Frauen und LGBTI*

Der traurige Umgang der türkischen Linken mit der Geschlechterfrage

Der traurige Umgang der türkischen Linken mit der Geschlechterfrage

In Deutsch­land und anderen west­lichen Län­dern war die 68er-Bewe­gung ein Anschub für die gesellschaftliche Entwick­lung der Frauen­be­we­gung und die The­ma­tisierung der sex­uellen Frei­heit. In der Türkei allerd­ings wird die Geschlechter­frage von bre­it­en Teilen der Linken nach wie vor als eine „bürg­er­liche“ Frage ange­se­hen und außer­halb des The­mas „Klassenkampf“ gestellt. Die Linke in der Türkei reduzierte die Frauen­frage stets auf ökonomis­che Aus­beu­tung in den Fab­riken und Betrieben. Sie betra­chtet z.B. das The­ma Gewalt gegen Frauen in einem Prozess der ökonomis­chen Niv­el­lierung. Bei der gesamten Diskus­sion inner­halb der Linken in der Türkei wird nicht benan­nt, dass die gesellschaftliche Exis­tenz von (nur) zwei Geschlechtern ein his­torisches Phänomen ist und kein „sex­uelles“ oder „biol­o­gis­ches“ – und das nicht zufäl­lig.

Diese Sit­u­a­tion sollte ver­tieft unter­sucht wer­den. Die Frage lautet: Warum hat die Linke in der Türkei im Ver­gle­ich zum West­en einen so kon­ser­v­a­tiv­en Weg eingeschla­gen? So spielt die Geschlechts­frage, ins­beson­dere mit sex­uellem Bezug, inner­halb link­er Kreise eine reak­tionäre Rolle. Einige reak­tionäre Ideen begrün­den sich in ein­er all­ge­meinen Hal­tung gegenüber Sex­u­al­ität, welche per se als schädlich und amoralisch dargestellt wird.

In Deutsch­land wurde die sex­uelle Frage bis in die 1960er Jahre hinein sehr kon­ser­v­a­tiv behan­delt. Noch einige Jahre zuvor durften Frauen nicht ohne Genehmi­gung ihrer Män­ner arbeit­en, sie hat­ten kein Recht auf Abtrei­bung und ihre Jungfräulichkeit vor der Ehe galt als erwün­scht. Nichts­destotrotz existierten im deutschsprachi­gen Raum inner­halb der kom­mu­nis­tis­chen Bewe­gung bere­its frühe Schriften zu diesem The­ma, unter anderem von Wil­helm Reich, Elrike Friedlän­der (Ruth Fis­ch­er) usw. Wenn diese AutorIn­nen auch Min­der­heit­spo­si­tio­nen ver­trat­en, ihre Schriften wur­den mit der 68er-Bewe­gung aktu­al­isiert. Also es gab in Deutsch­land bere­its Bezüge zur sex­uellen Frage für die entste­hende Bewe­gung im Jahre 1968, was in der Türkei völ­lig fehlte.

Im Jahr 1967 wurde in Deutsch­land die „Kom­mune I“ gegrün­det. Sie funk­tion­ierte als poli­tis­che Fre­und­schaft in ein­er WG, in der freie Sex­u­al­ität prak­tiziert wurde. In diesem Zusam­men­hang ist als Exkurs zu beto­nen, dass utopis­che Insel­lö­sun­gen inner­halb des Kap­i­tal­is­mus eben­so zum Scheit­ern verurteilt sind wie Lösun­gen des „Sozial­is­mus in einem Haus“. Solche Ini­tia­tiv­en zer­brechen stets an den Wider­sprüchen der Gesellschaft. Auch inner­halb ihrer „Insel“ war die Bewe­gung nicht kon­se­quent: Nicht sel­ten wur­den sex­uelle Wün­sche der Män­ner dieser Bewe­gung zwang­haft auf Frauen über­tra­gen, die, wenn sie sie nicht teil­ten oder Unlust ver­spürten, mitunter als prüde gebrand­markt wur­den. So blieb „Freie Liebe“ oft nur frei für Män­ner, während Frauen wiederum in eine männlich bes­timmte sex­uelle Rolle gedrängt wur­den. Aus diesen Grün­den gilt es hier nicht, diese Art der Bewe­gung zu glo­ri­fizieren, son­dern eine Auseinan­der­set­zung damit zu führen, dass ihre Aktiv­itäten in der deutschen Linken keine Has­sat­tack­en aus­lösten. Für die Linke der Türkei indes stell­ten bere­its weit weniger radikalere Aktions­for­men im Bere­ich der Sex­u­al­ität ein großes Prob­lem dar, auf das auch mit kör­per­lichen Angrif­f­en reagiert wer­den kon­nte.

Als die kom­mu­nis­tis­che Bewe­gung weltweit vom Stal­in­is­mus gekapert wurde, wurde die Rolle der Frau als asex­uell dargestellt. Diese Rolle bestand darin, Kinder zu gebären – für den Sozial­is­mus und die Erfül­lung der Mut­ter­schaft. Die Reduzierung der Frauen­frage auf Asex­u­al­ität beseit­igte nicht die beste­hende sex­uelle Unter­drück­ung, son­dern machte die Rev­o­lu­tionärIn­nen bloß „far­ben­blind“. Die Frauen­frage wurde zum Neben­wider­spruch erk­lärt – was für ein undi­alek­tis­ches Schema! Das bürokratis­che Denken ließ nicht zu, dass aus der Basis her­aus spon­tane Ini­tia­tiv­en ges­tartet und Entschei­dun­gen getrof­fen wer­den kon­nten, um dem ent­ge­gen­zuwirken. Das kri­tis­che und selb­st­be­wusste Denken ver­schwand aus den Rei­hen der offiziellen kom­mu­nis­tis­chen Arbei­t­erIn­nen­be­we­gung und wurde durch ein staat­streues Denken erset­zt, das jedem Men­schen bes­timmte Bere­iche und zu erfül­lende Rollen zus­prach. Die Frau wurde entsprechend, wie der Rest der Arbei­t­erIn­nen­klasse auch, diesen Mech­a­nis­men unter­stellt. Die Lehren aus diesem Prozess der Stal­in­isierung konzip­ierte die Bürokratie. Im Zuge dieses Prozess­es wer­den die eige­nen Mit­glieder und ihr Umfeld entsprechend erzo­gen.

Hin­ter der poli­tis­chen Entwick­lung in den impe­ri­al­is­tis­chen Zen­tren wie Deutsch­land standen auch all­ge­meine bürg­er­liche Rechte, die mit den Lebens­be­din­gun­gen auf Grund­lage der bürg­er­lich-kap­i­tal­is­tis­chen Pro­duk­tion ent­standen sind. Dieser Lebens­stan­dard in den impe­ri­al­is­tis­chen Zen­tren ist ein Resul­tat davon, dass der Rest der Welt aus­ge­beutet und unter­drückt wird. Diese Entwick­lung wider­spiegelt sich z.B. in der Rolle der Fam­i­lie: Die Men­schen in Deutsch­land kön­nen sich im Ver­gle­ich zur Türkei sehr leicht aus dem Ein­fluss­bere­ich der Fam­i­lie entziehen, was die Ent­fal­tung ihrer Per­sön­lichkeit ermöglicht. Auch die Entschei­dung, wer poli­tisch links oder rechts ste­ht, ist in der Türkei fast schon ein „Ver­mächt­nis“ der Fam­i­lie, während sich in Deutsch­land die eigene poli­tis­che Präferenz sehr stark von der der Fam­i­lie unter­schei­den kann. Fam­i­lien erfüllen die soziale Rolle, ihre Mit­glieder ökonomisch abhängig zu hal­ten. In der Türkei ist der dadurch erzeugte Druck auf die einzel­nen Men­schen durch die Fam­i­lien­mit­glieder und ihr Umfeld enorm. Wenn jemand z.B. seine homo­sex­uellen Nei­gun­gen offen ausleben möchte, muss er akzep­tieren, dass er dann nur noch in einem sehr kleinem Kreis Kon­tak­te aufrecht hal­ten kann. Hier liegen zwis­chen der dargestell­ten Homo­sex­u­al­ität in der Kün­st­lerIn­nen­szene im Fernse­hen und der tat­säch­lichen im All­t­ag Wel­ten. Mit anderen Worten ste­hen indi­vidu­elle sex­uelle Vor­lieben oder Lebensstile unter inten­siv­er Kon­trolle sozialer Nor­men.

Unter der Herrschaft des bona­partis­tisch-bürg­er­lichen Regimes in der Türkei entwick­elte sich das türkische Bürg­er­tum, dessen weib­liche Mit­glieder mit ihrer Sex­u­al­ität sehr rück­ständig umge­hen. Das bona­partis­tis­che Regime zielte stets auf ein Frauen­bild, das sehr bürg­er­lich denken muss, ohne tat­säch­lich bürg­er­lich zu han­deln. Der Kemal­is­mus wollte „aufgek­lärte“ west­liche Frauen schaf­fen, ohne ihnen zu erlauben, die Eigen­tumsver­hält­nisse in Frage zu stellen, welche ihnen bes­timmte Rollen zuord­nen. Also durften sie nur die schö­nen, aufgek­lärten Vertreterin­nen der Fam­i­lie nach außen sein. Eine tat­säch­liche Verän­derung im All­t­ag allerd­ings kann nur durch Auseinan­der­set­zun­gen, die teil­weise auf den Straßen stat­tfind­en, erre­icht wer­den. Der Kemal­is­mus has­ste der­lei Bewe­gun­gen wie die Pest. Was schön ist, so seine Denkweise, gäbe der Staat den Men­schen sowieso. Außer­halb von Bene­fizver­anstal­tun­gen kon­nte die bürg­er­lich-fem­i­nis­tis­che Bewe­gung also keine Ini­tia­tive entwick­eln.

Nach dem Zurück­drän­gen des bürokratis­chen Appa­rats über­nahm die Bour­geoisie schließlich die alleinige Herrschaft im Lande. Sie trat mit ein­er sex­is­tis­chen islamis­chen Ide­olo­gie auf die Bühne. So endete die fem­i­nis­tisch-bürg­er­liche Frauen­be­we­gung in der Türkei, bevor sie tat­säch­lich begin­nen kon­nte. Die bürg­er­liche Frauen­be­we­gung der Türkei hat­te sich in ersten Ansätzen in den Jahren nach dem Putsch 1980 entwick­elt. Es fan­den einige Kam­pag­nen statt, die Gewalt gegen Frauen verurteil­ten oder für Frauen­heime plädierten. Diese Bewe­gung kon­nte sich aber nicht weit­er poli­tisch entwick­eln. Heute ist die vorhan­dene bürg­er­liche Frauen­be­we­gung darauf aus­gerichtet, über Ver­hand­lun­gen mit den Parteien mehr Frauen ins Par­la­ment zu schick­en, worin sie eben­falls keinen Erfolg verze­ich­nen kann.

Im Unter­schied zur bürg­er­lich-fem­i­nis­tis­chen wur­den von der kur­dis­chen Bewe­gung reale Verbesserun­gen erzielt. Diese sind aber eben­falls mit vie­len Wider­sprüchen ver­bun­den: So kön­nen Frauen aktiv an den Kämpfen teil­nehmen, wom­it sie teil­weise sex­is­tis­che und patri­ar­chale Struk­turen durch­brachen. Gle­ichzeit­ig aber benehmen sie sich in den Bergen wie die Non­nen, eben asex­uell. Sexver­bot, Bestra­fun­gen und Iso­la­tion der GenossIn­nen, wenn sie miteinan­der Sex haben, sind die Real­ität. So find­et sich das klein­bürg­er­liche Pro­gramm der kur­dis­chen Bewe­gung auch in der alltäglichen Prax­is wieder.

In den 70er Jahren fand in der Türkei eine starke innere Migra­tion statt, die bil­lige Arbeit­skräfte von den ländlichen in die städtis­chen Gebi­ete holte. Die Moral­nor­men der inneren Migran­tInnen, die immer noch bäuer­lich geprägt waren, nis­teten sich in der sich radikalisieren­den Jugend­be­we­gung ein. Mit der Begrün­dung, solche Werte wären die Werte des Volkes, wur­den die reak­tionärsten sex­is­tis­chen Werte mit rev­o­lu­tionärem Pathos umhüllt. Der Begriff „Schwest­erchen“ für eine Genossin ste­ht exem­plar­isch dafür. Rev­o­lu­tionäre Eheschließung oder Sexver­bot bei eige­nen Mit­gliedern waren – und sind – ein Teil der „rev­o­lu­tionären“ Poli­tik in der Türkei.

Durch den Druck, den die in den 90er Jahren im Kleinen ent­standene homo­sex­uelle Bewe­gung aus­löste, begann eine bes­timmte beschränk­te Sen­si­bil­ität für das The­ma Sex­u­al­ität; diese bekam allerd­ings wed­er eine beson­dere Inten­sität noch weit­ete sie sich aus. Beim jedem ger­ing­sten Anlass wer­den die sex­is­tis­chen Struk­turen und Vorurteile inner­halb der Linken deut­lich: Der Stre­it, ob VertreterIn­nen der trans­sex­uellen Bewe­gung an linken Bünd­nis­sen teil­nehmen dür­fen, oder die Reak­tio­nen auf her­ablassende Äußerun­gen zeigen ein­er­seits, dass Homo­pho­bie nach wie vor stark vorhan­den ist – sich ander­er­seits aber auch Wider­stand dage­gen bildet. Homo­pho­bie äußert sich in der Basis der linken Organ­i­sa­tio­nen deut­lich­er. Die ange­sproch­enen Beschimp­fun­gen sowie das Fern­hal­ten homo­sex­ueller Grup­pierun­gen und The­men sind nur einige Beispiele dafür, dass mit der Frauen­frage auch die Frage der Homo­sex­u­al­ität inner­halb der Linken als sex­uelles The­ma ungek­lärt ist.

Der Wider­spruch zwis­chen Arbeit und Kap­i­tal dringt in jeden Bere­ich der kap­i­tal­is­tis­chen Gesellschaft durch. Dieses Durch­drin­gen geschieht auf ver­schiedene Art und Weise. Dass der Kap­i­tal­is­mus die Unter­drück­ung der Geschlechter trotz der rel­a­tiv­en Entwick­lun­gen nicht aufhebt, wird durch das näch­ste Beispiel deut­lich: Als Frauen sozial­isierte Men­schen wer­den nicht nur sex­uell benachteiligt, son­dern auch als Lohn­ab­hängige. Allein in Deutsch­land erhal­ten Arbei­t­erin­nen im Durch­schnitt 23 Prozent weniger Lohn. Die endgültige Aufhe­bung der Frauen- und Sex­u­al­itäts­frage set­zt eine gesellschaftliche Verän­derung auf Grund­lage der Besei­t­i­gung der Klas­sen­ge­sellschaft voraus. Das heißt, so lange der Kap­i­tal­is­mus existiert, wird er auf die sex­uelle Frei­heit und die per­sön­liche Ent­fal­tung des Men­schen einen Druck ausüben. Das darf aber nicht etwa eine Ver­schiebung dieser Prob­leme auf die Zeit nach der Erringung ein­er sozial­is­tis­chen Gesellschaft bedeuten. Denn ger­ade diese notwendi­gen Kämpfe begeis­tern viele Men­schen für den Sozial­is­mus.

Die Befreiung der Frau schließt die alleinige Entschei­dungs­ge­walt über ihren eige­nen Kör­p­er ein. Dazu gehört auch die Ver­fü­gungs­macht über den Mehrw­ert, der kollek­tiv mit anderen Arbeit­skol­legIn­nen geschaf­fen wird. Die Über­tra­gung der Ansprüche des kap­i­tal­is­tis­chen Sys­tems auf die bürokratisch-stal­in­is­tis­che Partei ist keine rev­o­lu­tionäre Poli­tik, son­dern bedeutet nur, die beste­hende Unter­drück­ung zu kon­so­li­dieren. Die stal­in­is­tis­chen Staatsparteien und deren Ableger in anderen Län­dern hat­ten sich zur Auf­gabe gemacht, die Fraue­nun­ter­drück­ung mit bürokratis­chen Mit­teln fortzuset­zen. Eine aktive Frau, die über ihren eige­nen Kör­p­er sowie über die Pro­duk­tion in den Räten entschei­den kann, läuft der bürokratis­chen, ini­tia­tivlosen Pla­nung in den Betrieben und Fab­riken zuwider. Diesen Wider­spruch enthal­ten sämtliche stal­in­is­tis­chen Organ­i­sa­tio­nen.

Die vom Kap­i­tal­is­mus pro­duzierte Moral grün­det sich auf materielle Vorteile. Daher „wählt“ der Mann im Kap­i­tal­is­mus den Kör­p­er der Frau für seine Fortpflanzung und für sein Vergnü­gen. Das Erbe der Fam­i­lie soll auf eigene Nachkom­men überge­hen. Ihr Ver­mö­gen häuft sich durch die patri­ar­chalen Struk­turen des Kap­i­tal­is­mus in den Hän­den der Män­ner an. Weil die Erziehung der Kinder haupt­säch­lich eine Auf­gabe der Fam­i­lie – und damit der Frau – ist, muss die Frau viel Zeit und Mühe dafür aufwen­den. Die Aufmerk­samkeit für Kinder, Fam­i­lie und das Ver­mö­gen der Fam­i­lie löst bes­timmte Ver­hal­ten und Nor­men aus, die bere­its in der kindlichen Erziehung nach Rol­len­verteilung struk­turi­ert sind. Die Anforderun­gen der kap­i­tal­is­tis­chen Pro­duk­tion wer­den den Kindern entsprechend durch die Fam­i­lie beige­bracht. Diese Anforderun­gen erfahren dann eine Trans­for­ma­tion in den Begrif­flichkeit­en: Auf das Konkur­ren­zver­hält­nis auf dem Arbeits­markt wird das Kind mit Werten in Bemerkun­gen wie „Sei stark!“ oder „Sei bess­er!“ vor­bere­it­et. Die Macht- und Eigen­tum­sansprüche gegenüber der Frau äußern sich entsprechend in den Werten wie „Rein­heit“, „Loy­al­ität“ oder „wahre Liebe“ – alles, was eben eine monogame Beziehung direkt oder indi­rekt predigt.

Durch den Druck der patri­ar­chalen Struk­turen wer­den Frau und Mann ver­schiedene Pflicht­en und Rollen zugeteilt, so dass die Frau vor der Ehe zur total­en Enthal­tung gezwun­gen wird, während Män­ner Geschlechtsverkehr mit Sexar­bei­t­erIn­nen haben kön­nen. Der Mann strebt nach ein­er „reinen“ und „ehren­vollen“ Frau. Außer­halb dieses Pro­fils fal­l­ende Frauen sind Ziele der männlichen sex­uellen Begierde. Das bedeutet, die Tren­nung von Sex und Gefühlen ist bei Män­nern öfter anzutr­e­f­fen als bei Frauen. Dass diese Gefüh­le an sich nicht geschlechtsspez­i­fisch son­dern sehr flex­i­bel sind, zeigt, dass mit der Änderung der gesellschaftlichen Bedi­enun­gen Frauen und Män­ner ihr Ver­hal­ten ändern. Einan­der angenäherte Aus­gangs­be­di­enun­gen für bei­de Geschlechter verur­sachen auch angenäherte Ver­hal­tens­muster.

Das alte männliche Priv­i­leg, sich mit mehreren Frauen vergnü­gen zu dür­fen, wider­spiegelt sich in den religiösen Ideen des Islam. Nur dem Mann ist erlaubt – wenn auch mit eini­gen Aufla­gen –, bis zu vier Ehe­frauen zu heirat­en. Sog­ar im Him­mel bekommt der Mann 40 wun­der­schöne Jungfrauen, während die Frau auch in diesem imag­inären Ort lediglich mit dem Ehe­mann Sex haben darf! Es wer­den also sog­ar die Träume der Frauen streng bewacht und stran­guliert. Dass die christliche Reli­gion in dieser Frage einen anderen Weg eingeschla­gen hat als der Islam, liegt daran, dass das sie die offizielle Reli­gion des römis­chen Imperi­ums war, in dem bere­its eine entwick­elte Pro­duk­tion­sweise und Waren­verkehr existierten. Die urchristlichen Sek­ten, die ganz andere Lehren ver­trat­en als spätere christliche Sek­ten, wur­den unter­drückt und ver­nichtet. Auch viele bürg­er­liche Geset­ze nehmen das römis­che Gesetz als Grund­lage. Es gibt daher eine inter­es­sante Par­al­lelität zwis­chen dem römis­chen Gesetz und dem römis­chen Chris­ten­tum in ihrer Entste­hung und Ent­fal­tung.

Ger­ade das Ale­vi­ten­tum ist mit der linken Ide­olo­gie in der Türkei sehr ver­flocht­en. Im Umfeld von rev­o­lu­tionären Grup­pen sind sehr viele alevi­tis­che Fam­i­lien aufzufind­en. Im Unter­schied zum Islam erlaubt das Ale­vi­ten­tum keine polygame Ehe für Män­ner, son­dern ver­tritt die monogame Ehe. Eine Vorstel­lung vom Jen­seits existiert kaum. Frauen wer­den in der Lehre Män­nern – zumin­d­est abstrakt – gle­ich gesprochen, während der Islam einen Unter­schied zwis­chen weib­lichen und männlichen Nachkom­men macht. Z.B. bei Zeug­In­nen wer­den zwei Frauen oder einen Mann für gle­ich­w­er­tig erachtet. Diese Ungle­ich­heit gibt es im Ale­vi­ten­tum abstrakt nicht. Frauen kön­nen hier auch Gebetsvor­sitzsende wer­den, eben­so wie Män­ner. Homo­sex­uelle oder Trans­sex­uelle sind in der ale­vis­tis­chen Lehre allerd­ings nicht vorge­se­hen, kön­nen entsprechend auch nicht Gebetsvor­sitzende sein. Die Infragestel­lung der monoga­men Ehe wird nicht akzep­tiert. Stattdessen wird das „reine Eheleben“ gepredigt. Durch seine enge Ver­flocht­en­heit mit dem Ale­vi­ten­tum bewegt sich auch die rev­o­lu­tionäre Bewe­gung der Türkei in diesem Rah­men.

Inner­halb der rev­o­lu­tionären Bewe­gung in der Türkei ist eine Entzweiung zu beobacht­en: Zum Beispiel gibt es in städtis­chen und bess­er aus­ge­bilde­ten Teilen mehr organ­isierte Bewe­gun­gen. In dieser städtis­chen Bewe­gung ist der Ein­fluss des Ale­vi­ten­tums sehr ger­ing. Die Ein­mis­chung in das Leben der eige­nen Mit­glieder hält sich in einem bes­timmten Rah­men. Das jew­eilige Mit­glied entwick­elt eine eigene Moralvorstel­lung, die es nicht aber nicht vor den Massen reflek­tieren darf. Die poli­tis­che Arbeit in den eige­nen poli­tis­chen Bere­ichen ohne Berührung der sex­uellen Frage ist Ursache für tragisch-lustige Sit­u­a­tio­nen: Einige jahre­lan­gen Unter­stützerIn­nen und Sym­pa­thisan­tInnen der rev­o­lu­tionären Parteien wer­den nach ihrem Bruch mit rev­o­lu­tionären Ideen ohne irgen­deine Änderung im Ver­hal­ten Unter­stützerIn­nen der kap­i­tal­is­tis­chen Parteien. Die Logik, den Bär beim Über­queren der Brücke Onkel zu nen­nen, damit der Reisende ihn rein­le­gen kann, wenn die Brücke lang ist, endet damit, dass entwed­er der Bär zurück geht oder mit seinen Klauen auf den Reisenden ein­schlägt. [Eine Anspielung auf ein türkisches Sprich­wort.]

Wegen des Drucks auf die Sex­u­al­ität der jun­gen Men­schen wächst eine Gen­er­a­tion von sich aus auf, die im männlichen Teil die Mei­n­ung ver­fechtet, ihre Sex­u­al­ität auch ohne Zus­tim­mung der Frauen mit Zwang den Frauen aufer­legen zu kön­nen – mit den Fol­gen sex­uelle Nöti­gung und Verge­wal­ti­gung. Es ist eine nor­male Folge der zur Ware gemacht­en Sex­u­al­ität, dass Män­ner mit der Mei­n­ung anzutr­e­f­fen sind, Frauen seien mit Zwang zu bekom­men. Daher ist es keine rev­o­lu­tionäre Poli­tik, sich auf harte Straf­forderun­gen für Gren­züber­schre­itun­gen zu beschränken. Stattdessen sollte Sex außer­halb der kap­i­tal­is­tis­chen Kat­e­gorien gestellt und neu bew­ertet wer­den. Män­ner ver­fall­en ander­weit­ig sehr schnell in die Schön­heit­szwänge und andere Zwänge zur Ein­hal­tung von Geschlechter­stereo­typen und es bildet sich ein Teufel­skreis. Der einzig gang­bare Weg für die Linke beste­ht darin, einen Kampf gegen Sex­is­mus in der Gesellschaft zu führen – ein­er Gesellschaft, in der es ganz nor­mal ist, Frauen oder Homo­sex­uelle als Beschimp­fungs­be­griff zu miss­brauchen.

Weil in der Türkei keine Frauen­be­we­gung auf der Straße existiert, wer­den die linken Organ­i­sa­tio­nen nicht nach vorne gezwun­gen. Stattdessen existiert ein link­er Klub, der eigene Posi­tio­nen sehr wohlwol­lend betra­chtet, weil er nicht mit den Ansprüchen der Frauen­be­we­gung kon­fron­tiert wird. Den­noch: Dass sich Frauen, sex­uelle Min­der­heit­en oder son­stige unter­drück­te Grup­pen inner­halb ein­er poli­tis­chen Gruppe frei organ­isieren kön­nen, wird trotz aller aufgezählten Schwächen der türkischen Linken inzwis­chen in eini­gen Organ­i­sa­tio­nen umge­set­zt.

Die argen­tinis­che Trotzk­istin Andrea D‘Atri sei als Aus­blick zitiert. Sie erk­lärt die Grund­la­gen für die größte sozial­is­tis­che Frauenor­gan­i­sa­tion der argen­tinis­chen Geschichte „Pan y Rosas“ (“Brot und Rosen”): „Unsere Grund­la­gen sind die Unab­hängigkeit vom Staat und den Parteien der UnternehmerIn­nen, der Antikap­i­tal­is­mus und die sozial­is­tis­che Rev­o­lu­tion“. Nur auf dieser Basis geführte Kämpfe um Rechte gewährleis­ten reale Verän­derun­gen in der Frauen- und Sex­u­al­itäts­frage.

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