Hintergründe

Die “Podemos-Hypothese” und die Probe der Macht

Vor anderthalb Jahren ent­stand Podemos. Diese Organ­i­sa­tion präsen­tierte sich als eine neue, par­tizipa­tive Bewe­gung, die “offen für alle Bürg­erIn­nen” sei. „In den Plätzen wurde skandiert, dass [der Wider­stand] möglich sei, und wir sagen heute: ja, wir schaf­fen es.“ So verkün­dete es damals Pablo Igle­sias mit Bezug auf die spanis­che Empörten-Bewe­gung, die am 15. Mai 2011 ent­standen war.

Die “Podemos-Hypothese” und die Probe der Macht

// Vor anderthalb Jahren ent­stand Podemos. Diese Organ­i­sa­tion präsen­tierte sich als eine neue, par­tizipa­tive Bewe­gung, die “offen für alle Bürg­erIn­nen” sei. „In den Plätzen wurde skandiert, dass [der Wider­stand] möglich sei, und wir sagen heute: ja, wir schaf­fen es.“ So verkün­dete es damals Pablo Igle­sias mit Bezug auf die spanis­che Empörten-Bewe­gung, die am 15. Mai 2011 ent­standen war. //

Am 25. Mai 2014 und mit mehr mehr als 1,2 Mil­lio­nen Stim­men und fünf Sitzen im Europäis­chen Par­la­ment betrat diese neue poli­tis­che For­ma­tion kraftvoll die spanis­che Poli­tik­bühne. Das war der erste elek­torale Durch­bruch von Podemos. Von nun an begann sie sich in eine Partei umzuwan­deln und nahm eine zen­tral­is­tis­che interne Organ­i­sa­tion­struk­tur an, die method­isch eher „plebisz­itär“ als „par­tizipa­tiv“ ist. Sie gab sich ein reformistis­ches Pro­gramm mit dem Ziel, „die Zen­tral­ität [d.h. die Mitte, A.d.Ü.] der poli­tis­chen Land­schaft“ einzunehmen. Die Ver­samm­lung von Vista Ale­gre im Okto­ber 2014 kon­so­li­dierte diesen Prozess.

Dieser Prozess wurde begleit­et von ein­er Rei­he von „poli­tis­chen Gesten“ gegenüber Sek­toren des Regimes und des Estab­lish­ments. Dies zielte darauf ab, den Beweis zu liefern, dass Podemos keine „radikale Bewe­gung“ bzw. eine „sys­temkri­tis­che“ Bewe­gung (wie die reak­tionäre Rechte im Spanis­chem Staat behauptet) ist, son­dern eine „gemäßigte Bürg­erIn­nen­be­we­gung“, die ver­sucht, den von der Sozialdemokratie ver­lasse­nen Raum zu beset­zen.

Pablo Igle­sias traf sich mit dem US-Botschafter in Madrid, organ­isierte „pri­vate“ Tre­f­fen mit den AnführerIn­nen der sozialdemokratis­chen PSOE wie dem ehe­ma­li­gen Präsi­den­ten Rodríguez Zap­a­tero, applaudierte im Europäis­chen Par­la­ment mit Inbrun­st Papst Franziskus und fand lobende Worte für Barack Oba­ma, während andere Führungsmit­glieder von Podemos Kon­tak­te zu Geschäft­sleuten und Bankiers ini­ti­ierten.

Der kome­ten­hafte Auf­stieg in den Umfra­gen fand aber ein vor­läu­figes Ende mit den kom­mu­nalen und regionalen Wahlen vom 24. Mai diesen Jahres. Drei Fak­toren bee­in­flussten diesen Prozess:

Auf der einen Seite set­zte das Auf­tauchen der Mitte-Rechts-Partei Ciu­dadanos (“Bürg­er”), die einen Antiko­r­rup­tions­diskurs nutzt und von der “Erneuerung” des Regimes spricht, dem Wach­s­tum von Podemos bei tra­di­tionell recht­en Sek­toren der Wäh­lerIn­nen­schaft eine Gren­ze. Auf der anderen Seite hat sich die Annahme ein­er schnellen “Pasok­isierung” der PSOE, die es Podemos erlaubt hätte, den von der Sozialdemokratie ver­lasse­nen Raum zu beset­zen, nicht erfüllt. Im Gegen­teil hat es die “sozialdemokratis­che Kaste” geschafft, die zweit­stärk­ste Kraft nach der kon­ser­v­a­tiv­en Par­tido Polpu­lar (“Volkspartei”) zu bleiben. Schließlich hat, wenn auch in gerin­gerem Maße, die Entschär­fung des Diskurs­es seit­ens Podemos “linke” Wäh­lerIn­nen gekostet.

Das vor­läu­fige Resul­tat aus der Krise des spanis­chen Zweiparteien­sys­tems ist also die Formierung ein­er Art “Vier­parteien­sys­tem”. In diesem Zusam­men­hang veröf­fentlichte Pablo Igle­sias Mitte April einen Artikel, der für einige Diskus­sio­nen inner­halb und außer­halb Podemos sorgte. Mit dem sug­ges­tiv­en Titel “Die Zen­tral­ität ist nicht das Zen­trum”, deutete der Artikel auf eine der ehe­mals wichtig­sten Losun­gen von Podemos hin: “die Zen­tral­ität der poli­tis­chen Bühne” zu beset­zen und damit – aus ihrem Stand­punkt her­aus – die einen­gende Tren­nung zwis­chen “rechts und links” zu über­winden.

Igle­sias argu­men­tierte in dem Artikel, dass das Pro­jekt von Podemos nicht die demokratis­che Erneuerung des Regimes (“Elitewech­sel”), son­dern Aus­druck eines “poli­tis­chen Pro­jek­tes von unten” sei. So rief er dazu auf, den “respek­t­losen” Stil der Grün­dungszeit (der sich weit­ge­hend ver­flüchtigt hat­te) wieder aufzunehmen, welch­er mit der “Vertei­di­gung des Sozial­staates und den sozialen Recht­en” kom­pat­i­bel war. Fern­er forderte er den poli­tis­chen Stre­it auf eine “gün­stigere” Ebene zu brin­gen.

Manch ein­er wollte darin eine “Linkswende” von Igle­sias sehen, vor dem Hin­ter­grund ein­er poli­tis­chen Auseinan­der­set­zung mit seinem Stel­lvertreter, Iñi­go Erre­jón, um die Aus­rich­tung der Partei. Aber nichts kön­nte weit­er davon ent­fer­nt sein. Für Igle­sias war die “Zen­tral­ität” dadurch gekennze­ich­net, “was (der ehe­ma­lige sozialdemokratis­che Präsi­dent) Zap­a­tero vorschlug: ein Pro­jekt der wirtschaftlichen Umverteilung gegen das Dog­ma der Spar­maß­nah­men”, d.h. den elek­toralen Raum zu beset­zen, der durch die “Erschöp­fung der realex­istieren­den sozialdemokratis­chen Parteien” freige­wor­den ist, indem sie sich ihre Sprache und ihr Pro­gramm aneignen.

So ver­suchte Igle­sias, angesichts sink­ende Umfragew­erte, seinen Diskurs neu aufzustellen, um um den durch die Krise der Sozialdemokratie (die offen sozial­lib­er­al gewor­den ist) ent­stande­nen “ver­füg­baren” Raum zu kämpfen. Gle­ichzeit­ig will er sein­er Strate­gie allmäh­lich­er Verän­derun­gen aus dem Innern der Insti­tu­tio­nen des Regimes her­aus beibehal­ten.

In einem kür­zlich gegebe­nen Inter­view [1] gibt Igle­sias mehr Hin­weise darauf, was darunter zu ver­ste­hen ist, wenn Podemos von der Notwendigkeit spricht, die “poli­tis­che Zen­tral­ität zu beset­zen”. Nach dem Auf­tauchen der Partei Ciu­dadanos sagt er, “… die vol­l­zo­gene Verän­derung [des spanis­chen poli­tis­chen Panora­mas, A.d.Ü.] wirft uns wieder in das Schema zurück, das wir von Anfang an als per­spek­tiv­los ange­se­hen hat­ten: das tra­di­tionelle Links-Rechts-Muster. Wir denken, dass es auf dieser Basis keine Möglichkeit der Verän­derung in Spanien gibt und dass das Risiko, dem wir uns jet­zt aus­set­zen, ist, genau in diese Schublade gesteckt zu wer­den. Dies ent­fer­nt uns von unserem Ziel, ein neues Muster zu definieren, das nichts mit dem Zen­trum des poli­tis­chen oder ide­ol­o­gis­chen Spek­trums zu tun hat.”

Das selt­same Besip­iel, mit dem Igle­sias seine Strate­gie zu erk­lären ver­sucht, ist der Besuch von König Philipp VI. beim Europäis­chen Par­la­ment. Im Gegen­satz zu den Mit­gliedern der Europäis­chen Linken, die nicht am offiziellen Emp­fang teil­nah­men, begrüßte Igle­sias den Monar­chen. Jedoch behauptet er, dies wäre ein “sub­ver­siv­er Akt”: Igle­sias trug dabei läs­sige Klei­dung und schenk­te dem Monar­chen eine DVD von Game of Thrones …, damit er die “Zer­brech­lichkeit” sein­er Stel­lung als König wahrn­immt.

Igle­sias recht­fer­tigte das so: “Wir woll­ten nicht in diesem Wider­spruch, inner­halb der fest­gelegten Posi­tio­nen gefan­gen bleiben, son­dern durch eine iro­nis­che Botschaft, die zugle­ich eine ple­be­jis­che Geste darstellt ‑die übrin­gens medi­al sehr gut funk­tion­iert hat‑, den Fokus der Diskus­sion ver­schieben: Wir wollen nicht Monar­chie gegen Repub­lik stellen, denn dieser Diskurs wird automa­tisch mit der Erin­nerung an den Spanis­chen Bürg­erkrieg assoziert, was uns lei­der zum Scheit­ern im Kampf um die soziale Inter­pre­ta­tion führt.”

Im poli­tis­chen Denken von Pablo Igle­sias ist die Andeu­tung des “ple­be­jis­chen Auf­s­tands” nur eine Redewen­dung, die nicht auf die Suche nach Möglichkeit­en abzielt, die Energien der arbei­t­en­den Men­schen und der am stärk­sten von der Krise betrof­fe­nen Men­schen zu “ent­fes­seln” und ihre Forderun­gen durchzuset­zen.

Mit der Logik, “die Mitte der poli­tis­chen Bühne” zu beset­zen und gle­ichzeit­ig den Abstand vom linken Lager (und der radikalen Linken) zu suchen, reduziert die Führung von Podemos das poli­tis­che Hand­lungs­feld auf einen Medi­en­be­trieb, der auf wohlka­lkulierten “Gesten” (zugegeben­er­maßen sehr gut vor­bere­it­et von ihrem Mar­ket­ingteam) basiert, um die öffentliche Mei­n­ung der poli­tis­chen Mitte zu ver­führen. Für Igle­sias ist die Debat­te über die Monar­chie oder Repub­lik uner­wün­scht, weil “die Monar­chie eine der am meis­ten geschätzten Insti­tu­tio­nen in Spanien verkör­pert, was dazu führt, dass sich automa­tisch soziale Schicht­en, die grundle­gend für einen poli­tis­chen Wan­del sind, von uns abwen­den.”

Para­dox­ien eines Reformis­mus ohne Refor­men und eines “Auf­s­tands von unten”, der wed­er den Auf­s­tand beab­sichtigt, noch tat­säch­lich vorhat, “ple­be­jisch oder “von unten” zu sein. Denn Podemos hat nicht nur aufgegeben, die soziale Mobil­isierung voranzutreiben, son­dern ver­weigert sich auch der Eröff­nung ein­er öffentlichen Debat­te über das Fortbeste­hen ein­er reak­tionären Insti­tu­tion wie die spanis­che Monar­chie im 21. Jahrhun­dert.

Podemos, Bündnisse und die Probe der Macht

Die Wahlen vom 24. Mai 2015 haben die spanis­che poli­tis­che Land­karte stark verän­dert. In den wichtig­sten Städten des Staates wie Madrid, Barcelona, Valen­cia, Cadiz, Zaragoza, San­ti­a­go de Com­postela und weit­eren, kamen “Bürg­erIn­nenkan­di­dat­en”, beste­hend aus Podemos und weit­eren linken Kräften, an die Kom­mu­nal­regierun­gen.

Die wichtig­sten Fälle sind zweifel­los die von Aho­ra Madrid (“Madrid Jet­zt”), ange­führt von der ehe­ma­li­gen Gefäng­nis­rich­terin Manuela Car­me­na, und “Barcelona en Comú”, ange­führt von der Aktivistin gegen Zwangsräu­mungen Ada Colau. In den meis­ten Fällen jedoch reicht­en die Ergeb­nisse nicht aus, um eine Regierung mit absoluter Mehrheit zu bilden, wie es in Madrid der Fall war. Um zu regieren, mussten die neuen “Bürg­erIn­nenkan­di­da­turen” auf die Unter­stützung der PSOE zurück­zu­greifen, die ihre Stim­men für die kom­mu­nale Regierungs­bil­dung ver­lieh. Als Gegen­leis­tung ver­langte sie nichts weniger als die Stim­men für die Regierungs­bil­dung in mehreren Autonomen Regio­nen.

Podemos präsen­tierte diesen Tausch als „Wende“ der PSOE in Rich­tung des Pro­gramms von Podemos. Jedoch zeigte die darauf fol­gende Welle von weit­eren Pak­ten in den let­zten Wochen, dass Podemos einen weit­eren Sprung in ihrer poli­tis­chen Anpas­sung an die Regeln der bürg­er­lichen Demokratie Spaniens gemacht hat: Sie ver­han­delt nun direkt mit ein­er der Säulen des poli­tis­chen Regimes von 1978. Trotz aller „Erneuerungs“-Rhetorik über­lebt die Logik des „kleineren Übels“, die inner­halb der tra­di­tionellen spanis­chen Linken in den let­zten Jahrzehn­ten sehr ver­wurzelt war, auch in der DNA der AnführerIn­nen von Podemos.

Der Auf­stieg von Podemos und ihrer Ver­bün­de­ten in den „Bürg­erIn­nenkan­di­da­turen“ zur Macht in den wichtig­sten Städten stellt Podemos auf die harte Probe der Macht. Einge­bet­tet in die Logik des „Man­age­ments“ began­nen diese Kan­di­da­turen bald an die „Gren­zen des Möglichen“ im „Veränderungs“-Prozess zu stoßen, wie man am Beispiel der Stadt Madrid beobacht­en kann: Es verg­ing nicht mal eine Woche, bis die neue Bürg­er­meis­terin begann, eine Rei­he von „Verzicht­serk­lärun­gen“ auf ihr ohne­hin sehr beschränk­tes Wahl­pro­gramm anzukündi­gen.

Eine der wichtig­sten Gren­zen dieser reformistis­chen Phänomene stellt ihre Hal­tung zu den großen sozialen Prob­leme der Mehrheit der Arbei­t­erIn­nen­klasse, wie beispiel­sweise die Zwangsräu­mungen von Fam­i­lien durch Banken, sowie ihr Respekt für die kap­i­tal­is­tis­che Legal­ität dar. Als Beispiel hier­für kön­nen die Aus­sagen der neuen Stadträtin für Woh­nun­gen der Stadt Madrid gel­ten, die sie kurz nach ihrem Amt­santritt aussprach: „Die Stadt kann die Räu­mungen nicht stop­pen, und wenn dir ein Richter sagt, dass du deine Woh­nung räu­men musst, dann musst du es tun. Und das, was wir machen kön­nen, ist die Sit­u­a­tion zu lin­dern .…“ Weil sie jede Aus­sicht auf soziale Mobil­isierung bei der Umset­zung ihrer eige­nen Soziala­gen­da ablehnen, besitzen die neuen reformistis­chen Regierun­gen die unüber­windliche Hürde ihres eige­nen absoluten Respek­ts vor dem „heili­gen“ Besitz­tum von Banken und der Legal­ität des Kap­i­tals.

Auf ein­er viel hüheren (und tragis­cheren) Ebene erleben wir dieselbe Sit­u­a­tion in Griechen­land, wo die Regierung von Syriza in nur fünf Monat­en vor den grundle­gen­den Forderun­gen der Troi­ka kapit­ulierte und die wichtig­sten Punk­te ihres Pro­gramms von Thes­sa­loni­ki auf­gab. Jedoch forderte die Troi­ka trotz aller Konzes­sio­nen noch weit­ere Kürzun­gen. In diesem Kon­text rief Alex­is Tsipras zu einem Ref­er­en­dum auf, bei dem das griechis­che Volk das Ulti­ma­tum akzep­tieren oder zurück­weisen sollte, während er weit­er­hin seine Vorschläge an die Gläu­bigerIn­nen vertei­digte, die harte Maß­nah­men gegen die Massen bein­hal­teten. Angesichts der impe­ri­al­is­tis­chen Offen­sive der Troi­ka ste­hen die Arbei­t­erIn­nen und die griechis­chen Massen völ­lig unbe­waffnet dar. Die Regierung von Syriza hat sich damit zum Spiegel der Ohn­macht des neuen europäis­chen Reformis­mus ver­wan­delt.

Die Diskussion angesichts der allgemeinen Wahlen und die Frage der „Volkseinheit“

Die Ergeb­nisse des 24M haben nicht nur die spanis­che poli­tis­che Land­schaft rekon­fig­uri­ert. Sie haben auch die rel­a­tive Schwäche der Einzelka­n­di­da­turen von Podemos in den autonomen Regio­nen im Ver­gle­ich zu den gemein­samen Kan­di­da­turen mit “Bürg­erIn­nen­plat­tfor­men” aufgezeigt. Diese Entwick­lung führte dazu, dass ver­schiedene Sek­toren eine gemein­same Kan­di­datur (einen “Volk­sein­heit­skan­di­datur”) aller poli­tis­chen Fam­i­lien links von der PSOE auf­stellen wollen.

Die Diskus­sion ist im Gange. Manche Sek­toren inner­halb von Podemos veröf­fentlicht­en ein Man­i­fest mit dem Titel „Wir öff­nen Podemos: für eine ver­fas­sungs­gebende Kan­di­datur“. Dabei vetei­di­gen sie ihren Vorschlag mit dem Argu­ment, dass „der Durch­bruch kom­mu­naler Kan­di­da­turen in den wichtig­sten Städten Podemos in den Mit­telpunkt viel­er davon stellt, ohne jedoch die alleinige Urhe­ber­schaft für sich beanspruchen zu kön­nen“. Ant­i­cap­i­tal­is­tas (Nach­fol­ge­or­gan­i­sa­tion von Izquier­da Antik­cap­i­tal­ista – “Antikap­i­tal­is­tis­che Linke” – nach ihrer Selb­stau­flö­sung in Podemos) beste­ht darauf, dass Podemos nicht das „Sub­jekt von Sub­jek­ten“ sein kann. Sie fördert auch die Zusam­men­führung mit anderen linken Kräften angesichts der kom­menden all­ge­meinen Wahlen.

Die wichtig­ste Stimme in der Debat­te kommt jedoch von der Linkspartei Izquier­da Uni­da (“Vere­inigte Linke”). Angeschla­gen und in tiefer Kriese nach dem Wahlfi­asko vom 24. Mai, wo sie die schlecht­esten Ergeb­nisse in ihrer Geschichte erziel­ten, ver­sucht die Vere­inigte Linke sich zu reor­gan­istieren, indem sie sich mit ein­er Formel der Ein­heit für die all­ge­meinen Wahlen präsen­tieren.

Der poli­tis­che Für­sprech­er dieser Aus­rich­tung, Alber­to Garzón, rief Pablo Igle­sias öffentlich dazu auf, doch eine gemein­same Kan­di­datur aufzustellen. Die Reak­tion von Igle­sias war jedoch bru­tal:

„Bleibt doch an eurem Platz. Ihr kön­nt weit­er­hin die Inter­na­tionale sin­gen, rote Sterne zeigen… ich werde mich da nicht ein­lassen. Mehr noch, es kön­nte sog­ar sein, dass ich hinge­he (…), aber ich will keine Poli­tik damit machen. Lasst uns andere in Ruhe.“

Nach Mei­n­ung von Igle­sias gibt es zwei mögliche Szenar­ien für die Regierung, auf die sich Podemos vor­bere­it­et. Wenn die PSOE mehr Stim­men bekommt als Podemos, als erste oder auch zweite Kraft, dann wird Podemos eine PSOE-Regierung unter­stützen, auch wenn sie dies “nicht mögen”. Wenn Podemos mehr Stim­men als die PSOE erhält, dann wer­den sie eine Regierung von Podemos gegen die Volkspartei unter­stützen müssen. Die „Hypothese“ von Podemos beruht auf diesen Szenar­ien: die „Mitte“ gegenüber der PSOE erkämpfen, um sie auf Wahlebene zu über­flügeln, selb­st wenn ein poli­tis­ch­er Pakt unumgänglich wäre. Der Schlüs­sel dabei ist, mit welchem Kräftev­er­hält­nis dies geschehen würde.

Diese Strate­gie ist genau das Gegen­teil von dem, was Tariq Ali Pablo Igle­sias während eines Inter­views im Pro­gramm „Otra vuelta de Tuer­ka“ emp­fahl. Der pak­istanis­che His­torik­er sagte zu Igle­sias, dass „ein Bruch mit der extremen Mitte von entschei­den­der Bedeu­tung“ sei. Denn das, was die Entste­hung der „neuen Linken“ förderte, war „der Wun­sch mit den beste­hen­den Parteien der extremen Mitte zu brechen“, wie Ali das Duo der europäis­chen Kon­ser­v­a­tiv­en und SozialdemokratIn­nen definiert.

Der Wun­sch, die Mitte zu erkämpfen und das Ziel eines Pak­tes mit der PSOE als Möglichkeit, um an die Regierung zu kom­men, ist ein­er der Haupt­gründe für die völ­lige Ablehnung von Pablo Igle­sias gegenüber ein­er Kan­di­datur der „Volk­sein­heit“ gemein­sam mit der Vere­inigten Linken. Doch ein ander­er, nicht weniger wichtiger Grund ist der Ver­such, die Stel­lung der absoluten Führerschaft in der „Erneuerung“ der Linken, die er seit der Grün­dung von Podemos durch­set­zen kon­nte, aufrecht zu hal­ten.

Die Debat­te wird nicht auf der Pro­gramm- oder Strate­gie-Ebene geführt. Bei­de For­ma­tio­nen teilen eine reformistis­che Per­spek­tive, eine lauwarme neo-key­ne­sian­is­che Wirtschaft­spoli­tik und eine poli­tis­che Strate­gie der Ver­wal­tung der staatlichen Insti­tu­tio­nen. Die tat­säch­lichen Machtver­hält­nisse des spanis­chen und europäis­chen Kap­i­tal­is­mus hin­ter­fra­gen sie nicht. Das Prob­lem für Igle­sias ist, dass die Vere­inigten Linke nach wie vor zu sehr mit den “roten Fah­nen” und der “Linken” iden­ti­fiziert wird – obwohl sie das Erbe der eurokom­mu­nis­tis­chen Tra­di­tion von San­ti­a­go Car­ril­lo und der PCE (KP Spaniens) darstellt, die eine Schlüs­sel­rolle bei der Entste­hung des ver­has­sten Regimes von ‘78 spielte, indem sie mit den Monar­chis­ten und den Anhän­gerIn­nen von Fran­ciso Fran­co pak­tierte. Eine Allianz mit der Vere­inigten Linke kön­nte Podemos zum gefürchteten „linken Rand“ drän­gen, und das wäre ein „Stim­men­fress­er“.

Im Klar­text: Sowohl die „Hypothese von Podemos“ wie die „Volk­sein­heit“ der Vere­inigten Linken und ander­er Sek­toren haben als Erwartung­shor­i­zont lediglich die Eroberung ein­er Art Regierung der Klassen­zusam­me­nar­beit und eine kos­metis­che Reform des Regimes. Denn, wie wir bere­its geschrieben haben, bleibt es ohne eine soziale und materielle Mobil­isierung sozialer Kräfte, die das Etab­lish­ment bekämpfen, die das Kräftev­er­hält­nis zwis­chen den Klassen verän­derm und Momente des „Bruch­es“ her­beiführen, nur bei „Vere­in­barun­gen“ mit den real existieren­den Kräften des Kap­i­tal­is­mus, um das zu erre­ichen, „was möglich ist“ [2]. Die laufende Debat­te stellt die Notwendigkeit auf die Tage­sor­d­nung, eine unab­hängige Posi­tion zu entwick­eln. Näm­lich eine Per­spek­tive, die sich die soziale Mobil­isierung und das Vorantreiben des Klassenkampfes auf seine Fah­nen schreibt, um einen rev­o­lu­tionären ver­fas­sungs­geben­den Prozess in Gang zu set­zen, der auf den Ruinen des Regimes von 1978 stat­tfind­et, der alles, aber auch alles, in Frage stellt und den Weg für einen ank­tikap­i­tal­is­tis­chen Ausweg aus der Krise ebnet.

Sich dieser Auf­gabe anzunehmen ist die größte Her­aus­forderung, die die antikap­i­tal­is­tis­che und rev­o­lu­tionäre Linke im Spanis­chen Staat zukün­ftig hat.

Fußnoten

1. “Spanien am Schei­deweg”, Vorveröf­fentlichung des Inter­views mit Pablo Igle­sias, das in New Left Review Nr. 93 erscheint.

2. Jose­fi­na Martínez und Diego Loti­to, “Syriza, Podemos und die sozialdemokratis­che Illu­sion”, erschienen in Ideas de Izquier­da (Linke Ideen) Nr 17.

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