Unsere Klasse

Der Lackmus-Test bei der Vivantes Service GmbH

In den letzten Wochen ist es um den Arbeitskampf bei der Vivantes Service GmbH (VSG) erstaunlich ruhig geworden. Unser Gastautor, ein Beschäftigter der VSG, wird immer wieder von Kolleg*innen angesprochen, was denn nun der aktuelle Stand sei. Ein Versuch einer Antwort.

Der Lackmus-Test bei der Vivantes Service GmbH

Neulich wurde ich von ein­er Kol­le­gin mit fol­gen­den Worten ange­sprochen: „Na? Wie sieht es aus mit eur­er Streik­erei? Kommt da auch mal was bei rum? Die CFM bekommt ja jet­zt immer­hin 11€, aber bei uns tut sich nichts. Wir müssen für euch ja nur ständig mit ack­ern.“

Na, da habe ich doch einiges dazu zu sagen!

Kurz zur CFM

Michael Müller hat­te am 6. Juli angekündigt, dass in der Char­ité Facil­i­ty Man­age­ment die Löhne auf 11€ die Stunde ange­hoben wer­den sollen. Am 13. Juli gab der Auf­sicht­srat der Char­ité das dann auch bekan­nt. Doch auf konkrete Schritte warten die Kolleg*innen bis heute – ein tat­säch­lich­es Ange­bot liegt noch nicht vor, und viele Kolleg*innen hal­ten die 11€ auch für viel zu wenig, um dafür einen Tar­ifver­trag zu unter­schreiben – denn auch wenn es für viele ein sat­ter Zuschlag zu ihrem aktuellen mick­ri­gen Ver­di­enst darstellt, bleibt es eine Abw­er­tung ihrer Arbeit, solange es keine im Koali­tionsver­trag voll­mundig ver­sproch­ene Angle­ichung an den TVöD gibt.

Trotz­dem ist inter­es­sant, dass bei der CFM plöt­zlich die Poli­tik über Löhne entschei­den darf, während das für die VSG „nicht darstell­bar“ ist. Dort wäre nur die Geschäfts­führung der VSG zuständig. Bei der Char­ité traut sich also unser aller eigentlich­er Arbeit­ge­ber (das Land Berlin ) für über 2000 Beschäftigte mehr zu, als bei dem Pen­dant Vivantes mit unheim­lichen 350 VSG-Beschäftigten.

Wed­er die CFM noch die VSG ver­lan­gen jet­zt sofort den hun­dert­prozenti­gen Flächen­tar­ifver­trag. Was aber unbe­d­ingt jet­zt fest­geschrieben wer­den muss, ist ein ter­miniert­er Stufen­plan in den TvöD.

Wir ver­trauen den Ver­sprechun­gen der Sen­atsparteien und den von ihnen bestell­ten Geschäfts­führun­gen nicht ein­mal ansatzweise! Wer einen klar for­mulierten Text im Koali­tionsver­trag hin­ter­her mit abstrusen Tex­tausle­gun­gen uminter­pretieren will, ist eben nicht ver­trauenswürdig. Angle­ichung heißt und bedeutet AnGLE­ICHung und hat mit dem Worten Annäherung oder Anhebung wed­er vom Sinn noch der Buch­stabenan­zahl etwas gemein. Mich würde nicht wun­dern, wenn sie im Duden auf ver­schiede­nen Seit­en zu find­en sind.

Ohne schriftlich fix­ierten Ter­min­plan für eine Angle­ichung an den TvöD sind die 11€ nichts anderes als eine Bestechung der absichtlich Unter­bezahlten. Wie bei einem Hund, dem Diebe einen Knochen vor­w­er­fen, um an ihm vor­bei zum Zaster zu kom­men, sollen sie die „Stören­friede“ spal­ten und ablenken. Sie wer­den weit­er­hin an kein­er Lohn­er­höhung der TVöD-Run­den teil­nehmen und in abse­hbar­er Zukun­ft wieder auf dem Niveau lan­den (trotz 11€), auf dem sie jet­zt ste­hen. Denn die Infla­tion steigt weit­er und ist im Gegen­satz zu den 11€ nicht sta­tisch!

Ganz „kurz“ zu ver.di

Vor­ab, es ist meine Gew­erkschaft! Es gibt für mich keine Alter­na­tive im Arbeit­skampf! Ich bin bere­it, alles in mein­er Macht Ste­hende zu tun, sie zum Erfolg zu zwin­gen, ob sie wollen oder nicht! Und den­noch… ger­ade läuft ein cool­er Spruch durch ver.di:

Die VSG ist der Lack­mustest im Kampf für gerechte Bezahlung im kom­mu­nalen Gesund­heitswe­sen.

Wie dieser Test abläuft? Dazu habe ich ein Bild vor den Augen, welch­es ich mit euch teilen will:

Im ver.di-Hochsicherheitslabor wird ein Lack­mus-Streifen auf den Tisch gelegt. Da es wed­er gewün­scht ist, eine KLASSENKAMPF-ROTE noch eine BASIS-che blaue Reak­tion zu erre­ichen, wird ein ver.di-Sekretär mit je ein­er Pipette Säure und Lauge aufge­fordert, in zwei Meter Abstand am Tisch vor­bei zu ren­nen, bevor er die kost­baren Tropfen wieder ins Lager zurück bringt. Nach­dem alle ganz wichti­gen haup­tamtlichen ver.di-Funktionär*innen sich nun ihre Schutzbrillen aufge­set­zt haben, ver­sam­meln sie sich um den Tisch mit dem jungfräulichen Test­streifen und warten volle zwei Stun­den auf eine Reak­tion. Da der Streifen ohne direk­te Ein­flussnahme weit­er­hin gelb bleibt, sind sich sofort alle ver.di-Bürokrat*innen darüber einig, dass das ja klar war: Es wären nach wie vor viel zu wenige Test­streifen, und die paar, die es gibt, sind unfähig sich zu ver­fär­ben. Einige wussten schon immer, dass sowieso kein Test­streifen Lust hat, sich für Ver­fär­bun­gen anzus­tren­gen. Mehr als ein Gelb ist also nie erre­ich­bar. Das wüssten sie aus Erfahrung.

Test erfol­gre­ich und ohne gefährliche Neben­wirkun­gen abgeschlossen.

Nun zum Vivantes-eigenen “Verein der stinkenden Gehälter” (kurz VSG)

Doch, wir haben schon etwas erre­icht. Nur unserem Kampf ist es zu ver­danken, dass die mit einem Betrieb­süber­gang in die VSG gepressten 500 TVöD-Beschäftigten nach nur einem Jahr wieder still und leise in den Mut­terkonz­ern Vivantes zurück­ge­holt wur­den. Wir haben mit unseren „Besen“ wohl in Eck­en gewirbelt, die beson­ders schmutzig waren.

Die Geschäfts­führung der VSG set­zt nun ein­seit­ig Verbesserun­gen für die 350 verbliebe­nen tar­i­flosen Beschäftigten um (ohne Unter­schrift und Frieden­spflicht der Gew­erkschaft). Diese wer­den zwar nach „Nase“ bezahlt, aber ohne unseren Kampf sähe so in etwa der von den „Mach­ern“ hin­ter den Kulis­sen für uns ausver­han­delte Tar­ifver­trag der näch­sten Jahre aus. Ver­mut­lich sog­ar noch schlim­mer, denn ihr erstes Ange­bot war noch schlechter.

Dass nie­mand diese Erfolge wahrnehmen will, hat mehrere Ursachen.
1. Wir sind immer noch meilen­weit von unserem Ziel „TVÖD für Alle” ent­fer­nt.
2. Eine gruselige Demo­tivierungskam­pagne ver­schieden­er gruseliger Beteiligter aus Poli­tik, Geschäfts­führung und Gew­erkschaft
3. Undurch­sichtige und unsin­nige bürokratis­che Hür­den, und
4. die Tat­sache, dass nie­mand Siege wahrnehmen will, wenn sie nicht hun­dert­prozentig sind.

Wie bei einem Fußball­spiel, in dem der Favorit nur mit 1:0 gewon­nen hat. Wenn er dann nicht wenig­stens Welt­meis­ter gewor­den ist, hat er in den Augen der „Besserbeschei­d­wiss­er“ jäm­mer­lich ver­sagt.

Es stimmt: Den Erfolg muss man an den vorher geset­zten Zie­len messen. Aber diese „Besserbeschei­d­wiss­er“ hal­ten uns auch beim Erre­ichen unseres Zieles auf. Ich bin überzeugt, wenn alle Gew­erkschaftsmit­glieder der VSG mal die Back­en zusam­mengeknif­f­en und bedin­gungs­los mit­gestreikt hät­ten (als wir noch streiken durften), hät­ten wir schon den TvöD 110%.

Aber wie immer ver­steck­en sie sich hin­ter dem Ver­sagen des okkul­ten, frem­dar­ti­gen und außerirdis­chen ver.di-Apparates, wobei sie selb­st aktiv ver­suchen, den oben erwäh­n­ten Lack­mustest zu sabotieren. Sie haben immer eine Begrün­dung, warum sie sel­ber bei Streiks nicht aktiv sein kön­nen – nur sind diese Begrün­dun­gen bei objek­tiv­er Betra­ch­tung fast auss­chließlich ego­is­tis­ch­er Natur.

Sie ver­ste­hen immer noch nicht, dass nur durch ihre eigene Aktiv­ität der IST-Zus­tand durch­brochen wer­den kann, der dazu führt, dass ver.di, ihr Lohn und ihr Arbeit­sall­t­ag so sind, wie sie jet­zt sind.

Ein Schulterschluss von unten

Was wir brauchen, ist ein Schul­ter­schluss von unten, um unsere Ziele gegen die Geschäfts­führung und auch gegen den ver.di-Apparat durchzuset­zen. Wer anderen die Entschei­dun­gen über­lässt, brauch sich nicht wun­dern, wenn diese Entschei­dun­gen zu seinen Ungun­sten aus­fall­en.

Noch haben wir alles selb­st in der Hand, wir müssen die Faust nur schließen und zusam­men­ste­hen!

Wir haben das Ziel weit­er­hin im Blick und keine Sekunde aus den Augen ver­loren!

Eins muss aber auch klar sein: Egal, was wir am Ende erre­ichen wer­den, wir dür­fen nie wieder im Kampf innehal­ten. Denn unsere Wider­sach­er sind durch kap­i­tal­is­tis­che Geset­zmäßigkeit gezwun­gen, uns zu bestehlen. Sie wer­den nicht damit aufhören.

Sor­gen wir dafür, dass dieser Spät­som­mer ein beson­ders heißer wird!

One thought on “Der Lackmus-Test bei der Vivantes Service GmbH

  1. F.W. sagt:

    Am 21.8. entschei­det der Bun­desvor­stand des ver.di-Apparates über den neu gestell­ten Streik­tage-Antrag.
    F.W.

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