Unsere Klasse

Die globale Arbeiter*innenklasse ist weiblich – und kämpferisch!

Noch nie in der Geschichte des Kapitalismus war die Arbeiter*innenklasse so feminisiert wie heute. Wenn wir die Zahlen für nicht angemeldete Erwerbstätigkeit und so genannte Hausarbeit zur globalen Erwerbsbevölkerung addieren, können wir sagen, dass die Mehrheit der Erwerbstätigen heute Frauen sind – und diese kämpfen weltweit in den ersten Reihen für die Verbesserung ihrer Arbeits- und Lebensbedingungen.

Die globale Arbeiter*innenklasse ist weiblich – und kämpferisch!

„Wenn wir still­ste­hen, ste­ht die Welt still“: Der glob­ale Frauen­streik am 8. März 2018 hat diese tief­greifende Trans­for­ma­tion sowie das Poten­zial ein­er weltweit­en Frauen­be­we­gung deut­lich gemacht, die als Katalysator im Kampf gegen patri­ar­chale Gewalt, kap­i­tal­is­tis­che Prekar­ität sowie ras­sis­che und sex­uelle Unter­drück­ung fungiert.

Nach Schätzun­gen der Inter­na­tionalen Arbeit­sor­gan­i­sa­tion (ILO) machen Frauen heute bis zu 40% der weltweit­en Erwerb­s­bevölkerung aus. Darin enthal­ten sind erhe­bliche regionale Ungle­ich­heit­en: Während der Anteil weib­lich­er Arbeit­skräfte in der Euro­zone und in Nor­dameri­ka bei rund 46% liegt, sind es in Südameri­ka, der Karibik und Län­dern wie Chi­na über 41%. In Regio­nen wie dem Nahen Osten und Nordafri­ka sinkt der Anteil jedoch auf 20%, steigt allerd­ings auf über 50% in den afrikanis­chen Län­dern südlich der Sahara.

Diese Dat­en beziehen sich jedoch nur auf Per­so­n­en, die gegen Ent­gelt arbeit­en oder aktiv auf der Suche nach Arbeit sind. Sie bein­hal­ten nicht die große Menge an „unsicht­bar­er“ Arbeit von Frauen zu Hause [und in der land­wirtschaftlichen Fam­i­lien­ar­beit usw.]: Betreu­ung von Kindern, Kranken und Abhängi­gen, Nahrungszu­bere­itung, Lagerung von Wäsche und Klei­dung, Reini­gung usw.

Ins­ge­samt zeigt das 20. Jahrhun­dert einen Aufwärt­strend bei der Erwerb­s­beteili­gung von Frauen. Aber dieser Trend hat sich seit 1970 deut­lich erhöht und die Kurve auf den bish­er höch­sten Stand gebracht. In den Vere­inigten Staat­en macht­en Frauen 1910 22,8% der Belegschaften aus. 1960 hat­te sich diese Zahl fast ver­dop­pelt und 2016 waren es 56,8%. In Spanien war dieser Anstieg langsamer, wobei die weib­liche Erwerb­s­bevölkerung zwis­chen 1910 und 1970 unter 15% blieb. Danach stieg sie rasch an und erre­ichte 2017 über 46%.

Die doppelte Arbeit von Frauen

Die wirtschaftliche Glob­al­isierung – in ihrer neolib­eralen Form – hat zur Ausweitung der Indus­trie- und Dien­stleis­tungsar­beit in neuen, bish­er über­wiegend ländlichen Teilen der Welt geführt. Sie impliziert auch die Vervielfachung von For­men der Zuliefer­ung, der Teilzeitar­beit, des Out­sourcings und der unsicheren Arbeit, die alle weit­ge­hend Frauen betr­e­f­fen. In den ärm­sten Län­dern ist die Fem­i­nisierung der Arbeit beson­ders hoch, wobei die Mehrheit der Frauen informell arbeit­et: in Indi­en z.B. sind es 86% und in Län­dern wie Bolivien, Peru, Pak­istan oder Indone­sien mehr als 70%.

Die Auf­gaben, die Frauen in Mil­lio­nen von Haushal­ten erfüllen, sind in der Arbeitssta­tis­tik unsicht­bar. Wie Fem­i­nistin­nen in der The­o­rie der sozialen Repro­duk­tion allerd­ings erk­lären, ist das Kap­i­tal auf die Repro­duk­tion der Arbeit­skraft angewiesen: Damit die Arbei­t­erin­nen und Arbeit­er jeden Tag in die Fab­rik oder ins Büro zurück­kehren kön­nen, müssen sie essen, sich anziehen und aus­ruhen. Bud­getkürzun­gen und neolib­erale Pri­vatisierun­gen in den Bere­ichen Bil­dung, Soziales und Gesund­heitswe­sen erhöhen die dop­pelte Arbeit­szeit von Frauen weit­er. Die Zeit, die Frauen für die Pflege von Fam­i­lien­ange­höri­gen aufwen­den, ist viel länger als die der Män­ner. In Frankre­ich ver­brin­gen Frauen dop­pelt so viel Zeit mit unbezahlten Haushalt­sak­tiv­itäten wie Män­ner; in Län­dern wie Spanien und Argen­tinien sind es dreimal so viel. In Län­dern wie Indi­en liegt das Ver­hält­nis bei 10 zu 1.

Wenn Frauen aufmucken

In den let­zten Jahren haben Frauenkollek­tive eine führende Rolle in gew­erkschaftlichen Kämpfen gespielt. „Ja, es ist möglich, ja, es ist möglich, ja, es ist möglich, ja, es ist möglich, wenn eine Frau voran­schre­it­et, zieht sich kein Mann zurück“: Das ist das Mot­to der Arbeiter*innen von Coca-Cola [der Abfüll­be­trieb in Fuen­labra­da, etwa 20 km von Madrid ent­fer­nt, wurde am 22. Jan­u­ar 2014 geschlossen, und sei­ther leis­ten Frauen Wider­stand aller Art]. Die „Espar­tanas“ sind ein Sym­bol für die Arbeiter*innenkämpfe in Spanien. Sie sind Arbei­t­erin­nen, Müt­ter, Töchter und Ehe­frauen von Arbeit­ern, die gegen einen transna­tionalen Konz­ern antreten.

„Frauen sind weib­lich und plu­ral­is­tisch: Wir lei­den unter allen Aspek­ten von Gewalt am Arbeit­splatz“: Das sagten die Reini­gungskräfte der Vere­ini­gung Las Kellys bei einem Tre­f­fen am 8. März 2018. Frauen im Logis­tikzen­trum Hennes & Mau­ritz streik­ten in Madrid unbe­fris­tet und in den Senioren­res­i­den­zen in Biskaya kämpften Frauen 370 Tage für bessere Arbeits­be­din­gun­gen. […] Dies sind Phänomene, die sich inter­na­tion­al wieder­holen, z.B. mit den großen Streiks von Lehrer*innen in West Vir­ginia und anderen US-Bun­desstaat­en; den Streiks der Arbeiter*innen in den Stam­ford Hilton Hotels in den Vere­inigten Staat­en [sowie dem aktuellen Streik – ini­ti­iert am 7. Sep­tem­ber 2018 – in rund 26 High-End-Hotels in Chica­go], den kämpfend­en Reini­gungskräften der Paris­er Bahn­höfe oder den streik­enden Kranken­schwest­ern in indis­chen Spitälern.

Eine internationale Frauenbewegung

Die Dynamik der inter­na­tionalen fem­i­nis­tis­chen Bewe­gung scheint Arbeiter*innen, die prekär angestellt und schlecht bezahlt sind, anzus­pornen sowie ihr Selb­stver­trauen zu stärken und es ermöglicht ihnen, an der Spitze von Arbeiter*innenkämpfen zu ste­hen. Die Vorstel­lung, dass es möglich ist, gegen Bedin­gun­gen der Unter­drück­ung und Aus­beu­tung von Arbeiter*innen zu rebel­lieren, bre­it­et sich bei Frauen aus. Es ist wichtig, diese Dynamik zu erken­nen, um einen dop­pel­ten Fehler zu ver­mei­den: Auf der einen Seite geht es darum zu ver­mei­den, die Arbeiter*innenklasse als abstrak­tes, geschlecht­slos­es Sub­jekt zu betra­cht­en – was das männliche Geschlecht „uni­versell“ und die Forderun­gen der Frauen unsicht­bar macht. Aber auch der umgekehrte Fehler muss ver­mieden wer­den: die Kon­struk­tion eines unbes­timmten weib­lichen Sub­jek­ts ohne Klassen­zuge­hörigkeit; das heisst ohne die Tat­sache zu berück­sichti­gen, dass die Mehrheit der Frauen Arbei­t­erin­nen sind, oft­mals prekär angestellt, mit migrantis­chem Hin­ter­grund und arm.

Sta­tis­tis­che Quellen: Inter­na­tionale Arbeit­sor­gan­i­sa­tion, ILO­STAT-Daten­bank. Novem­ber 2017; „Work­ing women: Key facts and trends in female labour force par­tic­i­pa­tion“, in Our World in Data, 2017.

Über­set­zung und leichte Über­ar­beitung durch die Redak­tion von sozialismus.ch, die den Artikel zuerst auf deutsch veröf­fentlicht haben. Zuvor wurde der Text auf Franzö­sisch bei A l’en­con­tre veröf­fentlicht. Im Orig­i­nal erschien der Artikel auf Spanisch bei ctxt.es.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.