und ihre Basis täte gut daran, den Elan der Wahlen und ihr sich ausdehnendes Grassroots-Netzwerk zur Mobilisierung für die Besetzung leerstehender Wohnungen und ihre Verteilung an die Grenfell-Überlebenden zu nutzen, damit diese in ihrer Nachbarschaft bleiben können.

Auf den improvisierten Tafeln neben dem Hochhaus wurde eine Botschaft neben das Bild einer vermissten Person gekritzelt: „Der, der durch das Verbrennen stirbt, ist ein Märtyrer.“ Der Krieg des britischen Kapitalismus gegen die Armen und die Migrant*innen hat vergangene Woche hunderte neue Märtyer*innen geschaffen. Sie dürfen nicht vergessen werden – sie werden gerächt werden.

Bilder von activestills.org

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