Welt

Die Rolle der TrotzkistInnen

Was hat die PTS zum Kampf bei Zanon beige­tra­gen?

Die Rolle der TrotzkistInnen

// Was hat die PTS zum Kampf bei Zanon beige­tra­gen? //

“Nao­mi Klein fragte mich, ob kon­spir­a­tive, ortho­doxe Trotzk­istIn­nen oder die spon­tane Arbei­t­erIn­nen­be­we­gung den Prozess bei Zanon ange­führt haben. Ich habe ihr geant­wortet: Selb­stver­ständlich haben die kämpferischen Arbei­t­erIn­nen Zanons diesen Prozess geführt, doch ohne eine rev­o­lu­tionäre Partei, die die Strate­gie beis­teuerte, wäre Zanon nicht das gewor­den, was es ist. Es war also eben dieses Zusam­men­spiel, dass diesen Kampf ermöglichte.” (Raul Godoy)

Zanon war in den Jahren 2001/02 nur ein­er von mehr als 200 beset­zten Betrieben in Argen­tinien. Doch acht Jahre später beste­ht die Arbei­t­erIn­nenselb­stver­wal­tung bei Zanon weit­er, während die aller­meis­ten Koop­er­a­tiv­en unterge­gan­gen sind.

Dieser Erfolg ist ein Ergeb­nis der Poli­tik der Zanon-Arbei­t­erIn­nen. Sie haben es abgelehnt, als eine GenossIn­nen­schaft auf dem kap­i­tal­is­tis­chen Markt mit pri­vat­en Unternehmen zu konkur­ri­eren, und fordern stattdessen die Ver­staatlichung unter Arbei­t­erIn­nenkon­trolle. Ihr Ziel ist es, den UnternehmerIn­nen die Pro­duk­tion­s­mit­tel zu entreißen und in die Hände der Arbei­t­erIn­nen zu übergeben, damit ihre Fab­rik im Dien­ste eines Plans der öffentlichen Arbeit­en für die Bevölkerung funk­tion­ieren kann. Mit dieser Forderung kon­nten die Zanon-Arbei­t­erIn­nen bis heute dem Druck des Mark­tes wider­ste­hen.

Am Anfang erschien diese Poli­tik vie­len AktivistIn­nen als unerr­e­ich­bar oder wenig sin­nvoll auf­grund der Wirtschaft­slage. Doch nun haben die Zanon-Arbei­t­erIn­nen gezeigt, dass es mit einem lan­gen, entschlosse­nen poli­tis­chen Kampf möglich ist, das Unmögliche zu erre­ichen.

Diese Poli­tik ist nicht vom Him­mel gefall­en, son­dern wurde sys­tem­a­tisch von der trotzk­istis­chen Organ­i­sa­tion PTS (Par­tido de los Tra­ba­jadores Social­is­tas, Partei der sozial­is­tis­chen Arbei­t­erIn­nen, der argen­tinis­chen Sek­tion der Trotzk­istis­chen Frak­tion – Vierte Inter­na­tionale) in die Fab­rik hineinge­tra­gen.

Viele Autonome, die die Erfahrung der Zanon-Arbei­t­erIn­nen sehr pos­i­tiv sehen, kön­nen nicht erk­lären, warum Trotzk­istIn­nen von Anfang an an der Spitze dieser kämpferischen Belegschaft ste­hen. Zum Beispiel wird in der son­st sehr infor­ma­tiv­en Broschüre von „Wild­cat”* die PTS nicht erwäh­nt – außer in einem Infokas­ten, in dem die PTS ange­grif­f­en wird. Die Autorin der Broschüre meinte, gar keinen Ein­wand gegen die tagtägliche Arbeit der PTS in der Fab­rik zu haben, „doch ich wün­sche mir, dass der Arbei­t­erIn­nenkampf ohne Parteien und Rev­o­lu­tio­nen gehen würde.” Ein Führungsmit­glied der PTS zuck­te als Antwort die Schul­ter und sagte: „Das wün­sche ich mir doch auch.”**

Denn seit 200 Jahren find­en Kämpfe der Arbei­t­erIn­nen gegen das kap­i­tal­is­tis­che Sys­tem statt und aus diesen kön­nen zahlre­iche Lehren gezo­gen wer­den. Die Auf­gabe ein­er rev­o­lu­tionären Organ­i­sa­tion ist es, diese 200jährige Erfahrung zu syn­thetisieren und mit wis­senschaftlichen Erken­nt­nis­sen über die Gesellschaft zu verbinden. Diese Erfahrung zeigt, dass die Arbei­t­erIn­nen­klasse eine rev­o­lu­tionäre Organ­i­sa­tion braucht, um den Kap­i­tal­is­mus auf den Mis­thaufen der Geschichte zu wer­fen.

Viele Erfahrun­gen mit GenossIn­nen­schaften beweisen, dass eine „sozial­is­tis­che Insel” mit­ten in einem kap­i­tal­is­tis­chen Meer kaum über­leben kann. Deswe­gen wis­sen die Zanon-Arbei­t­erIn­nen, dass es sehr schwierig sein wird, ihr Pro­jekt der Arbei­t­erIn­nenselb­stver­wal­tung aufrechtzuer­hal­ten, wenn die Arbei­t­erIn­nen­klasse in Argen­tinien und der Welt nicht voran­schre­it­et. Deswe­gen geht es ihnen nicht nur um die Vertei­di­gung von Zanon selb­st, son­dern darum, alle sich entwick­el­nden Arbeit­skämpfe voranzutreiben und die gesamte Arbei­t­erIn­nen­klasse zu ermuntern, endlich die Ket­ten der kap­i­tal­is­tis­chen Aus­beu­tung zu spren­gen.

Deswe­gen kämpfen die Zanon-Arbei­t­erIn­nen auch für die Rücker­oberung von den heute bürokratisierten und unternehmerIn­nen­fre­undlichen Arbei­t­erIn­nenor­gan­i­sa­tio­nen, wie zum Beispiel dem argen­tinis­chen Gew­erkschafts­bund CTA, indem sie stets mit dem Beispiel der direk­ten Arbei­t­erIn­nen­demokratie vor­ange­hen.

Die direk­te Arbei­t­erIn­nen­demokratie ermöglicht es, dass in den Ver­samm­lun­gen bei Zanon Arbei­t­erIn­nen mit oder ohne Mit­glied­schaft in Parteien oder sozialen Organ­i­sa­tio­nen ihre Stand­punk­te äußern, erhört wer­den und für die ihrer Mei­n­ung nach richti­gen poli­tis­chen Strate­gien ein­ste­hen kön­nen. Lange und erhitzte Diskus­sio­nen sind immer Teil des All­t­ags bei Zanon gewe­sen, wodurch eine ein­mal abges­timmte Res­o­lu­tion auch bis zum Ende von allen vertei­digt wer­den kon­nte. Die PTS hat nie irgen­deine Befehls­ge­walt in der Fab­rik gehabt – wie alle anderen müssen sie ihre Vorschläge in der Ver­samm­lung vorstellen und abstim­men lassen.

Die Idee der Selb­stver­wal­tung der Arbei­t­erIn­nen und der Enteig­nung der Kap­i­tal­istIn­nen sind ein Teil des marx­is­tis­chen Pro­gramms. Raul Godoy und andere PTS-Mit­glieder in der Fab­rik kon­nten Stück für Stück die Sym­pa­thie und das Ver­trauen ihrer Kol­legIn­nen gewin­nen, von den ersten Schrit­ten (die Zurücker­oberung der Keramikar­bei­t­erIn­nengew­erkschaft Neuquéns SOECN im Jahr 2000) bis hin zur Auf­nahme der Pro­duk­tion unter Arbei­t­erIn­nenkon­trolle.

Raul Godoy beschrieb das fol­gen­der­maßen: „Unter unseren Kol­legIn­nen mussten wir den über­triebe­nen Respekt gegenüber dem Gesetz bekämpfen (…) das war eine lange Diskus­sion, denn die Gew­erkschafts­bürokra­tien erziehen uns darin, dass die Geset­ze der Aus­beu­terIn­nen anzuerken­nen seien (…) doch die Kol­legIn­nen überzeugten sich in der Diskus­sion und der Aktion davon, dass der Schlüs­sel nicht in irgendwelchen Geset­zen, son­dern im Kräftev­er­hält­nis zwis­chen den Klassen liegt. Wir sind über viele der Vorurteile, die uns die Bour­geoisie ver­mit­telt – wie das Nicht-Infragestellen ihres Pri­vateigen­tums, ihrer Geset­ze und ihrer Insti­tu­tio­nen – hin­weggekom­men. Eine rev­o­lu­tionäre Partei muss eben diese Vorurteile bekämpfen und aufzeigen, dass der Klassenkampf (…) nicht vor einem Gesetz halt macht, son­dern auf­grund der auf den Schlacht­feldern wirk­lich vertrete­nen Kräfte einzuschätzen ist. Diese Punk­te sind nicht direkt aus der Spon­taneität der Arbei­t­erIn­nen, son­dern durch ihre klassen­be­wusste Führung ent­standen. Denn Klassenkampf bedeutet nicht nur Arbei­t­erIn­nen gegen UnternehmerIn­nen, son­dern auch gegen die Kap­i­tal­istIn­nen­klasse und ihren Staat sowie ihre Insti­tu­tio­nen; es ist somit auch ein poli­tis­ch­er Kampf.“

Mit der Unter­stützung von Mar­i­ano Pedrero (Mit­glied der PTS und Anwalt der SOECN) wur­den rev­o­lu­tionäre Prinzip­i­en in der zurücker­oberten Gew­erkschaft ver­ankert, indem sie das Beste aus der Geschichte der argen­tinis­chen und der weltweit­en Arbei­t­erIn­nen­be­we­gung in das neue Gew­erkschaftsstatut auf­nah­men: Wähl- und Abwählbarkeit der Gew­erkschafts­funk­tionärIn­nen, Rota­tion­sprinzip, Ver­samm­lung als höch­stes Entschei­dung­sor­gan, Klasse­nun­ab­hängigkeit, pro­le­tarisch­er Inter­na­tion­al­is­mus, Kampf gegen die Gew­erkschafts­bürokra­tien, die Suche nach Bünd­nis­sen mit Studieren­den, indi­ge­nen Gemein­schaften (Mapuche), Arbeit­slosen und anderen Arbei­t­erIn­nen auf lokaler, regionaler und nationaler Ebene.

So stieß die PTS an, dass Studierende der Uni­ver­sität von Com­ahue an der Pro­duk­tion­s­pla­nung bei Zanon mitar­beit­eten, dass die Fliesen von Zanon an Armen­vier­tel gespendet wer­den oder poli­tisch aktive Arbeit­slose („Piqueteros”) in die Belegschaft aufgenom­men wer­den. Auf diesem Weg wurde die Forderung „Zanon gehört der Bevölkerung“ in der Prax­is Wirk­lichkeit, da Zanon nicht nur im Sinne der Belegschaft selb­st, son­dern auch im Sinne der gesamten arbei­t­en­den Bevölkerung pro­duziert.

Dieses rev­o­lu­tionäre Pro­gramm wurde stetig im All­t­ag disku­tiert und im täglichen Kampf auf die Probe gestellt. So kam es zu ein­er Ver­schmelzung zwis­chen dem Marx­is­mus und der Arbei­t­erIn­nena­vant­garde – und für rev­o­lu­tionäre Marx­istIn­nen gibt es nichts Beein­druck­enderes als diesen Moment, in dem das rev­o­lu­tionäre Pro­gramm schließlich eins wird mit der Real­ität und durch die Arbei­t­erIn­nen­klasse aufgenom­men wird.

Zanon ermöglicht es, die Effek­tiv­ität des marx­is­tis­chen Pro­gramms in der Prax­is aufzuzeigen, ger­ade in objek­tiv so schwieri­gen Zeit­en wie der aktuellen, weltweit­en Krise des Kap­i­tal­is­mus. Der Schlüs­sel zum Erfolg der Zanon-Arbei­t­erIn­nen kommt aus ihrer wahrhaft und unver­fälscht rev­o­lu­tionären Führung. Diese fehlt vie­len Kämpfen, die sich ger­ade auf der ganzen Welt entwick­eln.

Fußnoten

* www.wildcat-www.de/wildcat/68/w68_zanon.pdf

** Diese Unter­hal­tung erlebte Wladek Flakin im Gespräch mit der Autorin im Jahr 2003 bei Zanon. Bele­gen lassen sich die Zitate freilich nicht.

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