Hintergründe

Der Nutzen des Populismus: Widersprüche einer misslungenen reformistischen Strategie

Reflexionen zu Chantal Mouffes neuem Werk „Für einen linken Populismus“.

Der Nutzen des Populismus: Widersprüche einer misslungenen reformistischen Strategie

Der “populistische Moment”

Die Anord­nung der poli­tis­chen Land­schaft nach der Krise von 2008 erlaubt es uns, mit annäh­ern­der Sicher­heit festzustellen, dass der „Pop­ulis­mus“ das neue ver­fluchte Phänomen darstellt, das uns noch eine ganze Zeit beschäfti­gen wird.

Auf der beschreiben­den Ebene beschreibt der Begriff „Pop­ulis­mus“ eine markante Wirk­lichkeit: Die tra­di­tionellen sozialdemokratis­chen und kon­ser­v­a­tiv­en Parteien stürzen ab, die neolib­erale Hege­monie ist in der endgülti­gen Krise und es erblühen poli­tis­che Vari­anten rechts und links der „extremen Mitte“ (1). Bis hier­hin sind wir uns alle einig. Indes hat die Poli­tik­wis­senschaft bewiesen, dass die Bedeu­tung der Kat­e­gorie „Pop­ulis­mus“ schw­er fass­bar ist. Und es gibt so viele „Pop­ulis­men“ wie es Bewe­gun­gen, Anführer*innen und Parteien gibt, die im Namen der Spal­tung zwis­chen der „Bevölkerung“ und den „Eliten“ sprechen.

Der Tri­umph des Brex­it-Lagers in Großbri­tan­nien und Don­ald Trumps in den Vere­inigten Staat­en, die Koali­tion­sregierung Ital­iens zwis­chen der proto­faschis­tis­chen „Lega“ (ehe­ma­lige „Lega Nord“) und dem „Movi­men­to Cinque Stelle“ (M5S – „Fünf-Sterne-Bewe­gung“), der „Front Nation­al“ von Marine Le Pen und „La France Insoumise“ (LFI – „Unbeugsames Frankre­ich“) von Jean-Luc Mélen­chon in Frankre­ich, SYRIZA in Griechen­land, Podemos im Spanis­chen Staat, Bernie Sanders, Jere­my Cor­byn etc. – sie alle zeigen, dass der Pop­ulis­mus aufge­hört hat, ein Priv­i­leg (oder ein Fluch) der rück­ständi­gen Län­der mit ihren späteten bürg­er­lichen Rev­o­lu­tio­nen zu sein, son­dern sich als poli­tis­ch­er Aus­druck der von der Großen Rezes­sion her­vorgerufe­nen Polar­isierung in das Herz der kap­i­tal­is­tis­chen Demokra­tien ein­genis­tet hat.

Dieser „Pop­ulis­tis­che Früh­ling“ – der sich bere­its in seinem zweit­en Jahrzehnt befind­et, wenn man den prak­tisch abgeschlosse­nen Zyk­lus lateinamerikanis­ch­er “post-neolib­eraler Regierun­gen” mit Vertreter*innen wie Venezue­las Hugo Chávez oder Boliviens Evo Morale, als Präze­den­zfällfe betra­chtet – ist Gegen­stand ein­er Unzahl the­o­retis­ch­er Pro­duk­tio­nen und hitziger poli­tis­ch­er Debat­ten.

Die lib­eralen Gegner*innen des Pop­ulis­mus präsen­tieren nichts großar­tig Neues. In Anlehnung an die Tra­di­tion der aufgek­lärten Eliten des 20. Jahrhun­derts sehen sie in dieser zweit­en Welle des pop­ulis­tis­chen (pop­ulären?) Phänomens einen Aus­druck von Irra­tional­ität, ähn­lich der Reli­gion (2), und damit eine direk­te Bedro­hung der (bürg­er­lich-kap­i­tal­is­tis­chen) kon­sti­tu­tionellen Demokra­tien, der Prinzip­i­en der Aufk­lärung und der Mod­erne. Zu den aktivsten Kämpfer*innen des antipop­ulis­tis­chen Lagers gehört in Argen­tinien der His­torik­er Loris Zanat­ta, nicht zufäl­lig ein­er der wichtig­sten Autoren von La Nación, der führen­den kon­ser­v­a­tiv­en Tageszeitung Argen­tiniens.

Auf der anderen Seite des Grabens ste­hen die post­marx­is­tis­chen Theoretiker*innen Ernesto Laclau (der 2014 starb) und Chan­tal Mouffe, die die Kat­e­gorie des Pop­ulis­mus aus dem Kuriositäten-Kabi­nett her­ausholten, in das sie vom Main­stream der poli­tis­chen The­o­rie ver­ban­nt wor­den war. Mouffe und Laclau sind die organ­is­chen Intellek­tuellen des so genan­nten “linken Pop­ulis­mus” gewor­den – einem dif­fusen poli­tis­chen Lager, das von den Kirch­n­er-Regierun­gen Agen­tiniens und dem Chav­is­mus Venezue­las, bis zur spanis­chen Podemos und der Griechen­lands SYRIZA reicht. So sollte es denn auch nicht ver­wun­dern, dass Chan­tal Mouffe zur Haus­philosophin Jean-Luc Mélen­chons und inzwis­chen die (Wahl-)Strategin für „La France Insoumise“ gewor­den ist. Das Ziel ist es, LFI als erfol­gre­ichen “Linkspop­ulis­mus” zu kon­so­li­dieren und die Hege­monie des “Recht­spop­ulis­mus” von Marine Le Pens „Front Nation­al“ her­auszu­fordern, während man sich dabei einiger sein­er Sym­bole bedi­ent.

Von der „populistischen Vernunft“ zur „populistischen Strategie“

In Rück­griff auf die Aus­führun­gen Ernesto Laclaus let­ztem sys­tem­a­tis­chen The­o­riew­erk On Pop­ulist Rea­son veröf­fentlichte Chan­tal Mouffe vor Kurzem Für einen linken Pop­ulis­mus (3) – ein kurz­er Text, der mehr ins lit­er­arische Genre des Pam­phlets als in das der akademis­chen Schriften gehört.

Dass es kein akademis­ches Buch ist, bedeutet jedoch nicht, dass es keine The­o­rie hat, auch wenn dies nicht zen­tral ist oder im Zen­trum der Diskus­sion ste­ht. Das zeigt die Platzierung von The­o­rie lediglich in den let­zten Seit­en des Anhangs.

Die offenkundi­ge Inten­tion hin­ter diesem Buch bzw. Pro­gramm ist es, in die (post-)politische Kon­junk­tur Wes­teu­ropas einzu­greifen, die mit der Weltwirtschaft­skrise 2008 begonnen habe. Laut Mouffe sei die Zukun­ft pop­ulis­tisch. Es bleibe zu definieren, ob sie von der poli­tis­chen Recht­en hege­mon­isiert werde und damit zu einem autoritären Regime führe, oder ob die linke Vari­ante die Ober­hand gewinne, was die Per­spek­tive der „Rücker­oberung und Radikalisierung der Demokratie“ eröffne. „Link­er Pop­ulis­mus“ ist der Name, den Mouffe ein­er poli­tisch-diskur­siv­en Strate­gie ver­passt, die die reformistis­che Illu­sion erneuert, die in die Krise ger­atene neolib­erale Hege­monie durch ein anderes “radikaldemokratis­ches” hege­mo­ni­ales Pro­jekt inner­halb der beste­hen­den Insti­tu­tio­nen des bürg­er­lichen Staats und der sozialen Ver­hält­nisse, auf denen er auf­baut, zu erset­zen.

Mouffe präsen­tiert eine knappe, aber präzise Zusam­men­fas­sung der Entwick­lung des Sys­tems von Kat­e­gorien, dass sie und Laclau aus­gear­beit­et haben. Von ihren post­marx­is­tis­chen For­mulierun­gen in Hege­monie und radikale Demokratie (1985) (4) bis zum Linken Pop­ulis­mus und der kon­se­quenten Preis­gabe aller Bezüge zu Marx­is­mus und Sozial­is­mus, wenn auch nicht aus­ge­drückt durch „radikalen Reformis­mus“.

Ohne so zu tun, die Lek­türe des umfan­gre­ichen Werkes von Laclau-Mouffe erset­zen zu kön­nen, genügt es hier, einige Schlüs­sel­be­griffe zu disku­tieren und aus dem Jar­gon von Lin­guis­tik, Post­struk­tu­ral­is­mus und Psy­cho­analyse in die Sprache von Poli­tik und Strate­gie zu über­set­zen.

Laut Mouffe habe der neolib­erale Kon­sens zwis­chen den Parteien der (post­poli­tis­chen) „extremen Mitte“ eine „post­demokratis­che“ Sit­u­a­tion geschaf­fen (5), die sie als Krise der lib­eralen Demokratie definiert, in der es kein alter­na­tives Pro­jekt zum oli­garchis­chen neolib­eralen Regime gebe. In ihren Worten bedeutet dies, dass der “ago­nis­tis­che” Charak­ter der lib­eralen Demokratie, nach dem Kon­flik­te inner­halb der beste­hen­den Insti­tu­tio­nen stat­tfind­en kön­nen, liq­ui­diert sei.

The­o­retis­ch­er aus­ge­drückt argu­men­tiert Mouffe, dass es in demokratis­chen Reg­i­men eine Span­nung zwis­chen zwei Tra­di­tio­nen gebe: der “lib­eralen Tra­di­tion” der Rechtsstaatlichkeit, Gewal­tenteilung und indi­vidu­ellen Frei­heit; und der „demokratis­chen Tra­di­tion, die auf den Säulen der Gle­ich­heit und der Volkssou­veränität ste­ht“ (6). Auf die Gefahr hin, zu sehr zu vere­in­fachen, existiert für Mouffe im Neolib­er­al­is­mus zwar die Demokratie, aber reduziert auf ihre „lib­erale“ Aus­drucks­form, das heißt die Wahlen, während die Kom­po­nente der Volkssou­veränität jen­er unter­ge­ord­net wurde.

Aus dieser Krise erstand das „pop­ulis­tis­che Moment“, das wir jet­zt erleben und das die zeitliche Dimen­sion offen­sichtlich über­schre­it­et. Während Einige es als Tragödie leben, weil der „Pop­ulis­mus der (extremen) Recht­en“ bish­er im Vorteil war, schlägt Mouffe vor, die Sit­u­a­tion als eine große Chance zu sehen, die nur durch eine “pop­ulis­tis­che und linke” Strate­gie genutzt wer­den könne. Dies bedeutet, einen “kollek­tiv­en Willen” oder ein “Volk” aufzubauen, indem eine Gren­ze gezo­gen wird, die das poli­tis­che Feld zwis­chen einem “Wir” und einem “Sie” tren­nt. Es gibt zwei Schlüs­se­lele­mente dieser “pop­ulis­tis­chen Logik” der Kon­struk­tion eines “Volkes”: Erstens müsse unter ein­er Vielzahl von Forderun­gen eine existieren, die die Rolle des „leeren Sig­nifikan­ten“ spie­len könne, d.h. die auf­grund ihrer Unklarheit die Artiku­la­tion dieser Forderun­gen in ein­er „Äquiv­alenz-Kette“ erlauben würde (das wäre hege­mo­ni­ale Artiku­la­tion). Zweit­ens gibt es die „flu­iden Sig­nifikan­ten“, die eine interne poli­tis­che Gren­ze ziehen, die immer beweglich sein solle. Das soll bedeuten, dass sich nicht nur das ständig ändert, was das poli­tis­che Lager zwis­chen “uns” und “ihnen” tren­nt, son­dern auch, dass ein und dieselbe Forderung in ent­ge­genge­set­zte Bedeu­tungssys­teme umge­set­zt wer­den kann. Zum Beispiel kann die Frage der Arbeit­slosigkeit sich links artikulieren, wenn damit die Forderung nach Arbeit­splätzen ver­bun­den wird, oder rechts, wenn sie bein­hal­tet, die Migrant*innen zu beschuldigen, dass sie die Arbeit­splätze weg­nehmen wür­den.

Wie man ahnen kann, macht die „pop­ulis­tis­che Logik“ durch ihren Man­gel an konkreten poli­tis­chen Inhal­ten, ohne die Inter­essen mehr oder weniger per­ma­nen­ter gesellschaftlich­er Grup­pen und ohne Ide­olo­gie die Poli­tik zu einem For­mal­is­mus. Dies bringt uns dazu, die „pop­ulis­tis­che Strate­gie“ als eine „Tech­nik“ zur Anwen­dung zu konzip­ieren – was zur Folge hat, dass es neolib­erale Populist*innen gibt (Thatch­er, Rea­gan), Populist*innen der Elite (Macron), anti­ne­olib­erale Populist*innen, frem­den­feindliche Populist*innen, ras­sis­tis­che Populist*innen, linke Populist*innen und so weit­er. Damit hätte jede Poli­tik ihre pop­ulis­tis­che Dimen­sion.

Wenn Mouffe zufolge außer­dem die tra­di­tionelle Spal­tung in „rechts“ und „links“ nicht mehr zen­tral ist, und der Begriff „links“ nur als ergänzen­des Adjek­tiv des Pop­ulis­mus genutzt wird, ver­ste­ht man, warum eine der grundle­gen­den Kri­tiken ander­er link­er Intellek­tueller an diese „Strate­gie“ ist, worin dann der Unter­schied zwis­chen linkem Pop­ulis­mus und recht(sextrem)em Pop­ulis­mus beste­he.

Das was die bei­den Arten unter­schei­de, sei die Form wie „wir“ und „sie“ definiert wären, wobei Mouffe der gefühlsmäßi­gen, affek­tiv­en Dime­nion (Spin­oza) bei der Aus­bil­dung poli­tis­ch­er Iden­titäten eine wichtige Rolle zuschreibt (7). Laut der bel­gis­chen Philosophin ist das der Punkt, in dem das Scheit­ern nicht nur der Sozialdemokratie, son­dern auch der marx­is­tis­chen radikalen Linken begrün­det sei, welche Poli­tik als eine ratio­nale Aktiv­ität begreifen wür­den.

Hier betreten wir einen gefährlichen Pfad. Mouffes Antwort ist, gelinde gesagt, beun­ruhi­gend. Dies umso mehr, wenn man den Recht­spop­ulis­mus nur als eine andere Form begreift, „demokratis­che Forderun­gen“ auszu­drück­en. Auf dieser the­o­retis­chen Grund­lage inte­gri­erte Mélen­chons Kam­pagne einige „The­men“ des Front Nation­al, wie „Sicher­heit“ und nationale Sou­veränität (8). Dazu kommt, dass der Front Nation­al heute nur deshalb keine durch und durch faschis­tis­che Partei ist, weil die Sit­u­a­tion nicht radikal genug ist. Aber angesichts ein­er Sit­u­a­tion der Ver­schär­fung des Klassenkampfes wäre er eine Grund­lage ein­er faschis­tis­chen Bewe­gung.

Hegemonie versus Revolution?

Eine der grundle­gen­den The­sen von Hege­monie und radikale Demokratie ist, dass die Krise der tra­di­tionellen Linken (sozialdemokratisch, eurokom­mu­nis­tisch und marx­is­tisch im All­ge­meinen) eine Folge ihres Unver­ständ­nis der neuen sozialen Bewe­gun­gen gewe­sen sei, die nach Mai 1968 mas­siv ent­standen sind. Die the­o­retis­che Erk­lärung von Laclau und Mouffe ist, dass der Marx­is­mus in einem “Klasse­nessen­tial­is­mus” gefan­gen sei. Sie kri­tisieren damit ein­fach aus­ge­drückt die Tat­sache, dass die poli­tis­chen Iden­titäten Aus­druck der Stel­lung sozialer Akteur*innen im Pro­duk­tion­sprozess sind – aber nicht ihr unmit­tel­bar­er mech­a­nis­ch­er Aus­druck, wie unsere Autor*innen ihn karikieren, außer­halb des konkreten Klassenkampfes und grundle­gen­der Fra­gen wie der strate­gis­chen Posi­tio­nen, die das Pro­le­tari­at im Kap­i­tal­is­mus hat. Dieser Klasse­nessen­tial­is­mus mache es unmöglich, Kämpfe zu ver­ste­hen, die nicht notwendig aus den Aus­beu­tungs­beziehun­gen in den Fab­riken entsprangen, wie die fem­i­nis­tis­chen, ökol­o­gis­chen und anti­ras­sis­tis­chen Kämpfe oder Kämpfe der LGTBIQ+, gegen Diskri­m­inierung usw. Es ist nicht so, dass Laclau und Mouffe die Exis­tenz sozialer Klassen aus sozi­ol­o­gis­ch­er Sicht verneinen, so wie sie die Exis­tenz der „Bevölkerung“ nicht verneinen kön­nen, aber sie verneinen doch, dass die Klassen die Rolle eines beson­deren Grund­wider­spruchs spie­len.

Die Schlussfol­gerung aus Mouffes und Laclaus Anti-Essen­tial­is­mus ist die zufäl­lige Kon­struk­tion von beweglichen poli­tis­chen Iden­titäten, ohne einen Schw­er­punkt, der die Kämpfe der Aus­ge­beuteten konzen­tri­ert. Aus diesem Grund sind sie nicht in der Lage, über die Strate­gie der sozialen Rev­o­lu­tion nachzu­denken, ver­standen als die Eroberung der poli­tis­chen Macht und die Errich­tung ein­er Arbeiter*innenregierung auf der Grund­lage von Orga­nen der direk­ten Demokratie.

Der „linke Pop­ulis­mus“ ver­sucht, sich in gle­ich­er Dis­tanz zu dem tra­di­tionellen sozialdemokratis­chen Reformis­mus (der heute prak­tisch aus­stirbt) und der rev­o­lu­tionären Linken zu set­zen. Aber dieser Ver­such ist ein Rein­fall und bleibt let­ztlich eine „Karikatur“ der alten reformistis­chen Strate­gie.

In ihrer speziellen Lesart von Anto­nio Gram­scis The­o­rie set­zt Mouffe das Konzept der „Hege­monie“ der „Rev­o­lu­tion“ ent­ge­gen. Und sie spricht sich für die „Hege­monie“ aus, was hin­ter den lin­guis­tis­chen Mit­teln und Auss­chmück­un­gen, die Erset­zung des „oli­garchis­chen Regimes“ durch eine andere For­ma­tion (welchen sozialen Inhalt hätte sie?) im Rah­men des Sys­tems und der Insti­tu­tio­nen der lib­eralen Demokratie bedeutet. Dies ist die Gren­ze, um die „Gegner*innen“ (d.h. diejeni­gen, mit denen man sich inner­halb der demokratis­chen Insti­tu­tio­nen auseinan­der­set­zen kann, und zu denen sie auch den Front Nation­al zählt) von den „Feind*innen“ zu tren­nen, welche „anti­sys­temisch“ sind.

Mouffe ver­mei­det es, eine ern­sthafte Bilanz der kurzen Erfahrung von SYRIZA zu machen, die eine linkspop­ulis­tis­che Strate­gie anwandte, das poli­tis­che Feld zwis­chen „ihnen“ (die „Troi­ka“ aus EU, EZB, IWF) und „uns“ (die griechis­che Bevölkerung, ertrunk­en im wirtschaftlichen Kol­laps) teilte, aber bald an ihre Gren­ze kam und die Sparpläne akzep­tierte, sich also „ihnen“ anschloss. Eben­so wenig disku­tiert sie den Weg von Podemos, welche mit dem Ziel ein­er allum­fassenden Demokratisierung begann und schließlich auf der falschen Seite des kata­lanis­chen Kampfes stand und der sozialdemokratis­chen PSOE eine Ein­heit­sregierung vorschlug.

Wie wir erah­nen kön­nen, ver­weist der Kampf des Marx­is­mus gegen den „Pop­ulis­mus“ auf die Grund­lage aller Strate­gien. Hin­ter den abstrak­ten Kat­e­gorien „Bevölkerung“ und „Eliten“ ver­steckt sich der unver­söhn­liche Grund­wider­spruch zwis­chen Ausbeuter*innen und Aus­ge­beuteten – und ger­ade auf dieser Ver­schleierung fußt die Strate­gie der Klassenkol­lab­o­ra­tion, welche es der Bour­geoisie ermöglicht, ihre Macht zu sich­ern (auch in Momenten der Krise) und aus welch­er der Pop­ulis­mus her­vorge­ht. Es ver­ste­ht sich, dass Marxist*innen dieser speziellen Form der Ausübung der bürg­er­lichen Hege­monie die Notwendigkeit der Hege­monie der Arbeiter*innenklasse gegenüber­stellen, um das Bünd­nis der aus­ge­beuteten und unter­drück­ten Klassen in den Kampf für die Zer­störung des bürg­er­lichen Staates und den Auf­bau ein­er neuen Gesellschaft zu führen.

Fußnoten

1.Tariq Ali erfasste in dem Begriff „extreme Mitte“ die Parteien der tra­di­tionellen (konservativen/liberalen) Recht­en und die Parteien des (liberalen/sozialdemokratischen) „drit­ten Wegs“ („Neuen Mitte“); Ali definierte diese als „den poli­tis­chen Aus­druck des neolib­eralen Staates“. Er veröf­fentlichte kür­zlich eine Neuau­flage seines Buch­es. (Tariq Ali: The Extreme Cen­ter: A Sec­ond Warn­ing, Lon­don 2018.)

2.„In ihrer vere­in­facht­en Welt­sicht beste­hen die Pop­ulis­men auf ein­er Art von ‚moralis­chem Fun­da­men­tal­is­mus‘, der ihnen erlaubt, eine Mauer zwis­chen der Tugend der ‚Bevölkerung‘ und den Lastern ihrer ‚Feinde‘ zu ziehen. Das bringt uns zu ihrer gener­isch religiösen Natur, mit ihrem stärk­sten Aus­druck in der Nei­gung der pop­ulis­tis­chen Bevölkerung zur Ergeben­heit zu ihrem Anführer. Hier haben wir einen essen­tiellen Berührungspunkt zwis­chen der pop­ulis­tis­chen Vorstel­lung und der tra­di­tionellen religiösen Vorstel­lung.“ Loris Zanat­ta: El Pop­ulis­mo, Buenos Aires 2014, S. 69.

3.Chan­tal Mouffe: Für einen linken Pop­ulis­mus, Berlin 2018.

4.Ernesto Laclau / Chan­tal Mouffe: Hege­monie und radikale Demokratie. Zur Dekon­struk­tion des Marx­is­mus, Wien 1991 [1985].

5.Das Konzept der „Post­demokratie“ wurde von Col­in Crouch einge­führt, um den Ver­lust der (nationalen-pop­ulären) Sou­veränität durch die neolib­erale Glob­al­isierung zu beschreiben. Wolf­gang Streeck nutzt diesen Begriff in seinem Buch Gekaufte Zeit: Die vertagte Krise des demokratis­chen Kap­i­tal­is­mus (Berlin 2013) eben­falls. Der Philosoph Jacques Ran­cière benutzt diesen Begriff zur Beschrei­bung ein­er „Demokratie ohne demos“, reduziert auf die insti­tu­tionellen Mech­a­nis­men des Staates.

6.Mouffe entwick­elt dieses The­ma in ihrem Buch Das demokratis­che Para­dox (Wien 2008), wo sie das ster­bende Mod­ell des Kon­flik­ts zwis­chen Gegner*innen in Kon­trast zu Carl Schmitts For­mulierung von Poli­tik als grundle­gen­der Unter­schei­dung in Fre­und und Feind disku­tiert. Im ersten Fall han­delt es sich um einen Wettstre­it mit einer*einem Gegner*in, die*der einen gemein­samen insti­tu­tionellen Rah­men anerken­nt. Im zweit­en Fall ist die Poli­tik die der Zer­störung des Fein­des.

7.In Für einen linken Pop­ulis­mus spielt Mouffe auf diese Diskus­sion an, ins­beson­dere auf Éric Fassin (Pop­ulisme: Le grand ressen­ti­ment, Paris 2017), der behauptet, dass es keine Möglichkeit gebe, die recht­sex­tremen „Affek­te“, die er mit dem Ressen­ti­ment iden­ti­fiziert, in linke Affek­te zu ver­wan­deln, welche er als „Empörung“ und „Wut“ definiert. Fassin argu­men­tiert sehr deut­lich gegen die Möglichkeit der nicht-reformistis­chen Linken, eine pop­ulis­tis­che Strate­gie anzunehmen (siehe z.B. „A Lega­cy of Defeat: Inter­view with Éric Fassin“).

8.Der Kom­mu­nika­tion­schef von Mélen­chons Wahlkam­pagne behauptete in einem Inter­view, dass man, um die Basis des Front Nation­al zu bekämpfen, nicht die The­men wie „Sicher­heit“ oder “Sym­bole wie die Fahne und die Mar­seil­laise“ aufgeben dürfe, die im let­zten Wahlkampf sehr präsent waren. Er geht noch weit­er und sagt, dass „die Leute stolz waren, die blau-weiß-rote Fahne zu tra­gen. […] Wenn Jed­er die Fahne trägt, fängst du an zu denken: ‚Ich bin nicht anders, ich kann sie auch tra­gen.‘“ („The Revival of French Left-wing Pop­ulism: Inter­view with Polit­i­cal Strate­gist Manuel Bom­pard“).

Dieser Artikel erschien am 12. August 2018 in der Wochen­zeitschrift Ideas de Izquier­da.

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