Deutschland

Die Polizeigewalt hat ihre Wirkung verfehlt – Hamburg hat mich radikalisiert!

Viele Menschen waren in Hamburg zum ersten Mal auf einer Großdemonstration. Die Polizeigewalt war erschreckend – aber viele wollen deswegen jetzt erst recht gegen dieses System kämpfen. Unsere Autorin zum Beispiel. Gastbeitrag von Skadi*.

Die Polizeigewalt hat ihre Wirkung verfehlt – Hamburg hat mich radikalisiert!

“Stern­schanze soll­tet ihr nicht raus”, sagen uns zwei Aktivist*innen in der S‑Bahn, “denn da fliegen ger­ade Mollys.“ Okay… dann soll­ten wir eine Sta­tion vorher aussteigen – das ist zumin­d­est die Entschei­dung mein­er Freund*innen. Sie wollen sich von dort aus auf den Weg durchs Schanzen­vier­tel zur „G20 entern“-Demo auf der Reeper­bahn begeben. Es ist Fre­itag Abend in Ham­burg.

Für mich ist das angesichts der Bilder in sozialen Medi­en und der Geschicht­en von Rückkehrer*innen ins Camp nicht drin – zu viel Angst vor unüber­sichtlichen Sit­u­a­tio­nen, physis­chen Auseinan­der­set­zun­gen mit der Polizei oder blind­en Böller­wür­fen.

Deshalb bin ich eigentlich mit Bill* in der Stadt verabre­det, um nicht allein sein zu müssen und trotz­dem weit weg von den Auss­chre­itun­gen zu bleiben. Aber Bill antwortet seit ein­er hal­ben Stunde nicht mehr auf meine Nachricht­en. Ich weiß nicht, wo und ob ich ihn nun tre­ffe.

Je näher wir der entsprechen­den S‑Bahn-Sta­tion kom­men, desto unruhiger werde ich: Soll ich zurück zum Camp oder in unsere Unterkun­ft? Beim Gedanken, allein im „Gefahrenge­bi­et“ zu sein, wird mir mul­mig.

Dann endlich: Erle­ichterung. Bill meldet sich und wir verabre­den, dass er zu dem Bahn­steig kommt. Meine Freund*innen sind schon weg, ich warte geduldig auf ihn – bloß nicht alleine nach draußen auf die Straße.

Nach ein­er hal­ben Stunde ist er da. Die Bah­nen fahren ja nicht. Zusam­men laufen wir dann Rich­tung St. Pauli zu ein­er Pizze­ria. Um uns herum sitzen viele Men­schen und ruhen sich vom aktion­sre­ichen Tag aus – viel Krawall gibt es ger­ade nicht.

Irgend­wann muss Bill zu sein­er Unterkun­ft und ich bespreche mit meinen Freund*innen, dass sie mich abholen kom­men. Gemein­sam beschließen wir, uns auf den Heimweg zu machen und ver­suchen zur Bahn zu kom­men, was wegen der vie­len von der Polizei ges­per­rten Straßen gar nicht so leicht war.

Am Neuen Pfer­de­markt beobacht­en wir, wie zwei Per­so­n­en von zwei Wasser­w­er­fern beschossen wer­den. “Was soll die Scheiße?”, ruft eine eher ruhige Fre­undin zu dieser völ­lig unver­hält­nis­mäßi­gen Maß­nahme. Als es auch für die Umste­hen­den bedrohlich­er wird, ziehen wir weit­er, wo uns ein Mitar­beit­er ein­er Imbiss­bude Wass­er anbi­etet. Eine schöne sol­i­darische Geste aus der dort leben­den Bevölkerung – davon gab es viele in den Tagen um G20.

Das Gefühl von Zusam­men­halt im Aus­nah­mezu­s­tand ist auf jeden Fall schön. Auf unserem Weg zur einzi­gen offe­nen Bahn­sta­tion in der Gegend wer­den wir immer wieder von Polizeiket­ten, Räum­fahrzeu­gen, Wasser­w­er­fern und Wan­nen zu Umwe­gen gezwun­gen. Den Weg säu­men bren­nende Autos, zer­schla­gene Bushal­testellen und jede Menge Böller und Scher­ben. Obwohl ich anges­pan­nt bin und mir schon das Händ­chen­hal­ten mit meinen Freund*innen zu viel Kör­perkon­takt ist, über­rascht es mich, wie wenig Angst mir die tat­säch­liche Sit­u­a­tion macht – ver­glichen mit meinen Befürch­tun­gen von vor eini­gen Stun­den.

Sam­stag Nacht, nach der Großdemon­stra­tion, sind wir noch ein­mal in St. Pauli. Während wir vor einem Laden Falafel essen, hört man wieder Böller explodieren und Flaschen zer­sprin­gen, Hun­dertschaften und Wasser­w­er­fer ziehen an uns vor­bei und einige Sanis tra­gen eine*n Verletzte*n über die Straße.

Selb­st Rachel*, die son­st immer eher Paz­i­fistin war, meint: „Ham­burg hat mich auf jeden Fall radikalisiert.“ Mir geht es ähn­lich – auch wenn die Frage nach der Legit­im­ität von Gewalt schon länger weniger The­ma ist, als deren Effek­tiv­ität und der Auseinan­der­set­zung mit mein­er eige­nen Angst davor. Zumin­d­est bei let­zterem hat Ham­burg so einiges bewegt in mir.

Die hem­mungslose Gewalt seit­ens der Bullen hat ihre abschreck­ende Wirkung bei mir ver­fehlt. Im Gegen­teil: Diese Ungerechtigkeit hat mich sog­ar entschlossen­er gemacht. Außer­dem hat das Gefühl von Sol­i­dar­ität und Zusam­men­halt, sowie die Idee ein­er selb­stor­gan­isierten und par­tizipa­tiv­en Gemein­schaft wie z.B. auf dem Camp im Alton­aer Volkspark mich per­sön­lich vor allem motiviert, in Zukun­ft poli­tisch noch aktiv­er zu wer­den und mich vielle­icht auch zu organ­isieren.

Ich denke, dass G20 auch in eini­gen anderen eine ähn­liche Entschlossen­heit hin­ter­lassen hat. Das kön­nen wir auf jeden Fall als Erfolg für die Linke ver­buchen.

* Namen geän­dert

One thought on “Die Polizeigewalt hat ihre Wirkung verfehlt – Hamburg hat mich radikalisiert!

  1. O sagt:

    Danke für diesen Artikel! Ich habe selb­st in Altona gecamped und kon­nte mich in jed­er Sekunde deines Artikels mit dein­er Sit­u­a­tion iden­ti­fizieren! Mich hat das ganze auch nur entschlossen gemacht mich zu organ­isieren und poli­tisch aktiv­er zu wer­den. Großes Lob.

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